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Einleitung
Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus?
Eine Frage, die nicht nur die Philosophie seit Jahrhunderten in Bewegung hält, sondern auch eine Frage, die sich durchaus im aktuellen (politischen) Diskurs wiederfindet. Hier kursiert sie derzeit unter dem Deckmantel der „Kapitalismuskritik“ und trägt eines der Grundprobleme zu Tage: das, der gerechten Verteilung. Bringt es einen Gesamtnutzen für alle mit sich, wenn wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich Unternehmen, Aktiengesellschaften und Banken nach ihren spezifischen Interessen ausbreiten können? Nützt es also der Gemeinschaft?
Mit in die Debatte einladen könnten wir in diesem Zusammenhang John Stuart MILL und John RAWLS, die sich mit eben diesem Grundproblem auf jeweils ihre Weise auseinandergesetzt haben. Versucht MILL eine Antwort im Utilitarismus zu finden, stellt RAWLS ihm seine Theorie der Gerechtigkeit als Fairness entgegen. Beide gehen sie also der Frage nach, wie eine Gesellschaft geschaffen oder organisiert werden sollte, um eine gerechte Gemeinschaft zu erhalten.
Aber welches Bild von „Gemeinschaft“ verbirgt sich hinter diesen Versuchen einer Antwort?
„Liebe deinen nächsten wie dich selbst!“ Diesen Leitspruch christlicher Ethik finden wir nicht nur bei Matthäus (Matth.22, 37f.), wir finden ihn auch bei MILL wieder, der dieses Zitat vorzubringen weiß, um seinen Lesern die Bestimmung des Utilitarismus näher zu bringen. 1 Diese Anlehnung an die „Goldene Regel“ legt demnach einen Grundgedanken offen, der den einzelnen Menschen nicht als isolierte Spezies begreift, sondern den Menschen vielmehr in einen sozialen Zusammenhang stellt. Ein Gedanke also, der das Individuum als ein soziales Wesen begreift, das aus sich heraus stets auch eine Verbindung zu seinen Mitmenschen sucht. Denn nach MILL ist „das gemeinschaftliche Leben dem Menschen so vertraut, daß er sich niemals [...] anders denn als das Glied eines Ganzen denkt; ...“ 2 Und das auf die utilitaristische Moral aufbauende „unerschütterliche Fundament sind die Gemeinschaftsgefühle der Menschen“, so MILL. 3
Und auch RAWLS möchte zeigen, dass „sich die Gerechtigkeit mit dem Ideal einer sozialen Gemeinschaft verbindet“. 4 Eine Gesellschaft im Sinne der Gerechtigkeit als Fairness ist für ihn „selbst eine Form der sozialen Gemeinschaft.“ 5 Mehr noch, macht RAWLS das Gelingen gesellschaftlicher Regelungen davon abhängig, ob eine Gesellschaft es schafft, das Gut der Gemeinschaft zu verwirklichen oder nicht. 6
Wir finden also sowohl im „Utilitarismus“ von MILL als auch in der „Theorie der Gerechtigkeit“ von RAWLS die ‚Gemeinschaft’ als zentrales Moment der Untersuchung wieder. Sind sich RAWLS und MILL in dieser Hinsicht dann etwa einig?
1 Mill, John Stuart. Der Utilitarismus. Phillip Reclam. Stuttgart (1976) 2004. S. 30
2 ebenda. S.54/55. Hervorhebungen von T.N.
3 ebenda. S.54. Hervorhebungen von T.N.
4 Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt (1975) 2003. S. 557. Hervorhebungen von
T.N.
5 ebenda. S. 572
6 Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt (1975) 2003. Siehe insbes.: S. 565f
Zum Begriff der Gemeinschaft bei Mill und Rawls Seite 4 von 9
Wohl kaum! So lassen sich bis auf den gleich verwendeten Begriff der „Gemeinschaft“ keine Gemeinsamkeiten im Begriff der beiden Autoren finden. Vielmehr lassen sich insbesondere anhand des Gemeinschaftsbegriffes von MILL und RAWLS zwei grundverschiedene Ansätze herausarbeiten, die letzten Endes in zwei konträre Auffassungen von einem sozialen Miteinander münden. Aus diesem Grund scheint mir eine nähere Auseinandersetzung mit dem in beiden Theorie -Entwürfen verwendetem Begriff der „Gemeinschaft“ aufschlussreich.
Ich möchte diesen Essay daher dafür nutzen, zunächst darzulegen, was bei unseren beiden Autoren unter dem Begriff der Gemeinschaft gefasst wird, um anschließend exemplarisch anhand der Erziehung als elementarer Bestandteil einer Gemeinschaft die Ausgangsthese zu stützen, dass sich hinter diesem Verständnis zwei grundsätzlich verschiedene „Gemeinschaftsideale“ verbergen. Abschließend werde ich in einer persönlichen Zusammenfassung die Auswirkungen dieser Blickrichtungen auf den Menschen als Individuum betrachten.
Zum Begriff der Gemeinschaft bei Mill und Rawls
Selbstverständlich sollte an dieser Stelle berücksichtigt werden, dass, wenn wir beide Autoren gegenüberstellen, davon ausgegangen werden muss, dass der Begriff der Gemeinschaft in der jeweils entsprechenden Theorie der Gerechtigkeit eingebettet ist und daher auch nur in seinem Gesamtzusammenhang betrachtet werden kann. Aber gerade diese Tatsache läßt es ja schließlich zu, über das Verständnis von Gemeinschaft, Teilaussagen über die Gesamttheorie zu entwickeln. Es bleibt aber immer mitzudenken, dass beide Autoren von eben nicht der real vorhandenen Gesellschaft bzw. Gemeinschaft sprechen, sondern von der jeweils durch ihre Theorie sich entfaltenden Form des menschlichen Zusammenlebens. Wir diskutieren hier also vorerst nicht die reale Wirklichkeit, sondern eine konstruierte Theorie, die selbstverständlich ihre Konsequenzen in der Realität findet, wie ich noch im abschließenden Teil aufzeigen werde.
Ferner gehe ich davon aus, dass sowohl MILL wie auch RAWLS der Begriffsunterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft keine wesentliche Bedeutung beimessen. Wie anhand der angegebenen Quellen deutlich wird, zeigt sich teilweise sogar eine identische Verwendung. Daher werde ich in diesem Essay ähnlich verfahren.
RAWLS benutzt zur Beschreibung seines Gemeinschaftsideals i.d.R. den Begriff der „wohlgeordneten Gesellschaft“, die für ihn immer auch verbunden ist mit der „Gemeinschaftsorientiertheit des Menschen“ - kurz: „dem Gemeinschaftsleben“. 7 Hierbei geht RAWLS in seinen Überlegungen über das einfache Verständnis, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das den anderen zum Überleben benötigt, hinaus und schreibt dem Menschen eine weitreichendere soziale Natur zu: „Die Menschen haben gemeinsame
7 Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt (1975) 2003. Siehe u.a. S. 567.
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letzte Ziele und betrachten ihre gemeinsamen Institutionen und Tätigkeiten als gut an sich. Sie brauchen einander als Partner in Lebensformen, die um ihrer selbst willen gewählt werden, und Erfolg und Freude der anderen sind notwendige Ergänzungen des eigenen Wohles.“
Auch MILL schreibt dem Menschen eine soziale Natur zu, die er jedoch im Gegensatz zu RAWLS stark idealisiert. So spricht er in diesem Zusammenhang auch häufig von „etwas Höherem“ 8 , einem „mächtigem natürlichen Gefühl“ 9 oder auch der „höchsten Vollkommenheit“ 10 , die sich im Gemeinschaftsgefühl ausdrückt. Und weiterhin spricht er gar von einem „tiefwurzelnden Selbstverständnis, demgemäß sich jedes Individuum schon jetzt als gesellschaftliches Wesen sieht [...]“, welches „ihm als eines seiner natürlichen Bedürfnisse erscheinen lassen (wird), die eigenen Gesinnungen und Ziele mit denen der Mitmenschen in Einklang zu wissen.“ 11
Bei RAWLS kommt die Vorstellung einer Gemeinschaft hingegen ohne einen solchen idealisierten Gemeinschaftsbegriff aus. Er gibt sich keiner Illusion hin und betont, dass die Menschen seiner Ansicht nach „zwar die Gesellschaft als ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil an(sehen), doch sie ist ebenso durch Konflikt wie durch Interessensgleichheit gekennzeichnet.“ 12 Im Gegensatz zu MILL konstruiert RAWLS kein vorhandenes wohlwollendes Ganzes, welches sich der Einzelne unterzuordnen hat, sondern setzt sogar für das Gelingen seiner Gerechtigkeitstheorie vorhandene „tiefgehende Interessensgegensätze“ voraus. D.h., RAWLS kommt mit einem Begriff von Gesellschaft aus, „ohne daß eine perfektionistische oder organizistische Vorstellung von der Gesellschaft herangezogen wird.“ 13
Wie stark MILL den Begriff der Gemeinschaft idealisiert, wird meiner Meinung nach u.a. auch an den religiös-mythischen Parallelen deutlich, die er an unterschiedlichsten Stellen zieht. So zum Beispiel, wenn er im Akt des Verzichts zum Wohle der Gemeinschaft von „Opfer“ spricht: „Die utilitaristische Moral erkennt den Menschen durchaus die Fähigkeit zu, ihr eigenes größtes Gut für das Wohl anderer zu opfern.“ 14 Es bleibt bei MILL offen, was wir hier unter dem „größten Gut“ zu verstehen haben. Unzweifelhaft ist jedoch, dass er mit der Fähigkeit, die er dem Menschen zutraut, eine eindeutige Wertung übernimmt: die Höherstellung des Ganzen. Denn zu der Fähigkeit muss es gehören, erkennen zu können, dass das Wohl der Gesamtheit das ist, wofür es sich eigentlich zu leben bzw. zu opfern lohnt. Wenn MILL hier diese Wertung nicht vornehmen wollte, ergäbe sein „Opfer“ keinen Sinn. Und allein die Tatsache, dass er die Fähigkeit zum Opfer dem Menschen „anerkennt“, bedeutet letzten Endes, dass es auch einen Sinn machen muss, dieses Opfer geben zu wollen. Und dieser Sinn liegt, wie es scheint, in der Gemeinschaft bzw. dem Wohle der Gemeinschaft. Denn, so schreibt MILL weiter, „der einzige
8 Mill, John Stuart. Der Utilitarismus. Phillip Reclam. Stuttgart (1976) 2004. Siehe u.a. S. 25.
9 ebenda. S. 54
10 ebenda. S. 30
11 ebenda. S. 58
12 Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt (1975) 2003. S.565
13 ebenda. S.565
14 Mill, John Stuart. Der Utilitarismus. Phillip Reclam. Stuttgart (1976) 2004.. S. 29
Arbeit zitieren:
Timo Nitz, 2005, Gemeinsamkeit in der Gemeinschaft?!, München, GRIN Verlag GmbH
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