INHALT
Seite
1. Einführung 2
2. Der Pneuma-Begriff der Gnosis 2
3. Der vorgnostische Pneuma-Begriff 6
4. Der Pneuma-Begriff im Neuen Testament und im frühen Christentum 7
5. Schlussgedanken 11
Literaturverzeichnis 13
- 2 - 1.Einführung
„Der Begriff Geist erfährt im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Zurücktreten metaphysischen und transzendental-reflexiven Denkens zugunsten einer positivistisch am unmittelbaren Objektbezug der Naturwissenschaften orientierten Methode eine entscheidende, bis heute wirksame Verengung und Reduzierung auf die Gehalte des Bewusstseins und Denkvermögens des einzelnen Menschen.(...) Ein weiterreichender Geist-Begriff wird als irrige Spekulation abgelehnt.“ 1 Dies zeigt sich auch an der zunehmenden Gleichsetzung der Begriffe Geist und Seele bzw. der Verdrängung des ersteren durch den letzteren. Die Etymologie spiegelt Ähnliches wid er: Aus der ursprünglichen Bedeutung Erregung, Ergriffenheit entwickelte sich zunächst einerseits Geist, Seele, Gemüt, andererseits überirdisches Wesen, Gespenst. Im Zuge der Christianisierung wirkten lat. spiritus und griech. pneuma auf das Wort ein. In der Neuzeit geriet es unter den Einfluss von franz. esprit und verengt sich damit ebenfalls auf das mensch- liche Bewusstsein, was zahlreiche Ableitungen und Zusammensetzungen wie Geistesblitz, Geistesgegenwart, geistreich, geisteskrank u.a. zeigen.
Welch umfassende und vielfältige Bedeutung dem Begriff einst zugekommen ist, soll anhand einiger Ausschnitte aus der Religions- und Philosophiegeschichte aufgezeigt werden. Im Zentrum steht hierbei der in der Gnosis benutzte Pneuma-Begriff, der anhand des wahrscheinlich aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert stammenden, vermutlich ägyptischen Textes Das Wesen der Archonten aus dem Codex II von Nag Hammadi veranschaulicht und dann verallgemeinert werden soll. An diesem Text lassen sich alle für das gnostische Denken wesentlichen Bereiche entwickeln: der Dualismus, die Kosmogonie, die Anthropogonie und Anthropologie, die Soteriologie und schließlich die Eschatologie. Anschließend zeigt ein Blick zurück in die römische und griechische Antike die Wurzeln des Pneuma-Begriffs auf, und eine Darstellung seiner semantischen Vielfalt im Neuen Testament sowie im frühen Christentum rundet die Untersuchung ab.
2. Der Pneuma-Begriff der Gnosis
Die 1945 zusammen mit zahlreichen anderen gnostischen Schriften gefundene, in koptischer Sprache geschriebene, zur Gruppe der nichtchristlichen Texte gehörende Schrift besteht aus zwei Teilen, deren erster eine gnostische Exegese von Gen 1-6 und deren zweiter einen Offenbarungsdialog zwischen Norea, einer Tochter Evas, und Eleleth, einem bedeutenden Engel, darstellt. Verbunden werden beide Teile durch die Erzählung von der Gefährdung Noreas durch die Archonten. Norea, die zentrale Figur der Schrift, ist in der Genesis nicht belegt, wird aber in den Nag Hammadi - Schriften häufig gena nnt, was auf ihre große Bedeutung, besonders in der sethianisch ausgerichteten Gnosis, schließen lässt. 2 Hauptthema der Schrift ist die Entwicklung einer Kosmogonie, die nicht immer ganz einfach verständlich ist,weil der Originaltext wohl nicht durchgängig gut lesbar ist, die Kosmogonie selbst nicht folgerichtig entwickelt wird und zudem manche Aussagen im ersten und zweiten Teil der Schrift zueinander in Widerspruch stehen. Dennoch kann man etwa Folgendes rekonstruieren: Der Raum, in dem sich der Weltentstehungsmythos abspielt, ist das antike Weltgebäude. Die Erde, im Mittelpunkt des Kosmos, ist von acht Himmelssphären umgeben. Jenseits davon liegt das Reich der „Unvergänglichkeit“, des „Vaters“, der als das reine Sein absolut transzendent ist, und des „Lichts“ 3 , mit seinen grenzenlosen Äonen, das nur andeutungsweise beschrieben wird. Hier ist der Bereich des eigentlichen Herrn des Alls, das Reich der „Pneu- 1 HWdPh,S199
2 Lüdemann/ Janßen, S.174
3 Lüdemann, S.175
- 3 - matiker“ 4 .Es ist bevölkert mit zahlreichen himmlischen Wesen, von denen in diesem Text der Engel Eleleth besonders beschrieben wird, der Norea Offenbarungswissen zukommen lässt. Er sagt von sich selbst, er sei die „Weisheit (und) einer von den vier Erleuchtern, die vor dem großen, unsichtbaren Geiste stehen.“ 5 „Sein Aussehen war wie geläutertes Gold und sein Ge-wand glich dem Schnee“ 6 , unbeschreiblich für Norea ist seine Kraft und das Aussehen seines Gesichts. Neben Eleleth wird noch von der Sophia berichtet, deren Tun zwiespältiger als seins beschrieben wird, denn sie gab den eigentlichen Anlass zur Entstehung der Welt außerhalb der Unvergänglichkeit, die von dieser durch einen Vorhang getrennt und durch einen Schatten unterhalb des Vorhangs zur Materie wurde. Der Vorhang symbolisiert sehr deutlich das dualistische Weltverständnis der Gnostiker, denn er trennt das oben beschriebene Pleroma der Pneumatiker von der eindeutig als negativ empfundenen unteren, finsteren Welt der Psychiker und Hyliker oder Sarkiker. Letztere erstreckt sich vom achten Himmel bis hinunter auf die Erde, unter der sich noch der Tartaros befindet. 7
In diesen unendlichen Räumen spielt sich nun das Drama der Weltentstehung ab. Die Licht-und Finsternismächte existieren in diesem Text nicht beide von Uranfängen an, sondern die Materie entsteht stufenweise, in Form einer Abwärtsbewegung, aus dem Geistigen. „Das Böse ist hierbei kein präexistentes Prinzip, sondern (...) eine verfinsterte Seinsstufe, ein 'vermindertes Göttliches'“. 8 Es umfasst einerseits den Bereich der unteren Götter, der Archonten, aber auch den der Menschen. Motor dieser Entwicklung ist die Sophia, ein dem obersten Gott sehr nahe stehender Äon, der ohne diesen ein Werk vollbringen wollte, das dann, wegen dieser Fehlhandlung, zwar zum Abbild des oberen Himmels, aber auch zu seiner Karikatur wurde, insofern es unvollkommen und schadhaft war sowie aus Materie bestand. Aus dieser Materie ging anschließend Samael, der blinde Gott, auch Jaldabaoth genannt, hervor, ein androgynes, selbstgefälliges Tier in Löwengestalt, das in großer Überheblichkeit von sich behauptete: „'Ich bin Gott, und außer mir gibt es keinen andern'“ 9 und der wohl mit dem Gott der Juden identifiziert werden kann. Dieser Demiurg schuf sich nun in seiner grenzenlosen Eitelkeit einen riesigen Äon und sieben ebenfalls mannweibliche Söhne. Seine Versündigung gegenüber dem All konnte aber nicht ungeahndet bleiben, und so ertönte eine Stimme aus der Höhe des Absoluten, die Jaldabaoth des Irrtums bezichtigte, und die Sophia streckte, gleichsam wie zum Beweis, ihren Finger aus und brachte das Licht in die Materie, womit sich bereits der erste Ansatz zur Erlösung der unteren Welt abzeichnet. Jaldabaoth aber wurde zur Strafe gefesselt und in den Tartaros hinabgestoßen. Sein Sohn Sabaoth tat, als er dies sah, Buße und wurde zur Be lohnung von der Sophia und ihrer Tochter Zoe zum Herrscher des siebten Himmels eingesetzt, wo er in unbeschreiblicher Pracht residiert. Jaldabaoth aber wurde neidisch auf seinen Sohn und sein Neid gebar den Tod. „Das alles aber war (so schließt Eleleth seine Belehrung Noreas) nach dem Willen des Vaters des Alls entstanden, nach dem Typos der Oberen, damit sich die Zahl des Chaos vollende.“ 10
Nachdem nun die Himmel der unteren Welt bevölkert waren, konnte von den Archonten der Mensch geschaffen werden. Die Beschreibung dieser Tat lehnt sich an den Bericht in Gen 1-6 an, der aber nun gnostisch ausgelegt und verändert wird. Auslösendes Moment war ein Abbild der Unvergänglichkeit, das die Archonten im Wasser erblickten und das eine tiefe Liebe in ihnen entflammte. So beschlossen sie, nach diesem Abbild und nach ihrem eigenen Körper einen Menschen aus Staub und Erde zu schaffen, der aber, gleich ihnen, ein bloß psychischer
4 Krause, S.47
5 Lüdemann, 180
6 Ebd.
7 Vgl. hierzu das bei K. Rudolph, S.78, abgebildete Diagramm der Ophiten.
8 Ders., S.75
9 Krause, S.59
10 Lüdemann, S.182
- 4 -Mensch und daher kraftlos war. Hier spiegelt sich, auch in der Anthropologie, wieder das oben bereits beschriebene dualistische Weltbild, denn der Mensch als Produkt der antigött-lichen Archonten ist ebenfalls in seinem körperlich-psychischen Sein eine negative Schöp-fung, was in seiner mangelnden Aufrichtekraft zum Ausdruck kommt. Dies ist aber nur die eine Seite seines Wesens, denn nun greift der „Vater des Alls“ 11 helfend ein: „Danach sah der Geist den seelischen Menschen auf der Erde. Und der Geist kam aus der stählernen Erde (d.i. der Himmel). Er kam herab. Er wohnte in ihm. Jener Mensch wurde eine lebende Seele.“ 12 Durch diese ungeheure Tat, die Einwohnung des transzendenten Gottes, gewinnt der Mensch einen dritten Teil, seinen geistigen Kern, hinzu, der u.a. mit den Begriffen Selbst, Ich, Nus oder auch Pneuma bezeichnet wird. Von welch großer Bedeutung dies ist, wird klar, wenn man sich die Konsequenzen dieser Tat überlegt: Der Mensch gewinnt eine gottgleiche Stel-lung, die ihn weit über den Demiurgen und die ihn umgebenden Wesen erhöht. So sieht H. Jonas hier auch einen „der bedeutsamsten Aspekte der gnostis chen Mythologie in der allge-meinen Religionsgeschichte. (...) Er zeigt einen neuen metaphysischen Status des Menschen in der Seinsordnung an. (...) Dahinter drückt sich der ganze revolutionäre Geist der Gnosis in seiner Absage an die herkömmlichen Glaubens- und Wertvorstellungen aus.“ 13 An dieser Stelle nun kehrt der Text zur Genesis zurück, indem der erste Mensch den Namen Adam be-kommt und er die Tiere benennen soll. Danach schaffen die Archonten Eva aus seiner Rippe, wobei Adam seinen Lichtfunken an sie verliert, was wiederum, wie auch das Folgende, eine Ergänzung der bekannten Schöpfungsgeschichte darstellt. Auch Eva bleibt nicht lange mit dem Pneuma vereint; sie verliert es an die Schlange, als die Archonten sie schänden wollen. Diese unterweist die beiden Seelischen über die erkenntnisfördernde Wirkung der Früchte des verbotenen Baums, die darin besteht, dass die beiden Menschen nach dem Genuss der Früchte erkennen, dass sie „von dem Geistigen entblößt waren“ 14 . Im Gegensatz zur biblischen Schöpfungsgeschichte bekommt hier also die Schlange eine positive Aufgabe zugewiesen, nämlich die, dem Menschen eine Erkenntnis über sein wahres Wesen zu vermitteln, was bereits einen ersten Schritt hin zu seiner Erlösung bedeutet. Wie zentral dieser Akt der Selbsterkenntnis in der gnostischen Religion ist, zeigt sich auch darin, dass das Wort Gnosis selbst Erkenntnis bedeutet. Parallel zu dieser Umwertung der Funkton der Schlange wird auch der niedere Welt-schöpfer-Gott verfremdet, denn er bekommt außerordentlich negative Züge, wenn er aus Neid das Verbot des Genusses der Früchte erlässt. Im Fortgang der Handlung erweist er sich dann auch noch als ausgesprochen beschränkt, denn „er wusste nämlich nicht, was geschehen war“ 15 . Als er es erfuhr, verfluchte er die Schlange, die aber inzwischen auch schon ihres göttlichen Teils verlustig gegangen war, und verbannte Adam und Eva aus dem Paradies, damit die „Menschen zu Lebensgenießern würden und sie keine Zeit hätten, sich mit dem heiligen Geist zu beschäftigen“ 16 . „Dieses Vergessen der Seele um ihre Herkunft (...) gehört zum ständigen Repertoire dieser Gattung von Texten (...). Es sind die finsteren und bösen Mächte, die die Seele in ihrem Bereich festhalten wollen und sie daher betören, einschläfern und trunken machen. Erst der Akt der Erkenntnis und die Hilfe des Erlösers kann sie daraus befreien; dies ist das große Thema der gnostischen Soteriologie.“ 17 Nach der Vertreibung aus dem Paradies wird das Geschehen aus Gen 4,1-16 mit einigen Aus-lassungen berichtet: Die Geburt Kains und Abels und der Brudermord; danach gebiert Eva Seth und schließlich Norea, die, als die Sintflut die Menschen heimsucht, nicht an Bord der
11 Krause, S.54
12 Lüdemann, S.176
13 H. Jonas, Gnosis und spätantiker Geist zitiert bei: Rudolph, S. 102
14 Lüdemann, S.176
15 Ders., S.177
16 Krause, S.57
17 Rudolph, S.129
Arbeit zitieren:
Hildegard Herzmann, 2005, Pneuma - Streifzug durch die Geschichte eines Begriffs, München, GRIN Verlag GmbH
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