Das Konzept des „Europäischen Traums“ als Vehikel eines sich partiell verändernden Begriffs des Politischen - ein Versuch über die mögliche politikwissenschaftliche Relevanz einer Gegenüberstellung des „Amerikanischen“ und des „Europäischen Traums“
1 Einleitung S. 3-4
2 Ein politikwissenschaftlicher Zugang zu „Träumen“ S. 4-5
- einige begriffstheoretische Vorüberlegungen
3 Das Konzept des „Amerikanischen“ und das des S. 5
„Europäischen Traums“ im Vergleich - Darstellung, Kritik und politikwissenschaftliche Relevanz
3.1 Das Konzept des „Amerikanischen Traums“ - Versuch S. 5-9 einer Skizze
3.2 Das Konzept des „Europäischen Traums“ - Versuch S. 9-14 einer Skizze
3.3 Eine kritische Betrachtung der politikwissenschaftlichen S. 14-16
3.4 Die dem amerikanischen und europäischen Konzept S. 17-19
4 Kontinuität im Wandel - eine veränderte Modalität des S. 20-21 Politischen und neue Probleme?
5 Literaturverzeichnis S. 22-24
2
1 Einleitung
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts läßt sich die Welt als eine Pluralität der sich auf verschiedenen Ebenen manifestierenden Risiken, Vielfalten und Interdependenzzusammenhänge charakterisieren. 1 Die jeweiligen Manifestationsebenen können subnationaler und nationaler, aber auch - und dieses trifft zunehmend zutransnationaler und globaler Art sein. Eine auf diese Weise zu charakteris ierende Welt läßt den Begriff des Politischen, als dessen Kern die „Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen“ 2 verstanden werden kann 3 , zunehmend als problematisch erscheinen. Diese Problematik des Begriffs des Politischen resultiert vor allem aus dem Gleichsetzen des Politischen mit dem Staat, der als zentraler Ort des Herstellens kollektiv verbindlicher Entscheidungen angesehen wird. 4 Der Staat - verstanden als Nationalstaat - wird zu einem wesentlichen Teil territorial definiert 5 , so daß der auf den Staat bezogene Begriff des Politischen ebenfalls einen territorial-exklusiven und daher in einer in vielfältiger Hinsicht sich pluralisierenden Welt anachronistischen Charakter aufweist. Der „Amerikanische Traum“ 6 beziehungsweise das Konzept, welches sich aus diesem extrahieren läßt, kann als ein Vehikel für diese territorial-exlkusive und vertikalhierarchisch gefaßte Variante des Begriffs des Politischen verstanden werden. In einer sich pluralisierenden Welt büßt jedoch der Nationalstaat auf subnationaler und nationaler sowie in gewisser Weise auch auf transnationaler und globaler
1 Vgl. Rifkin, Jeremy: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt am
Main, 2004. S. 9
Vgl. auch Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am
Main, 1986. S. 25.
Vgl. auch Kaiser, Karl: Zeitenwende. Dominanz und Interdependenz nach dem Irak-Krieg, in:
Internationale Politik. Nr. 5. 2003. S. 1-8. Hier: S. 1-2.
2 Vgl. Piel, Konstanze: Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft. Oder: Zur gegenwärtigen
Neubestimmung des Politischen, in: Groh, Kathrin u. Weinbach, Christine (Hrsg.): Zur Genealogie
des politischen Raums. Politische Strukturen im Wandel. Wiesbaden, 2005. S. 245-272. Hier: S.
252.
3 Der vorliegenden Untersuchung wird ein an Niklas Luhmann angelehnter funktionalistischer
Begriff des Politischen zugrundegelegt. Vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft.
Herausgegeben von André Kieserling. Frankfurt am Main, 2000. Andere Begriffe des Politischen,
wie sie beispielsweise von Christian Meier oder Carl Schmitt herausgearbeitet wurden, können im
Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht eingehender berücksichtigt werden. Vgl. Meier,
Christian: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen. 2. Auflage. Frankfurt am Main. Vgl.
Schmitt, Carl: Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien.
7. Auflage, 5. Nachdruck der Ausgabe von 1963. Berlin, 2002.
4 Vgl. Groh, Kathrin u. Weinbach, Christine: Zur Genealogie des politischen Raumes der
Demokratie, in: Groh, Kathrin u. Weinbach, Christine (Hrsg.): Zur Genealogie des politischen
Raums. Politische Strukturen im Wandel. Wiesbaden, 2005. S. 9-52. Hier: S. 10.
5 Vgl. Rifkin, Jeremy: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt am
Main, 2004. S. 183 u. S. 189.
6 Ebd. S. 19.
3
Ebene kontinuierlich Steuerungspotential und Grenzen als
Demarkationslinien nationalstaatlicher Exklusivität verlieren zunehmend an Bedeutung. Daher scheint das Konzept des „Amerikanischen Traums“ und mit diesem die skizzierte Variante des Begriffs des Politischen als problematisch. Nach Jeremy Rifkin läßt sich am Anfang des 21. Jahrhunderts das Heraufdämmern eines zwar noch diffusen „Europäische(n) Traum(s)“ 8 , welcher ebenfalls in Form eines Konzeptes systematisiert werden kann, als eine potentielle Alternative zum „Amerikanischen Traum“ konstatieren. Rifkin zufolge scheint dieses europäische Konzept eher als sein amerikanisches Pendant mit der Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts kompatibel.
In Anbetracht der skizzierten Problematik kann die nachfolgende leitende Fragestellung formuliert werden: Inwieweit kann das europäische Konzeptherausgearbeitet auf der Grundlage der Rifkin´schen „Traumdarstellungen“ähnlich dem amerikanischen Konzept als Vehikel einer bestimmten Variante des Begriffs des Politischen bezeichnet werden und inwieweit sind die beiden Varianten des Begriffs des Politischen voneinander zu unterscheiden und demnach eine bestimmbare Veränderung des B egriffs des Politischen aus der Konzeptgegenüberstellung herauszuarbeiten? Der Bearbeitung dieser
Fragestellung wird nachfolgende Hypothese zugrundegelegt: Das Konzept des „Europäischen Traums“, welches auf der Grundlage der Rifkin´schen Darstellungen des „Europäischen Traums“ herausgearbeitet werden kann, kann als Vehikel eines sich partiell verändernden Begriffs des Politischen verstanden werden.
2 Ein politikwissenschaftlicher Zugang zu „Träumen“ - einige begriffstheoretische Vorüberlegungen
Da Rifkin kollektive „Träume“ herausarbeitet und einander gegenüberstellt, welche aus politikwissenschaftlicher Perspektive betrachtet diffus und analytisch nur schwer fruchtbar zu machen sind, ist es sinnvoll, diese kollektiven „Träume“
7 Vgl. Groh, Kathrin u. Weinbach, Christine: Zur Genealogie des politischen Raumes der
Demokratie, in: Groh, Kathrin u. Weinbach, Christine (Hrsg.): Zur Genealogie des politischen
Raums. Politische Strukturen im Wandel. Wiesbaden, 2005. S. 9-52. Hier: S. 9.
8 Rifkin, Jeremy: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Frankfurt am
Main, 2004. S. 22.
4
auf ihren für die Fragestellung wesentlichen Gehalt zu reduzieren und in Bezug auf ihre innere Struktur zu systematisieren, wobei dieser Versuch in Bezug auf den „Amerikanischen Traum“ um Darstellungen von Samuel P. Huntington ergänzt werden soll. Diese reduzierten und systematisierten „Träume“ werden nachfolgend als Konzepte bezeichnet.
Sowohl der „Amerikanische“ als auch der „Europäische Traum“ weisen - wenn auch diffus - zentrale Auffassungen von Raum, Autonomie, Freiheit oder Sicherheit auf. Daraus lassen sich analytisch verwendbare Varianten korrespondierender Begriffe des Raums, der Autonomie, der Freiheit oder der Sicherheit extrahieren. Es wird beispielsweise zwischen einer bestimmten Auffassung von Freiheit im Rahmen des „Amerikanischen Traums“ und einer bestimmten Variante d es Freiheitsbegriffs im Kontext des amerikanischen Konzepts unterschieden. Nachfolgend ist demnach die diffuse Ebene des „Traums“ und der Auffassungen von der des Konzepts und der Begriffsumrisse zu unterscheiden.
3 Das Konzept des „Amerikanischen“ und das des „Europäischen Traums“ im Vergleich -Darstellung, Kritik und
politikwissenschaftliche Relevanz
Um die zugrundeliegende Fragestellung angemessen bearbeiten zu können, ist es sinnvoll, sowohl das Konzept des „Amerikanischen Traums“ als auch das des entstehenden „Europäischen Traums“ ausgehend von Rifkin zunächst separat zu analysieren. Darauf aufbauend werden beide Konzepte einer kritischen Überprüfung unterzogen und die aus ihnen extrahierbaren Begriffe des Politischen vergleichend betrachtet.
3.1 Das Konzept des „Amerikanischen Traums“ - Versuch einer Skizze
Der „Amerikanische Traum“ kann nicht als Einheit aufgefaßt werden. Er ist vielmehr aus verschiedenen von zahlreichen Amerikanern gemeinsam geteilten Ideen , die sich in unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Kontexten herausgebildet und weiterentwickelt haben, zusammengesetzt. Bezogen auf diese
5
Entwicklungskontexte kann der „Amerikanische Traum“ als ein Amalgam aus Ideenfragmenten der Reformation und der Aufklärung, die in Amerika zu einer spezifischen Ausformung gelangten, verstanden werden: „Generationen von Amerikanern [...] (lebten; Anm. d. Verf.) sowohl die Reformation als auch die Aufklärung in jeweils reinster Form simultan aus und wurden zu den frömmsten Protestanten sowie d en entschiedensten Naturwissenschaftlern zugleich und unterwarfen sich der Herrschaft des Privateigentums, des Marktkapitalismus und der Ideologie des Nationalstaats.“ 9 Der „Amerikanische Traum“ ist demnach als das Resultat des Transfers ursprünglich europäischer Vorstellungen auf den amerikanischen Kontinent zu verstehen. Losgelöst von ihren ursprünglichen historischen und gesellschaftlichen Entstehungskontexten entwickelten sich diese Vorstellungen in den Vereinigten Staaten von Amerika weiter. Der „Amerikanische Traum“ ist somit ein sehr alter - ursprünglich von Europa ausgehender - „Traum“. 10 Das korrespondierende Konzept variiert bestimmte Fassungen der Begriffe „Raum“ und „Zeit“ sowie Umrisse einer bestimmten Variante des Eigentumsbegriffs. Die darüber hinausgehenden Kernelemente des amerikanischen Konzepts sind bestimmte Varianten des Freiheits- und mit diesem zusammenhängend des Sicherheitsbegriffs, ferner die Überzeugung zahlreicher Amerikaner, Angehörige eines von Gott auserwählten Volkes zu sein, ein mitunter aus dieser Überzeugung hervorgehender Patriotismus samt einer protestantischen Arbeitsethik. 11
Amerikaner „verstehen mehr als jedes andere Volk unter Freiheit vor allem Autonomie und Mobilität.“ 12 Sowohl der Begriff der Autonomie als auch jener der Mobilität werden dabei individuell gefaßt. „Autonom zu sein heißt, unabhängig und anderen nicht verpflichtet zu sein. Mobilität eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten.“ 13 Diese beiden letztgenannten Begriffe sind ebenfalls die Kernelemente der amerikanischen Fassung des Sicherheitsbegriffs, der seinerseits ebenfalls strikt individuell definiert wird. „In den Weiten des Westens, wo man nur selten Menschen traf und die Naturgewalten einen bedrohten, bedeutete es
9 Ebd. S. 99.
10 Vgl. Ebd. S. 99-100.
11 Vgl. Ebd. S. 19-46 u. S. 104.
Vgl. auch Huntington, Samuel P.: Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität. Hamburg,
2004. S. 70-73.
12 Ebd. S. 104.
13 Ebd. S. 104.
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Oliver Westerwinter, 2005, Das Konzept des 'Europäischen Traums' als Vehikel eines sich partiell verändernden Begriffs des Politischen - ein Versuch über die mögliche politikwissenschaftliche Relevanz einer Gegenüberstellung des 'Amerikanischen' und des 'Europäischen Traums', München, GRIN Verlag GmbH
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