III
INHALTSVERZEICHNIS
Bibliografische Beschreibung und Referat II
Inhaltsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellen- und Diagrammverzeichnis VII
A. EINLEITUNG 1
1 Problembetrachtung und Motivationshintergrund 1
2 Vorgehensweise bei der Bearbeitung des Themas 4
3 Vorstellung der forschungsleitenden Frage 6
4 Anmerkungen zur vorliegenden Arbeit 7
B. THEORETISCHER TEIL 9
1 Nationalsozialistische Ideologie und Rassenwahn - Von den Ursprüngen bis zum
Völkermord 9
1. 1 Ausprägungen des Antisemitismus und Rassismus bis 1933 9
1. 2 Die deutsche Vernichtungspolitik während des „Dritten Reiches“ 15
1.2. 1 Der Weg in den Genozid 15
1.2. 2 Die „Endlösung der Judenfrage“ 25
2 Adolf Eichmann - Ein Täterporträt 32
2. 1 Kindheit, Jugendzeit und beruflicher Werdegang 32
2. 2 Karriere und Funktionsradius innerhalb des NS-Apparates 33
2. 3 Eichmann nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ 42
2. 4 Person und Charakter in der Diskussion 46
3 Freiheit der Presse? - Massenkommunikation im pluralistischen System der
Bundesrepublik Deutschland 50
3. 1 Definition und Differenzierung der Termini „Kommunikation“ und „Massenkommunikation“ 50
3. 2 Das journalistische Berufs- und Selbstbild 53
3. 3 Publizistische Arbeitsbedingungen 56
3.3. 1 Das rechtliche Fundament der Pressearbeit 56
3. 3 2 Abgrenzung publizistischer Kompetenzen innerhalb der Verlagshierarchie 60
IV
3. 4 Funktionen der Presse und ihrer Akteure im demokratischen Gesellschaftssystem 63
3. 5 Bedeutung und Charakteristika der Auslandsberichterstattung 69
4 Journalismus unter Parteidiktat - Massenkommunikation im monistischen System
der DDR 76
4. 1 Theoretische Grundlagen der sozialistischen Journalistik 76
4.1. 1 Die Leninsche Pressetheorie 76
4.1. 2 Das sozialistische Verständnis von „Kommunikation“ und „Massenkommunikation“ 78
4. 2 Rahmenbedingungen journalistischen Handelns 79
4.2. 1 Sozialismus und „Pressefreiheit“ 79
4.2. 2 Der Einflussgrad des Lenkungs- und Kontrollapparates auf die mediale Kommunikation 82
4. 3 Funktionen der sozialistischen Presse und ihrer Akteure 89
4.3. 1 Grundlegende politische und allgemeine Aufgaben 89
4.3. 2 Die Prinzipien des sozialistischen Journalismus 91
4. 4 Bedeutung und Charakteristika der Auslandsberichterstattung 95
5 Vergangenheitsbewältigung im Journalismus - Auswirkungen des „Dritten
Reiches“ auf die Medienarbeit beider deutscher Staaten 100
5. 1 Publizistische Entnazifizierungspraxis in der Nachkriegszeit 100
5. 2 Einstellungen ost- und westdeutscher Journalisten zum Nationalsozialismus und dessen
Erbe 107
C. EMPIRISCHER TEIL 114
1 Kurzporträts der untersuchten Zeitungen 114
1. 1 Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 114
1. 2 Das „Neue Deutschland“ 116
2 Forschungsstandanalyse vor dem Hintergrund des Untersuchungszieles 119
3 Entwicklung der Forschungsfrage und Ableitung der Hypothesen 127
4 Inhaltsanalyse nach Werner Früh 132
4. 1 Theoretische Annäherung an die empirischen Methode 132
4. 2 Konzeption des Untersuchungsdesigns und Systematik der Vorgehensweise 137
5 Datenauswertung 142
5. 1 Beitragsebene 142
5.1. 1 Formale Aspekte 142
5.1. 2 Thematische Gewichtung der Berichterstattung 163
5.1. 3 Der Stellenwert Eichmanns im Akteursgefüge 168
5.1. 4 Themen- und Akteurskonstellationen 171
5.1. 5 Wertungstendenzen 180
5.1. 6 Positionsbezüge gegenüber der Aburteilung Eichmanns 186
5. 2 Aussagenebene 190
V
5. 2. 1 Strategien bei der Platzierung der Begriffe „Eichmann“, „Prozess“ und „Verbrechen“ 190
5. 2. 2 Thematische Gewichtung der Berichterstattung 192
5. 2. 3 Der Stellenwert Eichmanns im Akteursgefüge 198
5. 2. 4 Die Darstellung des Angeklagten im Kontext von Person, Prozess und Verbrechen 201 5. 2. 5 Wertungstendenzen 208
6 Hypothesenprüfung 221
7 Zusammenfassung und interpretative Diskussion der Analyseergebnisse 227
8 Schlussbetrachtung 245
ANHANG
Anhang 1: Inhaltsanalytischer Komplex 251 A 1. 1 Codebuch 252 A 1. 2 Variablen-/Kategorienexplikation und Codierinstruktion 258 A 1. 3 Codierung auf Beitragsebene 281 A 1. 4 Codierung auf Aussagenebene 302 A 1. 5 Artikelkatalog der Stichprobe auf Aussagenebene 358 A 1. 6 Intracoder-Reliabilitätstest 361
Anhang 2: Historisch-dokumentarischer Komplex 362
Literaturverzeichnis 407
VI
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 01: „Erste Judenansiedlungen auf dem europäischen Kontinent“ 9
Abbildung 02: „Mit Plünderungen einhergehender Übergriff auf das Getto in Frankfurt am Main im Jahre 1614“ 12
Abbildung 03: „Ausschreitungen gegen Juden auf dem Gebiet des ´Großdeutschen Reiches´“ 17
Abbildung 04: „Ermächtigungsschreiben Görings an Heydrich“ 22
Abbildung 05: „Seite 6 des Protokolls der Wannseekonferenz.“ 24
Abbildung 06: „Wichtigste Bahnlinien, auf denen die Juden Europas von 1942 bis 1944 nach
Auschwitz deportiert wurden“ 29
Abbildung 07: „Jüdische Opferzahlen nach Todesursachen.“ 30
Abbildung 08: „Eichmann in jungen Jahren“ 33
Abbildung 09: „SS-Angehörige versammeln sich im Vorfeld einer Razzia gegen jüdische
Einrichtungen am 18. März 1938 in Wien“ 36
Abbildung 10: „Schreiben Eichmanns vom 19. November 1941, in dem er die Auswanderung von Juden aus dem deutschen Machtbereich verbietet“ 40
Abbildung 11: „Eichmann auf dem Grundstück seines Hauses in der Nähe von Bancalari
(Argentinien).“ 44
Abbildung 12: „Eichmann vor Gericht.“ 46
Abbildung 13: „Ein kurz nach der Entführung aufgenommenes Foto, das die zwei Gesichter
des Adolf Eichmann zu offenbaren scheint.“ 48
Abbildung 14: „Massenkommunikationsmodell nach Maletzke“ 52
Abbildung 15: „Hierarchiestufen innerhalb einer Zeitungsredaktion“ 62
Abbildung 16: „Mediensystem und Auslandsberichterstattung“ 73
Abbildung 17: „Entwicklungsstufen eines Ereignisses auf dem Weg zur journalistischen Information“ 74
Abbildung 18: „Vom Presseamt für die Herausgabe der ´Volksstimme´ verliehene
Lizenzurkunde“ 84
Abbildung 19: „Das Weisungsgefüge der SED-Medienlenkung“ 85
Abbildung 20: “Aufbau des Presseamts beim Vorsitzenden des Ministerrats der DDR“ 87
Abbildung 21: „Albert Norden, ZK-Sekretär für Agitation und Mitglied des SED-Politbüros,
Abbildung 22: „Der Prozess der Inhaltsanalyse“ 136
Abbildung 23: „ND-Karikatur auf der Titelseite vom 8.4.1961“ 162
VII
TABELLEN- UND DIAGRAMMVERZEICHNIS
Tabelle 02: Diagramm 01: „Anzahl aller zum Thema veröffentlichten Beiträge im Zeitverlauf der
Berichterstattung“ 143
Tabelle 03:
Tabelle 04: Diagramm 02: „Vorkommenshäufigkeit der Beitragsquellen mit Eichmann als Hauptakteur“ 147
Diagramm 03: „Vorkommenshäufigkeit der Beitragsquellen mit dem Prozess und den einzelnen
Verhandlungsetappen als Schwerpunktthemen“ 148
Tabelle 05:
Tabelle 06: Tabelle 07: Tabelle 08: Tabelle 09:
Tabelle 10: Tabelle 11: Tabelle 12: Tabelle 13: Tabelle 14: Tabelle 15: Diagramm 04: „Anteil der Prozessberichterstattung gegenüber der Thematisierung von
NS-Kontinuitäten“ 166
Tabelle 16:
Tabelle 20: Diagramm 05:
„Gesamttendenz der Hauptakteursdarstellung“ 180
Tabelle 21:
Tabelle 22: Tabelle 23: Tabelle 24: Diagramm 06: „Anteil der Beiträge, die Stellungnahmen zur Aburteilung Eichmanns enthalten“ 187
Diagramm 07: „Einstellungen gegenüber der Aburteilung Eichmanns“ 188 Tabelle 25: „Häufigkeit der Nennung Eichmanns an exponierter Position“ 191
VIII
Tabelle 27: Tabelle 28: Tabelle 29: Tabelle 30: Tabelle 31: Tabelle 32: Tabelle 33:
Tabelle 34: Tabelle 35: Tabelle 36: Tabelle 37: Tabelle 38: Tabelle 39: Tabelle 40: Tabelle 41: Tabelle 42:
„Positiv bewertete Akteure“ 215
Tabelle 43:
Tabelle 44: Tabelle 45: Tabelle 46:
1
A. EINLEITUNG
1 Problembetrachtung und Motivationshintergrund
„An dieser Stelle, an der ich vor sie trete, Richter in Israel, stehe ich nicht allein. Mit mir
treten zu dieser Stunde sechs Millionen Kläger auf. Aber sie können sich nicht mehr erheben. Sie können mit ihren Fingern nicht drohend auf diese Glaszelle weisen und
dem Mann, der in ihr sitzt, zurufen: ´Ich klage an!´ Denn ihre Asche liegt verstreut auf den
Hügeln von Auschwitz, auf den Feldern Treblinkas; sie wurde in Polens Flüsse geworfen. Ihre Gräber sind verstreut über alle Länder Europas. Ihr Blut schreit, aber ihre Stimme ist
verstummt. Darum werde ich ihr Mund sein; in ihrem Namen werde ich die furchtbare
1 Anklage erheben.“
Mit jenen Worten leitete Gideon Hausner, Generalstaatsanwalt I sraels, im April 1961 in Jerusalem ein Gerichtsverfahren ein, mit dem der internationalen Öffentlichkeit erstmals ein tiefer Einblick in die Abgründe der nationalsozialistischen Genozidpolitik gewährt werden sollte. Es war gegen jenen Mann gerichtet, der s ich als ehemaliger „Judenreferent“ im Reichssicherheitshauptamt, der Hauptterrorzentrale des Hitlerstaates, für den Mord an etwa sechs Millionen europäischen Juden in hohem Maße mitverantwortlich zeichnete. Neben dem 1945/46 gegen die nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher geführten Nürnberger Prozess, bei dem Teile der NS-Elite vor Gericht gestellt und verurteilt worden waren, gilt der so genannte Eichmann-Prozess als das bedeutsamste Strafverfahren gegen die Täter des „Dritten Reiches“. Obwohl von einigen Seiten in formaler und 2 Im Zuge des rechtlicher Hinsicht kritisiert, erregte der Prozess weltweit immenses Aufsehen. Verfahrens gegen Adolf Eichmann wurde der Allgemeinheit in detailgenauer wie auch umfassender Darstellung und anhand einer quasi unerschöpflichen Anzahl diverser Beweismittel vor Augen geführt, welcher Verbrechen sich Adolf Eichmann und mit ihm eine Reihe bekannter Nazigrößen sowie 3 zahlreiche namenlose Helfershelfer im Namen des deutschen Volkes schuldig gemacht hatten.
Der Prozess verursachte in Westdeutschland eine vielfältige öffentliche Resonanz: Er warf die Frage nach Verantwortung und Umgang mit dem NS-Erbe auf, führte zur verstärkten Suche nach den Schuldigen des Völkermordes und zwar nicht zur flächendeckenden, aber dennoch zu einer Intensivierung der in den Jahren zuvor zum Großteil versäumten konsequenten strafrechtlichen 4 Westdeutsche Politiker und eine Reihe weiterer Personen in Aufarbeitung der Vergangenheit.
1 Hausner: Eröffnungsplädoyer, 6. Sitzung, 17. April 1961, abgedruckt bei: Nellessen, 1964: Prozess, S. 15.
2 Zu Kritikpositionen siehe u.a. Nellessen, Bernd: Der Prozess von Jerusalem. Ein Dokument. - Düsseldorf; Wien: Econ 1964
sowie Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Mit einem Essay von Hans Mommsen.
- 9. Aufl. - München: Piper, 1995.
3 Vgl. Wilke, 1999: Massenmedien und Vergangenheitsbewältigung, S. 655 f.
4 Im Gefolge des so genannten Nürnberger Jahrhundertprozesses fanden Ende der 1940er, während der 1950er Jahre und
darüber hinaus vor allem in den ehemals besetzten osteuropäischen Ländern, aber auch auf deutschem Boden verschiedene
Verfahren statt, welche die nationalsozialistischen Verbrechen zum Verhandlungsgegenstand hatten. Zu nennen sind hier v.a.
der 1958 in Ulm geführte Einsatzgruppenprozess, der Frankfurter Auschwitz-Prozess Mitte der 1960er Jahre sowie der
Majdanek-Prozess in Düsseldorf 1975 bis 1981. Zu NS-Prozessen in Deutschland und Europa siehe u.a. Rückerl, Adalbert:
NS-Verbrechen vor Gericht. Versuch einer Vergangenheitsbewältigung. - 2., überarb. Aufl. - Heidelberg: Müller, 1984; ders.
2
verschiedenen hohen Ämtern sahen sich plötzlich in aller Öffentlichkeit mit ihrer unliebsamen Vergangenheit konfrontiert und deshalb mehr oder weniger gezwungen, sich mit ihrer eigenen Rolle im „Dritten Reich“ (intensiver) auseinandersetzen.
Eichmanns Festnahme, die darauf folgenden monatelangen Verhöre in israelischer Haft und vor allem der Prozess selbst trugen in hohem Maße dazu bei, dass die im Laufe der 1960er und 1970er Jahre mehrfach im Deutschen Bundestag debattierte Verjährungsfrist für NS-Tötungsverbrechen 1979 schließlich ganz aufgehoben wurde und demzufolge auch weiterhin eine Verurteilung 1 Der Fall Eichmann prägte noch während des Prozesses nationalsozialistischer Täter möglich war.
und im Nachhinein jedoch nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche Diskussionen und fand in Form des Versuches e iner Täter- bzw. Charakteranalyse als kontroverses Thema Eingang in die geschichtswissenschaftliche und soziologische Forschung Westdeutschlands. Aufgrund d ieser Auseinandersetzung mit der Person Eichmanns bekam der große Komplex der Holocaustforschung den entscheidenden Impuls für eine intensivere Analyse und Interpretation.
Während die Bundesrepublik im Zuge des Eichmann-Prozesses also zunehmend dazu überging, sich der Vergangenheit durch juristische, wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Thematisierung zu nähern bzw. zu stellen, fühlte sich die DDR aufgrund ihrer sozialistischen Gesellschaftsordnung und einer permanenten Betonung der kommunistischen Wurzeln nach wie vor nicht für die vom „Hitlerfaschismus“ begangenen Untaten verantwortlich. Die bis dahin längst überfällige Kenntnisnahme nationalsozialistischer Verbrechen im Rahmen der DDR-Geschichtswissenschaft und -Literatur erfuhr mit Beginn des Prozesses jedoch einen nicht unerheblichen Anstoß. Allerdings ist diesen „Aufarbeitungswerken“ sämtlich gemein, dass auch sie 2 - Die Schatten, welche der Eichmann-Prozess voraus nicht frei von ideologischen Belangen sind.
geworfen hat, reichen indes bis in die heutige Zeit, in die Zeit des längst wiedervereinigten Deutschlands hinein und der Gegenstand der Verhandlungen hat bis dato nicht an Bedeutung verloren. „Die Gestalt Eichmanns“, so betont Jochen von Lang völlig angemessen, „hält beides für uns 3 bereit: die Einsicht in das Gewesene und den Schauder vor dem Möglichen.“
Die gesellschaftliche und moralische Relevanz, die Einzigartigkeit in der Rechtsgeschichte, welche den Eichmann-Prozess letztendlich ausmachten, sowie die Auffassung der generellen Notwendigkeit einer (medienhistorischen) Auseinandersetzung mit diesem wichtigen K apitel der deutschen Geschichte veranlassten die Autorin dazu, sich mit der Person Eichmanns und dem Prozessgeschehen in Jerusalem eingehender zu beschäftigen. Geschehen soll dies in Form einer
(Hrsg.): NS-Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse. Belzec Sobibor Treblinka Chelmno. - 3. Aufl. - München:
dtv, 1979; Götz, Albrecht: Bilanz der Verfolgung von NS-Straftaten. - Köln: Bundesanzeiger, 1986 sowie Langbein, Hermann
(Hrsg.): Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation. 2 Bände. - Frankfurt a. M.: Neue Kritik, 1995.
1 Während die 1960 abgelaufene Verjährungsfrist von Totschlagsdelikten aus nationalsozialistischer Zeit nicht verlängert
worden war, sollte auch die Frist für NS-Mordtaten ursprünglich im Mai 1965 ablaufen. Zur bundesdeutschen
Verjährungsdebatte siehe v.a. Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit.
- München: Beck, 1996; Dubiel, Helmut: Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den
Debatten des Deutschen Bundestages. - München; Wien: Hanser, 1999; Brochhagen, Ulrich: Nach Nürnberg.
Vergangenheitsbewältigung und Westintegration in der Ära Adenauer. - 1. Aufl. - Hamburg: Junius, 1994 sowie Herbert, Ulrich;
Groehler, Olaf: Zweierlei Bewältigung. Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen
Staaten. - Hamburg: Ergebnisse, 1992.
2 Vgl. hierzu: Käppner, 1999: Erstarrte Geschichte, S. 97.
3 Von Lang, Nachwort, in: Less (Hrsg.), 1999: Schuldig, S. 233.
3
Inhaltsanalyse der Eichmann-Berichterstattung jeweils einer west- und ostdeutschen Tageszeitung. Hier besteht nach Ansicht der Verfasserin medienwissenschaftlicher Nachholebedarf, da eine vergleichende Untersuchung beider Berichterstattungen in dieser Form, d. h. innerhalb einer eigenständigen Arbeit, bisher noch nicht angestellt worden ist. Mit der vorliegenden Studie wird daher 1 Waren es doch gerade die Medien in ihrer Eigenschaft das Ziel verfolgt, diese Lücke zu schließen.
als Stellvertreter der Öffentlichkeit, welche die im Gerichtssaal zur Sprache gekommenen Vorgänge während des „Dritten Reiches“ der Bevölkerung näher brachten und zu Diskussionen anregten.
Der gesetzte Analysezeitrahmen erstreckt sich von der Verkündung der Festnahme des ehemaligen „Judenreferenten“ bis hin zur Vollstreckung des Urteils und der daran anschließenden medialen Rückblicke und Stellungnahmen. Er umfasst damit die Zeit vom 25. Mai 1960 bis 16. Juni 1962. Aufgrund der im Vergleich zu heute weniger großen Verbreitung des Fernsehens am Beginn der 1960er Jahre - vor allem in der DDR - vermochten die Printmedien die größte Reichweite zu erzielen und damit den umfangreichsten Publikumskreis zu beeinflussen. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass die Tageszeitungen mehr als jedes andere Medium dazu beitragen konnten, die Menschen durch gezielte Berichterstattung über den Verlauf des Eichmann-Prozesses zu informieren - der alles entscheidende Grund, warum die Autorin letztendlich das Medium Tageszeitung für eine Analyse gewählt hat.
Die Auswahl der zu untersuchenden Publikationen orientierte sich an deren Reichweite. Der Leserkreis sollte jeweils eine landesweite Ausdehnung aufweisen, da der Informationsgebung großer, überregionaler Blätter als Orientierungsmuster hinsichtlich der Aufnahme und Bedeutungszumessung des Themas beim Publikum (und darüber hinaus bei anderen Medien) ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Für die bundesdeutsche Berichterstattung soll die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ analysiert werden, während das „Neue Deutschland“ stellvertretend für die Tageszeitungslandschaft der DDR untersucht wird. Die Autorin hat sich damit für zwei Medien entschieden, die bereits aus ihrem publizistischen Selbstverständnis heraus gegensätzlicher kaum sein konnten: Das eine ein überregionales, staatsfernes, liberal-konservatives Blatt mit dem Anspruch eines elitären Leitmediums, das andere ein politisches Propagandablatt und massenwirksames Rückgrat der SED, mit selbst definiertem Flaggschiffcharakter sowie tatsächlicher führender Rolle auf dem Tageszeitungsmarkt der DDR. FAZ und ND werden schließlich vor dem Hintergrund der jeweils eigengesetzlichen journalistischen Arbeitsbedingungen im Rahmen zweier gegensätzlicher Mediensysteme analysiert. -Bedingungen, welche der Berichterstattung beider Publikationen letztendlich ihre charakteristische Note und Ausrichtung zu geben vermochten.
1 Verwiesen sei hier v.a. auf eine Dissertation von Peter Krause, welche sich mit der Berichterstattung westdeutscher
Tageszeitungen und Zeitschriften auseinandersetzt und das ostdeutsche Pendant lediglich in Form eines Exkurses beleuchtet.
Die Studie liegt als gekürzte Version auch in Buchform vor: Krause, Peter: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse. -
Frankfurt a. M.: Campus, 2002. - Den Kernpunkt der Analyse bildet jedoch die Auseinandersetzung mit den Wirkungen, welche
die Berichterstattung in der Bevölkerung Westdeutschlands auslöste. Darüber hinaus erforschten Jürgen Wilke u.a. die
Rezeption der Presseberichterstattung über diverse NS-Prozesse in israelischen und deutschen Zeitungen, wobei der
Eichmann-Prozess eines von vier in die Untersuchung einbezogenen Verfahren darstellt: Wilke, Jürgen; Schenk, Birgit; Cohen,
Akiba A. u.a.: Holocaust und NS-Prozesse. Die Presseberichterstattung in Israel und Deutschland zwischen Aneignung und
Abwehr. - Köln; Weimar; Wien: Böhlau, 1995.
4
Die Autorin hat sich trotz dieser manifesten und latenten Kontraste der ausgewählten Blätter für die Analyse des ND als ostdeutsches „Pendant“ zur FAZ entschieden, da in der Tagespublizistik des „zweiten deutschen Staates“ keine anderweitige Zeitung existierte, welche auch nur annähernd mit der Wertigkeit und Verbreitungsdichte der FAZ konkurrieren konnte und damit für die vorliegende 1 Einerseits vertrat und propagierte das ND in besonders hohem Maße Inhaltsanalyse relevant wäre.
die Ideen der Partei und ermöglicht damit gleichzeitig einen profunden Einblick in die Absurdität des Propagandajournalismus. Andererseits stand es - wenn auch um einiges ausgeprägter - in seiner politischen, erzieherischen und meinungsmanipulatorischen Zielsetzung jedoch stellvertretend für alle DDR-Tageszeitungen. Denn eine zentrale Lenkung und Kontrolle durch die SED gestaltete sich insbesondere für die tägliche mediale Informationsvermittlung der DDR maßgeblich. Ideologisch unbeeinflusste Blätter waren auf dem Tageszeitungsmarkt dieses diktatorischen Systems nicht vorhanden.
2 Vorgehensweise bei der Bearbeitung des Themas
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der theoretische Bereich beinhaltet wiederum zwei große Schwerpunkte, die sich mit historischen und medialen Aspekten befassen. Um Relevanz und Verhandlungs- bzw. Urteilsgründe des Eichmann-Prozesses adäquat erfassen zu können, erfolgt im Anschluss an die Einleitung zunächst ein etwas ausführlicherer zeitgeschichtlicher Überblick über die im allgemeinen Sprachgebrauch als „Holocaust“ 2 bezeichnete „jüdische Katastrophe“ . Dieses Kapitel enthält eine Einführung in das historische Phänomen des Rassenhasses und Antisemitismus, welche die ideologische Grundlage der bevölkerungspolitischen und rassistischen Ziele des Nationalsozialismus darstellten, Verlauf sowie Konsequenz des Genozids an den europäischen Juden bestimmten. Dem Leser sollen in diesem Kapitel die für die Beurteilung von Prozessverlauf u nd Berichterstattung notwendigen Charakteristika jener düsteren Epoche vor Augen geführt werden, in der Eichmann seine Karriere startete, fortsetzte und beendete.
Nach expliziter Darstellung der historischen Gegebenheiten und Umstände, welche den in Jerusalem Angeklagten letztendlich prägten, geht die Autorin in einem eigenständigen Kapitel näher auf Eichmann und dessen Täterprofil ein, wobei eine personelle Einordnung des ehemaligen „Judenreferenten“ in den im ersten Kapitel dargestellten historischen K ontext erfolgt. Es wird ein Überblick über die Biografie Eichmanns gegeben, von der Kindheit bis hin zu seiner Festnahme im argentinischen Asyl. Anschließend wird kurz auf die in israelischer Haft vorgenommenen Verhöre und
1 Die FAZ erreichte im Jahre 1961 (IV. Quartal) eine Auflagenhöhe von 220 755 verkauften Exemplaren, das ND als
auflagenstärkste DDR-Tageszeitung brachte es auf etwa 800 000 Ende der 1950er Jahre. Zur Auflagenhöhe der FAZ vgl. die
Auskunft von Gosdzik, Gerhard, Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. (IVW), per
Brief an die Autorin dieser Arbeit, 17.2.2004; zur ND-Auflagenhöhe vgl. Handbuch, 1970, Bd. 1, S. 131. Über den weiteren
Verlauf der Auflagenentwicklung des ND und der DDR-Tagespresse insgesamt liegen jedoch keine bzw. lediglich
unvollständige und unsichere offizielle statistische Daten vor.
2 Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 3, S. 1129.
5
den Prozessverlauf selbst eingegangen. Dieses Kapitel widmet sich jedoch insbesondere der Darstellung der persönlichen Verstrickung Eichmanns in den NS-Mordapparat, d. h. dessen Karriere sowie Verantwortungs- und Zuständigkeitsradius. Ergänzt werden die Ausführungen durch eine kurze Gegenüberstellung von Meinungen und Theorien einiger Historiker und Soziologen, die sich über Jahre hinweg mit dem Charakter Eichmanns und seinen Motiven für die Unterstützung der NS-Elite bei der Ermöglichung und Realisierung des Völkermordes auseinandersetzten und zum Teil noch immer beschäftigen.
In Kapitel drei werden die Bedingungen redaktionellen Arbeitens westdeutscher Journalisten insbesondere am Beginn der 1960er Jahre aufgezeigt. Die Verfasserin skizziert dabei zunächst publizistikwissenschaftliche G rundlagen sowie Berufs- und Selbstbild der Medienschaffenden. Darauf folgend werden jene presserechtlichen Rahmenbedingungen veranschaulicht, welche die Basis der Arbeit in bundesdeutschen Redaktionen während des genannten Berichterstattungszeitraumes bildeten. Danach wird eine Abgrenzung der in den Presseunternehmen anzutreffenden Kompetenzen der Medienschaffenden vorgenommen. Letzteres erscheint der Verfasserin der Arbeit erwähnenswert, um Auswahl und inhaltliche Gestaltung der zu untersuchenden Artikel k onkret nachvollziehen zu können. Anschließend sollen Funktionen bzw. Aufgaben der Presse allgemein sowie speziell der Journalisten im demokratischen Gesellschaftssystem geschildert werden. Den Kapitelabschluss bildet die Betrachtung von Bedeutung und Charakteristika der Auslandsberichterstattung.
Das darauf folgende Kapitel setzt sich mit Arbeitsbedingungen und Gegebenheiten im Sektor der DDR-Presse auseinander, welche während der Jahre der Existenz der DDR hinweg allenfalls marginalen Veränderungen unterzogen wurden. Nachdem näher auf die für die Berichterstattung der DDR-Tageszeitungen maßgebliche Theorie der sozialistischen Journalistik eingegangen wurde, sollen wichtige medienrechtliche und -politische Grundlagen betrachtet werden, wobei dem Schwerpunkt der Lenkung und Kontrolle durch den SED-Apparat besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auf die Darstellung medientheoretischer Gegebenheiten und diverser Einfluss- und Steuerungsmechanismen folgt eine Skizzierung des Funktionsanspruches sowohl der DDR-Presse allgemein als auch speziell der Journalisten. Im Anschluss daran werden - analog zu Kapitel drei -Voraussetzungen und Charakteristika der DDR-Auslandsberichterstattung thematisiert.
Im letzten Kapitel des Theorieteiles geht die Autorin schließlich auf Grundzüge der Entnazifizierung im Pressesektor beider deutscher Staaten sowie auf den Positionsbezug der Medienschaffenden in BRD und DDR zum Nationalsozialismus ein und zeigt dessen publizistische Auswirkungen auf. Die Darstellung stützt sich in beiden Punkten auf bereits vorhandene medienwissenschaftliche bzw. soziologische Studien.
Dem voluminösen Komplex des Umganges mit der Vergangenheit in der Bundesrepublik und der DDR widmet sich die Autorin aufgrund der Komplexität in dieser Arbeit nicht explizit. Sie ist hierbei der Ansicht, dass es ausreichend ist, in Bezug auf die journalistische Arbeit gesondert darauf einzugehen und darüber hinaus lediglich im Rahmen der Inhaltsanalyse an gegebener Stelle, d. h. im Rahmen der
6
Berichterstattungsdiskussion u nd -beurteilung, vergangenheitspolitische Aspekte zu berücksichtigen und in angemessenem Umfang einzuflechten.
Im empirischen Teil der Arbeit werden einleitend die beiden zu untersuchenden Medien kurz porträtiert, bevor zur Veranschaulichung des Untersuchungsgegenstandes übergegangen und eine Einordnung des Analysevorhabens in den gegenwärtigen Forschungsstand vorgenommen wird. Theoretische Gesichtspunkte des Instrumentes der Inhaltsanalyse und deren praktische Umsetzung bilden den Gegenstand des nächsten Kapitels. Die daran anschließenden Ausführungen widmen sich der eigentlichen Analyse, d. h. es wird auf der Grundlage der gewonnenen und präsentierten Ergebnisse zunächst eine Hypothesenprüfung vorgenommen und die Befunde schließlich diskutiert und interpretiert. Das letzte Kapitel enthält einen Rückblick auf die Analyse und schlägt den Bogen zur gegenwärtigen Situation der medialen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
3 Vorstellung der forschungsleitenden Frage
Berücksichtigt man die eingangs erwähnten unterschiedlichen geschichtspolitischen Standpunkte beider deutscher Staaten in Bezug auf die Vergangenheitsbewältigung, so stellt sich im Falle der DDR die Frage, wie vor dem Hintergrund der verweigerten Verantwortungsübernahme für während des „Dritten Reiches“ begangene Verbrechen eine mediale „Auseinandersetzung“ mit der Vergangenheit stattfinden konnte. Bewirkte doch die Gefangennahme Eichmanns und der darauf folgende Prozess eine plötzliche und in seinen Ausmaßen ungeahnte Konfrontation mit der jüngsten deutschen Vergangenheit. Wie sollte das streng sozialistische Blatt ND also reagieren? Schließlich musste nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch der sozialistische deutsche Staat damit rechnen, im Schatten des Eichmann-Prozesses der nahezu nahtlosen Eingliederung ehemaliger nationalsozialistischer Funktionsträger und verweigerten Aufarbeitung der NS-Zeit bezichtigt zu werden.
Westdeutsche Zeitungen wie die FAZ unterzogen sich ebenfalls einer Gratwanderung: Hier stand ein ähnliches Problem im Mittelpunkt: Inwieweit würde die Darstellung der im Prozess erwähnten Einzelheiten nationalsozialistischer Gräueltaten die im Vergleich zur D DR zwar um einiges konsequenter, aber bis dahin dennoch defizitär betriebene Entnazifizierungspolitik der Bundesrepublik vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit zur Sprache bringen? Wie sollte dieses Versäumnis angesichts des sich verschärfenden Kalten Krieges und der ostdeutschen Propagandafeldzüge publizistisch dargestellt und erklärt werden? Kam doch den aktuellen demokratischen, mit Presse- und Meinungsfreiheit ausgestatteten Medien entsprechend ihrer Funktionszuschreibung die
außerordentlich wichtige Aufgabe zu, die Bevölkerung bzw. Leserschaft umfassend zu informieren, an der öffentlichen Meinungsbildung mitzuwirken sowie diverse Missstände aufzudecken und zu kritisieren.
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Ausgehend von dieser Problematik soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit die - wenn auch eingeschränkte - Erkenntnis gewonnen werden, wie Medieneinrichtungen und im speziellen Fall ausgewählte, repräsentative Pressehäuser zweier völlig gegensätzlicher politischer Systeme mit der moralisch verpflichtenden Verantwortung für die gemeinsam, d. h. in der gesamtdeutschen Vergangenheit begangenen Verbrechen umgingen. Der dafür beispielhaft gewählte Fall Eichmann vermag hierüber einigen Aufschluss zu geben. Welche konkreten Informationsinhalte wurden also an die Leser weitergeleitet und welches Bild lieferte oder konstruierte die Berichterstattung jeweils? Darauf aufbauend soll schließlich eine empirisch fundierte Antwort auf die der Studie zugrunde liegende Frage gegeben werden, wie in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR sowohl über den Jerusalemer Eichmann-Prozess als auch über die Person des Angeklagten und dessen Verbrechenshintergrund berichtet wurde.
4 Anmerkungen zur vorliegenden Arbeit
Bei der Auseinandersetzung mit Quellen, die dem theoretischen Komplex dieser Studie zugrunde liegen, fiel auf, dass an der Erforschung des „Dritten Reiches“ beteiligte Personen verschiedene, zum Teil gegenläufige Ansichten zu manchen Ereignissen bzw. Themenkomplexen vertreten. So konnte beispielsweise bis heute noch nicht geklärt werden, wann Hitler den endgültigen Befehl zur physischen Vernichtung der europäischen Juden gegeben hatte. Ein schriftliches Dokument wurde nie gefunden. So wie in diesem Fall verhält es sich mit nicht wenigen als „Geheime Reichssache“ eingestuften Entscheidungen innerhalb der nationalsozialistischen Führungselite und Bürokratie: Die teilweise lückenhaften Dokumentenlage - viele für die Holocaustforschung unverzichtbare Beweismittel wurden spätestens vor Ende des Krieges von den Tätern selbst bzw. dessen Gehilfen oder aber durch alliierte Bombardements vernichtet - lässt eine konkrete Rekonstruktion der Realität in mancher Hinsicht nicht zu und bietet deshalb reichlich Anlass zu Vermutungen und Deutungen. Die Autorin stützt sich in solchen Fällen auf anerkannte Standardwerke und verdeutlicht dies in entsprechenden Fußnoten bzw. stellt im Zweifelsfall die Meinungen der Experten gegenüber.
Zur Darstellung des Pressesystems der DDR schien es der Verfasserin bisweilen unvermeidlich, auf Publikationen des ehemaligen sozialistischen Staates zurückzugreifen. Sie ist in diesem Zusammenhang der Ansicht, dass lediglich auf diese Weise eine Illustration und Erfassung der Voraussetzungen für die Medienarbeit und des Journalismusverständnisses in der DDR möglich ist. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass jene Quellen in hohem Maße parteipolitisch bzw. propagandistisch gefärbt s ind. Abgesehen von der Kenntlichmachung der Zitate ermöglichen es die Angaben im Literaturverzeichnis dem Leser jedoch zweifelsfrei, den Ursprung der jeweiligen Aussagen zu erkennen.
Für die in der Arbeit verwendete Terminologie in Bezug auf die DDR und den Nationalsozialismus soll Folgendes gelten: Werden historische Schauplätze im Text genannt, übernimmt die Autorin zugunsten
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des besseren Verständnisses die in der Literatur allgemein gebräuchliche und dadurch meist geläufige Bezeichnung. Auch kann bei der Bearbeitung des Themas teilweise nicht darauf verzichtet werden, Situationen, Methoden und Zusammenhänge kennzeichnende politische Begriffe aus dem nationalsozialistischen und DDR-Sprachgebrauch aufzunehmen. Die betreffenden Termini werden jedoch entsprechend gekennzeichnet, d. h. mit Anführungszeichen versehen, um zu verdeutlichen, dass es sich dabei nicht um ein von der Verfasserin kritiklos übernommenes Werturteil handelt. Die Autorin erachtet es zudem als notwendig, im Text verwendete NS-Tarnbegriffe (wie z. B. „Umsiedlung“ für die Deportation der Opfer zu den Vernichtungsstätten) bei ihrer erstmaligen Verwendung umgehend zu „übersetzen“. Namen von diversen Organisationen, Institutionen usw., welche in der systemimmanenten Nomenklatur gewöhnlich als Abkürzung gebraucht wurden, werden von der Verfasserin ebenfalls als solche übernommen. Dabei wird der vollständige Wortlaut bei erstmaliger Erwähnung im Anschluss an die Abkürzung in Klammern angeführt.
Ein Großteil des in dieser Diplomarbeit verwendeten Quellen- und Literaturbestandes wurde nach der alten Rechtschreiberegelung verfasst. Bei der Übernahme von Textstellen in Form von direkten Zitaten nimmt die Autorin keinerlei Veränderungen zur Anpassung dieser Aussagen an die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegende neue Orthografie vor.
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B. THEORETISCHER TEIL
1 Nationalsozialistische Ideologie und Rassenwahn - Von den Ursprüngen bis zum Völkermord
1. 1 Ausprägungen des Antisemitismus und Rassi smus bis 1933
Rassismus und vor allem Antisemitismus als Ausdruck für allgemeine Abneigungstendenzen und Hassgefühle gegenüber Juden stellten den Kern der nationalsozialistischen Ideologie dar. Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 begann das neue Regime, Juden systematisch aus dem deutschen Gesellschafts- und Berufsleben auszuschließen. Eine später in Angriff genommene Kennzeichnung bildete die Grundlage, ja bot überhaupt erst die Möglichkeit, die jüdische Bevölkerung konzentrieren und schließlich deportieren zu können. Indem jene diskriminierenden und exponierenden Maßnahmen mit Beginn des Zweiten Weltkrieges und im Zuge der deutschen Besatzung auf eine Vielzahl europäischer Staaten Ausdehnung fanden, wurde einem in der Geschichte beispiellosen Vernichtungsplan der Weg geebnet: der vollständigen Auslöschung der jüdischen Bevölkerung Europas - im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnet.
Abbildung 01: Erste Judenansiedlungen auf dem europäischen Kontinent (Grafik entnommen aus Gilbert, 1995:
Endlösung, S. 16)
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Der Antisemitismus gegenüber Juden im „Dritten Reich“ und das ihm zugrunde liegende rassische Ausleseprinzip stellt jedoch nicht erst das geistige Produkt der Nazizeit und Hitlers Wahnvorstellungen dar, die er in „Mein Kampf“ manifestierte und nach der Machtergreifung mit Hilfe seiner Gefolgsleute sukzessive in die Tat umsetzen ließ. Die Wurzeln des Judenhasses bzw. des Antisemitismus, auf die sich der Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert berief und an die er anknüpfte, liegen weit zurück in der Geschichte. Bevor die Entwicklung antijüdischer Traditionen und Theorien näher beleuchtet wird, macht es sich jedoch zunächst erforderlich, den Terminus „Ideologie“ zu erfassen. Jean-Paul Picaper 1 definiert diesen auf treffende Weise wie folgt:
„Ideologie ist ein Denkprozeß, der die Komplexität von Sachverhalten herabsetzt, weil er
sich neuen, unvorhergesehenen Deutungen verschließt, Dualität anstelle von V ielfalt setzt oder vor unliebsamen Realitäten abschirmt. Ideologie ist ein Denkprozeß, der
Denkprozesse ausspart. Ideologisches Denken setzt auf ´Überzeugung´ und
´Denkfaulheit´ zugleich. Sein Merkmal ist der Schematismus.“
Einige der Bestandteile des antisemitischen und rassistischen „Grundlagenkatalogs“ der NS-Ideologie wurden bereits mit der Etablierung des Christentums in Europa im 4. Jahrhundert n. Chr. geschaffen. Der als „Nebenprodukt“ einer umfassenden Christianisierung des Abendlandes entstandene Antijudaismus entwickelte sich rasch zu einer fundamentalen und dauerhaften Komponente der neuen 2 Zu Feinden des Christentums erklärt, waren Juden immer wieder abendländischen Weltanschauung.
sporadischen Verfolgungen und Pogromen ausgesetzt, die mit der Vertreibung aus Westeuropa im Spätmittelalter zunächst ihren Höhepunkt fanden. Diese auf pauschalen Verdächtigungen und religiös bedingten stereotypen Judenbildern fußenden Ausschreitungen richteten sich gegen eine Minderheit, der die Kollektivschuld an der Kreuzigung Jesu zugeschrieben und dessen Nichtanerkennung als 3 Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit und gesellschaftlichen Messias zum Vorwurf gemacht wurde.
Abgeschlossenheit hinter den Gettomauern wurde der jüdischen Minderheit pauschal negative Eigenschaften zugesprochen. Schon in jener Zeit war es ihnen nur erlaubt, mit einer entsprechenden Kennzeichnung an der Kleidung - beispielsweise in Form eines gelben Flicken - das Getto 4 vorübergehend zu verlassen.
Um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, betätigten sich viele Juden im Handel und im (für Christen verbotenen) Geldverleih gegen Zinsen. Ihre bedeutende Rolle auf diesen Gebieten trug andererseits jedoch zu einer weiteren Ausgrenzung bei und leistete der Vorurteilsbildung vermehrt Vorschub. Das bereits im späteren Mittelalter entstandene Bild vom geldgierigen jüdischen Wucherer hielt sich hartnäckig und lieferte schließlich den Nationalsozialisten eine willkommene ideologische Stütze zur Durchsetzung ihrer antijüdischen Politik.
1 Picaper, 1976: Kommunikation, S. 92.
2 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 144.
3 Vgl. Graus, 1997: Judenfeindschaft, S. 37 ff. Die Verleumdungen und Beschuldigungen im christlich dominierten Abendland
reichten von Ritualmorden an Christenkindern und Brunnenvergiftungen bis hin zur Auslösung von auf rationale Weise
unerklärbaren Naturkatastrophen, von Seuchen und verschiedenen sozialen wie auch wirtschaftlichen, insbesondere
finanziellen Missständen. Vgl. ebd.
4 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 145.
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Negativ besetzte Vorurteile christlichen Ursprungs bildeten den Ausgangspunkt für die in Europa mehr als 1500 Jahre lang geführte antijüdische Politik. Raul Hilberg gibt drei Ausprägungsformen dieser 1 Staatsführung an, die jeweils aufeinander folgten oder einander ergänzten:
1. Bekehrungspolitik,
2. Vertreibungspolitik und 3. Ausrottungspolitik.
Bekehrungsversuche durch die Kirche wurden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit unternommen. Martin Luther, von einer erfolgreichen pro-christlichen Umerziehung der Juden ausgehend, teilte die in Kirche und Gesellschaft vorherrschenden Ressentiments gegenüber der mosaischen Minderheit 2 Als deren Zwangsbekehrung jedoch fehlschlug und sich auch für die Zukunft als nicht zunächst nicht.
realisierbar erwiesen hatte, “(…) zog der Reformator gegen sie vom Leder in einer Sprache, wie man 3 Luthers judenfeindliche Aussagen formten sie erst wieder in der Nazizeit zu hören bekommen sollte.“
das Verhältnis zwischen Christen und Juden für die nachfolgenden Jahrhunderte und halfen schließlich H itler und dessen Gefolgsleuten, ihre antisemitischen Thesen zu untermauern und zu legitimieren. Da die Juden trotz der christlichen Bekehrungsanstrengungen auch weiterhin an ihrem Glauben festhielten, brachte ihnen die Reformation keinerlei Verbesserung hinsichtlich ihres 4 Im Gegenteil: Ausgehend von der Auffassung der christlichen Außenseiter- und Sündenbockdaseins.
Umwelt, im einzig rechten Glauben zu leben, etablierten sich die Vorurteile gegenüber der jüdischen Minderheit und Anfeindungen nahmen zu.
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 11 ff.
2 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 145.
3 Ebd., S. 145 f.
4 Vgl. ebd. sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 13 ff.
5 Luther, 1543: Jüden, o. S.
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Auf umfassende Bekehrungsbestrebungen folgte in weiten Teilen des neuzeitlichen Europas die Politik der Vertreibung - parallel zur ohnehin praktizierten Ausgrenzung und Diskriminierung. Dabei konnte sich die jüdische Minderheit anfangs, in einer Art Übergangsphase, noch zwischen dem Übertritt zum christlichen Glauben und der Auswanderung entscheiden. Im Zuge der Machtgewinnung des Staates und des Auftretens radikaler Antisemiten im 19. Jahrhundert stellte die Auswanderung 1 schließlich das einzige Ziel dar, um der „Lösung des Judenproblems“ Vorschub leisten zu können. Doch auch eine Auswanderung kam für viele Juden nicht in Frage.
Abbildung 02: Mit Plünderungen einhergehender Übergriff auf das Getto in Frankfurt am Main im Jahre 1614
(Zeichnung entnommen aus De Lange, 1998: Welt, S. 44)
Obwohl die Französische Revolution, die Aufklärung und die zunehmende Trennung von Kirche und Staat im 18. und 19. Jahrhundert eine sukzessive Akzeptanz der Juden im ökonomischen und religiösen Sektor bewirkten, waren Ausgrenzung, Diskriminierung und antijüdisch motivierte 2 Erst mit der Errichtung des Wilhelminischen Ausschreitungen noch immer weit verbreitet. 3 Dieses Zugeständnis Kaiserreiches im Jahre 1871 erlangten die Juden die vollen Bürgerrechte. Bismarcks, welches die jüdische Emanzipation fördern sollte, zeigte in der Praxis jedoch kaum Wirkung. Den Grund dafür vermutet Gordon A. Craig in den Folgen der Wirtschafts- bzw. Aktienmarktkrise von 1873. Jene ökonomische Misere, welche vielerorts den Juden zugeschrieben wurde, bewirkte neben der eingeschränkten gesellschaftlichen Zustimmung zur jüdischen Gleichstellung vor allem die Entstehung erster antisemitischer Parteien auf deutschem Boden. Diesen gelang es, sich durch ihre offene Auflehnung gegen die kaiserlichen Bestimmungen zum Teil
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 13 ff.
2 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 146 ff.
3 Vgl. Pendorf, 1961: Mörder, S. 42.
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1 Bereits Richard Wagner hatte Mitte des 19. Jahrhunderts seine Ablehnung dauerhaft zu etablieren. 2 des in der gegenüber den Juden zum Ausdruck gebracht, wobei die „geistige Brandstiftung“ deutschen Gesellschaft hoch geachteten Komponisten eine nachhaltige Wirkung auf deren Denken 3 und Handeln auszuüben vermochte.
Während dieser Zeit beschwerlich akzeptierter, aber dennoch weitgehender Gleichberechtigung der Juden auf nahezu allen sozialen und ökonomischen Gebieten etablierte sich gegen Ende des 19. 4 Dieser versuchte, Jahrhunderts eine neue Form der Judenfeindschaft: der moderne Antisemitismus. den religiös motivierten Judenhass rassisch zu begründen bzw. zu ergänzen. Jene modernen Antisemiten beriefen sich auf rassistische Theorien, die bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert in Frankreich, England und Deutschland entstanden waren. So schuf beispielsweise der französische Schriftsteller, Anthropologe und Sozialphilosoph Arthur de Gobineau Mitte des 19. Jahrhunderts ein auf philologischen und anthropologischen Forschungsergebnissen basierendes Werk, welches sich als eine der wichtigsten Orientierungsquellen für die nationalsozialistische Ideologie erweisen sollte: Im „Essay über die Ungleichheit der menschlichen Rassen“ legte er unter anderem den Grundstein für 5 die Betrachtung der jüdischen Gemeinschaft als eigenständige „Rasse“.
Die von Charles D arwin begründete Evolutionstheorie lieferte die Basis für die nationalsozialistische 6 Von Antisemiten bzw. Rassisten wie Paul de la Garde, Eugen Dühring und Rassenhierarchie.
Wilhelm Marr aufgegriffen und in Hetzschriften missdeutet, wurden Darwins ursprünglich auf Gegebenheiten in der Tierwelt bezogene Aussagen kurzerhand auf die menschlichen Rassen projiziert und dem Inhalt der Pamphlete somit ein wissenschaftlicher Ursprung zugesprochen. Marr, dessen rassistische und sich angeblich auf soziologische Analysen beziehende Schmähschrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ (1867) großen Zuspruch fand, gilt als Begründer des 7 Auf Houston Stewart Chamberlain geht die These von rassisch geprägten Begriffes „Antisemitismus“.
der Überlegenheit der nordischen resp. „arischen „Rasse“ zurück. In seinem 1899 entstandenen Hauptwerk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ definierte der englische Philosoph die Juden als Hauptfeinde der einzig Kultur stiftenden und nur im völlig „reinblütigen“ Zustand hochwertigen „Rasse“ 8 der „Arier“.
Das Entstehen des modernen und spezifisch deutschen Antisemitismus führt Craig auf die weit bis ins 19. Jahrhundert hineinreichende Zersplitterung Deutschlands zurück, wobei er insbesondere zwei
1 Vgl. ebd., S. 155 ff. sowie Kwiet, 1998: Rassenpolitik, S. 51. Reinhard Rürup führt die emanzipatorischen Rückschritte jener
Zeit darauf zurück, „dass [als Folge der ökonomischen Krise, d. A.] nicht nur die wirtschaftliche und politische Praxis, sondern
auch die Normen des liberalen Systems einer weit verbreiteten Ablehnung verfielen (…).“ Weiter schreibt er: „Es entstand die
antisemitische Bewegung als die erste große Gegenbewegung gegen die moderne Gesellschaft und gegen die Ideen von
1789.“ Rürup, 1997: Judenemanzipation, S. 119.
2 Just, 2000: Weltbild, S. 134.
3 Vgl. ebd., S. 134 ff. sowie Craig, 1991: Deutsche, S. 156 f.
4 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 156 u. 158. Zu den Vertretern antisemitischer Propaganda vgl. auch Pendorf, 1961: Mörder, S.
43 ff.
5 Vgl. Losemann, 1997: Rassenideologien, S. 306 ff.
6 Vgl. Wippermann, 1995: Rassismus, S. 15 sowie Losemann, 1997: Rassenideologien, S. 308 f.
7 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 156; Jakubowski, 1995: Dühring, v.a. S. 71 ff. u. 75 f.; Losemann, 1997: Rassenideologien, S.
311 ff. sowie Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 3, S. 1187.
8 Vgl. Just, 2000: Weltbild, S. 149, 188 ff. u. 192 f.; Losemann, 1997: Rassenideologien, S. 316 ff. sowie Jäckel u.a. (Hrsg.),
1998: Enzyklopädie, Bd. 3, S. 1187.
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Aspekten besondere Betonung verleiht: zum einen der „Immunität“ weiter Kreise gegenüber aufklärerischen Bestrebungen bzw. die Unmöglichkeit, alle gesellschaftlichen Schichten zu erreichen, und zum anderen „Deutschlands großer Mühe bei der Anpassung an die schnelle Industrialisierung 1 Als aus den deutschen Teilstaaten schließlich ein einheitliches Ganzes und den sozialen Wandel“. 2 entstand, wurde paradoxerweise der Grundstein für den Nationalismus gelegt.
Craig vergleicht die antijüdische Bewegung im Vorfeld des Ersten Weltkrieges mit „einer hartnäckigen unterschwelligen Infektion, die die Gesundheit des sozialen Organismus nicht ernsthaft gefährdete, 3 Der Krieg führte sich aber resistent erwies gegenüber allen Versuchen, sie zu überwinden.“ schließlich zu einer radikalen Verschärfung antijüdischer Ressentiments und ersten antisemitisch 4 motivierten Gewaltakten. Die „Beweggründe“ dafür lagen insbesondere in der den Juden
zugeschobenen Schuld am verlorenen Krieg - was in der von antisemitischen Parteien nach außen getragenen Dolchstoßlegende zum Ausdruck kam - und an dem angeblich ebenfalls durch jüdischen 5 In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gingen Einfluss zustande gekommen Versailler Vertrag.
einige deutsche Patrioten sogar noch einen Schritt weiter: Es wurde nicht mehr nur die Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben gefordert, sondern - mehr oder weniger latent - deren 6 Auslöschung erwogen.
Mit der Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“, einer weitgehend als authentisch deklarierten antisemitischen Schrift, die während der Dreyfus-Affäre entstand und mit Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit verbreitet wurde, hielt die These von der angeblichen Konspiration des „Weltjudentums“ Einzug in Parolen und Argumente der Judengegner. Diese Fälschung sollte den Beweis dafür liefern, dass alle Juden von einer im Dunkeln agierenden Führung geleitet würden, die einzig und allein das Ziel verfolgte, die Welt zu beherrschen und alle anderen Kulturen, insbesondere 7 aber die nordische, auszulöschen oder zumindest zu versklaven.
Mit der Machtergreifung Hitlers hatte sich die den nationalsozialistischen Antisemitismus kennzeichnende Mischung aus jahrhundertealten, religiös bedingten Vorurteilen, verinnerlichten Legenden und pseudowissenschaftlichen Rassenthesen bereits vollständig entwickelt und avancierte 8 Ausgehend von den Rassen- und zu einer zentralen „Mobilisierungs- und Rechtfertigungsideologie“. 9 des 19. Jahrhunderts galt die Reinhaltung des „arischen Blutes“ als Segen Erbgesundheitstheorien
für das deutsche Volk und war demzufolge primäres pseudoreligiöses Postulat der nationalsozialistischen Weltanschauung - obwohl die in diesem Zusammenhang aufgestellten Behauptungen durch bloßes verstandesgelenktes Denken mühelos widerlegbar gewesen wären. Die
1 Craig, 1991: Deutsche, S. 144.
2 Vgl. Poliakov, 1993: Mythos, S. 351 ff. Wolfgang Wippermann betont in diesem Zusammenhang, „daß die Übergänge
zwischen dem deutschen Nationalismus (…) und dem Rassismus sehr fließend sind.“ Wippermann, 1995: Rassismus, S. 28.
3 Craig, 1991: Deutsche, S. 158.
4 Vgl. ebd., S. 161 sowie Berding, 1997: Aufstieg, S. 286 f.
5 Vgl. Berding, 1997: Aufstieg, S. 302 f. sowie Winkler, 1997: Gesellschaft, S. 343.
6 Vgl. Craig, 1991: Deutsche, S. 162.
7 Vgl. Losemann, 1997: Rassenideologien, S. 324 ff.
8 Kwiet, 1998: Rassenpolitik, S. 50.
9 Vgl. ebd., S. 50 ff. Francis Galton (1822-1911), ein englischer Naturforscher, gilt als Begründer der Erbgesundheitslehre
(Eugenik). Seiner Ansicht zufolge sollte die „Züchtung“ physisch und psychisch „wertvoller“ Menschen zu einem Bestandteil der
staatlichen Politik erhoben werden. Insbesondere diese Theorie führte nach 1933 dazu, dass auch zehntausende
Erbgeschädigte und geistig Behinderte dem nationalsozialistischen Volksgesundheitswahn zum Opfer fielen. Vgl. ebd.
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Hitlerbewegung setzte zur gesellschaftlichen Akzeptanz und Durchsetzung ihrer mörderischen Ziele letztendlich nicht mehr nur auf die Propagierung der Juden als „Gegenrasse“ zu derjenigen der deutschen. Sie verfolgte schließlich eine öffentlichkeitswirksame Entmenschlichung der Juden und deren Darstellung als das „Böse“ schlechthin, welches nach nationalsozialistischer Auffassung eine 1 permanente Bedrohung für Reinheit und Existenz des „deutschen Volkskörpers“ darstellte.
Ausgrenzung, Diskriminierung, Verleumdung und Zwangsauswanderung der Juden wurden bis 1941
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Wie Hilberg betont,
beibehalten, unter Hitler zur Staatspolitik erhoben und zunehmend verschärft. bedeutete jene Jahreszahl die “Wende in der Geschichte des Antisemitismus“: gleichzeitig endgültige, mörderische Erscheinungsform der abendländischen antijüdischen Politik wurde nun die vollständige Ausrottung der europäischen Juden geplant, organisiert und letztendlich in die Tat umgesetzt. Aus dieser Entwicklungserkenntnis schlussfolgert Hilberg, dass der Nationalsozialismus mit dem Genozid an den Juden der europäischen Diaspora eine Jahrhunderte
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währende Evolution vollendet hat: „Die Missionare des Christentums erklärten einst: Ihr habt kein Recht, als Juden unter
uns zu leben. Die nachfolgenden weltlichen Herrscher verkündeten: Ihr habt kein Recht, unter uns zu leben. Die deutschen Nazis schließlich verfügten: Ihr habt kein Recht, zu
leben.“
1. 2 Die deutsche Vernichtungspolitik während des „Dritten Reiches“
1. 2. 1 Der Weg in den Genozid
Wie im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt wurde, gab es in der europäischen Geschichte eine Reihe von „Präzedenzfällen“ (Hilberg), die der antijüdischen und rassistischen Politik der Nationalsozialisten vorangegangenen waren und diverse Anknüpfungspunkte boten. Als Ausgangspunkt für die im Genozid endende Vernichtungspolitik weist Hilberg neben dem Vorhandensein verinnerlichter jüdischer Feindbilder und der Tradition der antijüdischen Gesetzgebung in Europa vor allem auf die Tatsache hin, „daß es in Deutschland einen zu effizienten Operationen auf 5 Für Hilberg gestaltet hohem Niveau fähigen Verwaltungsapparat seit Jahrhunderten gegeben hat.“ sich das Verbrechen am jüdischen Volk „als ein Prozeß aufeinanderfolgender Schritte (…), die auf Initiative unzähliger Entscheidungsträger innerhalb eines ausgedehnten bürokratischen Apparats 6 Nicht allein SS und Gestapo, welche den Inbegriff des Terrorsystems darstellen, ergriffen wurden.“
1 Vgl. Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 38 u. 97 f.
2 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 14.
3 Ebd.
4 Ebd., S. 15.
5 Ebd.
6 Ebd., S. 56. Die Frage, welche Faktoren die Durchsetzung des Völkermordes an den europäischen Juden bewirkten, spaltete
die Holocaustforschung bis in die achtziger Jahre hinein in zwei Lager: Die Intentionalisten (u.a. Andreas Hillgruber, Eberhard
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ermöglichten den Völkermord, beteiligten (und bereicherten) sich daran. Es bedurfte, wie sich noch zeigen wird, einer Vielzahl von Entscheidungen und Hinweisen innerhalb diverser Einrichtungenangefangen vom Reichssicherheitshauptamt über das Auswärtige Amt und die Reichsbahn bis hin zu lokalen Behörden auf besetztem Boden. Im Folgenden sollen jene Maßnahmen, Etappen und Direktionen betrachtet werden, die schließlich in den Holocaust mündeten.
Den Auftakt der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Diskriminierungspolitik bildete der am 1. 1 Der kurz April 1933 in Deutschland veranschlagte Boykott jüdischer G eschäfte („Juden-Boykott“). darauf erlassene „Arierparagraph“ verlangte den Ausschluss der Juden, welche sich zumeist als Deutsche jüdischen Glaubens verstanden, aus Berufen im öffentlichen Dienst, aus Organisationen und Verbänden. Er beinhaltete darüber hinaus die erste Verordnung zur Definition von „Ariern“ und 2 Der Judenhass der Nationalsozialisten kulminierte zunächst in den im September 1935 „Nichtariern“.
auf dem Reichsparteitag der NSDAP verabschiedeten „Nürnberger Gesetzen“. Jene für die Umsetzung der Rassenideologie bedeutsamen Degradierungsquellen, das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, stehen einerseits für die rassische Definierung von Juden und „Ariern“ und andererseits für die ausdrückliche Festlegung der 3 Beziehungen zwischen beiden „Kategorien“. Von der menschlichen Wertigkeitsherabstufung
ausgenommen wurden all jene Personen, die mit einem so genannten „Ariernachweis“ aufwarten 4 konnten.
Die daran anschließenden Stufen der nationalsozialistischen antijüdischen Politik waren zunächst durch viele kleinere, aber dennoch nicht weniger einschneidende Maßnahmen und Schikanen gekennzeichnet. So wurden neben der weitergeführten Arisierung vor allem umfassende Eigentumsbeschlagnahmungen des bereits registrierten jüdischen Vermögens vorgenommen und den Juden verschiedene Steuern auferlegt (wie etwa „Reichsfluchtsteuer“ oder „Sühneleistung“). Hinzu kamen Lebensmittelrationierungen. Die Folge war eine weitreichende Verarmung unter der bis dahin 5 Ab August 1938 wurden die deutschen Juden noch nicht ausgewanderten jüdischen Bevölkerung.
mittels Verordnung gezwungen, ihrem Vornamen im Pass den Namen „Israel“ bzw. „Sara“
Jäckel und Helmut Krausnick) gehen davon aus, dass Hitler den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden Europas bereits vor der
Machtübernahme der Nationalsozialisten geplant hatte und dieser festgelegte Plan während seiner Regierungszeit sukzessive
realisiert wurde. Die Funktionalisten bzw. Strukturalisten (u.a. Raul Hilberg, Martin Broszat und Götz Aly) dagegen verweisen
auf sich im Laufe der Zeit ergebende und letztlich zur „Endlösung“ führende (bevölkerungs-)politische und wirtschaftliche
Zwänge, bürokratische Hürden, fatale Erwägungen, Übereinkünfte oder Kompetenzstreitigkeiten. Beide Parteien stimmen
insofern überein, dass eine Tat dieses Umfangs ohne Synergieeffekte zwischen antisemitischer bzw. rassistischer Ideologie
einerseits und einer modernen, effektiven Bürokratie andererseits nicht realisierbar gewesen wäre. Vgl. Kwiet, 1998:
Rassenpolitik, S. 56 ff.
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 39 f.
2 Vgl. ebd., S. 70 sowie Königseder, 1998: Arierparagraph, S. 373 f.
3 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 73 f. sowie Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 148 f. Der Definitionsversuch ging
jedoch mit mehrere Jahre anhaltendem Kopfzerbrechen innerhalb der NS-Bürokratie einher. Da auf „rassische“ Merkmale nicht
zurückgegriffen werden konnte, wurde die religiöse Zugehörigkeit der betreffenden Personen einer Definition zugrunde gelegt.
Besondere Schwierigkeiten ergaben sich hinsichtlich der „Mischlingsproblematik“, d. h. der „rassischen“ Einstufung von so
genannten Halb- und Vierteljuden. Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 69 ff., 72 f. sowie Bd. 2, S. 440. Die 1. Verordnung
zum „Reichsbürgergesetz“ vom November 1935 beinhaltete neben der Begriffsbestimmung „Jude“ in den Abstufungen
„Volljude“ und „Mischling“ unterschiedlichen Grades den Verlust der bürgerlichen Rechtsstellung aller betreffenden Personen
sowie eine Amtsenthebung aller jüdischen Beamten. Vgl. Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 2, S. 956 u. S. 1055.
Die 1. Verordnung zum „Blutschutzgesetz“ sah nicht nur die Bestrafung von Eheschließungen zwischen „Ariern“ und so
genannten Volljuden vor, sondern enthielt auch das Verbot von als „Rassenschande“ bezeichneten außerehelichen
Beziehungen. Vgl. Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 148 f. u. 152.
4 Vgl. Pendorf, 1961: Mörder, S. 55.
5 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 158 ff.
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voranzustellen, was die Feststellung der „Rassezugehörigkeit“ künftig erleichtern sollte. Etwa zur 1 gleichen Zeit erfolgte die Kennzeichnung jüdischer Pässe und Lebensmittelkarten mit einem „J“.
In der so genannten Reichskristallnacht vom 9. zum 10. November 1938 kam es in Deutschland und Österreich zu den bis dahin an Ausmaß und Intensität größten und folgenschwersten Ausschreitungen gegen jüdische Einrichtungen und Juden selbst (vgl. Abbildung 03). Von der NS-Führung als Racheakt der deutschen Bevölkerung an den Juden dargestellt, gerechtfertigt und „entschuldigt“, sollten sie auf diese Weise für den Mord an dem deutschen Gesandschaftssekretär Ernst vom Rath durch einen jüdischen Jugendlichen in Paris kollektiv büßen. Im Verlauf der Gewaltorgie wurden etwa 200 Synagogen und 170 Häuser bzw. Wohnungen in Brand gesteckt, das I nventar von ca. 7 000
jüdischen Läden zertrümmert oder geraubt und deren Schaufenster zerstört, 36 Juden ermordet und 2 20 000 in Konzentrationslager eingewiesen.
Abbildung 03: Ausschreitungen gegen Juden auf dem Gebiet des „Großdeutschen Reiches“ (Grafik entnommen aus
Gilbert, 1995: Endlösung, S. 27)
Nach Hermann Graml bildet die Pogromnacht einen Meilenstein der antijüdischen Politik, mit dem „nach Entrechtung, Isolierung und Enteignung nun als nächstes und eigentliches Ziel die Ausrottung 3 Graml ist der Ansicht, dass bereits der Pogrom selbst der Juden denkbar und wünschbar [wurde].“
dies deutlich gemacht habe, denn signifikanteste und auf künftige Dimensionen der Verfolgung verweisende Merkmale des Pogroms seien nicht die Zerstörungen gewesen, sondern gezielte Morde
1 Vgl. ebd., S. 183 ff.
2 Vgl. Pendorf, 1961: Mörder, S. 62.
3 Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 184.
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und die ausgebliebene Verurteilung der Täter. Er weist in diesem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass die propagierte und angedrohte Judenvernichtung zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisierbar 1 wobei d ie Ursache möglicherweise in der noch vorhandenen Rücksichtnahme auf das gewesen sei,
Ausland sowie auf Schockwirkung und weitgehende Gewaltabneigung der deutschen Bevölkerung gesehen werden kann.
Während die Emigration bis zum Anschluss Österreichs im März 1938 auf freiwilliger Basis ablief, stand von nun an die zwangsweise Abschiebung der Juden bei zumeist vollständiger Vermögensberaubung im Vordergrund der nazideutschen Vorstellungen von einem „judenfreien“ Machtbereich. Um die Auswanderung aus Deutschland und Österreich zu forcieren, wurden spezielle 2 Im Laufe des Jahres 1939 gelangte die antijüdische Politik in die Hände „Zentralstellen“ errichtet.
jener Protagonisten, deren Namen mit der Planung und Dirigierung der „Endlösung“ untrennbar verbunden sind: Hitler-Stellvertreter Hermann Göring (ab 1940 Reichsmarschall) als Hauptverantwortlicher antisemitischer Aktionen, Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, als
Verantwortlicher für die Judenpolitik und später für die „Endlösung“ sowie Sicherheitspolizei- und SD- 3 Chef Reinhard Heydrich als dessen rechte Hand.
Infolge des Überfalls auf das benachbarte Polen im September 1939 fiel den Nationalsozialisten das Zentrum europäischen jüdischen Lebens in die Hände. Umgehend wurde damit begonnen, die bis dahin für die Juden im Reich geltenden Bestimmungen auf das Besatzungsgebiet zu übertragen,
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Die Deutschen wobei sich das Vorgehen dort jedoch um vieles rigider und rücksichtsloser ausnahm. veranlassten die jüdische Bevölkerung zur Bildung von Judenräten, welche sich letztendlich gezwungenermaßen zu einem
5 Nach der zahlenmäßigen Erfassung der jüdisch-polnischen Bevölkerung sowie der entwickelten.
wertmäßigen Registrierung deren Vermögens begann ihre Zusammenlegung in eigens zu diesem 6 Im östlichen Teil Polens, das die deutschen Zweck separierten Stadt- bzw. Ortsteilen, den Gettos.
Besatzer fortan als Generalgouvernement bezeichneten, erging als erstem Gebiet in Europa die Aufforderung mit Pflichtcharakter an die Juden, sich mittels eines weithin sichtbaren Judensterns in 7 der Öffentlichkeit als solche zu erkennen zu geben.
1939/40 wurden die Juden Deutschlands konzentriert, nachdem ihnen bereits drastische Bewegungsbeschränkungen auferlegt worden waren. Auf deutschem Boden eingerichtete so
1 Vgl. ebd., S. 184 u. 187.
2 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 412 u. 414 f. sowie Safrian, 1995: Eichmann, S. 46 f.
3 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 1, S. 553 f. sowie Bd. 2, S. 605 u. S. 610. Vgl. darüber hinaus Aly, 2002:
„Endlösung“, S. 46 ff.
4 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 570 sowie Bd. 1, S. 198 u. 214 ff. Hilberg gibt die Zahl der Juden Polens mit 3,3
Millionen an, was einem Anteil von 10 Prozent an der polnischen Gesamtbevölkerung entspricht. Vgl. Ebd., S. 198.
5 Ebd., Bd. 1, S. 195. Diese von den Deutschen in den östlichen Besatzungsgebieten (Polen, SU, Ungarn etc.) eingesetzten
Judenräte hatten u.a. die Aufgabe, die jüdische Bevölkerung ihres Einflussbereiches gegenüber der Besatzungsmacht zu
vertreten, deutsche Anweisungen entgegenzunehmen und an die Juden weiterzuleiten, jüdische Bevölkerungsstatistiken für die
Deutschen zusammenzustellen, die Deportationen zu organisieren und damit zu ermöglichen. Vgl. ebd., S. 195 f.
6 Vgl. Ebd., S. 197 f. Die Gettobildung in Polen führt Hilberg darauf zurück, dass das Judentum in Polen zahlenmäßig viel
umfangreicher war als etwa in Deutschland und dass im östlichen Nachbarstaat weniger Rücksicht auf Reaktionen der übrigen
Bevölkerung genommen werden musste (die ja an und für sich bereits als „minderwertig“ eingestuft w orden war). Zu Einrichtung
und Daten größerer Gettos vgl. Hilberg, Bd. 1, S. 231 ff.
7 Vgl. Reitlinger, 1992: Endlösung, S. 60 f. sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 225 f.
19
genannten Judenhäuser übernahmen hierbei die Funktion der polnischen und später in den besetzten Gebieten Osteuropas entstandenen Gettos, wobei die Lebensbedingungen (und im Zuge der „Endlösung“ auch die Räumungen) nicht zuletzt aufgrund d es möglichen Aufmerksamwerdens der deutschen Bevölkerung bei weitem nicht die apokalyptischen Charakterzüge annahmen wie in 1 denjenigen des Ostens. Insbesondere innerhalb der großen abgeriegelten „Sammellager“
Osteuropas (wie Warschau, Lodz und Krakau) herrschten katastrophale Lebensbedingungen. Enge, Hunger, Krankheiten und Epidemien waren an der Tagesordnung (vgl. Tabelle 01). Willkürliche Morde gehörten ebenso zum Gettoalltag. Als die so genannte industrielle „Endlösung“ im Juli 1942 auf polnischem Territorium begann, veranstaltete die örtliche deutsche Polizei mit Hilfe polnischer Kräfte 2 sich durch äußerste Brutalität auszeichnende Häuserrazzien.
Tabelle 01: Bevölkerungsdichte der Gettos von Warschau und Lodz (Abbildung entnommen aus Hilberg, 1999:
Vernichtung, Bd. 1, S. 239)
Um der Ausweisung der jüdischen Bevölkerung Österreichs, des 1939 annektierten Böhmen und Mähren (im NS-Duktus „Protektorat“ genannt) und der deutschen Gebiete Westpolens Vorschub zu leisten, wurde 1939 auf Vorschlag Heydrichs mit der Planung für die Verschickung jener Juden nach Polen begonnen. Dieses erste große Vertreibungsprojekt, der „Nisko-und-Lublin-Plan“, orientierte sich auf ein zu schaffendes jüdisches Reservat auf sumpfigem Gelände im südöstlichen Polen bei Nisko am San. Nachdem tausende dorthin deportierte Juden zum Barackenbau gezwungen oder aber in Richtung Sowjetunion vertrieben worden waren, scheiterte dieses Vorhaben einer „territorialen Lösung
3
Das Projekt fiel nach Ansicht Hans Safrians einem gravierenden der Judenfrage“ jedoch bereits.
„logistischen Problem“ zum Opfer.
zusätzlich „Kompetenzstreitigkeiten in den Zentralstellen“ und darüber hinaus „Machtinteressen der 5 regionalen Verwaltung [des Generalgouvernements, d. A.]“ an.
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 164 ff. u. 255.
2 Vgl. Pohl, 1998: Ermordung, S. 113 sowie ders., 2000: Holocaust, S. 68. Hilberg bezeichnet die Gettos als „ein in
Gefangenschaft gehaltener Stadtstaat, dessen Umzingelung einherging mit seiner absoluten Unterwerfung unter die deutsche
Oberherrschaft.“ Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 245.
3 Vgl. Safrian, 1995: Eichmann, S. 72 ff. u. 88 sowie Aly, 2002: „Endlösung“, S. 44 ff.
4 Safrian, 1995: Eichmann, S. 80.
5 Wojak, 2001: Memoiren, S. 125.
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Für einen von der Besiegung Frankreichs und Großbritanniens abhängenden zweiten Plan, sich der Juden ihres Machbtereiches territorial zu entledigen, fassten die Nationalsozialisten im Sommer 1940 1 In diesem Zusammenhang sollten vier Millionen Menschen aus den von Madagaskar ins Auge.
Deutschland besetzten bzw. kontrollierten Gebieten auf die Insel vor der afrikanischen Ostküste deportiert und dort unter deutsche Polizeiaufsicht gestellt werden, was einer Art „Großgetto“ 2 Dieses Projekt erwies sich jedoch als ebenso wenig praktikabel. Da England nicht entsprochen hätte.
bezwungen werden konnte, war es unmöglich, die geplanten Deportationen auf dem von den 3 Mit dem Madagaskar-Projekt, so Hilberg, misslang Engländern dominierten Seeweg durchzuführen. 4 „der letzte größere Versuch, ´die Judenfrage´ auf dem Wege der Auswanderung ´zu lösen´.“
Aufgrund des Scheiterns beider von Heydrich initiierter Pläne stießen die Umsiedlungsfanatiker 5 Doch damit erstmals an politische und logistische Grenzen ihrer beabsichtigten Bevölkerungspolitik. nicht genug: Himmler beabsichtigte nunmehr, sämtliche vor allem im östlichen Europa ansässigen Volksdeutschen zurück ins Reich zu holen. Die Verwirklichung dieses gigantischen Vorhabens förderte jedoch wiederum gravierende Probleme zutage und endete zunächst in einem 6 Jene Rücksiedlung in die eingegliederten westpolnischen Gebiete bevölkerungspolitischen Chaos.
sollte auf einer vorangegangene „Aussiedlung“ (i. S. v. Vertreibung) von Juden und Polen nach Osten 7 Dem Generalgouvernement kam basieren und war somit von freien Wohnraumkapazitäten abhängig.
dabei die A ufgabe zu, vorübergehend als Zwischenstation für die Abschiebung zunächst der polnischen sowie nach und nach der Reichs-, west- und südeuropäischen Juden in den Osten zu dienen, da die Nationalsozialisten zu jener Zeit noch immer eine „territoriale Endlösung“, d. h. eine vollständige Auswanderung der Juden aus ihrem Machtbereich erwogen. Nach dem Sieg über die Sowjetunion sollten die Juden dann entweder in die Sümpfe Weißrusslands oder aber in die Eismeerregionen abgeschoben werden, die verbliebene Arbeitskraft restlos ausgenutzt und nicht 8 Von einer sich anbahnenden Arbeitsfähige dort millionenfach ihrem Schicksal überlassen werden.
Umsetzung ihres Vorhabens überzeugt, „raubten sie den Juden alle Subsistenzmittel, trieben sie in improvisierte Ghettos oder Lager: immer in der Annahme, das geschehe nur für wenige Monate - bis 9 zur endgültigen Abschiebung.“
Stockungen in der Abschiebepraxis, bürokratische Hindernisse und fehlende Transportmöglichkeiten führten in der ersten Hälfte des Jahres 1941 dazu, dass s ich die Organisatoren der Bevölkerungsverschiebungen gezwungen sahen, die Juden für längere Zeit in G ettos auf besetztem polnischem Gebiet unterzubringen. Damit stießen die Planer im Altreich vielfach auf den Widerstand
1 Vgl. ebd., S. 133 ff.
2 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 132. Zum Madagaskar-Plan siehe auch Safrian, 1995: Eichmann, S. 93 ff.
3 Vgl. ebd., S. 299.
4 Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 417.
5 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 299.
6 Vgl. ebd., S. 18 f. u. 166 ff. Aly spricht von einer halben Million rückzusiedelnden „ethnischen Deutschen“. Ebd., S. 14.
7 Vgl. ebd., u.a. S. 196. Zu den Schwierigkeiten bei der „Aussiedlung“ der Juden in die Sowjetunion siehe auch Safrian, 1995:
Eichmann, S. 134ff. sowie Herbert, 1998: Vernichtungspolitik, S. 25ff.
8 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 273 ff. u. 12. Aly betont, dass es sich bei dieser „territorialen Endlösung“ um ein Unternehmen
handelte, das bereits „alle Merkmale des Völkermords“ zeigte. Da zu diesem Zeitpunkt (wenige Wochen vor dem deutschen
Überfall auf die SU) neben jener arbeitsbedingten und „natürlichen“ Verminderung auch die Ermordung männlicher sowjetischer
Juden in wehrfähigem Alter feststand, w urde nach Aly das neue nationalsozialistische Wunschziel deutlich, „das europäische
Judentum in absehbarer Zeit auszurotten: mit sogenannten biologischen, aber (…) noch ´konventionellen´ Mitteln.“ Ebd., S. 12.
9 Ebd., S. 12.
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deutscher Zivilverwaltungen vor Ort, so dass dort dazu übergegangen wurde, eine Option zu finden, 1 „Da das Vorläufige“, so Götz Aly, sich der in ihrem Machtbereich befindlichen Juden zu entledigen.
„zur immer beständigeren ´Last´ wurde, entstanden Schritt für Schritt - aus der Sicht der Mörder - 2 gewissermaßen realpolitische Voraussetzungen für die ´Endlösung´.“ Jene Erwägungen,
Zustimmungen, Handlungen, Anfragen und Bewilligungen auf den verschiedenen Ebenen der Bürokratie, in Polen wie in Deutschland, h atten „gleichermaßen zur Realisierung des Holocaust 3 beigetragen“.
Vorerst wurden auf unterer bürokratischer und lokaler Ebene in den Besatzungsbehörden und Zivilverwaltungen Überlegungen angestellt, die arbeitsfähigen Juden zur Zwangsarbeit einzusetzen 4 Nachdem sich aufgrund und die nicht Arbeitsfähigen in den Gettos dem Dahinsiechen auszusetzen. der in den „jüdischen Wohnbezirken“ (NS-Tarnbegriff für Gettos) herrschenden katastrophalen Zustände Epidemien auszubreiten begannen, wurde nach einer wenig Aufsehen erregenden Art und Weise der Tötung ihrer Insassen gesucht - wobei „die mörderischen Ideen (…) mit ähnlichen 5 Erwägungen und Praktiken an der Spitze der Diktatur [korrespondierten].“
Bereits am 25. März 1941 hatte Heydrich aufgrund eines von Göring erteilten Auftrages einen Plan vorgelegt, welcher das weitere Verfahren der Behandlung der Juden beinhaltete. Daraufhin ermächtigte Göring Heydrich vier Monate später, die „Endlösung der Judenfrage“ in Angriff zu nehmen 6 Aly nimmt jedoch an, dass es sich bei der Korrespondenz beider mit der (vgl. Abbildung 04, S. 22).
„Endlösung“ Beauftragter nicht um die administrative Planung der physischen Vernichtung der europäischen Juden handelte und ein endgültiger Führerbefehl in diesem Zusammenhang noch nicht 7 Auch Safrian geht davon aus, dass die Nationalsozialisten ihre rassistisch motivierten ergangen war.
Bevölkerungsplanungen im Sommer 1941 noch immer darauf ausrichteten, die europäischen Juden 8 nach Osten zu deportieren.
1 Vgl. Pohl, 1998: Ermordung, S. 112.
2 Aly, 2002: „Endlösung“, S. 12.
3 Ebd., S. 398 f.
4 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 261 ff. u. 266 ff. Nach und nach wurde in Polen ein System mörderischer
Zwangsarbeit sowohl innerhalb als auch außerhalb der entstanden Gettos eingeführt und dieses im weiteren Verlauf des
Krieges (zumeist in Form von Zwangsarbeitslagern für jüdische und nichtjüdische Konzentrationslagerhäftlinge auf deutschem
Boden sowie in einer Reihe deutsch besetzter Länder) bis 1945 ausgebaut. Vgl. ebd.
5 Aly, 2002: „Endlösung“, S. 386. Zu den judenpolitischen Erwägungen innerhalb der NS-Bürokratie im besetzten Polen siehe
auch ebd., S. 327 ff.
6 Vgl. ebd., S. 270 f.
7 Vgl. ebd. Zu den diversen Historikeransichten siehe auch ebd., S. 388 f.
8 Vgl. Safrian, 1995: Eichmann, S. 105 ff.
Abbildung 04: Ermächtigungsschreiben Görings an Heydrich (Fotokopie entnommen aus Roseman, 2002: Wannsee-
Konferenz, S. 165)
Ein wichtiger Grund für die in diesem Zeitraum noch gültige Aktualität jenes Abschiebeplanes ist nach Ansicht Safrians darin zu sehen, dass sich die NS-Führung kurz nach Beginn d es „Unternehmens Barbarossa“ von einem Sieg über die Sowjetunion hochgradig überzeugt gab und der geplanten 1 Abschiebung der Juden in die zu erobernden Gebiete damit nichts mehr im Wege gestanden hätte. Als sie sich wenig später allerdings eingestehen musste, dass der „Blitzkrieg“ nicht zu realisieren und ein Sieg in weite Ferne gerückt war, beschloss Deutschlands Führung, die „Endlösung“ in „geeigneter 2 Demzufolge „formulierten die Beteiligten Form“ bereits während des Krieges in Angriff zu nehmen.
die ´Endlösung´ im Herbst 1941 in der Form, wie sie als systematischer millionenfacher Mord in den 3 besetzten Teilen der Sowjetunion und in den Vernichtungslagern realisiert wurde.“
1 Vgl. ebd., S. 109f. Safrian beruft sich dabei auch auf die Auffassungen von Hans Mommsen und Martin Broszat, die zu
gleichen Erkenntnisse gelangten. Vgl. ebd., S. 111 sowie Aly, S. 319 f.
2 Ebd., S. 111 f. Die gleiche These vertritt auch Graml. Vgl. Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 237. Aly verweist darüber
hinaus darauf, dass „die Protagonisten des Dritten Reichs (…) die ´Abwanderung´ der europäischen Juden längst fest
einkalkuliert und die Deportation zur Grundlage ihrer Kriegs- und Nachkriegsplanung gemacht [hatten].“ Aly, 2002: „Endlösung“,
S. 12.
3 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 301f. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in
deren besetzten westlichen Teilen sowie im östlichen Polen bereits hunderttausende Juden Massenerschießungsaktionen der
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Nachdem im Juli 1940 erste Abschiebungen deutscher Reichsjuden in bereits errichtete französische Durchgangslager erfolgt waren, setzten im September 1941 regelmäßige und umfangreiche 1 Als Zielorte der Transporte fungierten 1941/42 Deportationen aus Deutschland und Österreich ein.
vor allem Lodz, Minsk und Riga, wo die Verschleppten entweder in Gettos untergebracht oder sofort
2
Im Oktober 1941 erging das Auswanderungsverbot an die Juden innerhalb der
erschossen wurden. Reichsgrenzen und die Falle schnappte zu. von der nichtjüdischen deutschen Gesellschaft gezwungen worden, in der Öffentlichkeit den 4 Doch die antijüdische Vertreibungs- und Judenstern gut sichtbar an ihrer Kleidung zu tragen.
Ausrottungspolitik beschränkte sich nicht auf Mittel- und Osteuropa: Mit der 1940 begonnenen deutschen Machtausdehnung von Nord- über West- bis Südosteuropa wurden auch die Juden dieser 5 Regionen in den Strudel des deutschen Vernichtungswahns gezogen.
Nachdem die Grundlagen für die „Endlösung“ geschaffen worden waren, lud Heydrich am 29. November all jene leitenden Beamten und Funktionäre des Reiches, deren Institutionen mit der „Judenfrage“ in Berührung kamen, zu einer Besprechung an den Großen Wannsee. Der Termin 6 Wie Kurt Pätzold betont, musste allerdings kurzfristig auf den 20. Januar 1942 verschoben werden. 7 Zur wurde „entgegen weit verbreiteter Ansicht auf der Konferenz der Judenmord nicht ´beschlossen´.“ Fundierung seiner These führt er an, dass die Kompetenz der anwesenden Teilnehmer dafür nicht 8 Seiner Meinung nach „wollte Heydrich als Hauptverantwortlicher die Teilnehmer ausgereicht hätte.
über das Gesamtvorhaben vollständig informieren, Ausweitung und Grenzen klarstellen und sich der 9 Für rückhaltlosen Mitwirkung aller Geladenen und der von ihnen geleiteten Dienststellen versichern.“ seine Theorie spricht außerdem die Tatsache, dass die Massenmorde in der Sowjetunion und in Polen bereits in vollem Gange waren und der Umfang der Deportationen aus den meisten Staaten Europas das Anfangsstadium längst überschritten hatte.
Einsatzgruppen zum Opfer gefallen waren, d. h. die „Endlösung“ bereits begonnen hatte. Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2,
S. 287 ff.
1 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 33 u. 353. Wie auf Reichsgebiet entstanden auch im westlichen Europa keine Gettos. Dort
wurden zumeist so genannte Durchgangslager eingerichtet (z. B. Westerbork in den Niederlanden oder Drancy auf
französischem Staatsgebiet), welche während der „Endlösung“ als Konzentrationspunkte für die Deportation der Juden
Westeuropas zu den Vernichtungsstätten im Osten dienten. Vgl. Pohl, 2000: Ermordung, S. 84 ff. sowie Hilberg, 1999:
Vernichtung, Bd. 2, S. 618 f.
2 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 421. Siehe dazu außerdem Reitlinger, 1992: Endlösung, S. 94 ff. u. 101 ff.
3 Vgl. Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 284.
4 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 1, S. 187.
5 Vgl. ebd., Bd. 2, S. 570. Hilberg gibt deren Zahl mit 2,2 Millionen an. Vgl. ebd. Zu den deutschen Expansionsschritten siehe
auch Aly, 2002: „Endlösung“, S. 31 ff.
6 Vgl. Safrian, 1995: Eichmann, S. 169. Als Anlass für diese Terminverschiebung gibt Safrian entgegen der Ansicht vieler
Historiker die insgeheime Erkenntnis der deutschen Führung an, dass der Angriff auf die Sowjetunion fehlgeschlagen war und
ein Sieg nicht mehr errungen werden konnte. Damit waren auch die Vertreibungspläne endgültig nichtig, was zur Folge hatte,
dass die physische Ausrottung der Juden schließlich als einziger Ausweg eines „judenfreien“ Europas angesehen wurde. Vgl.
ebd.
7 Pätzold, 1998: Wannsee-Konferenz, S. 794.
8 Vgl. ebd.
9 Ebd.
Abbildung 05: Seite 6 des Protokolls der Wannseekonferenz. Sie enthält die Zahl der für die „Endlösung“
vorgesehenen Juden Europas. (Fotokopie entnommen aus Roseman, 2002: Wannsee-Konferenz, S. 175)
Als schließlich Ende 1941 bzw. Anfang/Mitte 1 942 Vernichtungslager auf ehemals polnischem Territorium errichtet worden waren, kam es in allen unter deutscher Besatzung und in Abhängigkeit Deutschlands befindlichen Staaten zu umfangreichen Massendeportationen der jüdischen 1 Nach dem Konsens der Wannseekonferenz setzte das NS-Regime Bevölkerung in diese Regionen.
sämtliche Mittel ein, um die „Endlösung“ europaweit erfolgreich zu koordinieren und systematisch durchzuführen, d. h., alle erreichbaren Juden - ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Beruf oder 2 Damit war die letzte und auf eine ausnahmslose Vernichtung sozialen Stand - umzubringen.
ausgerichtete Phase der antijüdischen Politik Deutschlands angebrochen. Die im Konferenzprotokoll festgehaltene Zahl der zu ermordenden Juden lautete auf elf Millionen (vgl. Abbildung 05).
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 570 sowie Safrian, 1995: Eichmann, S. 200 ff.
2 Einzig und allein für die Behandlung der so genannten jüdischen Mischlinge sowie jener Juden, die einen besonderen Status
innehatten (in Mischehe lebende Juden, Rüstungsjuden, ausländische Staatsbürger jüdischen Glaubens, jüdische
Kriegsveteranen etc.), konnte keine „Lösung“ gefunden werden. Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 436 ff. Zu diesem
Einordnungsproblem siehe auch Safrian, 1995: Eichmann, S. 363 f.
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1. 2. 2 Die „Endlösung der Judenfrage“
Am 30. Januar 1939, während der Planungen für den Angriff auf Polen, trat Hitler mit folgenden 1 Worten vor den versammelten Reichstag:
„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen
sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die
Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!“
Bedeutung und Gewicht dieser Aussage sind in der Forschung umstritten. Fest steht jedoch, dass Hitler das darin formulierte Ziel bereits wenige Monate danach in die Tat umzusetzen begann und bei Kriegsende nahezu vollständig erreicht hatte. Auf welchen Maßnahmen und Methoden die „Endlösung“ beruhte, soll nachfolgend dargestellt werden.
Zunächst gilt es jedoch, den Begriff „Endlösung“ einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Nach Hilberg kann das bisher größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte wie folgt charakterisiert 2 werden:
„Hinter dem Terminus ´Endlösung´ verbargen sich zwei Bedeutungen. In einem engeren
Sinn brachte er zum Ausdruck, daß der Endzweck des Vernichtungsprozesses nunmehr
unzweideutig klar war. Mochte man mit der Konzentrationsphase noch auf ein unbestimmtes Ziel hingesteuert haben, so beseitigte die ´Endlösung´ alle Ungewißheiten
und beantwortete alle Fragen. Das Ziel stand nun klar vor Augen - Tötung. Doch der
Begriff ´Endlösung´ hatte noch eine tiefere, bezeichnendere Bedeutung. Nach Himmlers Worten sollte sich das jüdische Problem niemals wieder stellen. Definition, Enteignung
und Konzentration konnten ungeschehen gemacht werden. Tötungen hingegen waren
endgültig. Sie verliehen dem Vernichtungsprozeß den Charakter historischer Unwiderruflichkeit.“
Jene „Endlösung“ wurde auf zwei Wegen vollzogen: Zum einen erfolgten mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 Massenerschießungen durch spezielle Mordkommandos, so genannte 3 Einsatzgruppen , vor allem im östlichen Teil Polens sowie im Westen der SU. Zum anderen wurden die Juden aus mittel-, west- und südeuropäischen Staaten zusammen mit einer Vielzahl von 4 Die Massenexekutionen Leidensgenossen aus Osteuropa in spezielle Vernichtungslager deportiert.
1 Hitler in: o. V.: „Der Wortlaut der Führerrede“, in: Völkischer Beobachter, 1.2.1939, S. 4.
2 Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 287.
3 Zur Zusammensetzung und Aufgabenstellung der Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) vgl. ebd., S. 299
ff. Siehe dazu außerdem die Überblicksdarstellung von Krausnick, Helmut: Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppe des
Weltanschauuungskrieges 1938-1942. - Durchges. Ausg. - Frankfurt am Main: Fischer, 1998.
4 Vgl. ebd., S. 287.
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der Einsatzgruppen bildeten dabei den Auftakt der „Endlösung“, wobei Ende 1941/Anfang 1942 1 weitgehend zu Vergasungen übergegangen wurde.
Mit dem Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ sollte das Ziel der Ausrottung des so genannten 2 Damit war eine neue Dimension jüdisch-bolschewistischen Weltfeindes in Angriff genommen werden. der nationalsozialistischen Judenpolitik angebrochen. Im Gegensatz zu den militärischen Kampfeshandlungen im Westen Europas zeichnete sich der Krieg im Osten von Anfang an als ein auf rassenhierarchischer Basis geführter Raub- und Vernichtungsfeldzug mit gleichzeitiger
Lebensraumgewinnung aus. Bereits unmittelbar nach dem Einmarsch, d. h. während der ersten Phase der antijüdischen Politik auf besetztem sowjetischem Territorium sonderten die Einsatzgruppen 3 Hilberg nahezu alle wehrfähigen jüdischen Männer aus und führten sie der Massenerschießung zu. weist darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt noch kein systematisches Vorgehen erkennbar war, so 4 dass nicht alle Juden im Rücken der Front erfasst worden waren.
Mit dem E inzug der Militär- und Zivilverwaltung, welche die deutsche Kennzeichnungs- und Ausgrenzungspolitik auch hier einführte, wurden Gettos nach polnischem Vorbild auch im Westen der 5 Diese Maßnahmen dienten nach Ansicht Hilbergs ausschließlich der Sowjetunion errichtet.
Vorbereitung einer zweiten Tötungswelle, so dass die Konzentration der Juden in jenen 6 „Wohnbezirken“ einzig und allein zum Zweck der gezielten Ermordung seiner Insassen erfolgt sei. Eine Reihe von Historikern vertritt außerdem die Ansicht, dass während dieser zweiten Phase nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen Ernährungssituation zu einer noch radikaleren Politik übergegangen und die restliche jüdische Bevölkerung in die Erschießungen mit einbezogen worden 7 So fielen innerhalb weniger M onate mehrere hunderttausend sowjetischer Juden dem war. 8 nationalsozialistischen Vernichtungswillen zum Opfer.
Wie bereits erwähnt, wurden auch aus Deutschland, Österreich und dem „Protektorat“ deportierte Juden in die neu entstandenen Gettos gepfercht. Safrian schlussfolgert aus der Tatsache, dass lediglich ein geringer Prozentsatz dieser Menschen sofort ermordet wurde, „daß im Herbst 1941 keine generellen Befehle [von oben, d. A.] vorgelegen sein dürften, die eine sofortige und unterschiedslose 9 Der Ansicht, dass zu Ermordung aller aus Zentraleuropa deportierten Juden angeordnet hätten.“
dieser Zeit kein allgemein gültiger Befehl zur sofortigen Ermordung dieser Menschen vorlag, ist auch
1 Vgl. ebd. Aly geht ebenfalls davon aus, dass die Massenmordaktionen bereits Teil des Holocaust waren bzw. diesen
einleiteten. Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 334.
2 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 332. Nach Hilberg befanden sich in den von der Wehrmacht eingenommenen Gebieten
ursprünglich vier Millionen Juden, wovon etwa ein Viertel bereits vor der Ankunft der Deutschen fliehen konnte. Vgl. Hilberg,
1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 304.
3 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 332 f.
4 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 307 f.
5 Vgl. ebd., S. 358 ff.
6 Vgl. ebd., S. 366.
7 Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 334 sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 374. Zur Diskussion um die Zusammenhänge
zwischen Ernährungslage und rassenpolitischem Kalkül als Entscheidungsgrundlage für die Ermordung der gesamten
jüdischen Bevölkerung der besetzten westlichen Gebiete der Sowjetunion siehe u.a. Herbert, Ulrich (Hrsg.):
Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen. - Frankfurt a. M.: Fischer, 1998
und hier insbesondere die Aufsätze von Christoph Dieckmann: Der Krieg und die Ermordung der litauischen Juden, S. 292-329
sowie Christian Gerlach: Wirtschaftsinteressen, Besatzungspolitik und der Mord an den Juden, S. 263-291.
8 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 312. Hilberg gibt die Zahl der bis Ende November 1941 ermordeten sowjetischen
Juden mit ca. einer halben Million an. Vgl. ebd.
9 Safrian, 1995: Eichmann, S. 154.
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Christian Gerlach. Er führt die dennoch in Angriff genommenen systematischen Massenexekutionen auf das Vorhandensein eines jeweils „örtlichen oder regionalen Programms [zurück], und es brauchte Interessen und Absprachen und immer neue Anläufe, damit so die weitgehende Vernichtung 1 Wirklichkeit wurde.“
Während das Vorgehen gegen die Juden im Osten und Südosten (mobile Tötungseinheiten im Form von Einsatzgruppen nahmen auch auf dem Balkan Massenerschießungen vor) durch quasi vor den Augen der Bevölkerung stattfindende Exekutionen geprägt war, sollte bei der bevorstehenden Vernichtung des west- und südeuropäischen Judentums auf den Einsatz Aufsehen erregender 2 Analog zum Vorgehen im Reich wurden auch in Erschießungskommandos vor Ort verzichtet werden.
diesen Regionen groß angelegte Deportationsprogramme realisiert, wobei die veranschlagten Zielorte der in überfüllte, versiegelte Güterwaggongs gepferchten Menschen entweder - in seltenen Fällen -Konzentrationslager auf Reichsgebiet oder - nach deren Errichtung - die Vernichtungslager im Osten 3 waren.
Etwa im Spätsommer des Jahres 1941 hatten diverse Institutionen, darunter das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und die Kanzlei des Führers, begonnen, Überlegungen hinsichtlich eines effektiveren Ausrottungsverfahrens anzustellen. Ausgehend von der bereits seit 1939 durchgeführten „T4-Aktion“ erwog man als organisatorische und technische „Optimierung“ den 4 Diese kamen ab Januar/Februar 1942 zunächst zusätzlich zu den Einsatz von Gaswagen.
Massenerschießungen im Osten zum Einsatz, um die Juden ohne Aufsehen durch Autoabgase zu 5 was den Übergang zur industriellen Vernichtung in manifesten Lagern darstellt. Obwohl ersticken,
dieses Mordverfahren bereits seit Dezember 1941 in Chelmno, dem ersten nationalsozialistischen 6 Vernichtungslager, Anwendung fand, wurde an einer noch effektiveren Lösung gearbeitet.
Für die Entschlussbildung der NS-Elite und -Bürokratie, ein System fabrikmäßig betriebener Mordstätten mit stationären Gaskammern zu entwickeln, kommen rückblickend mehrere Faktoren in 7 Frage:
- das verfehlte Ziel der „territorialen Endlösung“,
- die Existenz von Konzentrationslagern,
- vorhandenes Erfahrungspotenzial aus den bereits erprobten Tötungsmethoden der „T4-Aktion“ und
1 Gerlach, 1998: Wirtschaftsinteressen, S. 291 (Hervorhebg. im Orig.).
2 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 1, S. 319 f. sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 570 ff., 724 u. 731 f.
3 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 1, S. 320 ff. sowie Bd. 3, S. 1199 ff. Nach Erkenntnis Hilbergs gestaltete sich
das „Ausmaß der jüdischen Verwundbarkeit“ im Westen und Süden Europas jedoch nicht einheitlich. Hilberg, 1999:
Vernichtung, Bd. 2, S. 597. Siehe hierzu auch ebd., S. 597 f. sowie die einzelnen Länderübersichten auf S. 598 ff.
4 Vgl. Schmuhl, 1992: Rassenhygiene, S. 194 sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 934 f. Hinter dieser Bezeichnung
verbirgt sich die von den Nationalsozialisten im Rahmen der Erbgesundheitspolitik durchgeführte „Euthanasie“, die Tötung
„unwerten Lebens“. Zur so genannten T4-Aktion siehe außerdem u.a. den Aufsatz von Karl A. Schleunes: Nationalsozialistische
Entschlußbildung und die Aktion T4. In: Jäckel u.a. (Hrsg.): Der Mord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg.
Entschlußbildung und Verwirklichung. - Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1985. Für Hilberg bedeutet die „Euthanasie“
„sowohl eine begriffliche wie auch technologische und administrative Vorwegnahme der ´Endlösung´ in den Todeslagern.“
Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 937.
5 Vgl. Schmuhl, 1992: Rassenhygiene, S. 242 ff. sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 347 ff.
6 Vgl. Hilberg, 1998: Vernichtung, Bd. 2, S. 943 f.
7 Vgl. ebd., S. 412, 932 ff. u. 1027 ff. sowie Bd. 3, S. 1076 ff. u. 1081.
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- die Bevorzugung einer die Täter psychisch weniger belastenden Liquidierungsweise, wobei die Menschen im Verborgenen und nach vorangegangener Täuschung umgebracht werden sollten.
Mit dem „Euthanasie“-Fachpersonal wurden im Frühjahr 1942 die Lager der so genannten „Aktion Reinhard“, Belzec, Treblinka und Sobibor, aufgebaut und in Betrieb genommen. Ihnen allen ist gemein, dass sie ausnahmslos dem Zweck der heimlichen und fließbandartigen Vernichtung aller eingelieferten Menschen - mit Ausnahme einiger weniger ausgewählter Arbeitshäftlinge - mittels 1 Reichspropagandaminister Joseph Goebbels beschrieb die Kohlenmonoxid in Gaskammern dienten.
neue Technik der Massentötung wie folgt: „Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu 2 beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig.“
Zusätzlich zum Bau der ausnahmslos auf die Ermordung der Deportierten ausgerichteten Lager war das bereits 1940 entstandene Konzentrationslager Auschwitz immer wieder vergrößert und ein Vernichtungskomplex, Auschwitz-II oder Birkenau genannt, angeschlossen worden. Dieses Nebenlager übernahm ab Frühjahr 1942 zunächst einen Teil des Massenmordprogramms. Als die Rote Armee im Jahre 1943 nach Westen vorrückte, die Lager der „Aktion Reinhard“ ihre Arbeit daraufhin einstellten und eingeebnet wurden, entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum Zentrum des industriellen Völkermordes für die nahezu aus allen Teilen des besetzten Europa deportierten Juden (vgl. Abbildung 06, S. 29). Im Gegensatz zu den reinen Vernichtungslagern wurden hier in der Regel Selektionen unter den ankommenden Menschen durchgeführt und ein von körperlichem Zustand und Alter der Deportierten abhängiger Teil zur „Vernichtung durch Arbeit“ im Lager verurteilt oder für menschliche Experimente ausgewählt. Mittels eines unter der Bezeichnung Zyklon B geführten Insektenbekämpfungsmittels auf Blausäurebasis wurden alle für nicht arbeitsfähig befundenen Juden (wobei die SS-Ärzte zumeist willkürliche Entscheidungen trafen) in den Gaskammern Birkenaus 3 Dieselbe Prozedur, wenn auch in geringerem Umfang, war im Konzentrationslager ermordet.
Majdanek im Südosten Polens an der Tagesordnung, weshalb die Historiker diese Haft-, Mord- und 4 Folterstätte zum Großteil zu den Vernichtungslagern zählen.
1 Vgl. Pohl, 1998: Ermordung, S. 113 sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 938 ff. Zu den in diesen Vernichtungslagern
angewandten Mordtechniken siehe Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 1027 ff. Die Bezeichnung „Lager der ´Aktion
Reinhard´“ erhielten die drei Mordstätten, nachdem der Chefkonstrukteur der „Endlösung“, Reinhard Heydrich, im Mai 1942 an
den Folgen eines auf ihn verübten Attentats gestorben war. Vgl. Aly, 2002: „Endlösung“, S. 359 sowie Reitlinger, 1992:
Endlösung, S. 111.
2 Goebbels, zit. n.: Michalka (Hrsg.), 1993: Geschichte, S. 270.
3 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 945 ff., 971 u. 1042 ff. Zur Geschichte und Funktion des Konzentrations- und
Vernichtungslagers Auschwitz siehe außerdem u.a. Bauer, Jehuda: Auschwitz. In: Jäckel u.a. (Hrsg.): Der Mord an den Juden
im Zweiten Weltkrieg. Entschlussbildung und Verwirklichung. - Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1985 sowie Broszat, Martin
(Hrsg.): Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß. - 19. Aufl. - München: dtv, 2004. Zu
den medizinischen Experimenten siehe Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 1001 ff. und außerdem folgende Literatur: Klee,
Ernst: Was sie taten - was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- und Judenmord. - Frankfurt am Main:
Fischer, 1998 sowie Bastian, Till: Furchtbare Ärzte. Medizinische Verbrechen im Dritten Reich. - München: Beck, 1995.
4 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 3, S. 1494 ff. sowie Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 942 f.
Abbildung 06: Wichtigste Bahnlinien, aus denen die Juden Europas von 1942 bis 1944 nach Auschwitz deportiert
wurden (Grafik entnommen aus Gilbert, 1995: Endlösung, o. S.)
Ende November 1944, als die deutsche Niederlage kurz bevorstand, endeten die massenhaften 1 Abgesehen von der Gastötungen durch einen Befehl Himmlers schließlich auch in Auschwitz.
fließbandartigen Vernichtung in den eigens dafür konzipierten Lagern und denjenigen Juden, die in Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern ihr Leben ließen, fielen zehntausende Juden einzelnen umfangreichen Massenexekutionen zum Opfer. Die folgenden zwei Beispiele vermögen den verbissen geführten Rassenkrieg gegen das jüdische Volk ganz besonders zum Ausdruck zu bringen: In der Schlucht von Babi Jar nahe Kiew wurden Ende September 1941 während einer nur zweitägigen 2 Mehr als zwei Jahre später, am Mordaktion 33 771 Juden durch ein Sonderkommando erschossen.
3. und 4. November 1943, veranstalteten vor allem Angehörige der Waffen-SS und der deutschen Polizei auf Befehl Himmlers ein Massaker an den Juden des im Generalgouvernement gelegenen Distriktes Lublin - höchstwahrscheinlich als Racheakt für einen Aufstand der Häftlinge in Sobibor. 3 Dabei fanden schätzungsweise 42 000 bis 43 000 Juden den Tod.
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 1048.
2 Vgl. Krausnick, 1998: Einsatzgruppen, S. 9 sowie Graml, 1988: Reichskristallnacht, S. 214.
3 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, S. 418 f. Zu Formen und Umfang des jüdischen Widerstandes siehe u.a. Hilberg,
1999: Vernichtung, Bd. 3, S. 1100 ff.
Abbildung 07: Jüdische Opferzahlen nach Todesursachen. Alle Angaben wurden jeweils auf das nächste Hundert- bzw.
Fünfzigtausend gerundet. (Übersicht entnommen aus Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 3, S. 1299)
Die (geschätzte) Gesamtzahl der ermordeten Juden verdeutlicht, dass Hitler sein großes rassenpolitisches Ziel, die Juden Europas auszurotten, nur knapp verfehlte: Insgesamt fielen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in Europa zwischen fünf und sechs Millionen Juden zum Opfer. Hilberg geht davon aus, dass der nationalsozialistische Rassenwahn etwa 5 100 000 Juden
1
Die Statistik der „Enzyklopädie des Holocaust“ nennt dagegen das Leben kostete (vgl. Abbildung 07).
2 In den sechs Vernichtungslagern, von denen einige bereits nach wenigen eine Zahl von 5 860 000. 3 Die Opfer stammten Monaten aufgelöst worden waren, wurden knapp drei Millionen Juden ermordet. aus nahezu allen Ländern Europas, wobei deutlich zu erkennen ist, dass das osteuropäische Judentum - und hier insbesondere das polnische - die schwersten Verluste erlitten hat. Infolge des 4 Antisemitismus nazideutscher Prägung verlor insgesamt ein Drittel aller Juden sein Leben.
1 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 3, S. 1300 (Tabellen). Bei dieser Schätzung handelt es sich um die niedrigste von der
Autorin angetroffene Opferzahl. Die Differenzen zwischen den Angaben beruhen auf verschiedenen Erfassungsversionen bzw.
dem Fehlen des für eine korrekte Rekonstruktion notwendigen vollständigen Dokumenten- und Aktenmaterials. Häufig wurde
bzw. wird eine Gegenüberstellung der jüdischen Vorkriegsbevölkerung Europas und der nach dem Krieg vorhandenen Juden in
Europa vorgenommen (wie etwa von Hilberg). Andere wiederum errechnen die Zahl der Ermordeten aus Dokumenten,
Zeugenaussagen u.ä. Zur unterschiedlichen Opferzahl siehe Hilberg, S. 1280 f.
2 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 4, S. 1737. Bei dieser Angabe handelt es sich um die höchste von der
Autorin angetroffene Opferzahl. Sie stammt nach Angaben der Herausgeber des Werkes von mehreren, auf ihren jeweiligen
Fachgebieten arbeitenden Wissenschaftlern. Vgl. ebd., S. 1735 ff.
3 Vgl. Hilberg, 1999: Vernichtung, Bd. 2, S. 927 u. 1046 ff.
4 Vgl. Ebd, Bd. 3, S. 1116 f.
31
Rückblickend kann festgestellt werden, dass die Verfolgung und Ermordung der Juden zwar nicht die einzige, aber zweifelsohne die furchtbarste und nachhaltigste Konsequenz des nationalsozialistischen Rassenwahns darstellt.
Nachdem in diesem Kapitel historische Wurzeln und Entwicklung, Auswirkungen und Beispiellosigkeit des rassisch definierten nationalsozialistischen Antisemitismus skizziert wurden, widmen sich die folgenden Ausführungen einer konkreten Täterperson des „Dritten Reiches“: Adolf Eichmann. Obwohl der Name dieses Mannes zwischen 1933 und 1945 nur den wenigsten bekannt war, zählt er zu den Haupttätern des Völkermordes. Seine Position als so genannter Judenreferent und Deportationsspezialist im Reichssicherheitshauptamt ermächtigte ihn, Millionen Juden vor allem aus Mittel-, West- und Südeuropa dem sicheren Tod in nazideutschen Vernichtungslagern auszuliefern.
32
2 Adolf Eichmann - Ein Täterporträt
2. 1 Kindheit, Jugendzeit und beruflicher Werdegang
Adolf Eichmann wurde am 19. März 1906 als ältestes von fünf Kindern eines Buchhalters im rheinländischen Solingen geboren. 1914, im Alter von acht Jahren, verlor er seine Mutter und der 1 Im selben Jahr bekam dieser die Position des kaufmännischen Direktors bei Vater heiratete erneut.
den Linzer Straßenbahn- und Elektrizitätswerken angeboten und die Familie siedelte in die 2 oberösterreichische Stadt über.
Nachdem der junge Eichmann vier Jahre lang die Volksschule besucht hatte, wechselte er an die „Kaiser Franz Joseph Staatsoberrealschule“. Ausgestattet mit wenig Lerneifer, setzte er seiner schulischen Karriere selbst ein Ende, indem er die Bildungseinrichtung vorzeitig und ohne Abschluss 3 Daraufhin beschloss der inzwischen Achtzehnjährige, Mechaniker zu werden und besuchte verließ.
zu diesem Zweck eine Gewerbeschule. Nach zwei Jahren brach er auch diese Ausbildung ab, so dass er beim Berufseinstieg weder ein schulisches noch ein berufliches Abschlusszeugnis vorweisen 4 konnte.
Der Vater brachte den arbeitslosen Sohn vorübergehend als einfachen Arbeiter in der Salzburger Untersberger Bergbaugesellschaft unter. Dies war ihm möglich, da er es in jener Firma inzwischen zum Hauptaktionär gebracht hatte. 1925 wechselte Eichmann in die Verkaufsabteilung der Oberösterreichischen Elektrobau AG, wo er als Angestellter Dienst tat. Zweieinhalb Jahre später reichte er die Kündigung ein und trat bei der amerikanischen Mineralölfirma Vacuum Oil Company in Wien eine Stelle als Reisevertreter an. Zunächst für Oberösterreich zuständig, wurde Eichmann 5 Danach hegte er Anfang 1933 nach Salzburg versetzt und ihm einige Monate später gekündigt. eigenen Aussagen zufolge die Absicht, ein eigenes Geschäft im Bereich Schmierölhandel zu eröffnen; 6 diese Pläne gab er aufgrund der Undurchführbarkeit in der Praxis jedoch nach kurzer Zeit wieder auf. Dass es dem minder begabten und erfolglosen Adolf Eichmann in den darauf folgenden Jahren dennoch gelang, berufliches Talent zu entwickeln und zu einem der wichtigsten Männer des „Dritten Reiches“ aufzusteigen, soll im Folgenden veranschaulicht werden.
1 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 1, S. 385 sowie Eichmanns persönliche Aussagen in: von Lang (Hrsg.), 2001:
Eichmann-Protokoll, S. 13 f.
2 Vgl. Eichmanns Aussagen während der israelischen Verhöre in: von Lang (Hrsg.), 2001: Eichmann-Protokoll, S. 13.
3 Vgl. ebd., S. 15 ff.
4 Vgl. Jäckel u.a. (Hrsg.), 1998: Enzyklopädie, Bd. 1, S. 385.
5 Vgl Eichmanns Aussagen in: von Lang (Hrsg.), 2001: Eichmann-Protokoll, S. 16 ff.
6 Vgl. ebd., S. 20 f.
Arbeit zitieren:
Sylvia Dienel, 2005, Der Fall Adolf Eichmann im Pressediskurs der Bundesrepublik Deutschland und der DDR - Eine Inhaltsanalyse aktueller Berichterstattung über den Jerusalemer Eichmann-Prozess am Beispiel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und des "Neuen Deutschland", München, GRIN Verlag GmbH
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