Arnscheidt, Margrit Wandlungen in der Auffassung es deutschen Bauernkrieges zwischen 1790 und 1948, Heidelberg 1976
Der deutsche Bauernkrieg 1524- 1526
Der Deutsche Bauernkrieg von 1525,
Blickle, Peter Der Deutsche Bauernkrieg von 1525, Darmstadt 1985
Engels, Friedrich Der deutsche Bauernkrieg Berlin 1982
Ganseuer, Frank Der Staat des „gemeinen Mannes“ Frankfurt am Main 1985
Holenstein, André Bauern zwischen Bauernkrieg und Dreißigjährigem Gottesgeißel München 1996
Berlin 1974
Moeller, Bernd Bauernkriegsstudien, Gütersloh 1975
Schütz, Franz-Josef Geschichte Dauer und Wandel
- von der Antike bis zum Zeitalter des Absolutismus -, Frankfurt am Main 1990
Winterhager, Friedrich Der Bauernkrieg von 1525, Berlin 1979
Winterhager, Friedrich Bauernkriegsforschung Darmstadt1981
Wunderlich, Werner Die Spur des Bundschuhs Stuttgart, 1978
I. Geschichtliche Zusammenhänge des Bauernkrieges 2
1. Ausgangslage
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts mehrten sich die Anzeichen für eine wachsende politische und soziale Unzufriedenheit der Bauern. Sie richtete sich besonders gegen geistliche, dann aber auch gegen weltliche Grundherren. Die Ursache dieser bäuerlichen Unzufriedenheit liegt in dem Bevölkerungsanstieg, die Steigerung der Abgaben durch die Grundherren und in den schlechten Lebensbedingungen auf dem Land; von den beschränkten Erträgen der Landwirtschaft mussten immer mehr Menschen ihr Auskommen finden. Die wachsende Last führte häufig zu wirtschaftlichen und sozialen Miseren, weil sich die Erträge der Höfe ohnehin immer mehr Menschen teilen mussten; viele Höfe waren um 1500 verschuldet. Sie gerieten schließlich zur politischen Katastrophe, weil die Bauern die neuartigen Forderungen ihrer Herren als ungerecht und als offenkundige Verletzung des alten Rechts empfanden.
2. Zusammenhang zwischen Reformation und Bauernkrieg Unzweifelhaft besteht zwischen Reformation und Bauernkrieg ein Zusammenhang. Evangelische Prediger hatten Luthers Lehre auch in die Dörfer getragen; sein Angriff gegen die „Pfaffen“, seine Botschaft von der „Freiheit eines Christenmenschen“ fanden in der sozialen Lage der Bauern ihren Widerhall und untermauerten deren Forderungen auf neuartige Weise mit dem dem Evangelium entnommenen „göttlichen Recht. Hinzu kamen Einflüsse aus der nahen Schweiz. Zwingli, der Reformator von Zürich, hatte seit 1523 intensiver und grundsätzlicher als Luther gefordert, dass sich alle politischen Ordnungen gemäß den Weisungen des Evangeliums, nach dem göttlichen Recht zu re-formieren hätten.
2 Schütz, S. 269 - 285; Böhning/Jung-Paarmann, S. 10 - 34
3. Bauernkrieg
Ab Mitte des 15. Jahrhunderts tauchte in Süddeutschland der „Bundschuh“ auf. In dieser Zeit kam es u.a. im Elsaß, Bistum Speyer und Breisgau zu ausgedehnten revolutionären Verschwörungen unter der Bundschuhfahne. Sie wurden allerdings rege lmäßig von Mitwissern an die Obrigkeiten verraten, ehe der Sturm losbrechen konnte. Im Herzo gtum Württemberg kam es durch die Einführung der indirekten Steuern zu einer ausgedehnten Revolte unter der Parole „Armer Konrad“. Die Bundschuhbewegung und die Erhebung „Armer Konrad“ waren jedoch nur Vorspiele des großen Aufstandes, der 1524 in Süddeutschland ausbrach und 1525 auch Mitteldeutschland und den östlichen Alpenraum ergriff. Die Bauern schlossen sich zu bewaffneten Gruppen zusammen. Ihr verbindendes Programm die Zwölf Artikel, die der Meminger Kürschner Sebastian Lotzer im Februar/März 1525 verfasst h atte verbreitete sich schnell im Reich. Anfang April 1525 gelang es dem Schwäbischen Bund, unter dem Bundesfeldherrn Georg Truchseß von Waldburg, erstmals einen Bauernherrn in Leipheim bei Ulm zu schlagen. Dies stellte den Auftakt für eine Serie ähnlich la ufender, für die Bauern zunehmend entmutigender Gefechte dar. Bis zum Juli 1525 war der Aufstand bis auf wenige Ausnahmen niedergeschlagen. Entweder kam es zu friedlichen Unterwerfungsverträgen oder zu vernichtenden Schlachten. Ebenso einschneidend wie die militärische Niederlage war der entmutigende Aufruf Martin Luthers. Hatte er im April, anknüpfend an die Zwölf Artikel, die Ba uern und Herren noch zum Ausgleich und Frieden aufgerufen, forderte er Anfang Mai von den Fürsten eine brutale Niederwerfung des Aufstandes. Auch der Züricher Reformator Zwingli distanzierte sich von den Bauern.
II. Deutung des Bauernkrieges in der Geschichtsschreibung So wie oben dargestellt wird der Bauernkrieg heute in Schulen gelehrt. Doch der Weg zu dieser „nüchternen“ Betrachtungsweise war, wie nachfolgend dargestellt, lang und beschwerlich. In der Verga ngenheit wurde der Bauernkrieg mehrfach erforscht und auf verschie- dene Arten gedeutet und interpretiert. Das Interesse der Geschichts-
schreibung am Bauernkrieg von 1525 und die Art der Interpretation sind wesentlich von der Stellung der Autoren zum Problem der Revolution bestimmt. Ob die oben als Einstimmung auf dieses Thema gewählte Darstellung des Bauernkrieges möglicherweise eine erneute Deutung des Bauernkrieges darstellt, kann dahin gestellt bleiben. Zum jetzigen Zeitpunkt der Forschung gilt der Ba uernkrieg als eines der fundamentalen Ereignisse der europäischen Sozialgeschichte 3 . Ferner sind im Bauernkrieg politische, religiöse, ökonomische und soziale Tendenzen aufs engste miteinander verflochten. Fraglich ist also, wie der Bauernkrieg in der Vergangenheit betrachtet wurde.
1. Anfänge der Bauernkriegsforschung
Als Ausgangspunkt für das Interesse der Geschichtsforscher am Bauerkrieg von 1525 wird von der Literatur übereins timmend das Deutschland der Jahre 1790 bis 1848 angesehen, die Zeit nach der Französischen Revolution und der Märzrevolutionen in den deutschen Staaten. 4 Wenn der deutsche Bauernkrieg in der Zeit vor der Französischen Revolution Erwähnung findet, so in der Regel in Form lehrhafter Schriften oder kritischer Glossen über die nachteiligen Folgen von Despotie und Unwissenheit für das Staatswohl. Überwiegend findet man in den Schriften vor der Französischen Revolution Äußerungen, die klar zeigen, dass die Autoren die Aufruhr der Bauern ablehnen. Ein Bauer hat der Obrigkeit zu gehorchen, auch der „wunderlichen und tyrannischen“ 5 . Die Bauernstellung ist ihm immerhin von Gott gegeben, insofern darf ein Bauer nicht dagegen rebellieren. 6 Nach der Französischen Revolution bekannte der Reforma-tionshistoriker Georg Theodor Strobel freimütig, dass er sich durch die „gegenwärtigen bedenklichen Zeiten“, „ganz natürlich an das traurige Jahr 1525 erinnert“ habe. 7 Die „Auftritte auf der politischen Schaubühne“, auf der „ein benachbartes Reich dem Zuschauer noch nie gesehene Szenen darstellt“, haben im Jahrzehnt nach der Französischen Revolution
3 Winterhager, S.3
4 Winterhager, S.10, Blickle, S. 79, Arnschneidt, S. 35
5 Arnscheidt, S. 21, 22
6 Arnscheidt, S. 21, 22
7 Strobel, in Arnscheidt, S. 35
auch bei anderen Forschern ein „lebhaftes Interesse“ für die „Auftritte“ des Jahrs 1525 geweckt. 8 Vor allem der Göttinger Gelehrte Georg Sartorius empfand die „Ähnlichkeit von vormals und jetzt“ als direkte Aufforderung“, den Bauernkrieg als lehrreiche Parallele zu den Ereignissen der eigenen Zeit zu untersuchen. 9
a) Frühe Deutungsversuche (1791 - 1795)
Geprägt durch die Aufklärung und d ie Ereignisse in Frankreich schrieb Georg Ernst Waldau 1791 „Materialien zur Geschichte des Bauernkrieges in Franken, Schwaben, Thüringen im Jahre 1525“. Die Ursachen des Bauernkrieges sah Waldau in dem Verhalten der „hartherzigen, stolzen und grausamen Herren“ des „geistlichen und weltlichen Standes“. 10 Insgesamt bewertet er den Bauernkrieg als einen „he ftige[n] Schrei der von Edelleuten und Prassern gedrückten Menschheit“, die sich nach langjähriger Unterdrückung und Ausbeutung nicht anders als durch eine „schreckliche Explosion zu he lfen wusste“. 11 Zwei Jahre nach Waldau äußert sich Karl Hammerdörfer in einer Reihe von Veröffentlichungen über den Bauernkrieg. Er schreibt wie Waldau über die Not der Bauern, über die „unerschwinglichen Abgaben und Frohendienste“ und charakterisiert die Bauern als „unglückliche Lastentiere“. 12 Erst durch die Refo rmation erlangten die Bauern zu dem Bewusstsein, dass auch sie Menschen waren. Schuld am Ausbruch sei der Adel, der die Forderungen, die in den Zwölf Artikeln niedergeschrieben waren, nicht berücksichtigte. Hammerdörfer scheute sich ferner nicht, das Urteil, welches bis dato in der G eschichtsschreibung über Müntzer als „Mordprophet“ 13 vorherrschte, zu revidieren. Hätte Müntzer gesiegt, so wäre er zum Helden erklärt worden, durch seine Niederlage wurde er zu einem Verbrecher. 14 Hammerdörfer meinte, dass Müntzer längst neben Freiheitshelden wie
8 Strobel, in Arnscheidt, S. 35
9 Sartorius, in Arnscheidt, S. 36
10 Waldau, in Arnscheidt, S. 40
11 Waldau, in Arnscheidt, S. 41
12 Hammerdörfer, in Arnscheidt, S. 41, 42
13 Arnscheidt, S. 42
14 Arnscheidt, S. 43
Tell stehen würde, wenn er siegreich gewesen wäre. Insgesamt ist den Historikern jener Zeit keine Begeisterung für die Bauern und Münt zer abzuringen. 15 Vielmehr wird ein Bauernkriegs- und Müntzerbild ve rtreten, welches eher von Schaudern und Entsetzen geprägt ist. Dieses Bild wird unter anderem von Georg Sartorius in seinem Buch „Versuch einer Geschichte des Deutschen Bauernkrieges“ von 1795 aufgezeigt, welches als Mahnung und Belehrung verstanden werden soll. Müntzer oder Luther wären für ihn nicht einmal in der Lage eine Rebellion zustande zu bringen. Besonders durch die Französische Revolution, welche Sartorius nicht billigte, war das Bild von Müntzer geprägt. Müntzer tarnte sich unter dem Deckmantel des Glaubens, um diesen für sein höheres Ziel zu missbrauchen. Die Hauptursache des deutschen Bauernkrieges sieht Sartorius allerdings nicht in den religiösen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts, sondern ganz entschieden in der Rückständigkeit der damaligen „Staatswirtschaft“. 16 Die Obrigkeit hatte nicht erkannt, dass man die Bauern mit ihrem Ackerbau als Grundpfeiler des Wohlstandes des Staates ansehen muss. Dadurch kam es zu Aufständen des „ungeschlachteten, wilden, [...] Pöbel“, „der nur plündern, sengen und brennen kann.“ 17 Ferner sah Sartorius in den Bauern lediglich „der Peitsche entsprungene Sklaven“, die „unbändig und rachsüchtig waren. 18 Die Ursache des Sche iterns des Bauernkrieges sah Sartorius nicht im außerordentlich militärischen Geschick der Fürsten, sondern in der Uneinigkeit der Bauern. Ferner war das Scheitern die Konsequenz unvollkommener Begriffe der Bauern von einer „gesetzmäßigen Freiheit“ und ihres gravierenden Mangels an „sittlicher Bildung“. 19 Für Sartorius kämpften die Bauern - wie auch in der Französischen Revolution - für ein Ziel mit Waffen, welches sie nicht „verdienten, weil sie roh und ungeschlachtet ihrer nicht würdig waren“. 20 Insgesamt hätte die „traurige Verwüstung“ von 1525 vermieden werden können, sofern man nur „die Missstände, die
15 Hammerdörfer, in Arnscheidt, S. 41, 42
16 Sartorius, in Arnscheidt, S. 48
17 Sartorius, in Arnscheidt, S. 50
18 Sartorius, in Arnscheidt, S. 50, 51
19 Sartorius, in Arnscheidt, S. 51
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Kristina Thürk, 2003, Deutung des Bauernkrieges in der Geschichtsschreibung, München, GRIN Verlag GmbH
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