Inhalt:
E i n l e i t u n g 3
1. Die Außenwelt des Bahnwärter Thiel 5
1.1. Haus/Dorf 5
1.2. Lene 7
1.3. Der Säugling 8
1.4. Die Eisenbahn 9
2. Die Innenwelt des Bahnwärter Thiel 11
2.1. Das Bahnwärterhäuschen 11
2.2. Minna 12
2.3. Tobias 14
2.4. Die Bahnschranken als Schutz vor der Realität 15
3. Bahnwärter Thiel als “normaler Grenzgänger 16
4. Der Wald als Spiegel des Unterbewußtseins 20
5 G r e n z ü b e r s c h r e i t u n g e n S 2 1
6 F a z i t S 2 4
7 L i t e r a t u r S 2 7
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Einleitung
Gerhart Hauptmanns 1887 entstandene novellistische Studie über den „Bahnwärter Thiel“ behandelt das Schicksal eines Menschen, der sich zwischen einem traumhaften Innenleben und einer äußeren Wirklichkeit bewegt und schließlich an diesem Spannungsverhältnis, das er nicht in der Lage ist, aufzulösen, zerbricht.
Diese beiden Welten sind von Hauptmann in eine Raumstruktur gebunden, die der „dinglichsinnlichen Außenwelt“ eine „psychische Innenwelt“ 1 zum einen entgegensetzt, beide aber im Verlauf des Textes ineinander verflechtet, was zum Aufsteigen der unterdrückten Teile der eigenen Psyche und damit zur letztendlichen Katastrophe, dem inneren Zusammenbruch des Bahnwärters führt.
Indem die Teilräume der dargestellten Welt festgestellt werden, kann man in einem zweiten Schritt die topografischen Räume mit nicht-räumlichen Merkmalen besetzen, also semantisieren. Hierbei werden die Merkmale oppositionell gesetzt, so daß Gegensatzpaare entstehen, die die Handlung, d.i. im eigentlichen Sinne eine spezifische Bewegung von einem semantischen Raum in einen anderen, erklärbar machen (vgl. dazu LOTMAN).
Die Innenwelt des Bahnwärters Thiel bildet einen eigenen semantischen Raum, der aufgrund der nicht auszumachenden räumlichen Begrenzung und dem steten Wechsel des Bahnwärters zwischen den semantischen Räumen als abstrakt-semantisch zu bezeichnen ist. Es kommt in diesem Text im Hauptsächlichen zu den Gegensatzpaaren „Haus/Dorf“ vs. „Bahnwärterhäuschen“, „Lene“ vs. „Minna“, Säugling“ vs. „Tobias“ sowie „Eisenbahn“ vs. „Schranken“, die jeweils die mechanischtriebhafte, bzw. die spirituell-psychologische Komponente der Psyche Thiels repräsentieren. Der Wald wird dagegen je nach Gemütslage Thiels unterschiedlich semantisiert, er stellt insgesamt jedoch die gesamte dargestellte Wirklichkeit dar, innerhalb derer Thiel existiert. Im Verlauf des Textes wird aber weiterhin deutlich, daß die Grenzen immer mehr verschwimmen und so der Bahnwärter aus seiner gewohnten, alltäglichen Lebensweise herausgerissen wird, was zwangsläufig zu einer Katastrophe führen muß.
Im folgenden soll untersucht werden, wie Gerhart Hauptmann - nach LOTMANschen Gesichtspunkten betrachtet - die einzelnen semantischen Räume konzipiert, um die außersubjektive Wirklichkeit des Thiel einer mystisierten Traumwelt entgegenzusetzen, zwischen deren Grenzen
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Thiel sich bewegt. Er ist die einzige Figur des Textes, deren Grenzüberschreitungen nach LOTMAN als „normale Ereignisse“ zu beschreiben sind, diejenigen seiner zweiten Frau Lene dagegen „Metaereignisse“ sein müssen, die den Zusammenbruch der Thielschen Welt zu verantworten haben.
Desweiteren ist im „Bahnwärter Thiel“ zu beobachten, wie durch die Veränderungen in der raumsemantischen Ebene eine zweite, psychologische Dimension hervortritt, deren Tiefenstrukturen an die Oberfläche treten und die analog die persönliche Entwicklung des Bahnwärters im Verlaufe der Ereignisse ausdrücken (vgl. dazu MARTINI).
1 Fritz Martini
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1. Die Außenwelt des Bahnwärter Thiel
Die Außenwelt stellt sich als derjenige Teil der dargestellten Wirklichkeit dar, der mit den für den Bahnwärter unbewußt vorhandenen, triebhaften und sinnlichen Komponenten der menschlichen Seele verbunden ist. Das „Haus/Dorf“, „Lene“, „Der Säugling“ und „Die Eisenbahn“ repräsentieren jeweils in unterschiedlicher Gewichtung diesen Bereich der Thielschen Psyche, der im Verlaufe der Erzählung immer deutlicher zu Tage tritt und schließlich, an der Oberfläche des Bewußten angelangt, die innere Traumwelt des Bahnwärters förmlich überrollen. 1.1 Haus/Dorf
Das Haus des Bahnwärters ist Bestandteil der als „Kolonie“ bezeichneten Ortschaft „Schön-Schornstein“, in der Thiel von vornherein als Außenseiter dargestellt wird. Die zum Teil selbst gewählte soziale Isolation ist der Grund, der ihn immer wieder in sein abgelegenes Bahnwärterhäuschen im Wald flüchten läßt. Das Haus fungiert als eine Art „Oase“ Thiels in der dargestellten Wirklichkeit des Dorfes, es ist rein topografisch schon abgegrenzt, da es am Rande der Ortschaft angesiedelt ist und durch seine Nähe zu dem Fluß bereits den Weg in die Naturlandschaft des Waldes weist. Desweiteren ist festzuhalten, daß Thiel ursprünglich das Zimmer mit seiner ersten Frau Minna und dem gemeinsamen Sohn Tobias teilte und es somit seinerseits ein Ort der Erinnerung an diese Zeit ist. Mit dem Auftreten der zweiten Frau Lene wird diese räumlichsemantische Ordnung schon verändert, wenn nicht gar zerstört, so daß sich Thiel mit seinem Bahnwärterhäuschen einen Zufluchtsort vor der Veränderung errichten muß. Somit bildet das Haus im, bzw. am Dorf das räumliche Äquivalent zu dem Innenbereich der zum „Altar“ stilisierten Bahnwärterkabine. Eine weitere Abgrenzung findet sich in der Feststellung, daß das Haus/Zimmer noch zusätzlich durch „Stiegen“ zu erreichen ist, die eine ortschaftsinterne Differenzierung, ja Erhöhung, damit noch bekräftigen.
Das Dorf wird durch seine Bewohner semantisiert, die entweder argwöhnische Fischer oder Waldarbeiter sind und als solche für eine traditionell handwerkliche, geistig wenig ausgebildete Welt stehen. Thiel wird von den Kindern als „Vater Thiel“ bezeichnet, weil er sich aus der Gesellschaft des Dorfes heraushält und seine freie Zeit mit den Kindern der Dorfbewohner verbringt. Schon hier zeigt sich eine Abgrenzung zu den Bewohnern des Dorfes, da Thiel den Kindern statt gesellschaftlich konservativer Werte wie Fleiß, Bescheidenheit und Gehorsam religiöses Denken sowie Lesen und Schreiben vermittelt. Die unterschiedlichen Sichtweisen, die Hauptmann mittels verschiedener Fokalisierungen ausdrückt, werden allein dadurch deutlich, wie die Jugendlichen in
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den konträren Perspektiven bewertet werden. Sind sie noch aus der Sicht der Dorfbewohner als „Rotznasen“ abgestempelt, differenziert Thiel in die „Großen“ und die „Kleinen“ (S. 12). Diese Verschiebung von Interessen kann dazu geführt haben, daß die Motivation für die ablehnende Haltung aus einer Art Neiddenken entspringt, da Thiel die Vaterrolle für fremde Kinder übernommen hat und zudem mit ihnen auf einer Ebene kommuniziert, die die Eltern wohl überhaupt nicht in der Lage sind zu erfassen. Da sie - die Eltern nämlich - nicht lesen können, beschränken sie sich auf ihre physische Arbeit und werten geistige Fähigkeiten von vornherein ab. Die Lebensumstände und gesellschaftlichen Verhältnisse des Bahnwärters sind insgesamt gekennzeichnet durch nicht vorhandene Bindungen in das Umfeld der erwachsenen Dorfbewohner, durch eine deutliche Distanz, die von beiden Seiten gewollt ist, bzw. nicht verändert wird. Beide Seiten stehen in keinem direkten Kontakt, da sich auf der einen Seite der Bahnwärter aufgrund seines Arbeitsplatzes und seines dargestellten Phlegmas per se abgrenzt, die Dorfbewohner wiederum jegliche Gemütsäußerungen nur indirekt darbringen. Das Verfahren, die Anklagen über die fehlende „strengen Hand“ Thiels lediglich durch die Fenster der Hütten dringen zu lassen (S. 9), verdeutlicht, daß die Nachbarn nicht gewillt sind, in persönlichen Kontakt mit dem Bahnwärter zu treten. Man kann die Bewohner nicht in ihrem individuellsten Lebensraum beobachten, treten sie ja persönlich überhaupt nicht in Erscheinung.
Das Dorf in seiner eigenen Abgeschiedenheit und dee Kontaktarmut der Einwohner stehen für die Unmöglichkeit, aus den gegebenen Grenzen herauszutreten. Im gesamten Text findet sich kein Anhaltspunkt, daß eine Person - mit Ausnahme der Familie Thiel natürlich - aus dem topografischen Raum des Dorfes, der mit der erzählten Wirklichkeit, deren Isolation und unsozialer Verhaltensmuster besetzt ist, in einen anderen übertritt und somit nach LOTMAN ein Ereignis aufzeigt.
Das Dorf steht damit allerdings auch analog zu dem Bahnwärter in seiner Gewohnheit, das Leben stets gleich ablaufen zu lassen, er muß keine Veränderungen befürchten und kann in diesem Rhythmus die dargestellte Wirklichkeit ertragen. Er findet die Balance in seinem Haus, das - wie das Dorf selbst - topografisch erhöht positioniert ist, somit in einer beschränkten Erhabenheit wenig interne Veränderungen zuläßt. Weder das Dorf, dessen einzige explizite Figur noch der Pastor ist, der aber seinerseits schon außerhalb Schön-Schornsteins, aus Neu-Zittau stammt, wenig direktes Interesse an der Lebensführung Thiels zeigt, noch das Dorf selbst sind deutlich mit Merkmalen besetzt, mit denen sich Thiel auseinandersetzen müßte. Seine Semantisierung besteht lediglich in der Einführung eines angedeuteten Sozialgefüges, den Menschen aus einer materiell und geistig armen
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Bevölkerung und dem Sohn des Bahnwärters, Tobias, der seinerseits als Erinnerung an die verstorbene Minna und die Kindlichkeit des Bahnwärters selbst fungiert Aus seiner für Thiel erträglichen Interesselosigkeit und dem erhöhten Standpunkt des Hauses und den zusätzlichen Stiegen zum Zimmer heraus kann dieser semantische Raum in Balance zu dem Refugium Thiels, der Bahnwärterhütte im Wald, stehen, ohne, daß die aufrecht erhaltene Ordnung im Leben Thiels in Gefahr gerät.
Lediglich mit der zweiten Frau, Lene, wird ein Ereignis nach LOTMAN eingeführt, da sie sich aus einem anderen Raum, nämlich dem Dorf Alte-Grund, in den des Dorfes Schön-Schornstein bewegt und damit das Kräftegleichgewicht in der Außenwelt Thiels stört.
1.2. Lene
Lene steht in vielfältigem Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, der Mutter Tobias’, Minna. Sie ist eine explizite Repräsentantin der mechanisch-vitalen Außenwelt, wird sie doch in ihrer Arbeitsweise mit einer Maschine verglichen, die selbst das eigene Kind zwischen zwei Arbeitsgängen mit einer Art stillt, die in ihrer Beschreibung der einer Dampfmaschine nahekommt (vgl. S. 27). Schon früh wird die Verbindung geknüpft zwischen ihr ihrer sexuellen Anziehung und Triebhaftigkeit und der mechanischen Kraft der Eisenbahn, indem immer wieder auf die Symbole der Milch (z.B. in den„drei milchweißen Dampfstrahlen“ [S. 29] der Lokomotive, die analog zu der verschütteten Milch auf dem Tisch auf einen sinnlichen Trieb verweisen, der für Thiel zum Verhängnis werden soll) oder auf die körperliche Kraft als Kuhmagd, die parallel zu den „eisernen Sehnen“ der Eisenbahn steht.
Lene ist von Hauptmann einseitig mit körperlichen, aber auch sinnlichen Attributen versehen worden, sie „verkörpert“ im engsten Sinne die dargestellte Wirklichkeit, die allem, was mit Geistigem, mit Spirituellem und Emotionalem konnotiert ist, dominant-zerstörend entgegenwirkt. Dies wird in den Bildern deutlich, in denen sie in Kontakt mit den Repräsentanten der inneren Traumwelt Thiels tritt. Thiel heiratet Lene aus Vernunftgründen statt aus Liebe, bzw. Zuneigung und wird von ihrer „brutalen Leidenschaftlichekeit“ (S. 5) in seiner eigenen Welt eingeengt. Lene steht in ihrer physisch starken Konstitution der schmächtigen Minna in genauso in Opposition wie in der simpel anmutenden Tatsache, daß sie als explizit „lebendig“ dargestellt wird, während ihre Vorgängerin tot ist. Damit stellt sie sich auf die Ebene der Realität und zeigt keine Anhaltspunkte für eine emotionale Dimension, im Gegenteil: „ihr geht die Seele ab“ (vgl. S. 5), sie ist als seelenlose Maschine dem Bahnwärter gegenübergestellt, der seine Erfüllung nur in der
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Arbeit zitieren:
M.A. Christoph Fuksa, 2001, Die Semantisierung des Raumes in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag GmbH
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