II
Vorwort
Das Thema Korruption ist aus den weltweiten Schlagzeilen nicht mehr wegzudenken. Allerdings bedarf es bei diesem schweren Problemkomplex, der in der Literatur auch gerne als „Krebsgeschwür“ betitelt wird, nicht nur der Kenntnisnahme und Besorgnis, sondern gerade auch intensiven Anstrengungen bzgl. der Bekämpfung. Nahezu jedem ist der Begriff Korruption geläufig und wird mit Schmiergeldern und Bestechungen im Wirtschaftsleben und der Politik assoziiert. In den westlichen Industrieländern ist der Schaden der Korruption keinesfalls zu verachten, jedoch tangiert er die wenigsten Menschen direkt. Bzgl. der ärmsten Länder der Welt fehlt es der Welt allerdings am Bewusstsein, dass Korruption als eines der schwerwiegendsten Entwicklungshemmnisse vieler Entwicklungsländer anzusehen ist und die Auswirkungen dieser ins Unermessliche gehen. An diesem Punkt setzte meine Arbeit an, bei der es über drei Monate hinweg meine Aufgabe war, das Phänomen Korruption aus der polit-ökonomischen Perspektive am Beispiel Sub-Sahara Afrikas zu analysieren und Chancen der Bekämpfung aufzuzeigen. Bevor ich all denen Menschen danken möchte, die mir mit Rat und Tat in dieser Zeit zur Seite standen, möchte ich einen besonderen Dank an Prof. Dr. Freytag und meinen Betreuer Gernot Pehnelt aussprechen, die mich an dieses Thema herangeführt haben und mir jederzeit mit konstruktivem Gesprächen und Abstimmungen bzgl. inhaltlicher Unklarheiten sowie für alle weiteren Hilfestellungen zur Seite standen. Für die Unterstützung bei der Anfertigung bzw. dem endgültigen Abschluss dieser Arbeit möchte ich mich bei Tom Brökel, Nicole Meßmer, Simon Renaud und Kristina Tonndorf hinsichtlich der kritischen Durchsicht des Manuskripts bzgl. inhaltlicher und formaler Aspekte herzlichst bedanken. Ihre Hinweise auf Fehler und ihre Verbesserungsvorschläge haben diese Arbeit bereichert.
Ich möchte abschließend nicht versäumen, mich bei Menschen zu bedanken, die mir die schweren Phasen in der Arbeitszeit erleichtert haben, indem sie mir als Freunde zur Seite standen. Diesen Dank möchte ich besonders an meinen engsten Freundeskreis 'vor Ort' adressieren. In diesem Sinne: Danke Andreas, Franzi, Kristina, Nadja und Stephan!
Ein ganz besonderer Dank gehört meinen Eltern, denen ich es nicht zuletzt mit zu verdanken habe, dass ich mich so umfangreich und ungestört meinem Studium und dieser Arbeit widmen konnte. Yvonne Schindele Jena, den 29.10.2004
III
Inhaltsverzeichnis
Vorwort II
Inhaltsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis. V
Tabellenverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis. VI
1. Einleitung. 1
1.1 Einführung in das Thema. 1
1.2 Methodik und Vorgehensweise 2
2. Was ist Korruption? 3
2.1 Begriffsbestimmung 3
2.2 Formen der Korruption. 3
3. Erklärungsansätze der Korruption 5
3.1 Theoretische Modelle 5
3.1.1 Rechtliche Erklärungsansätze 6
3.1.2 Soziologische Erklärungsansätze. 6
3.1.3 Funktionalistisch-modernisierungstheoretische Ansätze 6
3.1.4 Ökonomische Theorieansätze. 7
3.1.4.1 Principal-Agent-Theorie. 7
3.1.4.2 Allokationstheorie. 9
3.1.4.3 Spieltheorie. 12
3.1.4.4 Public Choice. 13
3.2 Konkrete Ursachen der Korruption 14
3.2.1 Individualistische Perspektive. 14
3.2.2 Systemische Perspektive 15
3.3 Zwischenfazit. 17
4. Konsequenzen der Korruption. 18
4.1 Korruption als Schmierstoff’ 18
4.2 Effizienz. 20
4.2.1 Investitionsrate und Wachstum. 22
4.2.2 Internationaler Handel 24
4.2.3 Staatsausgaben 25
4.3 Schattenwirtschaft 25
IV
4.4 Einkommensverteilung und Armut 26
4.5 Anreizstrukturen. 28
4.6 Zwischenfazit. 28
5. Korruption in Sub-Sahara Afrika 29
5.1 Korruption und Entwicklungsstand. 29
5.2 Spezifische Ursachen in Sub-Sahara Afrika 29
5.2.1 Soziokulturelle Ursachen. 30
5.2.2 Politische und ökonomische Ursachen. 31
5.2.3 Externe Ursachen. 33
5.3 Auswirkungen der Korruption auf Sub-Sahara Afrika 34
5.3.1 Positive’ Auswirkungen. 34
5.3.2 Negative Auswirkungen. 37
6. Chancen der Korruptionsbekämpfung. 40
6.1 Maßnahmen der Korruptionsbekämpfung auf nationaler Ebene 41
6.1.1 Politischer Wille. 42
6.1.2 Politische Rechenschaftspflicht. 42
6.1.3 Partizipation der Zivilgesellschaft. 44
6.1.4 Administrative Reform. 45
6.1.5 Überwachungsinstitutionen. 49
6.1.6 Unabhängige und effektive Judikative 50
6.1.7 Korruptionsbekämpfung in Sub-Sahara Afrika. 51
6.2 Maßnahmen der Korruptionsbekämpfung auf internationaler Ebene. 53
6.2.1 Internationale Organisationen 53
6.2.1.1 Weltbank. 54
6.2.1.2 IMF. 55
6.2.1.3 ICC. 55
6.2.1.4 WTO 56
6.2.2 Internationale Nichtregierungsorganisationen 58
6.2.3 Korruptionsbekämpfung mittels Konditionalität. 60
7. Schlussbetrachtung. 63
Anhang. 65
Literaturverzeichnis 74
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Entscheidungsbaum des Agenten. 8
Abbildung 2: Das optimale Maß an Korruption. 66
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Typisierung der Korruptionsformen. 65
Tabelle 2: Charakteristische Merkmale der Korruption: 65
Tabelle 3: Strategiekombinationen. 67
Tabelle 4: Korrelationskoeffizienten verschiedener KorruptionsIndizes. 68
Tabelle 5: Corruption Perception Index (CPI) 2004 69
Tabelle 6: Korruptionsformen und Entwicklung im Ländervergleich. 72
Tabelle 7: Konsum-/Einkommensarmut basierend auf der nationalen Armutslinie 73
VI
Abkürzungsverzeichnis
APEC Asia-Pacific Economic Cooperation BI Business International BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BPI Bribe Payers Index CHRAJ Commission on Human Rights and Administrative Justice CDG Center for Democracy and Governance CPI Corruption Perceptions Index DL Dienstleitungen DVPW Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft EL Entwicklungsländer EU Europäische Union FCPA Foreign Corrupt Practices Act FDI Foreign Direct Investment (Ausländische Direktinvestitionen) GATT General Agreement on Tariffs and Trade (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) GCA Global Coalition for Africa (Globale Koalition für Afrika) GCR Global Corruption Report GDP Gross Domestic Product (BIP: Bruttoinlandsprodukt) GPA Governmental Procurement Agreement ICAC Independent Commission Against Corruption (Unabhängige Kommission gegen Korruption) ICC International Chamber of Commerce (Internationale Handelskammer) IMF International Monetary Fund (Internationaler Währungsfond) IP Integritätspakt NGO Non Governmental Organisation (Nichtregierungsorganisation)
VII
NIS National Integrity System (Nationales Integritätssystem) OAS Organisation amerikanischer Staaten OECD Organisation for Economic Co-operation and Development PAC Public Account Committee PRS Political Risk Services SSA Sub-Sahara Afrika TI Transparency International UN United Nations (Vereinte Nationen) WB Weltbank WTO World Trade Organisation (Welthandelsorganisation)
1
1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
Das weltweit beobachtete ‚Krebsgeschwür’ Korruption ist so alt wie die Menschheit, allerdings tritt es von Land zu Land, von Kultur zu Kultur in Intensität, Erscheinungsform und Akzeptanz unterschiedlich auf.
Der entscheidende Unterschied liegt sowohl in den Ursachen als auch in den Konsequenzen der Korruption und bedingt folglich eine länderspezifische Korruptionsbekämpfung. In den Industrienationen haben die vereinzelt auftretenden Korruptionsfälle kaum Auswirkungen auf die wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit. In den Ländern Sub-Sahara Afrikas (SSA) hingegen ist die endemische Korruption ein zentrales Entwicklungshemmnis. 1 Dabei wirkt gerade in SSA die stark verbreitete Korruption ausgesprochen negativ auf das Entwicklungspotential dieser Gesellschaften, so dass einige afrikanische Staaten als ‚Kleptokratien’ 2 bezeichnet werden können. Insgesamt konnte der Schaden für Afrika im August 2004 auf $148 Milliarden jährlich geschätzt werden, was 25% des GDP entsprach und die Preise der Güter um ca. 20% erhöhte (Ekwujuru 2004). Der Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International (TI) zeigt, dass sich die meisten Länder SSAs im obersten Drittel der korruptesten Länder befinden, Nigeria bspw. liegt seit 1996 auf dem ersten oder zweiten Platz dieser Rangliste.
In der entwicklungspolitischen Debatte war der Problemkomplex Korruption lange Zeit ein Tabuthema. In den letzten Jahren erfolgte jedoch ein Stimmungswandel was u. a. durch Diskussionen innerhalb der Institutionen die sich für eine Bekämpfung der Korruption engagieren (z. B. Vereinten Nationen (UN), Weltbank (WB), Internationalen Währungsfond (IMF), Europäischen Union (EU)) und die eingeleiteten Maßnahmen belegt werden kann. Somit werden die Gefahren und Folgen der Korruption für die Entwicklungsländer (EL) und dessen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft nicht mehr als sekundäres Thema betrachtet, sondern stehen zuoberst auf der Traktandenliste der internationalen Organisationen und Gremien. 3
1 Es gibt innerhalb der entwicklungspolitischen Diskussion Schätzungen, die besagen, dass mehr als ein Drittel
sämtlicher Schulden der Entwicklungsländer aus korrupten Geschäften resultieren und zu weißen Elefanten
und Entwicklungsruinen geführt haben (Eigen 1995, S. 165).
2 Der Begriff Kleptokratie wurde in den 60er Jahren von Andreski (1968) geprägt, um die korrupten Herr-
schaftsformen in den westafrikanischen Staaten zu charakterisieren (Körner 1988, S. 3).
3 Für das gestiegene Interesse der Industrieländer an der Bekämpfung der Korruption in den EL spielt der
Schaden der eigenen Interessen durch die dortige Korruption ebenfalls eine gewichtige Rolle (Pieth 1998, S.
29).
2
1.2 Methodik und Vorgehensweise
Aus dem Titel ‚Korruption und Chancen der Korruptionsbekämpfung - eine politökonomische Analyse am Beispiel Sub-Sahara Afrikas’ lassen sich die beiden großen Komponenten der Arbeit erschließen. Zum einen geht es um die Analyse der Korruption im subsaharischen Afrika, der eine intensive Diskussion der allgemeinen Grundlagen des Phänomens vorausgeht. Zum anderen bedarf es der Betrachtung der Chancen der Korruptionsbekämpfung. Dabei liegt der Fokus der Arbeit auf Korruption im öffentlichen bzw. zwischen öffentlichem und privatem Sektor und bezieht sich nicht explizit auf Korruption innerhalb des privaten Sektors, da mögliche Korruptionsbekämpfungsmaßnahmen im öffentlichen Sektor einfacher anzusetzen sind und ein Eingreifen in die Wirtschaft und die damit meist negativ einhergehenden Folgen verhindert werden können. In Kapitel 2 erfolgt eine knappe Einführung in die Korruptionsproblematik in Form von Begriffsbestimmung (Kapitel 2.1) und Darstellung der verschiedenen Korruptionsformen (Kapitel 2.2). Ein Defizit der Korruptionsforschung besteht in dem Fehlen einer allgemeingültigen ‚Theorie der Korruption’, die das Phänomen erklären kann. Kapitel 3 beschreibt daher zunächst Versuche Korruption mittels bewährter theoretischer Modelle zu erklären (Kapitel 3.1) und schließt mit der Analyse konkreter Ursachen aufgeteilt in zwei sich bedingende Ursachenperspektiven, die individualistische und systemische Perspektive (Kapitel 3.2). Kapitel 4 stellt die Konsequenzen der Korruption zunächst allgemein dar, indem zuerst die funktionalistische Perspektive (Kapitel 4.1) vorgestellt wird, die dann aber in den darauf folgenden Kapiteln (Kapitel 4.2 bis 4.5) mittels stichhaltiger Argumentation und empirischer Ergebnisse widerlegt wird.
In Kapitel 5 geht es um die Darstellung der Korruption in den sub-saharischen Staaten Afrikas. Nach einer einleitenden Untersuchung der Abhängigkeit von Korruption und dem Entwicklungsstand eines Landes (Kapitel 5.1) werden in Kapitel 5.2 die spezifischen Ursachen für Korruption analysiert, um dann analog zu Kapitel 4 zunächst die ‚positiven’ Auswirkungen (Kapitel 5.3.1) und dann die negativen Auswirkungen (Kapitel 5.3.2) darzulegen. In Kapitel 6 werden Möglichkeiten zur Korruptionsbekämpfung dargestellt, indem unterschieden wird zwischen anzustrebenden Maßnahmen im nationalstaatlichen Kontext (Kapitel 6.1) und jenen auf internationaler Ebene (Kapitel 6.2). Kapitel 7 schließt mit einer kritischen Schlussbetrachtung der aus der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse.
3
2. Was ist Korruption?
2.1 Begriffsbestimmung
Die Korruption 4 ist ein schwer zu fassendes und komplexes Phänomen welches sich nicht anhand einer einzigen Definition erklären lässt. Konsens besteht allerdings darüber, dass „corruption refers to acts in which the power of public office is used for personal gain in a manner that contravenes the rules of the games” (Jain 2001, S. 73). Ziel ist es im Folgenden, anhand der verschiedenen in der Literatur gegebenen Definitionen, eine geeignete Arbeitsdefinition zu finden, die zum einen der politökonomischen Analyse gerecht wird und zum anderen der Anwendung auf SSA dient. Im engeren Sinn bedeutet dies, dass neben dem öffentlichen Sektor auch der private Sektor in Betracht gezogen wird. 5 Weiterhin wird zum administrativen Bereich auch die politische Ebene hinzugefügt. 6 Neben der Integration der legalistischen Komponente muss die Definition auf SSA anwendbar sein, d .h. spezifische kulturelle Besonderheiten berücksichtigen und somit eine rein westlich geprägte Sichtweise ausschließen. Michael Johnstons (1993) Ansatz erfüllt alle genannten Anforderungen und wird im Folgenden als Arbeitsdefinition herangezogen: „[Corruption is] the abuse of public office or resources, by officials or by the private parties who seek to influence them, for private benefit - with ‚abuse’ being identified by legal or cultural standards” (Johnston 1993, S. 192).
2.2 Formen der Korruption
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten Korruption zu typisieren. Vertikal kann eine Typisierung nach der Ebene vorgenommen werden. Auf Regierungsebene wird der Staat von den herrschenden Eliten als Beute für klientelistische Strukturen betrachtet (BMZ 2002, S.7), die auch als ‚grand corruption’ bezeichnete Form bezieht sich demnach auf Handlungen der politischen Elite, die ihre Macht ausnutzt um Wirtschaftspolitik zu betreiben. Diese Form von Korruption ist einerseits nur schwer zu identifizieren und dadurch auch kaum messbar, anderseits birgt sie schwerwiegendste Konsequenzen (Jain 2001, S. 73), auf die in Kapitel 4 eingegangen wird. Die ‚petty corruption’ 7 bezieht sich auf die Ebene der Schnittstelle von Bürger und Staat und beschreibt Situationen, in denen Bürger den Amtsträgern
4 Aus dem Lateinischen: corrumpere = verderben, vernichten (Langenscheidt 1996, S. 105).
5 Zwar wird Korruption meist mit dem öffentlichen Sektor in Verbindung gebracht, jedoch ist sie im privaten
Bereich ebenso präsent. Tatsache ist, dass der private Sektor an der überwiegenden Anzahl der Korruptionsfäl-
le im staatlichen Bereich beteiligt ist (Klitgaard 1998, S. 4).
6 Die Eingliederung der politischen Komponente ist von entscheidender Bedeutung, da hiermit neben den
öffentlich Bediensteten auch die politischen Amtsträger berücksichtigt werden, was im Angesicht steigender
Einflussnahme der politischen Eliten auf die Gesellschaft (Etzioni-Halevy 1989, S. 287ff.) enorm wichtig ist.
7 Die ‚petty corruption’ wird oft auch als bürokratische Korruption bezeichnet (siehe Jain (2001), S. 75; OECD
(1997), S. 11).
4
kleinere Summen übermitteln, um eine bestimmte Dienstleistung, auf die sie einen Anspruch haben, zu erhalten, oder um gewisse bürokratische Prozesse zu beschleunigen. Die Bezeichnung ‚Kleinkorruption’ ergibt sich aus der relativ niedrigen Korruptionssumme, die aber nicht im Verhältnis zu den Konsequenzen steht, die sich für die Bevölkerung und für das Verhältnis von Staat und Bürger ergibt (BMZ 2002, S.7). Ebenfalls unter diese Kategorie fallen Schmiergelder im Rechtswesen, wie beispielsweise Zahlungen die das Strafmaß mildern (Jain 2001, S. 75). Auf der Ebene des politischen Gemeinwesen findet sich die politische (BMZ 2002, S.7) bzw. die legislative Korruption. Diese bezieht sich auf die Art und Weise sowie das Ausmaß in welcher das Verhalten der Regierung durch Unterstützung bei Wahlen beeinflusst wird. Die Legislative kann von Interessengruppen korrumpiert werden um solche Gesetze zu erlassen, die die ökonomischen Renten und Gewinne zu ihren Gunsten ändern. Diese Form beinhaltet u. a. auch das so genannte ‚vote bying’ bzgl. der Regierung im Sinne einer Wiederwahl wie auch bei Amtsträgern in der Exekutive um bestimmte Gesetze verabschieden zu können ( Jain 2001, S. 75). Rose-Ackerman (1978) unterscheidet zusätzlich zu den drei oben genannten Formen zwischen ‚low-level’ und ‚high-level’ Korruption, die sie ausführlich mittels eines Models darstellt. Hier sei nur knapp auf die Bedeutung der beiden Formen eingegangen. Ersteres beschreibt ein einfaches Bürokratiemodell bei dem Korruption nur auf der unteren Ebene (low-level) vorkommt. In diesem Fall ist jeder Amtsträger nur ein kleiner Teil der Organisation und handelt in der Form rational, dass er sich weigert die Beziehung zwischen der individuellen Handlung und der Entscheidung der Legislative über das Behördenbudget mit in Betracht zu ziehen. Analog zu einem Preisnehmer bei vollkommener Konkurrenz sind diese Amtsträger Budget-Nehmer, wenngleich sie auch monopolistische Macht gegenüber den Behördenklienten haben können. So wie Unternehmen bei vollkommener Konkurrenz keinen Einfluss auf die Höhe des Preises haben, so hat auch der Beamte keinen unabhängigen Einfluss auf das Budget. Es können zwei Typen der ‚low-level’- Korruption unterschieden werden: Bestechungen, welche die marginalen Budgetkosten der öffentlichen Dienstleistungen (DL) erhöht und welche, die diese Kosten reduzieren. Im Fall der high-level Korruption gilt die Annahme vollständig passiver ‚high-level’-Bürokraten, die sich über ihren Einfluss auf die Entscheidungen der Legislative bewusst sind. Sie geben einzig und allein Informationen über die Kosten der DL an die Legislative weiter, welche wiederum die endgültigen Entscheidungen über den Output und das Budget trifft. Somit können ‚high-level’- Bürokraten den möglichen Einfluss der Korruption auf das bereitgestellte Budget und der legislativen Nachfrage des Outputs der Behörde selbst festlegen. Des Weiteren wird von der Annahme ausgegangen, dass das Ziel der ‚high-level’ Bürokraten die Maximierung des persönlichen monetären Gewinns ist und aufgrund dessen drei der
5
möglichen legislativen Mandate anstreben: ein gepolstertes Budget, die Höchstquote an bürokratischem Output oder ein Unmaß an ‚red tape’ (überzogenes Maß an Bürokratie) welches wiederum den ‚Kunden’ auferlegt werden soll (Rose-Ackermann 1978, S. 60 ff.). Im Zuge der horizontalen Perspektive unterscheidet Brünner (1981) zwischen der Korruption im öffentlichen Sektor und der Korruption im privatwirtschaftlichen Bereich. Öffentliche Korruption liegt im Fall korrupter Aktivitäten von beispielsweise Regierungsmitgliedern oder Beamten vor. Dabei spielt es, solange der Bestochene selbst ein öffentliches Amt bekleidet, keine Rolle ob der Bestechende privat oder im öffentlichen Amt ist. Privatwirtschaftliche Korruption liegt vor, wenn Angestellte oder Beauftragte eines Unternehmens im Zusammenspiel mit anderen Unternehmen der Korruption verfallen (Brünner 1981, S. 681).
Neben der Typisierung nach der Ebene können verschiedene Formen der Korruption nach ihrer Ausprägungsart unterschieden werden. Eine ausführliche Erläuterung der Haupt-formen zeigt Andvig (2000) welche hier verkürzt dargestellt werden: Bestechung, Unterschlagung und Veruntreuung, Betrug und Erpressung (Andvig 2000, S. 14 f.). Wird nach der Häufigkeit der Korruption differenziert, kann zwischen drei Formen unterschieden werden: gelegentliche Korruption, systematische Korruption und systemische Korruption (Riley 1993, S. 251ff.). Die verschiedenen Ansätze der Typisierung von Korruption lassen sich in einer Tabelle zusammenfassen, die im Anhang (Tabelle 1) dargestellt ist.
Alatas (1986) stellte weiter die Frage, anhand welcher Merkmale auf Korruption geschlossen werden kann. Hierfür arbeitete er neun charakteristische Merkmale heraus die im Anhang unter Tabelle 2 dargestellt werden.
3. Erklärungsansätze der Korruption
Im Anschluss an die Analyse einer geeigneten Arbeitsdefinition und der Formen der Korruption wird nun mit Hilfe von theoretischen Erklärungsansätzen die Korruption analysiert. Anschließend erfolgt eine allgemein gehaltene Darstellung der Korruptionsursachen auf Basis empirischer Daten.
3.1 Theoretische Modelle
In der Wissenschaft existiert keine allgemein anerkannte ‚Theorie der Korruption’, stattdessen wird versucht mittels bewährter Modelle Korruption zu erklären. Die geläufigsten theoretischen Erklärungsansätze lassen sich in Anlehnung an Jakobeit (1997) in rechtliche,
6
ökonomische, soziologische, polit-ökonomische und funktionalistisch-modernisierungs-theoretische Ansätze einteilen (Jakobeit 1997, S. 376 ff.). 3.1.1 Rechtliche Erklärungsansätze
Nicht vorhandene oder nur ineffizient implementierte Gesetzesvorschriften werden bei diesen Erklärungsansätzen als Ursache für das Entstehen von Korruption angesehen. Sind auf nationaler wie auch internationaler Ebene keine Gesetze gegen Korruption verankert, so fördert dies unweigerlich die Korruption im In- und Ausland. Doch das Vorhandensein allein genügt zur Prävention nicht. Es bedarf weiterhin einer funktionsfähigen, unabhängigen und effizienten Justiz, die Entscheidungen durchsetzen und die dafür nötigen finanziellen Ressourcen für die Vollstreckung wie auch qualifiziertes Personal vorweisen kann (Weltbank 1997a, S. 116). Weitere juristische Grundlagen sind unerlässlich um gegen Korruption entgegenwirken zu können: faires Wahl- und Steuerrecht, Satzungen und Ge-schäftsordnungen von Parlamenten wie Parteien und rechtlich institutionalisierte Kontrollinstanzen (Jakobeit 1997, S. 376 f.). 3.1.2 Soziologische Erklärungsansätze
In Anlehnung an Max Weber (1964) erklären die soziologischen Erklärungsansätze Korruption als Situation, in der bestimmte Bedingungen für eine funktionierende Bürokratie 8 nicht gegeben sind (Weber 1964) und setzen diese in Kontrast zu traditionellen Strukturen (Stephan 1994, S. 21ff.). In vielen EL steht nicht die Loyalität gegenüber dem Staat oder dem Unternehmen im Mittelpunkt, sondern die Verpflichtung gegenüber Familie, der Clique oder eigenen ethnischen Gruppen. Dabei heben die soziokulturellen Erklärungsansätze die Bedeutung des leistungsorientierten Individualismus und die Förderung ohne Ansehen der jeweiligen Person in westlichen Staaten hervor (Jakobeit 1997, S. 377f.). Analog dazu sollte eine moderne Verwaltung nach westlichem Vorbild aufgebaut werden, da die traditionellen Werte wie Gruppensolidarität und enge Bindung an die Familie, in den EL Korruption hervorrufen.
3.1.3 Funktionalistisch-modernisierungstheoretische Ansätze Im Gegensatz zu den anderen Ansätzen wird Korruption hier nicht als Entwicklungshemmnis sondern als ‚Gegebenheit des Lebens’ in traditionellen Gesellschaften, die nur
8 Diese Bürokratie wird von hierarchisch angeordneten Beamtenkorps geleitet, die aus objektiven Kriterien,
wie beruflichen Qualifikationen und Berufserfahrung rekrutiert und befördert werden, die mit einem regulären
Gehalt entsprechend der Position und Qualifikation bezahlt werden, und die klar definierten gerichtlichen
Ebenen mit eindeutig festgelegten Regeln und Prozessen zugeordnet sind. Die wichtigsten charakterlichen
Merkmale sind Objektivität, Sachlichkeit und vor allem die strikte Trennung von Amtsinhaber und Angestell-
ten (Theobald 1990, S. 2).
7
durch konsequente Lern- und Modernisierungsprozesse bezwungen werden können, angesehen (Jakobeit 1997, S. 378). Korruption wird somit als Fördermittel für den Modernisierungsprozess und das Wirtschaftswachstum gesehen, da verkrustete rückständige Strukturen aufgebrochen werden, welches dem Transaktionskostensenkungsansatz entspricht. Im Mittelpunkt der funktionalistischen Korruptionstheorie steht der Nutzen der Korruption, der zur gesellschaftlichen Stabilität beiträgt (Noack 1985, S. 20f. oder Huntington 1968, S. 69). Die funktionalistisch-modernisierungstheoretischen Ansätze beschäftigen sich dabei weniger mit der Entstehung von Korruption als mit deren Resultaten und Auswirkungen. 3.1.4 Ökonomische Theorieansätze
Ökonomische Theorieansätze bzw. Modelle versuchen den Grad an Korruption in einer Gesellschaft zu erklären, indem sie sowohl Anreize als auch Abschreckungsfaktoren von Korruption einbeziehen. Die Beteiligten müssen sich Problemen wie der Informationsasymmetrie und Unsicherheit, sowie den Risiken, die in korrupten Transaktionen zu finden sind, annehmen. Die in der Literatur vorherrschenden ökonomischen Theorieansätze gehen zurück auf das korruptionsbezogene Principal-Agent Modell von Rose-Ackerman (1978), welches die ‚grand corruption’ und die legislative Korruption erklärt, und auf den Ansatz der Ressourcenallokation der die ‚petty corruption’ erklärt (Jain 2001, S. 85). Weitere Ansätze erklären die Korruption zum einen mit Hilfe der Spieltheorie (Kapitel 3.1.4.3), und zum anderen mit Hilfe der Public Choice (Kapitel 3.1.4.4). 3.1.4.1 Principal-Agent-Theorie
Zurückgehend auf die Pionierarbeit von Rose-Ackerman (1978) bietet das Principal-Agent-Modell, das von Klitgaard (1988) zum Principal-Agent-Client-Modell erweitert worden ist, einen geeigneten Rahmen um Korruption zu analysieren. Das Principal-Agent-Modell wird zum einen auf Situationen der Informationsasymmetrie angewandt, in der der Principal versuchen muss gewisse Anreizstrukturen zu schaffen, damit der Agent sich konform verhält, und zum anderen auf Situationen, in denen es dem Principal nicht möglich ist die Agenten voll zur Rechenschaft zu ziehen und er somit keine Kontrollmöglichkeit aufgrund prohibitiv hoher Kosten hat (Jain 2001, S. 86).
Ausgangspunkt dieses Modells sind zum einen der Principal (ein Vorgesetzter oder Auftraggeber) der seine Präferenzen, die seine gewünschten Ergebnisse spezifizieren, ausdrückt. Auf der anderen Seite steht der Agent, der dem Principal unterstellt ist, und dem das Erreichen der gewünschten Ergebnisse aufgetragen ist. Der Principal erwartet vom Agenten, dass sich dieser voll und ganz für die Auftragserfüllung einsetzt, also nicht seine eigenen Ziele, sondern die Ziele des Principals verfolgt. Jedoch hat der Agent einen gewissen Spielraum bzw. Informationsvorsprung, da er sein eigenes Verhalten im Hinblick auf Er-
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folg besser beurteilen kann. Diese Informationsasymmetrie kann er nutzen, um durch entsprechendes Handeln (‚shirking’) seine eigenen Interessen zu Ungunsten des Principals durchzusetzen - was als korrupt bezeichnet wird. Es folgt der Moment in dem der finanzielle Aspekt ins Licht rückt: eine dritte Person, der Client, der von den Handlungen des Agenten profitieren kann, versucht dessen Entscheidungen mit finanziellen Mitteln zu beeinflussen, ohne dass diese Mittel an den Principal übergehen (Rose-Ackerman 1978, S. 6). Um aus diesen Annahmen ein ökonomisches Modell zu formulieren muss folgende Prämisse gelten: der Agent handelt korrupt, wenn sein wahrscheinlicher Nettogewinn aus der korrupten Handlung die wahrscheinlichen Nettokosten überwiegt. Klitgaard (1988) kreierte einen einfach gehaltenen Entscheidungsbaum für den potentiell korrupten Agenten:
Abbildung 1: Entscheidungsbaum des Agenten
Quelle: in Anlehnung an Klitgaard 1988, S. 71.
Somit beträgt der erwartete Nutzen des korrupten Agenten:
− + − − + = ] ) 1 ( ) ( ) ( /[ x p k f x p x R U EU
Ist dieser Ausdruck größer als die Auszahlung im Fall von ‚nicht korrupt sein’, wird der Agent die Bestechungssumme annehmen.
Die moralischen Kosten die der korrupte Agent verursacht stellen für den Principal negative Externalitäten dar. Im Fall unvollständiger Information muss das Modell auf die Annahme, dass der Principal die korrupte Handlung des Agenten einkalkuliert, erweitert werden. Dann ist es die Aufgabe des Principals, den Agenten zur optimalen Ausführung seiner Pflichten zu bewegen. Dies bedeutet ein optimales Maß an Produktionsaktivität und ein optimales Maß an Korruption (Klitgaard 1988, S. 69 ff.). Für die graphische Herleitung des optimalen Maßes an Korruption siehe Anhang Abbildung 2.
Die Aufgaben des Principals gelten auch für den Client, der dem Agenten Bestechungsgelder zukommen lässt. Dieser handelt korrupt, wenn er einen höheren Nettogewinn als Nettokosten zu erwarten hat. Auch hier ist der Principal um angemessenes Verhalten des Klienten bemüht (Klitgaard 1988, S.73 f).
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3.1.4.2 Allokationstheorie
Das allokationstheoretische Modell behandelt Korruption wie jede andere ressourcenab-sorbierende Aktivität in der Ökonomie. Es untersucht die Konsequenzen der Ressourcenallokation bezogen auf rent-seeking Aktivitäten, welche sich von Korruption dadurch unterscheidet, dass rent-seeking keine illegalen Zahlungen beinhalten muss (Jain 2001, S. 87). Die Trennung von rent-seeking 9 und Korruption stellt eine wichtige Aufgabe dar und ist weiterführend folgendermaßen zu begreifen: wenn mindestens eine der folgenden Bedingungen verletzt wird, kann aus einem rent-seeking-Verhalten eine illegale Handlung in Form von Korruption werden. Erstens, die Einflussnahme auf die Entscheidungsträger stellt einen Konkurrenzkampf mit Regeln dar, die allen Beteiligten bekannt sind. Zweitens gibt es keine Geheimnisse oder Extrazahlungen an die Agenten. Und drittens sind die Klienten und die Agenten unabhängig voneinander in der Art, dass keine Gruppe einen Gewinn aus dem Einkommen der anderen Gruppe erfährt. Anwendung auf Korruption im Bereich der Ressourcenallokation ist möglich, da rent-seeking als ein Teil der ökonomischen Aktivitäten, wie Distribution oder Produktion, angesehen wird und Teile der Unternehmensressourcen dieser Aktivität gewidmet sind (Krueger 1974, S. 293). Somit können die rent-seeking Aktivitäten, die nach der o. g. Definition als Korruption gelten, ebenfalls mit Hilfe der Ressourcenallokation analysiert werden.
Korruption verändert in diesem Modell sowohl die relativen Kosten der In- und Outputs, die Sanktionen mit denen die Entscheidungsträger konfrontiert sind und daraus folgend auch das Verhalten aller Beteiligten sowie den Output der Gesamtwirtschaft. Das Modell muss sowohl die Unsicherheiten, die bei der Schließung von korrupten Verträgen bestehen, sowie die Risiken der Sanktionen und Einschränkungen die auferlegt werden könnten, berücksichtigen (Jain 2001, S. 86).
Die meisten Anwendungen dieses Modells basieren auf der Prämisse, dass Unternehmer der ‚invisible hand’ des Marktes versuchen zu entweichen, und politische Maßnahmen zu ihrem eigenen Interesse auszurichten (Jain 1998, S. 87).
Ressourcenallokationsmodelle über rent-seeking beruhen auf der Annahme vollkommener Konkurrenz, in der Unternehmer und Angestellte die Wahl haben, ihre Anstrengungen auf die Produktion von Gütern und DL oder auf rent-seeking Aktivitäten zu konzentrieren. Dabei sind Preise für Güter, DL und Faktoren marktbestimmt und der Staat verteilt die
9 Tullock (1980) definiert rent-seeking als eine Situation in der „[…] an individual who invests in something
that will not actually improve productivity or will actually lower it, but that does raise his income because it
gives him some special position or monopoly power […]” (Tullock 1980, S. 17). Eine ähnliche Definition
findet sich bei Rose-Ackerman (1999, S. 2): “[…] situations where people use resources both for productive
purposes and to gain an advantage in dividing up the benefits of economic activity“.
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Lizenzen zum produzieren oder importieren der Güter und DL. Die Unternehmer konkurrieren hierbei um diese Lizenzen. Die Annahmen der rent-seeking Modelle sind, dass rentseeking Aktivitäten Ressourcen benötigen, sie aber die Kosten der Güter- und Dienstleistungsproduktion nicht beeinflussen. Sie verschieben eher die Rechte diese zu produzieren von einem zum anderen Unternehmer und tragen somit keinen Anteil zum Wohlstand der Gesellschaft bei bzw. stellen einen Nettoverlust für die Wirtschaft dar (Jain 1998, S. 21 f.). Somit hat Korruption aus Sicht des allokationstheoretischen Modells negative Auswirkungen auf den Wohlstand der Gesellschaft und impliziert einen Nettoverlust für die Wirtschaft.
Allerdings kann Korruption nicht adäquat mit alternativen Formen des rent-seekings verglichen werden und es kann somit zu falschen Wohlfahrtsimplikationen kommen. Es wird nicht berücksichtigt, dass Korruption die Kreierung von ineffizienten Regeln, welche Renten generieren, anregt. Ebenfalls nicht beachtet wird, dass die Größe der Renten, die ein Entscheidungsträger steuert, mit dem Ausmaß der Korruption wächst, und dass Korruption Interessen involviert, welche begrenzter sind als bei alternativen Formen von rent-seeking wie bspw. Lobbying (Lambsdorff 2002, S. 97 ff.).
Shleifer und Vishny (1993) nehmen das Principal-Agent Problem bereits als gegeben an, d. h. ein korrupter Beamter hat effektive Eigentumsrechte über die von ihm zu alloziierenden staatlichen Güter und legen den Fokus auf die Konsequenzen der Korruption, d. h. auf die Ressourcenallokation. Dabei unterscheiden sie zwischen Korruption ‚ohne Unterschlagung’, d. h. der Beamte reicht den offiziellen Preis des Gutes oder der Dienstleistung direkt an den Staat weiter und behält nur die Bestechungssumme und ‚mit Unterschlagung’, d. h. dass der Amtsträger gar nichts an den Staat abgibt und den Verkauf des Gutes oder der Dienstleistung verheimlicht. Die restriktiven Annahmen des vereinfachten Models sind, dass es ein homogenes, vom Staat produziertes Produkt gibt (bspw. eine Importlizenz) und eine klassische Nachfragekurve D(p) für dieses Gut von Seiten des privaten Agenten. Dieses Gut wird für den Staat von einem Beamten verkauft, der die Möglichkeit besitzt, die Menge dieses Gutes zu beschränken, was im praktischen Bezug einer Hinauszögerung oder das Auferlegen von diversen Anforderungen bedeuten kann. Im Modell wird angenommen, dass der Beamte den Verkauf des Gutes verweigert. Dabei verweigert der Beamte das Angebot ohne jegliches Risiko der Aufdeckung oder Bestrafung von oben, er gleicht somit einem Monopolisten. Sein Ziel ist es, den Wert der Bestechungssumme, den er durch den Verkauf des Produktes bekommt, zu maximieren. Der offizielle Preis des Gutes sei p. Der Beamte hat keinerlei Interesse daran, wie viel es den Staat kostet dieses Produkt zu produ- zieren. Die marginalen Kosten für den Beamten dieses Gut anzubieten beträgt im Falle
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‚ohne Unterschlagung’ p. Im Falle ‚mit Unterschlagung’ ist die Summe die der private Agent zahlt gleich der Bestechungssumme, und könnte ggf. auch unterhalb des offiziellen Preises liegen. Die marginalen Kosten betragen hier also Null. Im ersteren Fall erhöht Korruption somit den Gesamtpreis des Gutes, wobei im zweiten Fall Korruption die Kosten reduziert und somit attraktiver für die Käufer erscheint. Ist eine Preisdiskriminierung über die Käufer seitens des Beamten nicht möglich, so setzt er als Monopolist den Grenzgewinn gleich den Grenzkosten. Der Gewinn des Beamten ergibt sich aus Erlös abzüglich der Kosten und kann als Maximierungsproblem folgendermaßen dargestellt werden:
( = wobei x x p x R * ) ( ) die Erlösfunktion darstellt.
Setzt man die erste Ableitung der Erlösfunktion gleich Null erhält man die Optimalitätsbedingung bei der gelten muss:
MR = Dies entspricht der oben genannten Bedingung bzw. Grenzerlös gleich Grenz- MC MC = und bedeutet, p kosten. Im ersten Fall von Korruption ‚ohne Unterschlagung’ gilt dass der Beamte beim Verkauf des Gutes x zusätzlich zum offiziellen Preis p eine Bestechungssumme in Höhe von b verlangen wird. Die Grenzkosten in Höhe von p leitet er an den Staat weiter, für jede weitere Einheit x die er verkauft um eine weitere Einheit von b zu erhalten, muss er Kosten in Höhe von p aufbringen. Eine graphische Erklärung ist im Anhang unter Abbildung 3 dargestellt.
Im zweiten Fall von Korruption ‚mit Unterschlagung’ verheimlicht der Beamte den Verkauf und vereinnahmt den inoffiziellen Verkaufspreis b für sich. Die Grenzkosten betragen in diesem Fall Null und für jede weitere Einheit die er verkauft entstehen ihm keinerlei Kosten. Aus Abbildung 4 im Anhang ist ersichtlich, dass der inoffizielle Verkaufspreis b unter dem offiziellen Preis p liegen kann.
Bei Bestrafung des korrupten Beamten verändert sich zwar die Höhe der Bestechungssumme, aber nicht die Essenz des Problems. Wenn die Wahrscheinlichkeit aufgedeckt und bestraft zu werden unabhängig von der Bestechungssumme und der Anzahl derjenigen die diese zahlen ist, wird der Beamte solange die gleiche Summe verlangen, bis die Strafen so hoch sind, dass Korruption nicht mehr profitabel erscheint. Steigt die erwartete Strafe mit der Höhe der Bestechungssumme, wird er die Forderung reduzieren und den Output erhöhen. Sollte hingegen die Strafe mit der Anzahl derjenigen, die die Bestechungssumme zahlen, steigen, wird er das Angebot reduzieren und die Forderung erhöhen. Der Beamte wägt also die Gewinne mit der erwarteten Strafhöhe ab (Shleifer / Vishny 1993, S. 4 ff.).
Arbeit zitieren:
Dipl. Vw. Yvonne Schindele, 2004, Korruption und Chancen der Korruptionsbekämpfung - eine politökonomische Analyse am Beispiel Sub-Sahara Afrikas, München, GRIN Verlag GmbH
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