I. Einleitung Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Entwicklung, Aufbau, Zielen und Leben der Hitlerjugend (HJ). Der Begriff HJ steht hier nicht nur für die eigentlichen Hitlerjungen, sondern stellvertretend für die gesamte, in den Organisationen „Deutsches Jungvolk“ (DJ), „Jungmädel“ (JM), „Hitlerjugend“ und „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) institutionalisierte Jugendarbeit der Nationalsozialisten. Dabei lege ich besonderen Wert auf die Beleuchtung der Ziele und Absichten, die hinter der NS-Propaganda standen. Der Teil „Entwicklung der HJ“ nimmt viel Platz in der Arbeit ein, da ohne ausführliche Erklärung der Vorgeschichte der Zugang zum Thema erschwert ist. Hier soll die Entwicklungslinie der HJ von 1922-1945 aufgezeigt werden. Im Abschnitt „Aufbau und Organisationsform“ wird die Struktur der Organisation nur grob skizziert.
Zu diesem Thema ist sehr viel Literatur veröffentlicht worden, es gilt als zum großen Teil erforscht. Jedoch erscheinen nach wie vor propagandistische Bücher mit dem Anschein der Wissenschaftlichkeit, die die Suche nach geeigneter Literatur erschweren.
Die Ausstellung zum Thema beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Kontrast zw ischen Selbstbild der HJ und Realität im Dritten Reich, soll aber auch Ausblicke auf das Thema Jugend unter der NS-Herrschaft im Allgemeinen liefern. Zudem ist ein Vergleich zwischen Jugend damals und heute angestrebt.
II. Die Entwicklung der HJ
Die Geschichte der HJ begann im Jahr 1922. Der erst siebzehnjährige Gustav Adolf Lenk stellte ein Aufnahmegesuch bei der NSDAP in München. Als dieses mit der Begründung, er sei zu jung, abgelehnt wurde, fragte Lenk nach einer Jugendsektion der Partei. Seine Anfrage stieß bei Adolf Hitler auf offene Ohren und er beauftragte Lenk, einen solchen Jugendbund zu gründen. Am 8. März 1922 erschien im „Völkischen Beobachter“ ein Gründungsaufruf zum „Jugendbund der NSDAP“. 1 Dieser Bund bot im Vergleich zu den zahlreichen anderen, zum Teil auch politisch motivierten Jugendorganisationen der Weimarer Republik nicht viel Neues. Auf dem Programm standen Ausflüge und Sport. A ußerdem war eine wichtige Aufgabe des Jugendbundes bei den Aufmärschen der Partei Fahnenträger und Trommler zu stellen. Von „Jugendarbeit“ konnte man in diesem Zusammenhang noch nicht sprechen. Dementsprechend wenig Zuspruch fand die neue Organisation. Mit dem Verbot der NSDAP wurde 1923 auch der „Jugendbund der NSDAP“ verboten.
1 Lewis, Brenda Ralph: Illustrierte Geschichte der Hitlerjugend 1922-1945. Die verlorene Kindheit. Wien 2000.
S.11.
1
Mit der Neuformierung der Partei entstanden über das gesamte Reichsgebiet verteilt selbständige, nicht zentral koordinierte Jugendgruppen. Diese schlossen sich 1926 auf Betreiben von Kurt Gruber aus Plauen zur „Großdeutschen Jugendbewegung“ zusammen. 2 Die formale Anerkennung folgte am 4. Juli des selben Jahres, auf dem Zweiten Reichsparteitag der NSDAP in Weimar. Nach Vorschlag Julius Streichers, dem Herausgeber des „Völkischen Beobachter“ wurde die Organisation in „Hitlerjugend, Bund deutscher Arbeiterjugend“ umbenannt. Der Name sollte einerseits auf die Person des Führers Adolf Hitler einschwören, andererseits der Jugendsektion einen proletarischen Anstrich verleihen. 3 Kurt Gruber wurde zum Reichsführer der HJ ernannt, die der HJ unterstellt wurde. In die Organisation eintreten durfte, wer zwischen 14 und 18 Jahren und männlichen Geschlechts war. Ein „Ariernachweis“ wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingefordert. Ziel war es hauptsächlich, Nachwuchs für die wieder erstarkende NSDAP zu rekrutieren und nachhaltig eine Generation von treuen Gefolgsleuten zu schaffen.
Während der Weimarer Republik bestand die Aufgabe der HJ zum großen Teil aus „Demonstrations- und Agitationstätigkeit“. 4 Sie unterschied sich damit grundlegend von anderen Jugendorganisationen. Während z.B. Wandervögel und Pfadfinder auf große Fahrt gingen, waren Hitlerjungen an Straßen- und Saalschlachten beteiligt oder wirkten bei großen Aufmärschen mit. Zwar gab es auch in der HJ bündischen Elemente wie Fahrt und Singen am Lagerfeuer, jedoch blieb im angespannten politischen Klima der Weimarer Republik wenig Raum für solche Tätigkeiten. Die HJ sollte sich mehr auf die Unterstützung der „Parteiarbeit“ der Nationalsozialisten konzentrieren. In dieser „Gründer- und Kampfzeit“ 5 der zwanziger Jahre kamen 21 Hitlerjungen bei politischen Auseinandersetzungen ums Leben, darunter auch Herbert Norkus, der zu Märtyrer und mythischer Symbolfigur hochstilisiert wurde. Sein Tod gab die Vorlage für den Propaganda-Film „Hitlerjunge Quex“. 6 Die späten Zwanziger Jahre waren aber auch die Zeit des kontinuierlichen Wachsens und der strukturellen Verfestigung der HJ. Bis 1929 wuchs die Zahl der Mitglieder auf ca. 13000 an, es gab eigene HJ-Zeitungen wie „Die deutsche Zukunft“, später „Wille und Macht“, deren Schriftleiter der spätere Reichsjugendführer (RJF) Baldur von Schirach war.
Im Jahr 1930 entstand das weibliche Pendant zur HJ, der „Bund Deutscher Mädel“ (BDM). Man strebte nun immer mehr an, die Gesamtheit der deutschen Jugend zu erfassen und an die
2 Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. Köln 1999. S.15.
3 Von Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand 1930-1939. Köln 1987. (Edition. Archiv der deutschen Jugendbewegung, Band 3.) S. 49.
4 Klönne. 1999. S.18.
5 Von Hellfeld. S.49.
6 Koch, Hannsjoachim W.: Geschichte der Hitlerjugend. Ihre Ursprünge und ihre Entwicklung 1922-1945. Percha 1975. S.201.
2
NSDAP zu binden. Ein gutes Stück näher kam man diesem Ziel, als Kurt Gruber 1931 nach einem Kompetenzstreit innerhalb der Reichsjugendführung zurücktrat. Sein Nachfolger wurde der Leiter des „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (NSDStB), Baldur von Schirach. Unter seiner Führung wurde die HJ grundlegend umstrukturiert, gewann rasch an Mitgliedern und erhielt das Gesicht, das sie bis zum Ende der NS-Herrschaft behalten sollte. Die Führung wurde stark hierarchisiert und zentralisiert, der „N S-Schülerbund“ und der NSDStB wurden eingegliedert. Außerdem wurde der „Bund Deutsches Jungvolk“ für 1014jährige, der bisher selbständig geleitet wurde, der HJ direkt angeschlossen.
Während des kurzzeitigen Verbots der SA 1932 wurde auch die HJ als forme lle Unterorganisation der SA verboten, arbeitete aber im Geheimen weiter und gewann Mitglieder. Am 1. und 2. Oktober 1932, dem „Reichsjugendtag der HJ“ marschierten bereits ca. 80000 Jugendliche an Adolf Hitler vorbei. 7 Mit der Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933 gewann auch die HJ Totalitätsanspruch. Es sollten keine anderen Jugendorganisationen mehr neben ihr existieren. Deshalb betrieb man die gezielte Verdrängung und Ausschaltung konkurrierender Jugendverbände. Nahestehende Verbände, wie z.B. der „Scharnhorst-Bund“ oder die „Bismarck-Jugend“ wurden der HJ angeschlossen, sozialistische und jüdische Organisationen per Gesetz verboten. Der Höhepunkt der Gleichschaltung wurde am 5. April 1933 erreicht, als Hitlerjungen auf Weisung Baldur v. Schirachs die Geschäftsstelle des „Reichsauschusses der Jugendverbände“ besetzten. Faktisch war damit die Führung der kompletten institutionalisierten Jugendarbeit des Deutschen Reiches in Händen der HJ.
Die „Evangelische Jugend Deutschlands“ mit 800000 Mitgliedern wurde aufgelöst und der HJ angeschlossen. Katholische Jugendorganisationen waren zunächst durch das Reichskonkordat geschützt, wurden aber von Seiten der HJ gezielt terrorisiert und unter Druck gesetzt, so dass auch hier viele übertraten oder sich auflösten. Ende 1934 betrug die Mitgliederzahl der HJ ca. 3,58 Mio. 8 Mit dem „Gesetz über die Hitlerjugend“ 9 vom 1. Dezember 1936 wurde die HJ zur Staatsjugend. Sie war nun neben Schule und Elternhaus verantwortlich für die körperliche, geistige und sittliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Baldur v. Schirach wurde zum „Jugendführer des Deutschen Reiches“ ernannt und Adolf Hitler direkt unterstellt. Damit war die Aufbauphase beendet und die HJ sowohl machtpolitisch als auch Verfassungsrechtlich verankert. Der Beitritt war zwar formal noch freiwillig, tatsächlich war es jedoch so gut wie
7 Klönne. 1999. S.16ff.
8 Ebd. S.20.
9 Ebd. S.29.
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Till Uhrig, 2003, "..und sie werden nicht mehr frei." Die Geschichte der HJ, Munich, GRIN Publishing GmbH
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