2
1 Einleitung
„Gewaltdarstellungen im Fernsehen und ihre Auswirkungen auf die Zuschauer sind seit Jahrzehnten ein zentrales Thema der Medienforschung und der Medienpolitik“ (Früh 1995: 172).
Gerade mit der Vermehrung der Fernsehprogramme durch Privatsender seit den frühen 80er Jahren und dem daraus resultierenden, wettbewerbsbedingten Kampf um hohe Einschaltquoten stieg der Anteil von Aufmerksamkeit stiftenden Programmelementen mit gewalthaltigem Inhalt deutlich an (vgl. Ridder, 2000).
Daher stellt sich die Frage, welche Wirkung diese medialen Gewaltdarstellungen auf die Einstellung und das Verhalten der Zuschauer, besonders der Kinder haben. Mit dieser Frage hat sich die Wissenschaft stark auseinandergesetzt und eine große Anzahl von Studien und Theorien hervorgebracht. Aber auch in der Öffentlichkeit wird das Thema heftig diskutiert, gerade wenn sich Kriminalfälle ereignen, die auf den Konsum von Mediengewalt zurückgeführt werden.
In dieser Arbeit soll ein möglichst breites Bild von der Gewalt-in-den-Medien 1 -Forschung dargestellt werden, nicht nur aus der Sicht der Wissenschaft, sondern auch im Hinblick auf den Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema in Deutschland. Im ersten Teil wird anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse auf die Frage eingegangen werden, ob im Fernsehen wirklich so viel Gewalt gesendet wird wie allgemein behauptet.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Wirkung, die von Gewaltdarstellungen im Fernsehen ausgeht. Dazu werden erst klassische Ansätze vorgestellt und daraufhin die Erkenntnisse der heutigen Forschung dargelegt. Zudem soll mit einer Rezeptionsstudie von Werner Früh eine neue Perspektive in der Gewaltforschung gezeigt werden. Im dritten Teil wird der Umgang der Öffentlichkeit und der Politik mit dem Thema mediale Gewalt geschildert. Dazu wird geklärt, warum sogenannte Gewaltdebatten zustande kommen und welche Konsequenzen im Sinne des Jugendschutzes daraus gezogen werden.
1 Anstelle der Medien allgemein wird der Schwerpunkt hier auf das Fernsehen gelegt.
3
2 Wieviel Gewalt beinhaltet das Fernsehen? Quantitative
Inhaltsanalysen
Die Forschung bzgl. aktueller Gewaltprofile des deutschen Fernsehens scheint derzeit
brach zu liegen. Die neuesten Daten aus quantitativen Programmanalysen über
Gewaltdarstellungen im Gesamtprogramm des Fernsehens stammen aus den frühen 90er
Jahren (vgl. P. Grimm, 2001 Merten, 1999 : 84 Bonfadelli 2000 : 231 233 )
Diese sind die inhaltsanalytischen Studien von Groebel und Gleich 1991 , jene von
Merten 1992 /93 , sowie die Teilstudie von Krüger 1993
In dieser Arbeit sollen nur einzelne Ergebnisse dieser Studien herausgegriffen werden 2 ,
um die tatsächliche Präsenz von gewalthaltigen Darstellungen im Fernsehen
aufzuzeigen:
Groebel und Gleich setzten im Auftrag der Landesanstalt für Rundfunk und Fernsehen
Nordrhein-Westfalen (LfR) für ihre Untersuchung einen Analysezeitraum von
8 Wochen (17 6 . 11 8 1991 ) an, aus denen aber nur die Daten einer „künstlich“
zusammengestellten Woche erfasst wurden. Sie untersuchten das Gesamtangebot der
öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, sowie das der privaten TV-Anbieter RTL,
SAT 1 , TELE 5 und PRO 7. (vgl. Groebel/Gleich, 1993 : 56 /57 )
Groebel und Gleich kamen zu dem Ergebnis 3 , dass „In fast der Hälfte aller deutschen
Fernsehsendungen ( ) zumindest einmal Aggression oder Bedrohung in irgendeiner
Form thematisisiert“ wurde (Groebel/Gleich, 1993 : 62 ) 4 Zudem wurden im
Durchschnitt fast 5 aggressive Handlungen pro Stunde registriert. Die größte Ballung
körperlicher Gewalt wurde zwischen 18 und 20 Uhr gesendet
In der Verteilung aggressiver Handlungen auf die unterschiedlichen Genres
verzeichneten die fiktionalen Beiträge (Spielfilme, Serien) mit ca. 50 am häufigsten
Aggressionen und Bedrohungen, „Nachrichten und Dokumentationen sind mit rund
15% am gesamten Aggressionsbudget beteiligt“ (Groebel/Gleich, 1993 : 123 )
Zeichentrickfilme machten einen Anteil von 29 ,1 der insgesamt gezeigten Gewalt aus
2 Auf die Beschreibung der methodischen Vorgehensweise wird verzichtet, da dies im Rahmen dieser
Arbeit zu ausführlich wäre
3 Alle Ergebnisse aus Groebel/Gleich, 1993 : 61 131
4 Groebel/Gleich definieren Gewalt als schwere Aggression. Aggression wird allgemein als Verhalten
definiert, bei dem „eine Person oder eine Gruppe von Personen eine andere Person oder Gruppe sowie
Tiere und Sachen bewußt und mit Absicht schädigt oder bei einer Handlung eine solche Schädigung im
Kauf nimmt“ (Groebel und Hinde, 1989 aus Gr/Gl 93 ) Die Schädigung kann eine äußerliche Verletzung
sein, aber auch eine psychische Schädigung aufgrund verbaler/nonverbaler Aggression (ebd )
4
Im Sendervergleich war der A nteil aggressiver Ereignisse bzgl. des Gesamtprogrammes der einzelnen Sender bei den Öffentlich-Rechtlichen geringer als bei den privaten Anbietern. Im Einzelnen zeigte PRO 7 mit 12,7% den größten Anteil an Aggressionsformen, wie aus nachstehendem Diagramm ersichtlich wird:
Anteil aggressiver Ereignisse als Anteil am jeweiligen Gesamtprogramm (vgl. Groebel/Gleich: 68/69, Abb. 4)
Auch bei den dargestellten Mordszenen lag PRO 7 mit ca. 20 solcher Szenen vorn, die ARD strahlte dagegen mit ca. 6 Fällen die wenigsten Mordszenen aus.
Die Befunde der Inhaltsanalysen von Merten und Krüger sind den hier aufgeführten relativ ähnlich, weshalb nicht näher auf jene eingegangen wird. Allerdings ist zu erwähnen, dass Merten, der im Abstand von 4 Monaten (die 1. im November 1992, die 2. im März/April 93) zwei Programmanalysen durchführte, im Verlauf eine Abnahme des Gewaltvolumens feststellen konnte (Merten, 1999).
Zusammenfassend kann anhand der Analysen die Aussage getroffen werden, dass in fast allen Genres des Fernsehprogrammes Gewalt vorhanden ist, auch wenn das Volumen und die Form der TV-Gewalt mit dem Proramm, der Tageszeit und dem Sender variieren (vgl. Merten, 1999: 105).
Natürlich können die hier vorgestellten Daten keinen Aufschluss über die Wirkung von Gewaltdarstellungen im Fernsehen geben bzw. darüber, ob diese Darstellungen überhaupt vom Rezipienten als gewalthaltig erkannt werden. Dies wird auch von den Autoren der Analysen betont (vgl. Merten, 1999: 99; Groebel/Gleich, 1993: 130; Krüger, 1994: 72). Stattdessen sollen die Befunde dazu dienen „einige Aspekte hinzuzuweisen und diese mit empirischen Daten zu belegen, um die Diskussion über Fernsehgewalt zu versachlichen“ (Krüger ebd.).
5
3 Wirkungsforschung
3.1 Klassische Ansätze
Es gibt eine Vielzahl (ca.5000) von Theorien und Studien, die seit Ende der 40er Jahre zur Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien aufgestellt wurden (vgl. Kunczik, 1998).
Im Folgenden sollen einige dieser Theorien, deren Erkenntnisse bzw. deren Widerlegung für die heutige Wirkungsforschung relevant sind, kurz vorgestellt werden.
In Anlehnung an das aristotelische Theater in der Antike 5 und den triebtheoretischen Ansätzen von Konrad Lorenz und Sigmund Freud 6 ging in den 1950er Jahren die Katharsisthese hervor (vgl. Merten, 1999: 130; Schenk, 1987: 167). Diese geht davon aus, dass im menschlichen Organismus angestaute Aggression nach Entladung drängt (Kunczik, 1998: 67). Übertragen auf die Wirkung rezipierter, medialer Gewalt wird behauptet, dass durch das dynamische Mitvollziehen von an fiktiven Modellen beobachteten Gewaltakten in der Phantasie die Bereitschaft des Zuschauers abnehme, selbst aggressives Verhalten zu zeigen (ebd.).
Die These gilt jedoch als empirisch widerlegt (vgl. Grimm, 1999; Schenk, 1987). Sämtliche Studien (u.a. von Feshbach), die ursprünglich die Katharsis beweisen sollten, könnten allerdings auch im Rahmen der Inhibitionsthese gedeutet werden (Kunczik, 1998: 70). Denn diese sagt aus, dass die beim Beobachten gewalttätiger Verhaltensweisen ausgelöste Angst der Grund für eine Abnahme geäußerter Aggression sei (vgl. Grimm, 1999; Kunczik, 1998).
Die Stimulationsthese geht, anders als die Katharsis- und Inhibitionsthese, davon aus, dass die Beobachtung von Gewalt in den Medien die Aggressionsbereitschaft bzw. die Neigung Aggression auszuüben fördert (vgl. Kunczik, 1998; Grimm, 1999). Diese Aussage ist so allerdings nicht haltbar (ebd.). Stattdessen werden negative Wirkungen medialer Gewalt mit den folgenden Theorien begründet:
5 Das aristotelische Drama sollte Jammer und Schaudern bewirken und dazu führen, dass eine Reinigung von Affekten - Katharsis - eintrete und somit psychische Erregungszustände abgebaut würden (vgl. Burkart, 1998: 331).
6 Nach Freud ist Aggression ein angeborener Trieb (vgl.Schenk, 1987).
6
Die Erregungsthese besagt, dass massenmediale Inhalte im Allgemeinen, also nicht nur Gewalt, sondern auch Erotik, Sport, etc., eine emotionale Erregung hervorrufen können. Diese Emotion kann u.a. eine kurzfristige Aggressionssteigerung sein, die unter bestimmten Rahmenbedingungen bzw. in einer bestimmten Situation dann auch zu aggressivem Verhalten führen kann (vgl. Grimm, 1999: 89-91; Kunczik, 1998: 104/105; Bonfadelli, 2000: 248). Die emotionale Erregung ist um so größer, je mehr das fiktive Milieu dem des Rezipienten entspricht und der Inhalt somit als realitätsnäher wahrgenommen wird (vgl. Kunczik, 1998: 104/105). Kunczik erläutert dies anhand des Beispiels, dass ein im Fernsehen gezeigter Streit zwischen einem Elternpaar Kinder emotional mehr berühren würde als eine Schießerei in einem Westernfilm (ebd.). Das Mitvollziehen emotionaler Erregung erfolgt, „indem am Modell beobachtete emotionale Zustände aufgrund persönlicher Erfahrung interpretiert und auf das Modell zurückprojiziert werden“ (Kunczik, 1998: 105). Die empathischen Reaktionen 7 sind dabei um so ausgeprägter, je ähnlicher das Modell und der Beobachter sind (ebd.). Die Erregungsthese konnte u.a. von Tannenbaum und Zillmann (1975) empirisch bewiesen werden und gilt als unbestritten (vgl. Kunczik, 1998).
Die Imitationsthese 8 , die in der Literatur auch unter „Lernen am Modell“ zu finden ist, basiert auf der Theorie des Beobachtungslernens von Albert Bandura (1979). Demnach sollen besonders Kinder nach der Rezeption medialer Gewaltakte deren Handlungsmuster in ähnlichen Situationen nachahmen (vgl. Kunczik, 1998: 91/92). Bandura geht davon aus, dass soziales Verhalten, darunter auch aggressives Verhalten, durch Beobachtung und Nachahmung von sozialen Vorbildern bzw. von Modellen erlernt wird (vgl. Bandura, 1979; Kunczik, 1998; Brosius/Esser, 1995). Zu den Modellen zählen auch jene aus dem Fernsehen. Zu unterscheiden ist allerdings zwischen dem Erwerb und der Ausführung eines (in diesem Zusammenhang aggressiven) Verhaltens, „weil Menschen nicht alles, was sie lernen, in ihren Handlungsweisen auch zeigen“ (Bandura, 1979: 82). Die Ausführung des Verhaltens hängt von verschiedenen Faktoren ab. Diese sind u.a. die Identifikation mit dem Modell, die Konsequenzen aus
7
Die emphatischen Reaktionen können anhand des Pulses, der Hautleitfähigkeit, der Augenblinkrate, u.a. gemessen werden (vgl. Kunczik, S )
8 Da diese Theorie in sich sehr differenziert ist und für den heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand bzgl. der Wirkungsforschung wichtige Erkenntnisse hervorgebracht hat, wird sie an dieser Stelle näher dargestellt (vgl. Kunczik, 98; Brosius/Esser, 1995: 42).
Quote paper:
Constanze Fuchs, 2002, Gewaltforschung - Welche Wirkung hat Gewalt in den Medien?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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