Das Phänomen Krieg - damals und heute
Die Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend nach Christus offenbart, wenn es um die Auseinandersetzung mit den zur Zeit auf dem gesamten Globus tobenden Konflikten und Kriegen geht, einen fundamentalen Paradigmenwechsel hinsichtlich der Positionierung des Krieges unter den politischen Handlungsinstrumenten, der Art und Weise der Führung, der Eindämmung und Abschwächung, der Eskalation und Entgrenzung. Vor allem zeigt sich eine unschwer erkennbare autonom wirkende Dynamik und intentionelle Perpetuität, wenn man sich die Absicht und (meist nicht auszumachende) Zielsetzung kontemporärer bewaffneter Konflikte vergegenwärtigt, die sich heutzutage entweder innerstaatlich, parastaatlich oder als globaler, vielfältig motivierter Terror manifestieren.
Das theoretische Werk des Militärhistorikers Carl v. Clausewitz kann dabei prominent bei der Auseinandersetzung mit diesem Objekt des Erkenntnisinteresses helfen. Deshalb soll es in dieser Bestandsaufnahme darum gehen, bestehende Parallelen zu den Kriegen der Vergangenheit, die sich im klassischen Sinne vorwiegend zwischen regulären staatlichen Truppen äußerten, mit neuen Mustern der Konfliktaustragung in Beziehung zu setzen. Grundsätzlich soll erkundet werden, welche fundamentalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den „klassischen“ und „neuen“ Kriegen im Sinne des Clausewitz´schen Ansatzes bestehen und mit welchen Erklärungsmodellen, Definitionen und Analyseinstrumenten die zeitgenössische Forschung aufwartet.
Der Krieg im Wandel
Die Geschichte der menschlichen Zivilisation ist - von ihren überschaubaren Anfängen in Gestalt von isolierten mikrosozialen Verbänden, d. h. Jagd-, Sammel- und Siedlungsgemeinschaften, bis hin zu unserer unmittelbaren, politisch und sozial äußerst vielgestaltigen Gegenwart, in der vorrangig ökonomisch motivierte globale Interdependenzen die Beziehungen der Weltbevölkerung strukturieren - begleitet, durchdrungen und - für den Fortgang der Geschichte - maßgeblich bestimmt von Akten der Aggression unterschiedlichen Ausmaßes, schwankender politischer Tragweite sowie vielfältigster Ätiologie.
Betrachtet man nun exemplarisch die letzten 2000 Jahre, also jene Zeitspanne, aus deren gründlicher Examinierung heraus sich die politische und kulturell-religiöse gegenwärtige Verfassung Europas und unbedingt auch in multikausaler Hinsicht die der
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übrigen Kontinente verstehen lässt, zeigt sich anhand der Entstehung, des Niedergangs, aber auch der Permanenz von Imperien, Staaten und Nationen die Evolution der Organisation menschlicher Gemeinwesen als komplexe soziopolitische Gefüge, in denen Gewalt und Krieg immer eine prägende, gestaltende Funktion innehatten. Seitdem in Europa der mittelalterliche Personenverbandsstaat, beeinflusst durch die innovativen und - manchmal auch restaurativen - religiösen, philosophischen und kulturellen Strömungen des Humanismus, der Renaissance und seit Mitte des 17. Jahrhunderts der Aufklärung, durch den modernen Staat und die Idee der Nation abgelöst wurde, änderten sich auch Formen, Charakter und Ursache kriegerischer Auseinandersetzungen - nicht zuletzt ebenso durch die seit Beginn der Industrialisierung rasant fortschreitende wissenschaftlich-technologische Entwicklung. Jener moderne Nationalstaat europäischer Prägung, erwachsen aus den Erfahrungen des 30jährigen Krieges und dem politisch-philosophischen Gedankengut vieler, in ganz Europa beheimateter Staatstheoretiker, führte Kriege jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern betrachtete ihn - und darüber herrschte Konsens in den Fürstenhäusern der aufgeklärten Monarchien des 18. und 19. Jahrhunderts - als Mittel zum Zweck und als ultima ratio, wenn das Räderwerk der komplizierten Allianz-und Bündnisdiplomatie ins Wanken geriet und eine politische Deeskalation von Konflikten als wenig tauglich erschien, um ureigene Interessen durchzusetzen. Die Kriege der Europäer stellten so betrachtet mitnichten chaotische, planlose, rein von Haß oder wie auch immer gearteten Emotionen geleitete Gemetzel dar, sondern waren wohlorganisierte, kühl kalkulierte Veranstaltungen von begrenzter Dauer, die sich nach vorher bereits ausgemachten Reglements vollzogen und deren schnelle Beendigung meist schon im Vorfeld von allen involvierten Konfliktparteien antizipiert wurde.
In ein formaljuristisches Korsett gezwängt, offenbarte sich der klassische, zwischenstaatliche Krieg in Europa als Verkörperung einer pragmatisch-rationalen Geisteshaltung im Sinne des auch gerade in Preußen eifrig gepflegten Gedankengebäudes der Aufklärung. Die bewaffnete Auseinandersetzung zweier oder mehrerer Staaten vollzog sich folglich mit Hilfe einer militärischen Körperschaft, die als Instrument der Herrschenden diente, um der Durchsetzung politischer Entscheidungen nachzuhelfen bzw. selbige zu verhindern. Der Triumph der Ratio über den gefühlsmäßig bestimmten und rational damit nicht faßbaren Affekt sollte das Phänomen der Aggression in Gestalt des Krieges berechenbar werden lassen. Die napoleonischen
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Kriege verstießen jedoch in mehrfacher Art gegen den regelhaften Krieg und weiteten unter Mobilisierung aller Ressourcen seine Dimension, „entgrenzten“ ihn. Insofern stellten sie eine Zäsur dar. Seinen zeitgenössischen Ausdruck findet diese Feststellung im literarisch vielbeachteten Vermächtnis des aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen stammenden, später schließlich aufgrund seiner herausragenden Verdienste im königlich-preußischen Heer geadelten Generals Carl von Clausewitz, der in seiner Abhandlung „Vom Kriege“ erstmals eine umfassende, theoriegeleitete Analyse des Krieges vorlegte.
Wie aber korrelieren Clausewitz´sche Erkenntnisse mit den Kriegserscheinungen des 21. Jahrhunderts? Gelingt ein Brückenschlag hin zu seinem immer noch weltweit gelesenen, in hohem Maße polarisierenden Theoriekonstrukt? Oder sieht eine gut 250 Jahre andaue rnde Episode der relativen Vernunft, in der Recht und Diplomatie die zügellose Entgrenzung der Gewalt in (europäischen) Kriegen zu hemmen suchten, ihrem Ende entgegen?
Man muß selbstredend, wenn man hier Europa ins Auge fasst, noch ergänzend hinzufügen, daß die europäischen Kolonialmächte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aufgrund ihrer imperialen Hegemonie weltweit agierten, was sich ebenfalls auf die Führung von Kriegen jenseits des eigenen Territoriums zur Sicherung der jeweiligen nationalen Einflußsphäre auswirkte. Die europäische Art, sich zu bekriegen, wurde also exportiert und befriedete zeitweilig schwelende Animositäten der von ihnen unterworfenen Völker, indem entweder sämtliche Anzeichen von ethnischen oder religiös-kulturell bestimmten Zwisten präventiv im Keim erstickt oder solch instrumentalisierbare aggressive Energien genutzt wurden, um die in den Kolonien stationierten Militärkontingente aus dem Mutterland mit Einheimischen zu ergänzen, die ihren Zorn nunmehr gegen benachbarte, auf Expansion bedachte koloniale Konkurrenten richten konnten. Bis zur Auflösung der Kolonialreiche sorgte Europa also für einen prekären Friedenszustand in einem Großteil seiner Außenbesitzungen. Clausewitz - ein zeitloses Verständnis des Krieges ?
Zeitzeuge der kolonialen Unterwerfung großer Teile des Globus war auch Carl von Clausewitz, obgleich selbst vollständig von rein europäischen Konflikten vereinnahmt. Ganz im Sinne seiner Epoche und bedingt durch seine für die damalige Zeit sehr progressive, im preußischen Zentrum Berlin erworbenen Bildung, die vollends in der Tradition der französischen Aufklärung stand, schickte er sich an, versehen mit
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Arbeit zitieren:
Oliver Gebel, 2004, Clausewitz und die Neuen Kriege - Eskalation, Moderation und die Frage nach Zweck und Ziel, München, GRIN Verlag GmbH
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