Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945 4
2.1. Innere und äußere Emigration diese Kontroverse triff auch Feuchtwanger 5
2.2. Die Kulturpolitik der Besatzungsmächte ein weiterer Grund für
Feuchtwangers positive Aufnahme im Osten und seine Ablehnung im Westen
Deutschlands 7
2.3. Moskau 1937 auch kleine Bücher machen Schicksale 13
2.4. Der Autor von Waffen für Amerika und Verehrer Franklins
vor dem McCarthy-Ausschuß in den USA 21
2.5. Die Jüdin von Toledo im Umfeld der Wiederbewaffnung und als Absage an
die Gewalt 24
2.6. Tendenzen der Feuchtwanger-Rezeption in Ost- und in Westdeutschland 28
3. Herleitung der Fragestellung 37
3.1. Goya ein Künstler unter vielen in Feuchtwangers Werk 38
3.2. Jacques Tüverlins und Sepp Trautweins Entwicklung 39
3.3. Goya oder Kunst und Politik 42
3.4. In Erfolg wird Goyas Entwicklung vom Nur-Künstler zum Künstler
(andeutungsweise) vorweggenommen 42
3.5. Lion Feuchtwanger und der Ästhetizismus der Décadents 45
3.6. Goya Feuchtwangers Antwort auf die Frage: Wie muß Kunst beschaffen
sein um verändernd auf die Gesellschaft wirken zu können 47
4. Goya macht sich auf den Weg der Erkenntnis 48
4.1. Goya im Kontext der Revolutionstrilogie 48
4.2. Erzählperspektive 51
4.3. Das historische Umfeld des Goya -Romans 52
4.4. Goyas Weg vom Hofmaler zum Kritiker gesellschaftlicher Verhältnisse 67
5. Zusammenfassung 77
6. Literaturverzeichnis 80
6.1. Textgrundlagen 80
6.2. Sekundärliteratur 80
1
»Goya« – der Schlüsselroman zum Kunst- und Literaturverständnis Lion Feuchtwangers?
Oder:
„Künstlerische Begabung, mit politischer Leidenschaft vereint, könnte das Höchste erzielen, was der Mensch zu erreichen vermag.“ 1
Einleitung
Oftmals sei das Urteil über gegenwärtige Kunst von verzweifelter Unsicherheit geprägt 2 , so Hans-Georg Gadamer in »Wahrheit und Methode«. Der Abstand der Zeit, so führt er aus, sei hingegen als eine produktive und hilfreiche Bedingung anzusehen, wenn es gelte, ein angemessenes Verständnis von literarischen Texten oder, ganz allgemein gesprochen, überhaupt von Kunstwerken zu entwickeln. Denn nur dem geschichtlich entrückten Kunstgegenstand vermögen wir bei der Beurteilung seiner Bedeutung mit einem höheren Maß an Sicherheit zu begegnen, und zwar deshalb, weil wir durch den Abstand der Zeit freier würden von unkontrollierbaren Vorurteilen 3 , die uns in der Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Kunst im Moment „[...] viel zu sehr einnehmen, als daß wir sie wissen [...]“ 4 und erkennen könnten. Daher seien wir bei der Beurteilung von gegenwärtiger Kunst auch nicht in der Lage, die mögliche Berechtigung und eventuelle Gültigkeit unserer zeitlich und damit jeweils geschichtlich bedingten Vorurteile, die unser Bemühen 1 »Goya«, S. 76.
2 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 302.
3 Anmerkung: Gadamer möchte den Begriff des Vorurteils nicht in seiner negativen Bedeutung, die ihm heutzutage anhaftet, verstanden wissen. Statt dessen gebraucht er den Begriff des Vorurteils im Sinne eines Urteils, „[...] das vor der endgültigen Prüfung aller sachlich bestimmenden Momente gefällt wird [...]“ und insofern die Möglichkeit einer positiven wie negativen Entscheidung in sich noch zusammenfaßt. Eine etwaige Entscheidung wird somit noch nicht herbeigeführt, sondern zunächst einmal nur in die Schwebe gebracht. Vgl. hierzu ebd. S. 275. Der Begriff des Vorurteils im weiteren Sinne bezeichnet bei Gadamer aber auch das jeweilige Sachverständnis, mit dem der Rezipient dem Text gegenübertritt und das entscheidend für vorerst hypothetische Sinnkonstruktion ist. Vgl. hierzu ebd. 272–273.
4 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 302–303.
2 um ein adäquates Verständnis von Kunst und ihrer Bedeutung immer unbewußt mitbestimmen, durch kritisches Hinterfragen auf die Probe zu stellen. Statt dessen würden wir sie im Verstehensprozeß von gegenwärtiger Kunst vielmehr unbewußt applizieren und könnten sie folglich in ihrer Wirkung, wo eigentlich notwendig, auch nicht suspendieren. Dies habe jedoch zur Folge, so Gadamer, daß wir die Bedeutung des aktuellen Kunstwerkes nur sehr schwer, wenn überhaupt, angemessen erfassen könnten, weil sie eben oftmals erst gar nicht die Möglichkeit erhielte, sich von unseren Vorurteilen abzuheben.
Nun zählt das Romanwerk Lion Feuchtwangers (*München 1884, † Kalifornien, USA 1958) ganz gewiß nicht zur gegenwärtigen Literatur. Statt dessen gehört es überwiegend zu jenem speziellen Abschnitt der deutschsprachigen Literaturgeschichte, dem man das Schrifttum derer zuordnet, die nach der Machtübernahme Hitlers, dem Reichstagsbrand und der Bücherverbrennung vor politischer oder rassistischer Verfolgung aus Deutschland flohen und deren Werke deshalb zwischen 1933 und 1945 – aber auch noch danach – im Ausland, im Exil entstanden. Doch obwohl die Werke der deutschen Exilliteratur damit einer literaturgeschichtlichen Epoche angehören, die schon geraume Zeit zurückliegt, ist der Umgang mit ihnen nicht ganz unproblematisch. Schließlich ist die historische Distanz zu diesen Werken nicht so groß, als daß man behaupten könnte, wir liefen nun nicht mehr so schnell Gefahr, den geschichtlich bedingten Vorurteilen, die in den Verstehensprozeß dieser Werke und deren noch relativ junger Wirkungsgeschichte mit eingegangen sind, unbewußt zu erliegen.
Ferner ist die Auseinandersetzung mit dieser Literatur aber auch aus anderen Gründen, die mit ihrer Eigenart selber zusammenhängen, schon immer in besonderer Weise von Vorurteilen beherrscht gewesen. Denn bei aller Diversität und Reichhaltigkeit in künstlerischer, aber auch in politischer Hinsicht, die innerhalb der großen und sehr heterogenen Gruppe der deutschsprachigen Exilautoren herrschte, so läßt sich von den Autoren dieser Gruppe eines vielleicht mit einem gewissen Anspruch auf Allgemeingültigkeit sagen: Es waren Autoren, die ihr literarisches Schaffen zwar nicht ausschließlich, aber in bedeutendem Maße mit politischen
3 Wirkungsabsichten verbanden und es in vielen Fällen als Ausdruck ihres Kampfes gegen den Faschismus in Deutschland verstanden. Allerdings blieb die Wirkung der Exilliteratur im Kampf gegen den Faschismus weitestgehend aus. Schließlich war der deutschsprachige Raum seit spätestens 1939 nahezu vollkommen abgeriegelt, und es gab ausgeklügelte und effektive Mechanismen, mit denen es die Nationalsozialisten zu verhindern wußten, daß irgendwelches Schrifttum in größerem Umfang unkontrolliert ins Deutsche Reich hineingelangen konnte. Infolgedessen fanden die Werke der Exilautoren auch kaum den Weg zu jenen Lesern, für die sie eigentlich und ursprünglich gedacht waren.
Nach der Teilung Deutschlands und der Gründung der beiden deutschen Staaten reagierte man in der DDR und in der Bundesrepublik dann sehr unterschiedlich auf die bis dahin nahezu unbekannten Werke der Exilautoren. Im Zuge der Systemkonfrontation zwischen Ost und West fand die allmählich und nur zögerlich beginnende Aneignung dieser Literatur, die ja aufgrund ihrer Entstehungsbedingungen ohnehin sehr stark mit politischen Gehalten aufgeladen war und sich auch schon deshalb leicht für ideologische Auseinandersetzungen mißbrauchen ließ, in einem politischen Umfeld und Klima statt, das eine unvoreingenomme Auseinandersetzung mit ihr für lange Zeit verhinderte. Statt dessen bestimmten scheinbar vielmehr außerliterarische und im weitesten Sinne ideologisch geprägte Kriterien die Rezeption der Exilliteratur. 5 Aus diesem Grund kommt der Rezeptionsgeschichte dieser Literatur aber auch eine besondere Bedeutung zu: Denn es gilt, sie im besonderen Maße als eine Möglichkeit zu betrachten, die uns im Sinne einer kritischen Selbstaufklärung der Gegenwart helfen kann, zu erkennen, wie und unter welchen Bedingungen in der Geschichte jene Urteile über die Exilliteratur zustande gekommen sind, die noch immer und zum größten Teil unbewußt unser gegenwärtiges Verständnis von ihr bewirken. Insofern ist es der Eigenart des zu untersuchenden Gegenstandes geschuldet, daß es im Sinne eines hermeneutischen Verfahrens zunächst einmal sehr sinnvoll
5 Vgl. Vorwort des Herausgebers. In: Deutsche Literatur im Exil 1933–1944. Hrsg. v. Michael Winkler. Stuttgart: Philipp Reclam 1995. S. 10.
4 ist, sich die Wirkungsgeschichte und die Faktoren zu vergegenwärtigen, unter denen die Auseinandersetzung mit Lion Feuchtwangers Werk als Bestandteil der Exilliteratur nach 1945 stattfand. Denn wenn „[...] wir aus der für unsere hermeneutische Situation im ganzen bestimmenden historischen Distanz eine historische Erscheinung zu verstehen suchen, unterliegen wir immer bereits der Wirkung der Wirkungsgeschichte“ 6 . Und nur wenn wir sie kennen, besser gesagt, zumindest versuchen, uns einen Eindruck von ihr zu verschaffen, können wir die Gefahr verringern, daß wir tradierte Vorurteile im Verstehensprozeß unbewußt applizieren, anstatt sie ins Bewußtsein zu heben und auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Insofern ist es aus methodischen Gründen vielleicht erlaubt, die eigentliche Fragestellung dieser Arbeit für eine Weile zurückzustellen, um sich den Bedingungen zuwenden zu können, unter denen Lion Feuchtwangers Werk als Bestandteil der Exilliteratur rezipiert wurde.
Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945
Lange Zeit wurde das Werk des deutsch-jüdischen Autors Lion Feuchtwanger von den Kritikern in der Bundesrepublik gemieden, stieß es auf Ablehnung und lief Gefahr, vergessen zu werden. Damit war Lion Feuchtwanger gewiß kein Einzelfall. Zahlreichen Autoren, beispielsweise Alfred Döblin, Heinrich Mann und Leonhard Frank, um nur einige wenige zu nennen, die den Greueltaten der Nationalsozialisten genauso wie Lion Feuchtwanger nur dadurch entgangen waren, daß sie nach der »Machtergreifung« Hitlers ins Exil flohen, war man unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht sehr wohlgesonnen, zumindest nicht in den Zonen der westlichen Besatzungsmächte. Häufig wurden hier all jene, die versucht hatten, während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft mit ihren schriftstellerischen Werken aus dem Exil nach Deutschland hinein und eindeutig gegen den Nationalsozialismus zu wirken, nahezu angefeindet. Die Bezeichnung ‚Emigrantenliteratur’, mit der man damals das Werk der Exilautoren unpassenderweise zu bezeichnen pflegte, hatte im Westen Deutschlands und in der späteren
6
Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. S. 305–306.
5 Bundesrepublik in jedem Fall eine stark abwertende Bedeutung 7 . Und es schien sich in diesem Zusammenhang zu bewahrheiten, was Thomas Mann über sich selber und seinesgleichen in der Ansprache zum Goethejahr ausführte, nämlich daß „[...] der Emigrant in Deutschland wenig gilt, – er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteuern heimgesuchten Land“ 8 .
1.1 Innere und äußere Emigration – diese Kontroverse triff
auch Feuchtwanger
Die Kontroverse, die alsbald nach dem 8. Mai 1945 zwischen Thomas Mann auf der einen, Walter von Molo und Frank Thieß auf der andere Seite aufkam, war sehr folgenreich für die Rezeption der Exilliteratur im Westen Deutschlands. In dieser Auseinandersetzung reklamierten die Letztgenannten als Autoren und Vertreter der ‚inneren Emigration’ eine größere moralische Integrität für die geistige Führung Deutschlands und für den erhofften kulturellen Neuanfang. Sie begründeten ihren moralischen Führungsanspruch im wesentlichen damit, daß sie die „deutsche Tragödie“ 9 nicht aus dem Ausland verfolgt hätten und daß dieses Schicksal im Gegensatz zum „Herzasthma des Exils“ 10 eines Thomas Manns viel leidvoller gewesen sei. Auch hätten diejenigen, so behauptet Frank Thieß, die in Deutschland ausgeharrt hätten und ihr Leben aus der „schauerlichen Epoche“ hätten retten können, derart viel für ihre geistige und menschliche Entwicklung gewonnen, daß sie reicher an Wissen und Erleben daraus hervorgegangen seien als jene, die während
7 Vgl. hierzu: Mathias Schmitz: Nur für die Massen, aber für die Kenner? Zur Feuchtwanger-Forschung und -Rezeption in der DDR und BRD nach 1945. In: Diskussion Deutsch. 15. Jahrgang 1984. S. 591: „Die Ignoranz, mit der Feuchtwanger [...] im Nachkriegsdeutschland der Westzonen und späteren BRD als Teil der abschätzig so genannten ‚Emigrantenliteratur’ behandelt wurde [...].“
8 Thomas Mann: Ansprache zum Goethejahr 1949. In: Thomas Mann: Werke. Das Essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Hrsg. v. Hans Buergin. Frankfurt a. M. u. Hamburg: Fischer Bücherei 1968. S. 310.
9 Frank Thieß: Die innere Emigration. In: Die Große Kontroverse. Ein Briefwechsel um Deutschland. Hrsg. v. J.F.G. Grosser. Hamburg: Nagel Verlag 1963. S. 24.
10 Thomas Mann: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe. In: Mann, Thomas: Werke. Das Essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Hrsg. v. Hans Buergin. Frankfurt a. M. u. Hamburg: Fischer Bücherei 1968. S. 179.
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dieser Zeit „von den Logen- und Parterreplätzen“ 11 des Auslandes
lediglich nur zugeschaut hätten. 12 Diese unselige Kontroverse also führte
nach 1945 in den westlichen Besatzungszonen und später in der
Bundesrepublik mit zur vorherrschenden „[...] Ablehnung eines jeden, der
sich lossagte [...]“ 13 , so empfand es zumindest Thomas Mann. Mit jenem
verdammungswürdigen Artikel, mit dem dann schließlich Frank Thieß
öffentlichkeitswirksam „Abschied von Thomas Mann“ 14 nahm, dessen
Erwiderungen in dieser Auseinandersetzung im übrigen auch nicht immer
so großmeisterlich waren 15 , wurde zu guter Letzt nicht nur der
bedeutendste deutsche Autor des 20. Jahrhunderts gleichsam zum
zweiten Mal ausgebürgert, wenngleich diesmal ‚nur’ im übertragenen
Sinne, sondern mit ihm vielfach das Erbe der Exilliteratur überhaupt.
11 Frank Thieß: Die innere Emigration. In: Die Große Kontroverse. Ein Briefwechsel um
Deutschland. Hrsg. v. J.F.G. Grosser. Hamburg: Nagel Verlag 1963. S. 24.
12 Vgl. ebd. S. 24..
13 Thomas Mann: Ansprache zum Goethejahr 1949. In: Thomas Mann: Werke. Das Essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Hrsg. v. Hans Buergin. Frankfurt a. M. u. Hamburg: Fischer Bücherei 1968. S. 310.
14 Vgl. hierzu Neuer Hannoverscher Kurier Nr. 39. Hier eingesehen nach: Deutsch Literatur im Exil 1933–1945. Bd. 1: Dokumente. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. Frankfurt a. M.: Athenäum Fischer TB 1974. S. 257–259.
15 Anmerk.: Man denke in diesem Zusammenhang an Thomas Manns Pauschalurteil aus
der Ferne über jene Literatur, die zwischen 1933–1945 in Deutschland veröffentlicht wurde: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933– 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten eingestampft werde.“ Thomas Mann: Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe. In: Thomas Mann: Werke. Das Essayistische Werk. Taschenbuchausgabe in acht Bänden. Hrsg. v. Hans Buergin. Frankfurt a. M. u. Hamburg: Fischer Bücherei 1968. S. 181. Daß es berechtigte Gründe gab, Thomas Manns Urteil, wenngleich nicht im großen und ganzen, aber bezogen auf bestimmte Einzelfälle, zurückzuweisen und sich dagegen zu verwahren, dokumentiert der öffentliche Brief Wilhelm Hausensteins an Mann, erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 24.12.1945. In ihm legt Hausenstein dar, daß auch beispielsweise Bücher des amerikanischen Autors und zukünftigen Nobelpreisträgers (1949) William Faulkner, den später selbst die Amerikaner in ihrer Besatzungszone verboten, in guter Übersetzung in der Zeit von 1933 bis 1945 in Deutschland erscheinen konnten. Vgl. hierzu »Die Große Kontroverse«. Ein Briefwechsel um Deutschland. Hrsg. v. J.F.G. Grosser. Hamburg: Nagel Verlag 1963. S. 62–75. Vgl. zum Verbot Faulkerners in der US-Zone Alexander Stephan: Die deutsche Exilliteratur 1933–1945. S. 234.
7
1.2 Die Kulturpolitik der Besatzungsmächte – ein weiterer
Grund für Feuchtwangers positive Aufnahme im Osten und seine Ablehnung im Westen Deutschlands
Feuchtwangers Werk gehörte zweifelsfrei zur sogenannten ‚Emigrantenliteratur’, und es stand wie das seiner Kollegen und all derer, die das gemeinsame Schicksal des Exils verband, infolge jener beklagenswerten Kontroverse nach 1945 unter einem ablehnenden Verdikt, das lange Zeit wirksam war. Aber es gab darüber hinaus noch weitere Gründe, die erklären, wieso Lion Feuchtwangers Romane zu dieser Zeit kaum mehr den Weg zum Publikum fanden. Und diese Gründe sind mit der allgemeinen politischen Entwicklung in Deutschland nach 1945 verknüpft. Denn recht schnell und bereits vor dem öffentlichen Zerfall der großen Anti-Hitler-Koalition führten die unterschiedlichen Vorstellungen der Alliierten, wie man mit Deutschland nach dem Krieg verfahren solle, zu einer Verhärtung der politischen Gegensätze zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion. Die divergierenden weltanschaulichen Positionen, die aus den Verbündeten von einst allmähliche Widersacher und Systemgegner werden ließ, spiegelten sich auch im Politikfeld der Kultur wider. Auf beiden Seiten wurde die Kulturpolitik als Ausdruck der sich verschlechternden Beziehungen zwischen Ost und West in zunehmendem Maße von ideologischen Überlegungen geprägt. 16 Zum Druck und zur Veröffentlichung gelangte daher nur, was nach Auffassung der Kontrollorgane der jeweiligen Besatzungsmächte den entsprechenden kulturpolitischen Leitzielen entsprach. 17 Und wie restriktiv diese Leitziele auf beiden Seiten, im Osten
16 Vgl. hierzu Hansjörg Gehring: Amerikanische Literaturpolitik in Deutschland. Ein Aspekt des Re-Education-Programms. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1976. S. 22: „Die wichtigste Änderung [der amerikanischen Kultur- und Literaturpolitik] [...], die im Laufe der Jahre eintrat, war die der geänderten Motivation für die Re-education, und zwar bedingt durch die Verschlechterung in den Beziehungen zur Sowjetunion [...]. Während es vorher in den Worten der Yalta-Beschlüsse darum ging, 'to destroy German militarism and Nazism', und die Amerikaner dieses mittels Re-education bewerkstelligen wollten, hielt man es jetzt für opportun, die Re-education als Mittel zum Schutze Amerikas gegen kommunistische Angriffe einzusetzen. Da nach wie vor Demokratie verkündet wurde, ging der Motivationswechsel einigermaßen glatt über die Bühne. Dennoch lassen sich Auswirkungen auch in der Literaturpolitik feststellen, da jetzt stärker als zuvor anti-kommunistische Literatur zur Gegenpropaganda eingesetzt wurde.“
17 Vgl. hierzu ebd. S. 111: „Als im Laufe des Jahres 1947 die Kriegsallianz der
8
wie im Westen Deutschlands, mitunter gewesen sein müssen, wird
deutlich, wenn man im Sinne eines exemplarischen Beispiels die
nachfolgenden Auswahlkriterien für jene etwa zehn Millionen Bücher 18
und Broschüren betrachtet, die die Amerikaner in der Zeit von 1945 bis
1948 im Zuge des »Re-Education-Programms« in ihrem Bereich verteilen
ließen.
Ausgesucht wurden die Titel auf der Grundlage
1. ihres Beitrages zur Entwicklung demokratischer und antimilitaristischer (später: antikommunistischer)Vorstellungen bei den Deutschen;
2. ihres Beitrages zur Darstellung eines ‚unverzerrten Bildes’ vom Leben in den USA und eventuell in anderen 3. Demokratien;
4. ihrer vorteilhaften Präsentierung amerikanischer Errungenschaften auf den Gebieten der Kunst und der Wissenschaft;
5. ihres eigenen literarischen Wertes (‚intrinsic merit and value’).
19 Die Reihenfolge der Kriterien war, solange die Besatzungszeit dauerte, zugleich ihre Rangfolge. Werke der deutsche Exilliteratur, die wegen Devisen- und Copyrightproblemen nicht nach Deutschland gelangen konnten, fanden unter diesen Umständen natürlich keinen Platz im Bücherpaket der Amerikaner. US-Schriftsteller, die den kulturpolitisch nicht gerade progressiven Militärs linkslastig oder
20 ‚unamerikanisch’ vorkamen, wurden kurzerhand verboten.
Unter diesen Umständen wundert es kaum, daß Lion Feuchtwangers
Werke im Westen Deutschlands für längere Zeit weder neu verlegt wurden
noch in irgendwelchen Bibliotheken zu finden waren. Schließlich hatte
Lion Feuchtwanger während der nationalsozialistischen
Schreckensherrschaft mit anfänglich vielleicht berechtigtem Idealismus
wie viele Intellektuelle der damaligen Zeit geglaubt, im Sozialismus der
Sowjetunion verwirkliche sich die Utopie einer neuartigen und humaneren
Staats- und Gesellschaftsordnung. Seine Hoffnungen, die sich auch, wie
noch zu zeigen sein wird, in seinen Romanen niederschlugen, waren
seinerzeit aber nicht zuletzt auch deshalb auf die Sowjetunion gerichtet Westmächte mit der Sowjetunion zerbrach, wurde die amerikanische Kultur- und Literaturpolitik in Westdeutschland noch fester an einen noch engeren politischen Zweck gebunden, an die Umwandlung der Westzonen in ein antikommunistisches Bollwerk. Die Kulturpolitik degenerierte unaufhaltsam zur reinen Propaganda. Zwar wurde noch immer überwiegend mit den Mitteln der kulturellen Repräsentation gearbeitet, aber auch auf literarischem Felde wurde die Auswahl der angebotenen Bücher zunehmend von propagandistischen Absichten bestimmt.“
18 Vgl. hierzu Der Spiegel. Nr. 41 v. 04.10.1976. S. 77
19 Hansjörg Gehring: Amerikanische Literaturpolitik in Deutschland. Ein Aspekt des Re- Education-Programms. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1976. S. 40.
20 Alexander Stephan: Die deutsche Exilliteratur 1933–1945. S. 233
9 gewesen, weil er dachte, wenigstens Stalin werde und könne Hitler als einziger Einhalt gebieten. Denn seit spätestens 1936 war im Zuge des Spanischen Bürgerkrieges klar geworden, daß England und Frankreich auf eine Politik des Appeasements gegenüber Deutschland setzten und von diesen Ländern deshalb keine Hilfe im Kampf gegen Hitler zu erwarten war. 21
Im Westen Deutschlands schien man nach dem 8. Mai 1945 kein Verständnis mehr für das zuvor skizzierte Denken Feuchtwangers zu haben. Infolge seiner politischen Haltung wurde er deshalb von den westlichen Kulturbehörden als äußerst unsicherer Kantonist eingestuft. Er konnte daher nicht hoffen, seine Romane in den westlichen Besatzungszonen veröffentlichen zu dürfen. Der mögliche Einwand, es habe nach dem Krieg nicht genug Papier gegeben, weshalb es ohnehin sehr schwierig gewesen sei, so umfangreiche Romane wie jene von Lion Feuchtwanger zu drucken, mag vielleicht berechtigt sein.
Ausschlaggebender für die Entscheidung der alliierten Kulturbehörden, Romane dieses Exilautors nicht zum Druck zuzulassen, war wohl aber unter anderem das politische Bekenntnis des Sepp Trautwein, so wie er es gegen Ende von »Exil« vor seinem Sohn Hanns ablegt, und man hielt dieses Bekenntnis mit einer gewissen Berechtigung auch wohl für das des Autors:
„Hast Du eigentlich eine Vorstellung, Hanns“, fragte er [Sepp Trautwein] scheinbar ohne Zusammenhang, „was ein Abbé ist?“ – „Keine rechte“, erwiderte Hanns. „Ich auch nicht“, meinte lächelnd Sepp. „Aber ich bilde mir ein, ein Abbé, das ist jemand, der der Kirche aus Neigung dient, aber nicht Schneid genug hat, sich durch ein Gelübde zu binden. So ein Abbé hat große Sympathien für die Kirche, aber den letzten Sprung will er nicht tun, und vielleicht kann er ihn auch nicht tun. Und siehst du, das ungefähr ist mein Verhältnis zu euch, zu eurem Marxismus. Wenn du mich heute fragst, wie ich zu euch stehe, dann sag ich dir: ich bin ein Abbé des Marxismus. Oder wie ihr es in eurer nüchternen Sprache ausdrückt, die keinen Saft und keine Blume hat: ich bin ein Sympathisierender.“ Hanns lachte. „Das ist schon allerhand“, erwiderte er, „und ich bin
21 Vgl. hierzu Deutsch Literatur im Exil 1933–1945. Texte und Dokumente. Hrsg. v. Michael Winkler. Stuttgart: Reclam 1977. S. 24.
10
zufrieden mit uns beiden, daß wir es so weit gebracht haben. [...]“ 22
Als die politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Gegensätze durch
den Aufbau der westlichen Wirtschaftszone, die Eingliederung der
Tschechoslowakischen Republik (ÇSSR) in das sowjetische
Herrschaftssystem 1947/48 und insbesondere durch die Berlin-Blockade
1948/49 beständig zunahmen und 1949 schließlich zur Teilung des
gesamtdeutschen Staates und zum Beginn des „Kalten Krieges“ führten,
mußten mit dieser historischen Zäsur auch endgültig alle Hoffnungen auf
die Entwicklung einer gesamtdeutschen Kultur aufgegeben werden 23 . Für
viele Jahre verstellten dann ideologische Gesichtspunkte, wie sie im
wesentlichen durch die Kulturpolitik der Besatzungsmächte vorbereitet
worden waren, im Zuge des sich rasch verschärfenden Ost-West-Konflikts
auf beiden Seiten der Sektorengrenze und der späteren innerdeutschen
Mauer den unvoreingenommenen Blick auf das Werk des gebürtigen
Müncheners. Deshalb ließ man Lion Feuchtwanger im politisch
konservativen Klima der Adenauer-Ära in der Bundesrepublik lange Zeit
nahezu links liegen. Man war hier wohl insgeheim froh, wenn Lion
Feuchtwanger als Staatenloser bleiben mußte, wo er war, und zwar in den
USA, wo er 1958 im Alter von 74 Jahren verstarb.
In der DDR hingegen versuchte man sehr früh, Feuchtwangers Werk als
22 »Exil«, S. 759.
23 Vgl. hierzu: Alexander Stephan: Die deutsche Exilliteratur 1933–1945. S. 227: „Noch
vor Ende des Krieges war [...], wenn sie überhaupt bestanden hat, die Chance für eine gesamtdeutsche Kultur vertan.“ Vgl. ferner ebd. S. 230: „Dabei liegt gerade bei der Besatzungspolitik der Alliierten und der in West und Ost aufblühenden Kulturreaktion der wichtigste Schlüssel für die Wirkungslosigkeit des Exils nach 1945. Eine Stunde Null, in der den Exilanten die führenden Rollen beim Wiederaufbau zugefallen wäre, hat es nämlich nie gegeben. Dazu war der Kreuzzug der Alliierten gegen den Faschismus schon zu früh zu einem machtpolitischen Poker um Märkte, strategische Positionen und ideologische Einflußsphären verkommen. Jene humanistisch antifaschistische Kulturfront, von der so viele Exilierten geträumt hatten, blieb von Anfang an chancenlos.“ Vgl. ferner ebd. S. 218: „Niemand mag heute mehr Schlagworte wie ‚Nullpunkt’ oder ‚Kahlschlag’ an den Anfang der zeitgenössischen deutschen Literatur stellen. Dazu sind die unhistorischen, apologetischen Implikationen dieser Begriffe inzwischen allzu deutlich aufgedeckt worden. Außerdem hätte ein radikaler Neuanfang, selbst wenn er von den Beteiligten gewünscht worden wäre, wohl ohnehin keine echte Chance gehabt. Denn einmal fehlte es der inneren Emigration wie dem Exil an konkreten Vorstellungen über die zukünftige deutsche Kultur. Und zum anderen rollte die von der weltweiten Konfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus vorprogrammierte Teilung Deutschlands, noch bevor in Berlin der letzte Schuß gefeuert war, über die Möglichkeit eines gesamtdeutschen, antifaschistischen Kulturaufbaus hinweg.“
11 spätes Erbe des humanistischen Denkens in den Kanon der antifaschistischen Literatur zu integrieren. Aber dieses Unterfangen war mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Und so sah beispielsweise Georg Lukács in Lion Feuchtwanger zwar einen „bedeutenden antifaschistischen Schriftsteller und kämpferischen Humanisten“ 24 , aber gleichzeitig strich er im Sinne einer grundsätzlichen Kritik an Lion Feuchtwanger heraus, er sei genauso wie Heinrich Mann qua seiner bürgerlichen Herkunft in Denkstrukturen verhaftet, die es ihm nicht gestatteten, im historischen Roman die zentrale und vitale Rolle des Volkes in geschichtlichen Veränderungsprozessen richtig zu begreifen und zu gestalten. Schließlich, so Lukács’ Kritik in nuce, betrachteten beide Schriftsteller in ihren historisch-biographischen Romanen das Volk lediglich als Objekt und Vehikel, das von jenen großen und isoliert dastehenden Männern der Geschichte in der Romanhandlung lediglich zu abstrakten Demonstrationszwecken ihrer bürgerlich-humanistisch geprägten Ideen und Ideale benutzt werde. Somit gingen die Impulse für geschichtliche Veränderungsprozesse als Ausdruck einer bürgerlichen Ideologie in den Romanen dieser Autoren letzten Endes stets von ‚oben’ aus. Walter Scott, gleichsam Schöpfer und Vater des realistischen Geschichtsromans im 19. Jahrhundert, sei im Vergleich zu den genannten Autoren volksnäher gewesen. Er habe nicht nur über das Volk geschrieben, so Georg Lukács weiter, sondern seine Helden hätten Geschichte stets als Volksschicksal empfunden und erlebt, weil sie noch unmittelbar mit dem Volk verbunden gewesen seien. Insofern seien die Helden Scottscher Prägung lediglich Exponenten geschichtsverändernder Prozesse und Strömungen gewesen, die ihren Ursprung aber naturgemäß im Volk gehabt hätten. 25 24 Vgl. Georg Lukács: Der historische Roman. S. 252.
25 Vgl. ebd. S. 306–307: „Heinrich Mann, Feuchtwanger, Bruno Frank und andere gestalten zwar Volksschicksale, aber sie gestalten diese nicht vom Volke aus. Die Klassiker des historischen Romans waren – man denke nur an Walter Scott – politisch wie sozial ungleich konservativer als Heinrich Mann oder Feuchtwanger. Von einer derartigen leidenschaftlichen Verbundenheit mit der revolutionären Umwälzung der Gesellschaft wie bei diesem war bei ihnen keine Rede mehr und konnte es auch nicht sein. [...] Heute ist die Lage noch so, daß diese Schriftsteller [H. Mann, L. Feuchtwanger, B. Frank] zwar für das Volk über Volksschicksale schreiben, daß aber das Volk selbst in ihren Romanen nur eine zweitrangige Rolle spielt, Objekt zur künstlerischen Demonstration von humanistischen Idealen ist [...], künstlerisch
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Neben solchen prinzipiellen Schwierigkeiten, die dazu beitrugen, daß man Lion Feuchtwanger auch später nicht immer problemlos zum Bestandteil des literarischen Kanons in der DDR machen konnte, gab es aber auch noch weitere Unwägbarkeiten, die man im nachfolgenden Fall freilich sehr pragmatisch überwand: Als »Erfolg«, dieser so eminent wichtige „Anti-Hitler-Roman“
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der Weimarer Republik und vielleicht Feuchtwangers wichtigstes Buch überhaupt, in der DDR in einer neuen und ‚überarbeiteten’ Ausgabe 1950 zum zweiten Mal erscheinen sollte, bedurfte es gewisser Kürzungen des Originaltextes von 1930.
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Bei diesen Kürzungen handelte es sich um solche, in denen der Erzähler Ähnlichkeiten und Verbindungen zwischen Kommunisten und „Wahrhaft Deutschen“, wie die Parteigänger der NSDAP im Roman genannt werden, aufzeigt, Kritik am rücksichtslosen und menschenverachtenden Vorgehen Stalins gegen seine politischen und innerparteilichen Gegner anklingen läßt und Fälle von staatlicher Willkür und Despotie in der Sowjetunion anprangert. Darüber hinaus fehlt jene erlebte Rede, in der sich Jacques Tüverlin mit der marxistischen Geschichtswissenschaft auseinandersetzt und sie am Ende als „primitive Methode“
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abtut. Ferner fiel auch die Schmährede des Ingenieurs Kaspar Pröckl auf die politischen Verhältnisse in der Sowjetunion den sinnverändernden Kürzungen des Originaltextes zum Opfer. Der Erzähler ist im ursprünglichen Text zwar bemüht, den Inhalt und die Heftigkeit dieser Rede auf die düstere Gemütsverfassung des Ingenieurs zurückzuführen, um damit zu unterstreichen, sie sei nicht gänzlich ernst gemeint. Erstaunlich ist sie aber dennoch. Schon deshalb, weil in dieser Rede anscheinend jene Partei-‚Säuberungs-Prozesse’ Stalins verurteilt
angesehen, ist es daher nur die Kulisse für eine Haupthandlung; die sich auf einer anderen, mit dem Volksleben nicht unmittelbar verbundenen Ebene abspielt. Der historische Roman des neuen Humanismus ist also insofern eine Fortsetzung des späteren bürgerlichen historischen Romans, als eine Handlung sich wesentlich in den oberen Sphären der Gesellschaft abspielt.“ Vgl ferner hierzu S. 310–311 u. S. 322–323.
26 Volker Skierka: Lion Feuchtwanger. Eine Biographie. Hrsg. v. Stefan Jaeger. Quadriga-Verlag Severin 1984. S. 104.
27 Vgl. Gisela Lüttig: Zu diesem Band. In: Lion Feuchtwanger: Gesammelte Werke in Einzelbänden. 1–16. Bd. 6: Erfolg. S. 781–782.
28 Vgl. »Erfolg«, S. 672.
13 werden, die Lion Feuchtwanger später in seinem Reisebericht »Moskau 1937« rechtfertigen wird:
In diese grantige Stimmung hinein platzte der Benno Lechner mit seinen Sorgen. Er sah bald, daß heute mit dem Kaspar nicht gut reden war, saß da, druckste herum, sprach von Allgemeinem. Auch da war Kaspar heute so scharf, daß man ihn am besten alleine reden ließ. Er schimpfte auf alles, verstieg sich in Theorien, die mehr heftig als richtig waren. Sowjet-Rußland, erklärte er, werde infolge der Überspannung der Parteidiktatur und infolge der bornierten Säuberungen der Partei durch die Machthaber mehr und mehr zum Klassenstaat, während die westlichen Demokratien behutsam, doch stetig auf den klassenlosen Staat hinarbeiteten. Er wurde in der Auslegung von Vorgängen und von Dogmen kühner. Schließlich prägte er den mehr für einen Refrain seiner Balladen als für die Propaganda geeigneten Satz: der Marxismus bezwecke nicht die Verteilung des Reichtums, sondern der Armut, nicht der Freiheit, sondern der produktiven Unfreiheit. 29
Insgesamt, so kann man festhalten, dokumentiert »Erfolg«, vornehmlich in den Dialogen zwischen dem Schriftsteller Jacques Tüverlin, in dem viele Interpreten Feuchtwangers literarisch gestaltetes Selbstbildnis zu erkennen glauben 30 , und dem Ingenieur Kaspar Pröckl, der wiederum als verschlüsselte Darstellung Bertolt Brechts gilt, auch die kritisch- distanzierte und äußerst skeptische Haltung Feuchtwangers gegenüber dem Kommunismus. Diese Haltung läßt er später vermissen und gibt sie auf, als er in »Moskau 1937« die Erlebnisse und Eindrücke seines mehrmonatigen Aufenthaltes in der Sowjetunion und seine persönliche Begegnung mit Stalin schildert.
1.3 »Moskau 1937« – auch kleine Bücher machen
Schicksale
»Moskau 1937«, dieses kleine zuvor schon erwähnte Buch darf sicherlich nicht überschätzt werden. Vor dem Hintergrund des umfangreichen literarischen Lebenswerkes von Lion Feuchtwanger – am Ende waren es
17 Romane, über 20 Dramen, Erzählungen, Gedichte und mehr als 300
29 Ebd. S. 572.
30 Vgl. Klemperer, Victor: Der zentrale Roman Feuchtwangers. In: Lion Feuchtwanger
zum Gedenken. Von seinen Freunden auf der Heidecksburg. Hrsg. v. Karl Dietz. Greifenverlag. S. 38.
14 Essays, Rezensionen und Artikel 31 – nimmt es sich als Marginalie aus. Aber wer sich mit Lion Feuchtwanger auseinandersetzt, der kommt letztendlich nicht umhin, zu dieser ‚Marginalie’ Stellung zu nehmen. Der Punkt, der in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme herausfordert und damit den nachfolgenden Exkurs vielleicht rechtfertigt, betrifft weniger Lion Feuchtwangers politische Orientierung im allgemeinen und somit den Umstand, daß er sich ab 1933 zu einem „Sympathisanten“ 32 des Sozialismus, respektive des Kommunismus hinentwickelt hat. Denn wie bereits ausgeführt wurde (vgl. S. 8), mag es zunächst, daß heißt in den 20er und frühen 30er Jahren, unter Gesichtspunkten der damaligen Zeit nachvollziehbare und verständliche Gründe gegeben haben, die in ihm und in vielen seiner Zeitgenossen die Hoffnung genährt hatten, im Sozialismus der Sowjetunion verwirkliche sich der Traum von einer besseren, das heißt humaneren und vernünftigeren Staats- und Gesellschaftsordnung. Auch hoffte Lion Feuchtwanger, daß es nach den zahlreichen Pogromen gegen die Juden, zu denen es während der zaristischen Herrschaft gekommen war, in der neuen Sowjetgesellschaft entweder möglich sei, sie politisch und wirtschaftlich zu integrieren, oder aber daß sie die zionistische Idee eines jüdischen Staates in der Sowjetunion in dem jüdisch autonomen Birobidžan, einem unwirtlichen Gebiet kurz vor der chinesischen Grenze, verwirklichen könnten. Und auch schon aus diesem Grund begrüßte er „den gigantischen Versuch“ 33 , wie er den Aufbau der Sowjetgesellschaft nannte, der im Osten gewagt wurde.
Auch darf man im Zusammenhang mit der Entwicklung Feuchtwangers nie vergessen, was für leidvolle Erfahrungen er als Jude und erklärter Gegner Hitlers in der Zeit von 1933 bis 1936 schon durchgemacht hatte: Durch Flucht und Vertreibung aus Deutschland hatte er seine materielle Existenzgrundlage fast vollständig verloren, denn die Nationalsozialisten 31 Vgl. Mathias Schmitz: Nur für die Massen, aber für die Kenner? Zur Feuchtwanger- Forschung und -Rezeption in der DDR und BRD nach 1945. In: Diskussion Deutsch. 15. Jahrgang 1984. S. 591 32 Vgl. Lion Feuchtwanger: Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde. 2. Aufl. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 7 33 Vgl. ebd. S. 7
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Malte Oetjen, 2005, "Goya" - der Schlüsselroman zum Kunst- und Literaturverständnis Lion Feuchtwangers?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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