H U M B O L D T - UN I V E R S I T Ä T Z U BE R L I N
P H I L O S O P H I S C H E F A K U L T Ä T I I
N O R D E U R O P A - I N S T I T U T
S O M M E R S E M E S T E R 2 0 0 4
K E I N F Ü H R U N G I N D I E S K A N D I N A V I S T I S C H E
L I T E R A T U R W I S S E N S C H A F T
K R I T I K A M WO H L F A H R T S S T A A T A L S
S C H L Ü S S E L Z U M E R F O L G D E S
S K A N DIN A V I S C H E N K R I M I N A L RO M A N S
B E R L I N, D E N 2 9 . S E P T E M B E R 2 0 0 4
E B B E VO L Q U A R D S E N
S K A N D I N A V I S T I K
P O L I T I K W I S S E N S C H A F T
E U R O P Ä I S C H E ET H N O L O G I E
Inhalt
1. Der skandinavische Kriminalroman und sein weltweiter Erfolg
1.1. Fräulein Smillas Gespür für Schnee und der Beginn einer Erfolgsgeschichte
1.2. Henning Mankell auf der Erfolgswelle des skandinavischen Kriminalromans
1.3. Der nordische Krimi – Ein neues Genre bildet sich heraus
1.4. Kritik am Wohlfahrtsstaat als genrebestimmendes Merkmal
2. er skandinavische Wohlfahrtsstaat
2.1. Das skandinavische Modell – hohe Steuern und hohe Leistungen
2.2. Der skandinavische Wohlfahrtsstaat in Zeiten des Umbruchs
3. Detektivroman, Krimi oder Thriller? – Eine Genrebestimmung
4. Wohlfahrtsstaatskritik in frühen skandinavischen Kriminalromanen
4.1. Maj Sjöwall/Per Wahlöö – „Roman om ett brott“
4.2. Gunnar Staalesens Varg Veum-Serie
4.3. Dan Turèlls „Mord“-Serie
5. Analyse der Wallander-Serie Henning Mankells als Beispiel für den zeitgenössischen skandinavischen Kriminalroman
6. Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans
7. Sekundärliteratur
1. Der skandinavische Kriminalroman und sein weltweiter Erfolg
1.1. Fräulein Smillas Gespür für Schnee und der Beginn einer Erfolgsgeschichte
Kaum ein literarisches Genre hat die späten Neunziger Jahre so sehr geprägt wie der skandinavische Kriminalroman. Auch heute hat dessen Erfolg seinen Höhepunkt noch nicht überschritten. Namen wie Henning Mankell und Håkan Nesser sind – quer durch die Gesellschaftsschichten – in aller Munde. In den Großbuchhandlungen von Flensburg bis zum Bodensee hat man längst spezielle Verkaufstische für den so genannten nordischen Thriller eingerichtet. Etiketten mit der Aufschrift „schwedischer Kriminalroman“ oder „Kopenhagen-Krimi“ prangen auf den Buchdeckeln wie angesagte Markennamen und lösen die vormals übliche allgemein gehaltene Bezeichnung „Roman“ nach und nach ab.
Verband man mit der Literatur des Nordens vor ein paar Jahren noch idyllische Heile-Welt- Schilderungen, wie sie in der Kinder- und Jugendbuchliteratur von Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren auftauchen, so sind es heute wohl eher kaltblütige Verbrechen von globaler Bedeutsamkeit, die die deutsche Leserschaft mit der Belletristik Nordeuropas assoziiert.
Alexandra Krieg datiert den Beginn der Erfolgswelle der skandinavischen Kriminalliteratur auf 19921. Damals erschien der Bestseller Frøken Smillas fornemmelse for sne2 des Dänen Peter Høeg. Auch wenn sich Høegs Roman inhaltlich nicht unbedingt in eine Reihe mit den späteren Erfolgen seiner Landsleute und nordischen Nachbarn setzen lässt, war doch er es, der die Aufmerksamkeit der deutschen Literaturkonsumenten nach langer Zeit wieder auf das bevölkerungsmäßig eher überschaubare Skandinavien wandern ließ.
1.2. Henning Mankell auf der Erfolgswelle des skandinavischen Kriminalromans
Schon ein Jahr zuvor war Henning Mankells erster Roman um den schonischen Polizisten Kurt Wallander mit dem Titel Mördare utan ansikte3 erschienen, der 1993 auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Der im dünn besiedelten Härjedalen aufgewachsene Schwede hatte sich zuvor vornehmlich als Dramatiker einen Namen gemacht. In Abständen von jeweils rund einem Jahr setzte Mankell die in seiner Heimat von Beginn an höchst erfolgreiche Serie fort. 1992 erschien das Zweitwerk Hundarna i Riga4, ein Jahr darauf folgte Den vita lejoninnan5, ein weiteres Jahr später der Roman Mannen som log6, der aber auf dem deutschen Buchmarkt erst wesentlich später und neben Den femte kvinnan als einziger der Serie außerhalb der ursprünglichen Reihenfolge erschien.
Obschon sich alle diese Romane durchaus gewinnbringend verkauften, konnte Mankell erst Ende der Neunziger Jahre zum Star am deutschen Literaturhimmel avancieren. Die Romane 5 bis 7 der Wallander- Serie (Villospår7, Den femte kvinnan8 und Steget efter9) brachen hierzulande alle Rekorde, wurden von den Kritikern durchweg in höchsten Tönen gelobt und bescherten auch den vorausgegangenen Romanen im Nachhinein steigende Absatzzahlen. Leider konnte mir Mankells deutscher Verleger (Zsolnay in München) keine genauen Verkaufszahlen der einzelnen Romane nennen. Dennoch erfuhr ich auf meine Anfrage hin, dass die Verkaufszahlen von Die falsche Fährte, Die fünfte Frau und Mittsommermord ein Vielfaches über denen der ersten Teile der Romanserie liegen.
Am Beispiel von Mankells achtem und in seiner Art letztem Wallander-Roman Brandvägg10, lässt sich bereits erahnen, worauf sich der Erfolg vieler skandinavischer Kriminalromane gründet. Es ist die Lust auf mehr, die die Leser in die Buchhandlungen strömen lässt. Denn obgleich Die Brandmauer als erster Mankell-Roman nach langer Zeit nicht durchweg das Lob der Feuilletons fand – „Es ist wohl Zeit, dass der grüblerische Kommissar abdankt“ schrieb zum Beispiel Der Spiegel, „Kommissar Wallander und seinem Schöpfer scheint ein bisschen die Luft auszugehen“ der Focus – gehört die Nummer 8 der Romanreihe nach Auskunft des Zsolnay-Verlages zu den am besten verkauften Teilen der Serie.
Auf ein eher geteiltes Echo stieß schließlich auch Henning Mankells jüngstes Werk Innan frosten11, das aus der Sicht von Linda Wallander, der inzwischen ebenfalls bei der Polizei beschäftigten Tochter des bekannten Kommissars, geschrieben ist. Doch auch in diesem Fall taten teilweise schlechte Kritiken dem Erfolg des Buches keinen Abbruch.
1.3. Der nordische Krimi – Ein neues Genre bildet sich heraus
Als zweiter Vorreiter des Schweden-Krimi-Booms ist Henning Mankells Landsmann Håkan Nesser zu nennen. Zwar gelang es Nesser nie ganz aus dem Schatten seines mehr als erfolgreichen Kollegen herauszutreten, dennoch finden sich seine Romane um den Kommissar Van Veeteren stets auf den internationalen Bestseller-Listen. Sein Debüt Det grovmaskiga nätet12 erschien in Deutschland aber erst sechs Jahre nach der Originalausgabe aus dem Jahr 1993, als Henning Mankell bereits unter Beweis gestellt hatte, dass Kriminalromane nordischer Autoren in Deutschland durchaus Absatz finden können.
Obwohl es sich bei den Werken Nessers um herausragende Kriminalromane handelt, möchte ich sie im Folgenden dennoch vernachlässigen. Da Nesser seine Handlungen nicht etwa in Schweden, sondern in einer fiktiven Welt, die den Niederlanden ähnelt, ansiedelt, eignen sich seine Romane nicht für die Analyse des Zusammenhangs zwischen Verkaufserfolg und Kritik am skandinavischen Wohlfahrtsstaat, die den Kern meiner Arbeit bilden soll.
[...]
1 vgl. Krieg, Alexandra: „Der skandinavische Kriminalroman“. In: Dies.: „Auf Spurensuche. Der Kriminalroman und seine Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart.“ Marburg, 2002, S.75
2 Høeg, Peter: „Frøken Smillas fornemmelse for sne“. København, 1992. Deutsche Erstausgabe: “Fräulein Smillas Gespür für Schnee”. Hamburg, 1994
3 Mankell, Henning: „Mördare utan ansikte“. Stockholm, 1991. Deutsche Erstausgabe: „Mörder ohne Gesicht“. Berlin, 1993
4 Mankell, Henning: „Hundarna i Riga“. Stockholm, 1992. Deutsche Erstausgabe: “Hunde von Riga”. Berlin, 1993
5 Mankell, Henning: „Den vita lejoninnan“. Stockholm, 1993. Deutsche Erstausgabe: „Die weiße Löwin“. Berlin, 1995
6 Mankell, Henning: „Mannen som log“. Stockholm, 1994. Deutsche Erstausgabe: „Der Mann, der lächelte“. Wien, 2001
7 Mankell, Henning: „Villospår“. Stockholm, 1996. Deutsche Erstausgabe: „Die falsche Fährte“. Wien, 1999.
8 Mankell, Henning: „Den femte kvinnan“. Stockholm, 1997. Deutsche Erstausgabe: „Die fünfte Frau“. Wien, 1998
9 Mankell, Henning: „Steget efter“. Stockholm, 1997. Deutsche Erstausgabe: “Mittsommermord”. Wien, 2000
10 Mankell Henning: „Brandvägg“. Stockholm, 1998. Deutsche Erstausgabe: „Die Brandmauer“. Wien, 2001
11 Mankell, Henning: „Innan frosten“. Stockholm, 2002. Deutsche Erstausgabe: „Vor dem Frost“. Wien, 2003
12 Nesser, Håkan: „Det grovmaskiga nätet“. Stockholm, 1993. Deutsche Erstausgabe: „Das grobmaschige Netz“. München, 1999
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Ebbe Volquardsen, 2004, Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans, Munich, GRIN Publishing GmbH
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