- - 1
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
1.1. Quellenlage. 2
2. Die Stadt. 3
2.1. Was ist eine Stadt? 3
2.2. Die drei Funktionen einer Stadt - Ein Modell 4
3. Die allgemeine Entwicklung des Städtewesens in England vor und nach 1066. 5
3.1. Das Städtewesen in England vor 1066. 5
3.2. Das Städtewesen in England nach 1066. 7
4. Der Fall London 10
4.1. Eine kurze Geschichte Londons bis 1066 10
4.2. London im Vergleich zur allgemeinen Entwicklung nach 1066. 12
5. Resümee 14
6. Literaturverzeichnis. 15
7. Anhang 16
7.1. Wichtige Städte in England um 1086. 16
7.2. Die Stadt und die Burg 17
7.3. Die Stadt und die Klöster 20
7.4. London 21
- -2
1. Einleitung
Als Wilhelm der Eroberer die Streitkräfte Harolds II bei Hastings 1066 besiegt hatte, war seine Herrschaft im eroberten England bei weitem noch nicht gesichert. In vielen Regionen im Land wehrte sich der alteingesessene Adel gegen den neuen König und Wilhelm musste schon kurz nach seiner Thronbesteigung einsehen, dass seine sanfte Politik der Schaffung einer englisch-normannischen Aristokratie nicht funktionierte. Er musste zu härteren Mitteln greifen, um seine Macht zu festigen. Der Aufbau eines strengen feudalen Systems, wie es auf dem europäischen Festlands gang und gebe war, schien da als wirksamstes Mittel. Die Burg und die Kirche spielten zusammen mit der Stadt in dieser Maßnahme zur Herrschaftssicherung eine Schlüsselrolle - um die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Institutionen Kirche und Burg auf der einen Seite, und der Stadt auf der anderen, wird es hier gehen. Um das Wesen der Stadt im England des 11. Jahrhunderts zu verstehen, werde ich im ersten Abschnitt dieser Arbeit ein Modell von Grenville präsentieren, das die Stadt nach ihrer Funktion entschlüsselt. Dieses Modell werde ich dann auf die Shire-Towns anwenden, um daraufhin die Veränderungen herauszufiltern, die durch die Mechanismen der Herrschaftssicherung der Normannen nach 1066 entstehen. Dieser allgemeinen Beschreibung der Auswirkungen der Eroberung Englands wird dann ein Überblick über die Entwicklungen in London folgen, um anschließend nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zu suchen.
1.1. Quellenlage
Das Domesday Book ist unbestreitbar eine einzigartige Quelle zur mittelalterlichen Geschichte Englands und ist auch in dem Kontext dieser Arbeit nicht wegzudenken. Mit Hilfe dieses Werks ist es möglich, die Größe und den Reichtum der Städte Englands statistisch recht verlässlich nachzukonstruieren und zu vergleichen. Eine weitere unverzichtbare Quelle ist die Archäologie. Sie ermöglicht über die rein statistischen Angaben aus dem Domesday Book hinaus ein geographisches Verständnis der Stadt. Eng an die Archäologie geknüpft spielt auch die Numismatik eine wesentliche Rolle, denn durch die Prägung unterschiedlicher Münzen in den verschiedenen Städten ist es heute möglich, anhand der Häufigkeit von aufgefundenen Münzen in bestimmten Regionen, Rückschlüsse auf das Handelsverhalten und die wirtschaftliche Prosperität einer Stadt zu ziehen.
All diese Quellen kann ich leider nicht direkt verwenden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. Deshalb muss ich mich hier weitgehend auf die Ergebnisse der Quellenana- lyse anderer Autoren verlassen.
- -3
2. Die Stadt
2.1. Was ist eine Stadt?
Die auf den ersten Blick banal wirkende Frage, was denn überhaupt eine Stadt sei, bietet bei näherer Untersuchung einen Einblick in die Probleme der Begriffsdefinition im Umgang mit dem Mittelalter. Da schon die Zeitzeugen der Ereignisse um 1066 sehr ungenau mit den jeweiligen Bezeichnungen für städtische Siedlungen umgegangen sind, ist es heute nur schwer möglich, einheitliche Kriterien für Städte im Mittelalter zu entwickeln. Denn die Ungenauigkeit im Umgang mit diesen Bezeichnungen führte letztendlich dazu, dass die in den Quellen wie dem Domesday Book verzeichneten Orte alles andere als homogene Charakteristika haben: Zwar war sicherlich die Einwohnerzahl ein nicht völlig unwichtiges Kriterium - andere Faktoren waren meist jedoch ausschlaggebender. Es war durchaus möglich, dass eine Ortschaft mit 300 Einwohnern nicht als Stadt betrachtet wurde, während dies beim Nachbarort mit 200 Einwohnern durchaus der Fall war - weil sie mehr Rechte besaß. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, zu erörtern welche Kriterien aus heutiger Sicht am sinnvollsten das Wesen einer Stadt von dem einer anderen Ortschaft unterscheidet - deshalb werde ich an dieser Stelle die folgenden Charakteristika für die Städte in England um 1066 formulieren die
ich für die Bedeutensten halte, wohl wissend, dass dies eine Verkürzung darstellt: 1 Sie sind (meistens) im Verhältnis zu anderen Ortschaften ihrer Umgebung recht groß. Dabei kann jedoch schon die Einwohnerzahl von 200-300 Einwohnern genügen um die größte Stadt einer Region zu bilden. Sie besitzen meistens eindeutige Rechte, die ihnen eine privilegierte Stellung gegenüber anderen Ortschaften verschaffen. Vom Zollrecht über Sonderregelungen bei der Steuerabgabe bis zur eigenen Gerichtsbarkeit können solche Privilegien reichen. Sie sind meistens mit einer Mauer umgeben. Die Rolle dieser Ummauerung darf jedoch nicht überschätzt werden, da sie im England des Mittelalters nicht die glei-
che Funktion wahrnahm, wie auf dem Festland der selben Zeit. 2
1 Alternative Kriterien gibt es beispielsweise bei Reynolds, Susan, An Introduction to the History of English Medieval Towns, Oxford, 1977, Seite ix: „The working definition [...] is that a town is a permanent human settlement with two chief and essential attributes. The first is that a significant proportion […] of its population lives off […] non-agricultural occupations. […] The second […] is that it forms a social unit more or less distinct from the surrounding countryside.” Positiv an diesen Kriterien ist zu bemerken, dass die Unabhängigkeit der Stadtbewohner vom Land betont wird, problematisch ist jedoch, dass in diesem Schema die Unterscheidung zwischen bedeutenden Städten, die auch als solche wahrgenommen wurden, und anderen Ortschaften keinen Platz hat.
2 Vgl. Walker, David, The Normans in Britain, Oxford, 1995, Seite 15: Die Engländer versuchten meist nicht, eventuelle Feinde erst nach deren Landung im Inland zu schlagen, sondern diese bereits an der Küste bei der Landung zu bedrängen. Dadurch erhielt die Stadtmauer in England natürlich eine weniger bedeutende Stellung.
- -4
2.2. Die drei Funktionen einer Stadt - Ein Modell
Nach Astill Grenville gibt es drei Dimensionen, in denen die mittelalterliche Stadt eine be-stimmte, charakteristische Funktion wahrnehmen kann: 3
Die politische Dimension - Um eine einigermaßen verlässliche Steuererhebung durchführen zu können, waren Zentren nötig, von denen aus eine solche Erhebung organisiert und überblickt werden konnte. Diese Zentren erhielten mit der Zeit auch weitere Befugnisse und bau-
ten somit ihre Bedeutung im bürokratischen System Englands aus. 4 Mit der steigenden Bedrohung der Städte Englands durch die vom Norden her regelmäßig einfallenden Wikinger kam vor allem im neunten Jahrhundert häufig auch eine militärische Funktion hinzu: Wenn auf der einen Seite Steuern von der Bevölkerung erhoben wurden, musste man auf der ande-
ren Seite auch Schutz vor Feinden bieten. 5
Die religiöse Dimension - Ein Problem bei der Herrschaft von Monarchen über größere Gebiete im Mittelalter ist die mangelnde Präsenz des Herrschers in den einzelnen Regionen. Die permanente Präsenz der Kirche in der Stadt konnte jedoch die spärliche und temporäre Präsenz des Monarchen in der Region ersetzen, da die Kirche ihre eigene strenge Hierarchie besaß und nur die Spitze der Kirche fest an den jeweiligen Herrscher gebunden werden musste,
um auch die Basis und deren Einflussbereich zu sichern. 6
Die ökonomische Dimension - Ein Phänomen, dass vor allem in Mitteleuropa die Bedeutung der Stadt stärkte, war die Wahrnehmung von Funktionen im Bereich des Fernhandels. Der Fernhandel benötigte eine zentrale Organisation, die in den Städten ihre Basis hatte. Zwar war diese Funktion in England keineswegs so dominant wie in anderen Teilen Europas, sie ist je-
doch nicht zu vernachlässigen. 7
Diese drei Dimensionen sind nur relativ unabhängig zu einander - nur relativ, da bereits in den obigen Erläuterungen klar wird, dass sich beispielsweise die religiöse und politische Dimensionen überschneiden. Selbstverständlich ist dieses auf drei Dimensionen beschränkte Modell nicht in der Lage, die Entstehung und die Entwicklung jeder Stadt zu erklären - aber dennoch wird nach der Invasion der Normannen deutlich, dass sich dieses Modell tatsächlich der Realität annähert und ein Verständnis der Städtepolitik der Normannen ermöglicht.
3 Vgl. Grenville, Astill, General Survey 600-1300, in: Palliser, D. M. [Hrsg.], The Cambridge Urban History of Britain, Bd. 1 (600-1540), Cambridge, 2000, Seiten 27-49, hier: Seiten 29 und 30
4 Vgl. ebd., Seite 29
5 Vgl. ebd., Seite 35
6 Vgl. ebd., Seite 30
7 Vgl. Keene, Derek, s.v. Die Städte Englands vor und nach 1066, in: LexMa 7, Spalten 2197-2200, hier: Spalte
2197
- -5
3. Die allgemeine Entwicklung des Städtewesens in England
vor und nach 1066
3.1. Das Städtewesen in England vor 1066
In diesem Abschnitt werde ich kurz auf die Verfassung der Städte Englands vor der Eroberung eingehen. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die Entwicklung der Städte in England allgemein zu skizzieren, weshalb ich nur einen kurzen und knappen Überblick über die Städtelandschaft Englands vor 1066 biete und die Shire-Towns als verdeutlichendes Beispiel heranziehe. Für eine ausführliche Beschreibung der Geschichte des Städtewesens vor 1066 verweise ich hier auf Reynolds´ umfassendes Werk zur Geschichte der Städte Englands
im Mittelalter. 8
3.1.1. Ein Überblick über die Städte Englands vor der normannischen Invasion London besitzt nach Schätzungen 1089 etwa 25.000 Einwohner und bildet mit großem Ab-stand die größte Stadt Englands im Mittelalter, gefolgt von 14 weiteren Städten mit mehr als
5.000 Einwohnern. 9 Es existierten schätzungsweise weitere 24 Städte mit einer Einwohnerzahl größer als 1.000 und 21 Städte mit 100-1.000 Bewohnern. 10 Insgesamt lebten laut Keene etwa 6% der Gesamtbevölkerung Englands zu dieser Zeit in den 15 größten Städten (Verglei-
che hierzu die Karte unter 7.3). 11 Es ist zu vermuten, dass sich diese Daten vor allem bei den größeren Städten nicht extrem von den entsprechenden Zahlen vor 1066 unterscheiden, vom Zuzug weniger französischer Adeliger und der Bildung von jüdischen Gemeinden abgesehen,
und sie deshalb durchaus verwendbar sind. 12
Vor 1066 lag der Schwerpunkt der Funktionen, die eine Stadt in England wahrnahm, hauptsächlich im Bereich der politischen und ökonomischen Dimensionen. Die Steuererhebung wurde meist über die größeren Städte organisiert, das Recht Zölle zu erheben wurde in eben
diesen Städten zentralisiert und die Koordinierung des Handels wurde hier durchgeführt. 13 Auch die eng an den Handel geknüpfte Münzprägung spielte eine wichtige Rolle. Es bildeten sich spezialisierte Gewerbezweige in den Städten und sie bildeten Rechtszentren für das je-
weilige Umland. 14 Die militärische Funktion, also die Beherbergung von Truppen in der
8 Reynolds, Susan, An Introduction to the History of English Medieval Towns, Oxford, 1977
9 Vgl. Keene, LexMa7, Spalte 2198
10 Vgl. Reynolds, Seite 35
11 Vgl. Keene, LexMa 7, Spalte 2198
12 Vgl. Holt, Richard, Society and Population 600-1300, in: Palliser, D. M. [Hrsg.], The Cambridge Urban His-tory of Britain, Bd. 1 (600-1540), Cambridge, 2000, Seiten 79-104, hier: Seiten 84 und 93
13 Vgl. Grenville, Seite 29
14 Vgl. Keene, LexMa 7, Spalte 2197
Arbeit zitieren:
Martin Meingast, 2005, Die Eroberung Englands und die Folgen für die Stadt - Eine Untersuchung zum Städtewesen Englands vor und nach 1066 mit besonderer Berücksichtigung Londons, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Racial attitudes in Melville’s 'Benito Cereno' and Twain’s ...
Examensarbeit, 54 Seiten
E-Commerce und die Auswirkungen auf den Güterverkehr und die Logistik
Ingenieurwissenschaften - Wirtschaftsingenieurwesen
Hausarbeit, 34 Seiten
England unter Wilhelm dem Eroberer
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Hausarbeit, 17 Seiten
Die Eroberung Englands im Jahre 1013 - Regierungszeit Knud des Grossen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 25 Seiten
Haben Computerspiele Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern?
Medien / Kommunikation - Forschung und Studien
Hausarbeit, 19 Seiten
Die lexikalischen Folgen des englisch-skandinavischen Sprachkontakts i...
Hausarbeit, 15 Seiten
Geowissenschaften / Geographie - Geographie als Schulfach
Referat / Aufsatz (Schule), 15 Seiten
Race and racism in "The Adventures of Huckleberry Finn"
Hausarbeit (Hauptseminar), 11 Seiten
The Critical Period Hypothesis supported by Genie's case
Seminararbeit, 15 Seiten
Wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung Nordeuropas
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Martin Meingast hat den Text Die Eroberung Englands und die Folgen für die Stadt - Eine Untersuchung zum Städtewesen Englands vor und nach 1066 mit besonderer Berücksichtigung Londons veröffentlicht
Martin Meingast hat einen neuen Text hochgeladen
Terror und Staat. Der 11. September - Hintergründe und Folgen
Geostrategie, Terrorismus, Geh...
Ronald Thoden
From Memory to Written Record: England 1066 - 1307
M. T. Clanchy, Michael T. Clanchy, Clanchy
0 Kommentare