Vorwort
Diese Hausarbeit wurde im Rahmen des Hauptseminars Sprachphilosophie im Wintersemester 2003/2004 am FASK der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz geschrieben. Für den Leser dieser Hausarbeit ist es ratsam, Martin Heidegger und sein Werk Sein und Zeit nicht nur zu kennen, sondern schon einmal bearbeitet zu haben. Martin Heideggers Wortwahl und Satzaufbau ist gekennzeichnet durch den Stil der „Gesprächlichkeit“ und erschwert deshalb das Verständnis der jeweiligen Paragraphen (Internetquelle 1). Ich habe versucht, diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen und habe vereinzelt Begriffe in ihrem Kontext zitiert, um sie anschließend in die eigene Analyse aufzunehmen. Es ist außerdem hilfreich, wenn man Kenntnis von den Philosophen Descartes und Husserl und deren philosophisches Wirken besitzt.
Des Weiteren habe ich eine Skizze beigefügt, die im Referat verwendet wurde und die in einzelnen Kapiteln zum bildhaften - und somit klareren - Verständnis beiträgt. Diese Skizze enthält schematisch das erste Drittel des 34. Paragraphen. Es finden sich Hinweise auf diese Skizze an ausgewählten Stellen im Text.
Die Struktur von Sein und Zeit kann grob in Einleitung und Erster Teil unterteilt werden. Im ersten Teil gibt es weitere Gliederungen: Erster Abschnitt und Zweiter Abschnitt. In beiden Abschnitten behandelt Heidegger kapitelweise zum einen „Die vorbereitende Fundamentalanalyse des Daseins“ und zum anderen „Dasein und Zeitlichkeit“. Die darin enthaltenen Paragraphen führen zum Titel seines Werkes. Sie haben, bis auf die Einleitung, nicht den Charakter einer chronologischen bzw. argumentativen Folge. Das ist ein wesentliches Merkmal, das sein Werk auszeichnet. Deshalb werden im nachfolgenden Hauptteil einige Stellen bzw. Begriffe aus verschiedenen Paragraphen verwendet, die zunächst augenscheinlich nicht das Phänomen Sprache behandeln. Jedoch bauen diese für Sein und Zeit typischen Begriffe diese Hausarbeit auf. Sie werden davor eingeführt, damit das Phänomen Sprache anhand des fünften Kapitels, und darin besonders des Paragraphen 34, schließlich analysiert werden kann. Dabei legt die Analyse darauf Wert, die Problematik von Sprache und Wahrheit einzukreisen und darauf zu deuten. Daraus ergibt sich jedoch kein Ansatz zur gezielten Klärung dieses sprachphilosophischen Extremfall. Außerdem versucht diese Hausarbeit Martin Heideggers philosophischen Standpunkt zur ontologischen Differenz zu anderen bedeutenden Philosophen, Descartes und Husserl, abzustecken. In Kapitel zwei und drei wird diesem Bemühen bestmöglich Rechnung getragen. Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass an den zitierten Stellen aus Sein und Zeit, die Quellenangabe des Autors (M. H.) ausgespart wurde.
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT. 1
1. EINLEITUNG 3
2. HEIDEGGERS KRITIK AN DESCARTES 4
3. HEIDEGGERS KRITIK AN HUSSERL 6
4. DER BEGRIFF DES PHÄNOMENS. 8
5. DAS DASEIN STIFTENDE - DIE WELTLICHKEIT 8
6. DIE EXISTENZIALIEN VERSTEHEN, BEFINDLICHKEIT
UND REDE 10
6.2 DAS EXISTENZIAL VERSTEHEN. 11
6.2 DAS EXISTENZIAL BEFINDLICHKEIT 11
6.3 DAS EXISTENZIAL REDE. 12
7. DAS PHÄNOMEN SPRACHE. 12
7.1 DIE STRUKTUR VON REDE 14
7.1.1 ZUSAMMENHANG VON BEDEUTUNG, SINNHAFTIGKEIT UND ZEITLICHKEIT 15
7.2 DIE KONSTITUTIVEN MÖGLICHKEITEN DER REDE: HÖREN UND SCHWEIGEN. 16
7.3 DAS MITSEIN DER REDE IM DASEIN 18
7.4 DAS GEREDE ALS SEINSMODUS DER REDE 19
8. SCHLUSSWORT 20
9. ANHANG 22
Sein und Zeit - §34 Da-Sein und Rede. Die Sprache (eine Skizze) 22
LITERATURVERZEICHNIS 23
WS 2003/2004 Das Phänomen Sprache in Sein und Zeit
1. Einleitung
Warum ist das alltägliche Phänomen Sprache ein faszinierender Erkenntnisgegenstand im Allgemeinen aber besonders im Philosophischen? Sprache ist und hat Struktur. Sie spiegelt unsere Umwelt und unser Selbst wider. Sprachphilosophie setzt genau an dieser Stelle an. Dazu eine kleine Analogie, die eben Ausgeführtes verdeutlichen soll: Sprache und Struktur sind zwei Seiten der selben Münze. Deren Existenz und Wahrhaftigkeit beruht auf diesen beiden Seiten. Jede Seite ihrerseits ist real und verifiziert den Wert des Gesamten. Nun beschreibt diese Analogie die Wirklichkeit der Münze, so wie sie von der Allgemeinheit gesehen bzw. verstanden wird. Dass diese Wirklichkeit Bestand hat, beruht auf einer hintergründigen Struktur, die nicht für jedermann ersichtlich bzw. ergründbar ist. Eine Münze besitzt einen Wert, weil er das Ergebnis von Übereinkünften ist, die im Konsens von mächtigen und kompetenten Elementen getroffen wurden. In Bezug zum Phänomen Sprache ist dies ganz ähnlich, nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass jene Elemente nicht im Konsens bestimmt wurden, sondern schon immer Gegenstand philosophischer Auseinandersetzungen waren. Die Triebfeder in diesen Auseinandersetzungen ist die Suche des Menschen nach Wahrheit, Bedeutung und Sinn (in seinem Leben). Was er damit aufspürt ist zeitlich geprägte Wirklichkeit in der Welt. Inwiefern kann Sprache diese Suche gestalten und die Ergebnisse offenlegen? Und welche Struktur liegt hierfür nach Heideggers Verständnis dem Phänomen Sprache zugrunde?
Beide Fragen beantwortet diese Hausarbeit unterschiedlich: Erstere soll beim Lesen ständig im Hinterkopf gegenwärtig sein. Sie gehört zu den Fragen, die in der Sprachphilosophie behandelt werden. Die zweite Frage wird vor allem in den Unterkapiteln zur Sprache eingehend beantwortet. Das Phänomen Sprache und ihre Struktur stellen sich darin als ein durch existentielle Elemente geprägtes Ganzes dar.
Diese Hausarbeit beginnt mit der Kritik an Descartes und an Husserl aus der Sicht Martin Heideggers. Beide Philosophen haben Heidegger unterschiedlich nachhaltig beeinflusst. Descartes durch seine Ideen zum cartesisches System und Husserl, Heideggers philosphischer Ziehvater in Freiburg, durch seine Überlegungen zur Phänomenologie. Deshalb folgt im Anschluss an beide Kritiken eine Klärung des Begriffs des Phänomens. Eine Definition wird darin jedoch nicht gegeben. Das Phänomen Sprache, so wie Heidegger es verstand, ist anschließend Gegenstand von Analysen. Abschließend werden wesentliche Elemente bzw. Erscheinungsformen, die zum einen Sprache erst ermöglichen und zum anderen Sprache erfahrbar machen, in den Kapiteln 5 und 6 sowie unter Kapitel 7 behandelt.
WS 2003/2004 Das Phänomen Sprache in Sein und Zeit
1. Heideggers Kritik an Descartes
Heidegger wirft Descartes vor, dass er das Phänomen Welt nicht erkennt. Das hat Folgen für die Abgrenzung des Seienden vom eigentlich nicht identifizierbaren Sein in der Welt, schlußfolgert Heidegger im Paragraph 6 seines Werkes. Beispielhaft für dieses Problem der ontologischen Differenz stellt sich in Heideggers Konzeption Seiendes und Sein wie folgt dar: Dasein benötigt die Grundverfassung des „In-der-Welt-seins“, weil dies die primäre Konstitution ist. Sie weist drei gleichursprüngliche Momente auf: Welt, Seiendes und In-sein (zweites und drittes Kapitel im ersten Abschnitt). Demzufolge ist Dasein als Seiendes in Bezug zu seinem Seinsverhältnis im Raum zu verstehen. Descartes umgeht das Phänomen Welt, indem er Seiendes als Substanz deklariert. Diese Substanz hat die Eigenschaft, unabhängig von einer anderen Substanz zu sein. Heidegger formuliert dies so: „Was in seinem Sein schlechthin eines anderen Seienden unbedürftig ist“ (92). Die wesentliche Eigenart dieses Seins ist die räumliche Ausdehnung extensio. Heidegger bestreitet nicht, dass Sein auf diese Weise „ontologisch grundsätzlich bestimmbar“ wird (vgl. 93). Dennoch kritisiert er Descartes dahingehend, dass das Sein des Daseins - welches laut Heidegger inder-Welt-ist - „in der selben Weise wie das Sein der res extensa“ als Substanz überhaupt existiere und unendlich vorhanden sei (98). Heidegger zufolge verhindert diese oberflächliche Denkweise seitens Descartes die Konzeptualisierung von Innerweltlichkeit (vgl. 89-101). Innerweltlichkeit ist jedoch ein zentraler Begriff im Denkgerüst der phänomenologischen Hermeneutik Martin Heideggers.
Heidegger und Descartes unterscheiden sich gleichfalls in der Methode einer Offenlegung der ontologischen Differenz. Viel stärker noch als für Heidegger ist für Descartes das Kriterium der Klarheit von besonderer Wichtigkeit. Descartes unternimmt eine Destruktion eingefahrener Denkgewohnheiten aufgrund der ihm bewußt gewordenen Menschen und ihrer Denkweisen. Die Methode, mit der er sich gedanklich befreit, ist die der Weigerung: „Wir weisen zurück bis wir nicht mehr zurückweisen können, daß wir frei sind“ (Descartes, zit. in Holz 66). Diese Vorgehensweise hat zur Folge, dass nicht immer mehr Wissen angehäuft, sondern dass Wissen abgebaut wird; korrektes Urteilen gewinnt an Bedeutung und tritt in den Vordergrund. Eine gezielte Fragestellung ist geeignet, diesen Prozess zu fördern. Ziel ist es, eine Regel bzw. Gesetzmäßigkeit aufzustellen, die noch Gültigkeit hat, wenn alle anderen Grundlagen wissenschaftlichen Denkens nicht mehr anwendbar sind. Descartes vertraut auf die menschliche Vernunft (den gesunden Menschenverstand) und attestiert ihr die Fähigkeit bzw. die Allmacht, dem denkenden Menschen den richtigen Weg zur Erkenntnis weisen zu können. Nach Jahrhunderten der unverifizierten Alltagserfahrung im Kontext theologischer
WS 2003/2004 Das Phänomen Sprache in Sein und Zeit
Alleinherrschaft bricht Descartes alte Traditionen und verkrustete Konventionen auf (vgl. Holz 62f). Edmund Husserl, - wie noch gezeigt wird - beschreitet den selben Weg „zu den Sachen selbst“, wie einst der Pionier Descartes. Erkenntnisgewissheit beruht auf der richtigen Methode, so verstand es auch Husserl. Diese Methode bedarf leistungsfähiger Werkzeuge. Der Weg dorthin ist bereits vorgegeben: Zu den Sachen selbst (Husserl) bedeutet nichts anderes als mit Weigerung oder Zurückweisung von dem Anschein nach Bekanntem in der Welt, zum Wesentlichen zu gelangen, dass Grundlegendes zu Sein und Seiendem aufzudecken soll. Dazu nimmt Descartes „einfachste und evidente Sachverhalte“ und „eliminiert aus dem Bereich sicherer Erkenntnis alle qualitativen Bestimmungen, die unsere Aussagen über die Wirklichkeit ausmachen“. Damit isoliert er „die formale Gestalt reinen Denkens an sich“ (Holz 62). Das Ergebnis dieser Reduktion ist die eruierte Selbstgegebenheit von Gegenständen. Zunächst sieht Descartes solche Gegenstände in der Mathematik. Ausgehend von ihrer Logizität überträgt er deren einziges Charakteristikum, nämlich das der Selbstgegebenheit, auf das Denken. Denken wird a priori festgelegt als das Denken des Denkens und soll selbst als einzigartige Quelle „absolute Gewissheit“ ans Tageslicht befördern (vgl. Holz 62). „Damit wird Descartes zum Begründer der neuzeitlichen spekulativen Metaphysik, die aus der Einsicht in das Wesen des Denkens die Gewißheit des Seins sicherstellen will.“ (Holz 62f). Das bedeutet, dass der im Denken beinhaltete Gegenstand, das reine Denken so umkreisen kann, wie Elektronen den Atomkern. Dieser Vergleich ist möglich, da man dank der Modelle aus der Chemie heute weiß, dass es eine Wechselbeziehung zwischen Kern und Elektron(en) gibt. Laut Holz ist diese Begegnung absoluter Selbstgegebenheit „das Problem der Erkenntnistheorie“ (vgl. 70). Denn, so fügt er noch an: „Dieses Verhältnis ist, nach dem Reduktionsprozeß des Zweifelns, ganz und gar ungeklärt.“ (Holz 70).
Heidegger hingegen benutzt die hermeneutische Phänomenologie, um in das Problem der Erkenntnistheorie Klarheit zu bringen. Eine Vergegenständlichung im Sinne zweier Selbstgegebenheiten (so wie im Moment der Begegnung von Subjekt und Objekt) ist nach Heideggers Vorstellung „eine Grundtendenz der neuzeitlichen Philosophie, die einem angemessenen Verständnis des Menschen und seiner Welt entgegen steht“ (Demmerling 92). Schritt für Schritt unternimmt Heidegger die Destruktion der von Descartes entworfenen -und gezeigten - dualistischen Vorstellung, mit dem Ziel, auch ein zu sich selbst transparentes Subjekt aufzulösen. Wie schon oben am Beispiel von Dasein gezeigt wurde, bedarf es der primären Konstitution Welt, damit die ontologische Bestimmung von Sein erst möglich werden kann.
Arbeit zitieren:
Thomas Schins, 2005, Das Phänomen Sprache in Martin Heideggers Werk Sein und Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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