I n h a l t s v e r z e i c h n i s
0.
Einleitung................................................................................................................
1
1.
Die verschiedenen Diskurstheorien
1
1.1.
Diskurs in der Sprach- und Literaturwissenschaft
2
1.2.
Habermas und die Diskursethik
3
1.3.
Foucault und die historische Diskursanalyse
4
1.3.1.
Wissen Wahrheit und Wirklichkeit
4
1.3.2.
Institutionen............................................................................................................
7
1.3.3.
Macht......................................................................................................................
7
1.3.4.
Diskurs....................................................................................................................
8
1.3.5.
Das Zusammenspiel von Diskursen Macht Wissen Wahrheit Wirklichkeit
7
und Institutionen
11
1.3.6.
(Historische)Diskursanalyse...................................................................................
14
1.4.
Pierre Bourdieu
15
1.5.
Kritische Diskursanalyse
16
2.
Methode und Fallbeispiel
17
2.1.
Vorschlag für das methodische Vorgehen bei einer Diskursanalyse (Landwehr)
17
2.2.
Fallbeispiel: Globalisierung frankophones Afrika und die WTO (Ghafele)
18
Ist Globalisierung diskursanalytisch analysierbar - Schlußfolgerung und
3.
Ausblick..................................................................................................................
24
0. Einleitung
„‚The ministers signing this treaty recognize that there is Globalization.’” heißt es in einer WTO-Deklaration (WTO, 1997, zitiert nach Ghafele, 2002: 36). „Globalisierung” als sprachliche Festlegung? „Globalisierung“ als diskursives Phänomen?
Diskurs und Diskursanalyse sind in den letzten Jahren zu einem beliebten Instrument für wissenschaftliche Analyse in den verschiedensten Fächern geworden. Im Rahmen dieser Hausarbeit soll untersucht werden, inwiefern sich auch das Phänomen der Globalisierung diskursanalytisch betrachtet werden kann und ob eine diskursanalytische Untersuchung überhaupt sinnvoll ist, d.h. neue Erkenntnisse über das Phänomen der Globalisierung liefern kann. Ferner soll, falls die vorhergehenden Fragen positiv beantwortet wurden, der Frage nachgegangen werden, welche der zahlreichen Diskurstheorien dazu am geeignetsten ist.
Hierzu sollen zunächst in einem ersten Schritt die wichtigsten Diskurstheorien und deren Vertreter vorgestellt werden. In einem zweiten Schritt gilt es an einem Fallbeispiel zu untersuchen, wie die Diskursanalyse im Rahmen des Globalisierungsphänomens fruchtbar gemacht werden kann. Aus diesen Schritten läßt sich dann in der Schlußfolgerung ableiten, wie Diskurs und Globalisierung zueinander stehen.
1. Die verschiedenen Diskurstheorien
Den Begriff „Diskurs“ bzw. „Diskursanalyse“ zu definieren, ist durchaus kein leichtes Unterfangen. Nicht nur, daß verschiedene akademische Fächer und Wissenschaftler den Begriff für sich beanspruchen und – fachspezifisch – auch verschieden definieren, der Diskursbegriff ist auch außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs zu einem Allerwelts- und Modewort geworden. Zwar kann man laut Schalk bei vielen philosophischen Konzeptionen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rund um die Diskursanalyse wohl eine generelle Tendenz zur Verbindung sprach- und gesellschaftstheoretischer Tendenzen feststellen, jedoch gibt es immer noch eine ganze Reihe Unterschiede. Ein weiteres Problem scheint darin zu bestehen, daß, selbst wenn die verschiedenen Diskursbegriffe in der Theorie von ihren Vertretern klar definiert sind oder wären, in der Praxis die Benutzung des Wortes „Diskurs“
Nadia Cohen – Globalisierung und Politik – SoSe 2003
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bzw. der Methode der Diskursanalyse regelrecht boomt und deren Benutzer nicht immer auf eine klare Definition des von ihnen nun gerade verwendeten Begriffes achten.
Im folgenden sollen deshalb zunächst die wichtigsten wissenschaftlichen Richtungen und Wissenschaftler vorgestellt werden, die sich mit dem Begriff „Diskurs“ auseinandergesetzt haben. Dies soll dabei helfen, in einem späteren Schritt zu entscheiden, welche der Richtungen bzw. Diskursdefinitionen am geeignetsten für eine Analyse des Globalisierungsphänomens sein könnte.
1.1. „Diskurs“ in der Sprach- und Literaturwissenschaft
In der Sprach- und Literaturwissenschaft wird „Diskurs“ laut Landwehr in erster Linie als „soziale Aktion und Interaktion“ gesehen, „im Sinne von Menschen, die in konkreten gesellschaftlichen Situationen miteinander in (sprachlichen) Kontakt treten.“ (Landwehr, 2001: 69) Die Encyclopaedia of Language and Linguistics geht noch etwas weiter ins Detail und liefert zwei Definitionen für den Begriff „Diskurs“:
„‘Discourse,’ used as a mass noun, means roughly the same as ‘language use’ or ‘language-in-use’. As a count noun (‘a discourse’) it means a relatively discrete subset of a whole language, used for specific social or institutional purposes (...) The second usage carries the implication that discourse is a way of ordering categories of thought and knowledge (...).” (McHoul, 1994: 940; Hervorhebungen vom Verf.)
In dieser Definition erkennt man, daß neben der Bedeutung des Diskurses als bloße Benutzung von Sprache auch noch eine weitere Bedeutung zum Tragen kommt, die mehr an Foucault, wohl einer der bedeutendsten Vertreter der Diskursanalyse, angelehnt ist. „Diskurs“ wird hier in Zusammenhang gebracht mit Sozialleben, Institutionen und mit der Funktion, Denken und Wissen zu ordnen.
Landwehr kritisiert jedoch am sprachwissenschaftlichen Ansatz, daß es nicht nur darum gehen könne, „language in use“ zu untersuchen, sondern auch „language in time“ und „language as structure“ (Landwehr, 2001: 72). Ein interessanter Ansatz, den Landwehr noch vorstellt, ist der Ansatz Links, der hinsichtlich diskursiver Formationen zwischen Spezialdiskursen und Interdiskursen unterscheidet. Zwischen Spezialdiskursen bestünden laut Link sogenannte „interdiskursive Netzwerke“, welche „auf selektive Weise das Wissen bzw. die Verfahren und institutionellen Rituale verschiedener
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Spezialdiskurse (...) gekoppelt und gebündelt zum Einsatz“ brächten (Link, 1983, zitiert nach Landwehr, 2001: 72). Dieser Ansatz scheint mir im Hinblick auf die Frage interessant, inwieweit man beim Phänomen „Globalisierung“ von einem, zwei oder sogar mehreren Spezialdiskursen sprechen kann, und inwiefern vielleicht auch zwischen diesen interdiskursive Netzwerke bestehen, bzw. inwiefern man den einen großen Interdiskurs „Globalisierung“ in verschiedene Spezialdiskurse (den „WTO-Diskurs“, den „ATTAC-Diskurs“, den „PGA-Diskurs“ usw.) einteilen kann. Doch dazu später mehr.
1.2. Habermas und die Diskursethik
Das Lexikon zu Soziologie von Fuchs-Heinritz et al. gibt in seiner zweiten Definition des Diskursbegriffes die Theorie Habermas’ folgendermaßen wieder:
„[2] In der Verwendung bei J. Habermas die argumentative, dialogisch konzipierte und methodisch reflektierte Form des über die ‚vernünftige’ Rede vermittelten begrifflichen Denkens. (...)“ (Kraemer, 1995: 145)
Der Ausdruck „vernünftige Rede“ deutet schon darauf hin, daß es bei Habermas’ Theorie eher um ein normatives Unterfangen geht, was auch der Begriff „Diskursethik“ klar macht. Landwehr beschreibt das, was die Diskursethik sich zur Aufgabe gemacht hat, wie folgt:
„Sie ist die Antwort auf das Problem, in welchem Sinn und auf welche Weise moralische Gebote und Normen begründet werden können. Die Diskursethik versucht, mit anderen Worten, Ethik in der Form einer Logik der moralischen Argumentation zu begründen.“ (Landwehr, 2001: 74)
Somit, so stellt Landwehr im Anschluß fest, sei Habermas’ Ziel weniger ein analytisches als ein philosophisch-normatives. Seine Diskursethik sei nicht so sehr dazu gedacht, zu Analyse sozialer und historischer Verhältnisse beizutragen. Vielmehr sei ihr ein „aufklärerisch utopischer Charakter eigen, der der Gesellschaft einen Weg in die Zukunft zu weisen versucht“ (Landwehr, 2001: 75).
In dieser Hinsicht ist die Diskursethik wohl auch für das Vorhaben einer diskursanalytischen Untersuchung des Globalisierungsbegriffes weniger geeig- net und soll deshalb hier auch nicht weiter behandelt werden.
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1.3. Foucault und die historische Diskursanalyse
Einen der bedeutendsten Beiträge zur Diskurstheorie lieferte Michel Foucault, und genauso umfangreich wie seine Schriften dazu ist auch die Sekundär- literatur, die sich mit ihm beschäftigt. Im folgenden soll versucht werden, die wichtigsten Begriffe rund um Foucaults Diskurstheorie vorzustellen.
1.3.1. Wissen, Wahrheit und Wirklichkeit
Foucaults Variante der Diskursanalyse wird allgemeine als historische Diskursanalyse bezeichnet, da er im Zusammenhang mit Begriffen wie „Diskurs“, „Wissen“, „Wahrheit“ usw. immer auf die zeitliche Dimension und Gebundenheit der Begriffe hinwies. Das Neue an den Überlegungen Foucaults lag darin, daß er die eben erwähnten Begriffe nicht mehr als absolut sah, in dem Sinne, daß es eine absolute Wahrheit, die Wirklichkeit, das eine richtige Wissen (im Gegensatz zum falschen Wissen) gab. Foucault relativierte all diese Begriffe, indem er versuchte aufzuzeigen, wie Wissen, Wahrheit und Wirklichkeit von Menschen produziert wird und sich somit über die Zeit hinweg auch ändern können.
Im Hinblick auf den Begriff der Wahrheit benutzt Foucault den Terminus „Wahrheitsspiele/Spiele der Wahrheit“, der definiert ist als „a set of rules by which truth is produced“ (Foucault, 1997, zitiert nach Danaher et al., 2000: 40). Er führt weiterhin aus, daß es eine „politische Ökonomie“ der Wahrheit gibt, die durch fünf Eigenschaften charakterisiert werden kann. Erstens tritt „Wahrheit“ in den Institutionen, in denen sie produziert wird, in Form von wissenschaftlichen Diskursen auf. Zweitens ist sie der ständigen Anstachelung durch ökonomische und politische Kräfte ausgesetzt, die immerfort auf der Suche nach „Wahrheit“ sind, um ihre Machtposition zu legitimieren – Foucault benutzt in diesem Zusammenhang einen weiteren berühmten Begriff, den „Willen zur Wahrheit“. „Wahrheit“ unterliegt weiterhin einer weitgestreuten Diffusion und Konsumption, indem sie durch diverse Systeme der Bildung und der Information zirkuliert. Produziert und vermittelt wird sie, so Foucault, durch einige wenige ökonomische und politische Instanzen, wie zum Beispiel der Universität, der Armee oder den Medien, welche eine dominierende wenn nicht sogar exklusive Kontrolle über Produktion und Vermittlung von Wahrheit haben. Schließlich ist sie Thema ganzer politischer Debatten und
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sozialer Konfrontationen, den sogenannten „ideologischen Kämpfen“ (Foucault, 1984, zitiert nach Danaher et al., 2000: 41). An dieser Auflistung sieht man sehr eindrucksvoll, wie sehr „Wahrheit“ konstruiert wird und eingebettet ist in soziale Praktiken.
Ähnliches meint Foucault auch für den Begriff des „Wissens“ beweisen zu können. Danaher et al. schildern die Erkenntnis so:
“Postmodernist theories challenged both these assumptions – knowledge was now seen as full of contradictions, unanswered questions and cultural prejudices. Instead of official knowledge being the only explanation of things, it was really a case of some explanations winning out over others – often for political reasons (for instance, official, western medicine over traditional remedies from places such as China). Whichever explanation ‘won’ became knowledge – and therefore ‘truth’. (…) Disciplines and fields were 1 ‘advancing’ the human race – they were more or less fighting over who could claim to know the truth.” (Danaher et al., 2000: 2)
Wissen ist also Foucaults Verständnis nach nicht etwas, das einfach da ist und nur darauf wartet, ans Licht gebracht zu werden, sondern Wissen ist diejenige Erklärung, die den Kampf gegen die anderen Erklärungen gewinnt und somit in der Folge zu „Wissen“ erklärt/gemacht, bzw. als „Wissen“ verkündet wird. Nietzsche, von dem Foucault unter anderem beeinflußt wurde, führt außerdem aus, daß
„any form of knowledge or truth that emerged in a culture did so, (...), not because it was valuable or eternal, but because one group had managed to impose their will over others.” (Danaher et al., 2000: 9f)
Die Erklärung, die im Endeffekt gewinnt und zu Wissen erklärt wird, muß also nicht unbedingt auch die beste, richtige, ethischste o.ä. sein, sondern sie ist einfach die, die sich durchgesetzt hat.
Auch die „Wirklichkeit“ wird bei Foucault relativiert. Viel lieber scheint er deshalb auch den Begriff der „Wirklichkeitskonstruktion“ zu benutzen. Ghafele spricht, indem sie sich auf Foucault bezieht, von einer „diskursiv erzeugten Wirklichkeit“ (Ghafele, 2002: 134). An dieser Stelle wird von Kritikern oft der Einwand hervorgebracht, daß es aber auch Dinge gäbe, die wirklich und tatsächlich „real“ seien, also nicht sprachlich erzeugt, wie zum Beispiel die Wand, gegen die man rennt. Ghafele argumentiert hier sehr einleuchtend. Die Fragen, die die Diskursanalyse stellt, sind:
1 Meiner Meinung nach liegt hier ein Fehler vor, und es müßte „were not ...“ heißen, denn Foucault hat gerade in diesem Zusammenhang betont, daß sich für ihn Wissenschaft nicht kontinuierlich immer weiter entwickelt und mehr und mehr Wissen ansammelt, welches sich aus vorangegangenem Wissen ergibt und sich Stufe um Stufe vermehrt.
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„Welche Bedeutung wird einer Wand in verschiedenen Kulturen beigemessen? Was definiert eine Wand in unterschiedlichen Diskursen? In welchem Kontext sprechen Menschen über Wände?“ (Ghafele, 2002: 134)
Ghafele führt weiter aus:
„Der Ansatz der diskursiven Wirklichkeitskonstruktion stellt keineswegs die Realität der Wand, des Tisches oder Sessels in Frage. Das realitätserzeugende Moment des Diskurses vollzieht sich nicht im bloßen Ansehen, sondern im ‚Sehen als’.“ (Ghafele, 2002: 134)
Es geht also beim Wirklichkeitsbegriff, den Foucault benutzt, vielmehr um die sprachliche Ausgestaltung, darum, als was die Welt durch Sprache bzw. Diskurs gesehen und auch wie sie dadurch mitgestaltet wird. Erst die Art und Weise, wie wir etwas sehen und als was wir es erkennen, macht aus einem bloßen materiellen Ding etwas „Brauchbares“, eine soziale Wirklichkeit, d.h. um beim Beispiel des Stuhls zu bleiben: Wenn ich einen Stuhl vor mir habe, und man mir sagt, diesen benutze man als Kopfschmuck, so macht der Diskurs über diesen Stuhl aus ihm etwas anderes, als zum Beispiel ein Diskurs, der festlegt, ein Stuhl sei ein Gegenstand, auf den man sich setzt:
„Die Sprache zwingt dabei, Dinge und Tatsachen in bestimmten Mustern zu erkennen und anhand konstruierter Symbole zu erfassen.“ (Ghafele, 2002: 135)
Die Sprache bzw. der Diskurs dient also nicht bloß zur Abbildung der Wirklichkeit, sondern „er wirkt auf die Wirklichkeit ein, indem er diese sprachlich repräsentiert.“ (Ghafele, 2002: 135) Wie bei „Wissen“ und „Wahrheit“ spielt sich jedoch auch die Konstruktion von Wirklichkeit nicht harmonisch ab, sondern entsteht in einem Kampf darum, wer definiert, was „Wirklichkeit“ ist:
„Der ordnungskonstituierende Prozeß des Diskurses entwirft eine Wirklichkeit und zensuriert zugleich andere Wirklichkeitsvarianten. Die diskursive Wirklichkeit ist von Normen kontrolliert und nicht selten faßt sie die Tatsachenwirklichkeit als eine sich sperrende primäre Widerständigkeit gegen ihre interpretatorische Variierbarkeit auf.“ (Ghafele, 2002: 135)
Wer hier gegen wen kämpft und mit welchen Mitteln, soll im Kapitel „Diskurs“ näher erläutert werden.
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Arbeit zitieren:
Nadia Cohen, 2003, Diskurs und Globalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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