Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1 Lied 1: „Den morgenblic“ 2
1.1 Übersetzung 2
1.2 Interpretation 4
2 Lied 3: „Sîne klâwen“ 8
2.1 Übersetzung 8
2.2 Interpretation 10
3 Vergleichende Betrachtung 14
4 Zusammenfassung 16
5 Literaturverzeichnis 17
1 Lied 1: „Den morgenblic“
1.1 Übersetzung 1
I Den Morgenstrahl beim Gesang des Wächters nahm wahr eine Herrin, die dort heimlich in ihres werten Geliebten Arme lag. Da hat sie von der Freude viel verloren. Deshalb mussten sich heitere Augen abermals mit Tränen füllen. Sie sprach: „Ach Tag! Alles, was lebt, freut sich deiner
und verlangt, dich zu sehen - nur ich allein nicht. Wie soll es mir ergehen! Nun kann nicht länger hier bei mir bleiben mein Geliebter: den jagt von mir dein Licht.“
II Der Tag mit Kraft ganz durch die Fenster drang. Alle Riegel sie verschlossen. Das half nicht: ihnen war der Kummer bekannt. Die Geliebte den Geliebten fest an sich drückte. Ihre Augen benetzten ihrer beiden Wangen. So sprach sie zu ihm: „Zwei Herzen und einen Leib haben wir. Gar ungetrennt die Treue des einen den anderen begleitet. Der großen Lust bin ich ganz ergeben, außer du kommst zu mir und ich zu dir.“
1 Die Übersetzung erfolgte nach dem hergestellten Text von Peter Wapnewski.
2
III Der traurige Mann nahm bald Abschied auf diese Weise. Ihre hellen glatten Körper kamen ineina nder. So erschien der Tag. Weinende Augen - süßer Frauen Kuss! So konnten sie doch
Ihre Münder, ihre Brüste, ihre Arme, ihre weißen Beine ineinander verflechten. Welch Maler entwerfe das,
verbunden wie sie lagen - das wäre auch dem zu viel. Ihr beider Liebe doch viel Sorge trug, sie pflegten Liebe gegen allen Hass.
3
1.2 Interpretation
Bei „Den morgenblic“, einem dreistrophigen Tagelied mit dem Reimschema ABC-ABC-DEED, fallen sofort die Substantiva zu Beginn einer jeden Strophe auf: „morgenblic“ - „tac“ - „man“. Drei Substantive, die den Inhalt des Wolframschen Tagelieds wiedergeben: Den nahenden Tag, der die Geliebten voneinander trennt. Den morgenblic nun mit „Morgenstrahl“ zu übersetzen, macht aus der Sanftheit der aufgehenden Sonne einen aggressiven, n egativ besetzten Ausgangspunkt. Im Gegensatz dazu wäre der „Morgenglanz“ ein geradezu barmherziger Tagesanfang, der aber so gar nicht in die Situation zweier sich bald trennen müssender Geliebter passt. Der Strahl an sich, der mit Gewalt, vor allem aber konzentriert einbricht, hat überhaupt nichts mit dem sanftmütigen, fast edlen Glanz gemein, der seine beschienenen Objekte eher in romantischer Sicherheit wiegt als das er eine Bedrohung wäre.
Die Bedrohung wird allerdings schon in Zeile drei deutlich: „heimlich“ liegt der Mann bei der „Herrin“. Der Erzähler der ersten Strophe zeigt hier mit der näheren Bestimmung des neutralen „Geliebten“ mittels des „werten“ die gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung des Mannes an, der bei einer Dame von hohem Stand, einer vrouwe , liegt.
Natürlich macht eine nahende Trennung traurig, erleidet die Dame einen „Verlust der Freude“, wenn sie den Tag kommen sieht. Sie weint „abermals“, ein Anzeichen dafür, dass diese Liaison schon länger anhält, sie die Trennungen kennt, also genau weiß, wie schmerzhaft der Abschied gleich sein wird. Ihre vorher „heiteren Augen“ füllen sich mit Tränen. Liehtiu könnte aber auch „klare Augen“ meinen, die sich aufgrund der Tränen quasi verschleiern und ihre Reinheit verlieren. Etwas, was rein ist, besitzt aber auch die Konnotation der Unschuld. Kann diese vrouwe aber unschuldig sein? Die heiteren Augen hingegen sprächen für eine freudige Nacht, vielleicht eine kleine Neckerei am Morgen. Der „Morgenstrahl“, der plötzlich wahrgenommen wird, könnte eine solch fröhliche Situation augenblicklich in Traurigkeit verwandeln, so dass die „heiteren Augen“ eben nass werden. Nun beginnt die Dame zu klagen. „Ach Tag!“ ruft sie aus und setzt das aufstrebende Tageslicht in einen negativen Gegensatz zur Nacht, in der das Beisammensein mit dem Geliebten in relativer Sicherheit gewährleistet ist. Der Tag, eigentlich ein
4
Arbeit zitieren:
Lydia Brandl, 2005, Wolfram von Eschenbach: 'Den morgenblic' und 'Sîne klâwen' - Übersetzung und Interpretation -, München, GRIN Verlag GmbH
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