Inhalt
1. EINLEITUNG 3
2. JOSEPH UND DIE MEDIEN. 4
1.1 WAS LEISTEN MEDIEN? 4
1.2 MEDIEN SIND KÖRPEREXTENSIONEN 7
1.3 MEDIEN SIND INTERAKTIONSKOORDINATOREN 9
1.4 MEDIEN SIND UNWAHRSCHEINLICHKEITSVERSTÄRKER 11
1.5 MEDIEN SIND ABSENZÜBERBRÜCKER 12
3. JOSEPH UND DIE VISIO BEATIFICA. 14
4. DIE TELEVISIONÄRE GOTTESSCHAU JOSEPHS 17
5. FAZIT: JOSEPHS GOTTESSCHAU IST EINE TELEVISIONÄRE MEDIENVISION 22
6. LITERATUR. 24
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1. Einleitung
Das Vorbild für den vierbändigen Romanzyklus „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann stammt aus der Bibel. Genauer gesagt, diente das erste Buch Moses, die Genesis, als thematische und stoffliche Vorlage. Zusätzlich wurde für den Roman Stoffmaterial aus Mythologie, Sprachwissenschaft, Psychologie und Archäologie entnommen.
Bei Mann hat Joseph innerhalb des Bandes „Der junge Joseph“ einen Traum: den „Himmelstraum“. 1 Er fährt in diesem Traum in die heiligen Sphären hinauf und wird von Gott persönlich an seine Seite zitiert. Nach diesem Traum sieht sich der narzisstische Joseph in seiner Rolle als „Auserwählter Gottes“ bestätigt. 2 Bereits in der Bibel hat das „Antlitz Gottes“ eine besondere Rolle. Dieses „Gottschauen“ ist auch für den Roman von großer Bedeutung. Joseph träumt hier in einer televisionären Vision von der höchsten christlichen Erlösung: Gott im Himmel sehen zu dürfen. Wie erlebt Joseph diese Gottesschau und warum ist dies ein televisionäres Medienereignis? Die Erkenntnistheorie 3 nimmt an, dass die „Glaubenserkenntis“ auf dem Weltwissen beruht. Wobei Glaube von Erkenntnis zu trennen ist, da Glaube ein Willensakt ist und nicht auf der ratio, der Vernunft aufbaut. Glaubenserkenntnis ist demnach ein „mystisches Erkennen“ und vollzieht sich in mehreren Stufen, deren Höhepunkt die contemplatio, die in der Bibel genannte „Gottesschau“ ist. Es ist unser menschlicher Glaube zu hoffen, dass Gott zu dem kommt, der ihn ruft. Während die pure Seele leiblos zu niemand Kontakt aufnehmen kann, kann Gott sich sehr wohl dieser Seele offenbaren. Bereits in der Bibel ist dieses Problem des „Schauen des Unschaubaren“ angelegt: "Selig, die ein reines Herz haben; / denn sie werden Gott schauen" (Mt 5,8). Dass dies eigentlich nicht möglich ist, erfahren wir ebenfalls aus der Bibel: „[…] der König der Könige und Herr der Herren, der allein die
1 Vgl. Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. Band I. Der junge Joseph. Frankfurt 1956. S. 459 ff. Im Folgenden werden nur noch die entsprechenden Bände zitiert.
2 Vgl. Herbert Lehnert: Der sozialisierte Narziss: Joseph und seine Brüder. In: Hansen, V. (Hg.): Thomas Mann. S. 186
3 Die Erkenntnistheorie (oder: Epistemologie) ist der Zweig der Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Wissen, Erkenntnis und Wahrheit prinzipiell zu erlangen und zu nutzen sind.
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Unsterblichkeit besitzt, / der in unzugänglichem Licht wohnt, / den kein Mensch gesehen hat noch je zu sehen vermag […]“ 4 (1 Tim 6,14 -16). In nachfolgender Arbeit wird eine textnahe Untersuchung relevanter Textpassagen des Romans vorgenommen, um zu zeigen, warum das „Gott-Schauen“ Josephs ein „televisionäres Medienereignis“ ist.
2. Joseph und die Medien
Die Joseph-Tetralogie ist voller medialer Botschaften. Die Kommunikation mit Gott, die Erkenntnis und der Wandel Josephs sind nur durch „Medien“ denkbar und vor allem auch nur durch diese kommunizierbar. Im Allgemeinen wird daher gesagt, dass Medien in erster Linie ein Kommunikationsmittel sind. Und doch sind die Erscheinungsformen dieser Kommunikation im Josephsroman so viel komplexer. Die Medien haben hier verschiedene Eigenarten und Eigenschaften, die sich kaum auf einen klassischen Nenner bringen lassen. Vielmehr gelingt es durch diese Medienformen, eine Vielzahl an Besonderheiten von Kommunikation im Medium selbst zu vereinen. So kann Joseph dank eines televisionären Medienerlebnisses in seinem Traum eine „direkte Verbindung“ zu Gott herstellen und mit ihm ein „face-to-face“ Kommunikation führen. Es ist für das Thema dieser Arbeit notwendig, eine Definition des Medienverständnisses für die Interpretation der Traumvision und der eigentlichen Gottesschau Josephs zu geben, um eine verständliche Basis zu schaffen.
1.1 Was leisten Medien?
Zahlreiche Medientheorien wurden im Laufe der Zeit entwickelt, widerrufen, abgeändert oder erneuert, um das Phänomen von Medien zu beschreiben. Medien befinden sich in einem ständigen Fortbildungsprozess. Sie verändern sich mit dem Fortschritt der Technik und den gesellschaftlich-politischen
4 Die kursiven Wörter sind in der Quelle nicht kursiv, dienen hier aber zur Markierung der für die Thematik relevanten Stellen.
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Schwankungen der Zeit. Eine ultimative Definition, die alle diese Faktoren umfassend berücksichtigen könnte, ist, eben durch eine solche Medienbeschaffenheit, nicht möglich.
Die moderne Medientheorie geht davon aus, dass die individuelle Auseinandersetzung mit der historischen Welt durch den Informations- und Bilderfluss technischer Apparaturen ersetzt wird. Dadurch wird Erfahrung durch Erlebnis und Orientierung durch Information abgelöst. So wie auch Joseph durch seine erlebten Traumbilder beispielsweise im „Himmelstraum“ 5 mit der „Information“ von Gott versorgt, die ihm „Orientierung“ für seine Zukunft gibt:
„Du Menschenkind, tritt auf deine Füße! Denn fortan sollst du vor meinem Stuhle stehen als Metatron und Knabe Gottes, und ich will dir Schlüsselgewalt geben, meinen Araboth zu öffnen und zu schließen, und sollst zum Befehlshaber gesetzt sein über alle Scharen, denn der Herr hat Wohlgefallen an dir.“ 6
Die technische Apparatur ist hierbei die Technik des Traumes. Joseph glaubt nach diesem Traum erkannt zu haben, dass er von Gott im Geiste auserwählt worden ist und seiner Verheißung zu folgen hat. Schließlich werden die Traumbilder im Traum für ihn zur Realität. Eine solche Metamorphose hebt den Unterschied zwischen träumerischem Schein und realen Sein auf. Medien machen einen Großteil unserer Realität aus. Noch mehr: Sie schaffen einen wesentlichen Teil dieser Realität. Wir kennen dies vor allem durch die Erfindung von Film und Fernsehen. Dort gezeigte „Realitätsversionen“ 7 werden zum Maßstab für die Realität, stammen aber ursprünglich ja nicht aus dem Fernsehen, sondern aus der wahren „Realität“.
Der “Wirklichkeitsspender Fernsehen”, vor dem unser “alter Realitätsglaube definitiv zusammenbrechen” 8 müsse, ist daher wesentlicher Bestandteil der Theorie von Wolfgang Welsch. Für ihn ist es selbstverständlich, dass unsere soziale Wirklichkeit “primär durch Medien, insbesondere televisionäre Medien
5 Vgl. Band I. S. 459 ff
6 Band I. S 466
7 Gerade durch die Möglichkeit von „Manipulation durch subjektive Selektion der Informationen“ in Bildern und die damit verbundene Interpretationsproblematik werden alternative Realitätsversionen geschaffen, die nicht zwangsläufig für alle gleich wahr sein müssen.
8 Welsch, Wolfgang: Ästhetisierungsprozesse. In: ders. (Hrsg.): Die Aktualität des Ästhetischen. München 1993. S. 18f
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vermittelt und geprägt wird”. Wirklichkeit werde „medial zu einem Angebot, das bis in seine Substanz virtuell, manipulierbar und ästhetisch modellierbar ist”. 9 Heute würde Gott Joseph daher wohl im Fernsehen begegnen. Der Traum könnte dann als Übertragungsmedium durch visuelle technische Apparaturen ersetzt werden, die uns eine direkte Kommunikation ersparen würden. Man müsste sich also nicht zwangläufig an ein und demselben Ort befinden, um miteinander Kommunizieren zu können.
Würde der Roman von Thomas Mann in der heutigen Zeit spielen, so hätte Joseph sicherlich einen göttlichen Anruf auf seinem Handy bekommen, oder ihn wie erwähnt vermutlich im Fernsehen gesehen. Vielleicht wäre er auch ähnlich dem Helden Neo aus dem Film Matrix als eine illusionistische Datenvision 10 erschienen. Dem Mittel des Mediums und den Erscheinungsformen göttlicher Existenz sind dabei keine Grenzen gesetzt. Gerade die Aufhebung solcher Beschränkungen und Mängeln ist eine fundamentale Eigenschaft dieser Medien.
Der postmoderne Medientheoretiker Jean Baudrillard hat ein solches Phänomen folgendermaßen beschrieben: “Alle unsere Maschinen sind Bildschirme, wir selbst sind Bildschirme geworden, und das Verhältnis der Menschen zueinander ist das von Bildschirmen geworden.” 11 Nach Baudrillard ist dies eine „reine Form der Kommunikation, die nur die Promiskuität des Bildschirms und den elektronischen Text als Filigran des Lebens kennt, wo wir uns in einer neuen Höhle des Platon wieder finden und nur noch die Schatten der fleischlichen Lust an uns vorüberziehen sehen. Wozu sollte man noch miteinander reden, wenn es so einfach ist, zu kommunizieren?” 12 Dies könnte man nun auch auf Joseph anwenden: Warum sollte er Gott in seiner Realität treffen müssen, wenn es doch so viel einfacher ist, mit ihm in der Realität des Traumes zu kommunizieren?
9 Welsch, Wolfgang: Ästhetisierungsprozesse. S. 18f
10 In dieser Szene des Films nehmen die Revolutionäre den ersten Kontakt auf mit dem Auserwählten Neo. Aus dem Traum erwacht scheint er zu träumen, was er auf seinem Bildschirm wie eine göttliche Vision sieht: Zeichen aus einer anderen Welt.
11 Baudrillard, Jean: Videowelt und fraktales Subjekt. In: Barck, Karlheinz et al. (Hrsg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1990. S. 263
12 Baudrillard, Jean: Videowelt und fraktales Subjekt. S. 263
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1.2 Medien sind Körperextensionen
Der berühmte Vorreiter der modernen Medientheorie, Marshall McLuhan, definierte eine Eigenschaft von Medien, die sehr interessant ist: Medien sind Körperextensionen. McLuhan schrieb dazu in seinem Buch Understanding Media: „Das Leitmotiv dieses Buches ist der Gedanke, dass alle Techniken Ausweitungen unserer Körperorgane und unseres Nervensystems sind, die dazu neigen, Macht und Geschwindigkeit zu vergrößern.“ 13 Im Roman ist es daher gerade der Traum, der Joseph als Medium zu Gott dient. Durch diesen einen besonderen Traum vergrößert Joseph seine göttliche Macht auf Erden und beschleunigt seine Himmelfahrt enorm. So wird Joseph bereits in jungen Jahren der „Träumer vom Träumen“ 14 genannt. Und eben dieses träumen ist es, das auch Joseph selbst zum eigentlichen Medium werden lässt. Genauer gesagt zum televisionären Medium innerhalb und außerhalb des Traums. Er kann im Traum den Himmel und vor allem Gott sehen. Aus dem Traum erwacht hat er diese Fernsicht des Himmels als Traumdeuter behalten und fühlt sich im Geiste Gott verbunden. Dies ist ein mediales Ereignis ersten Ranges. Denn was er selbst körperlich nicht realisieren könnte, wird im Traum durch Medien möglich. 15 Der Traum dient Joseph also dazu, seine körperlichen und geistigen Einschränkungen zu überbrücken. Mit Hilfe des Engels Amphiel in Adlergestalt kann Joseph seine „Auffahrt“ 16 in den Himmel beginnen. Ohne „Übertragungskanal“ wäre es Joseph nicht möglich gewesen zu fliegen, oder mit Gott persönlich zu „kommunizieren“. Versteht man also in diesem Traum unter den menschlichen „Sinnen“ (Sehen, Hören, Fühlen und so weiter) eine Form der medialen Körperextension, so werden diese dazu genutzt, medientechnische Eigenschaften als persönliche Eigenschaften zu nutzen. Was Joseph aus der Luft sehen kann, kann er in diesem Fall nur durch die Macht Gottes sehen. „Schau hinab, mein Freund, wie das Land und das Meer verschwunden sind!“ 17 weist ihn der Engel auf dieses fern sehen hin. Er sieht so weit das Auge reicht - und dank der göttlichen Medienintervention auch darüber
13 McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle - Understanding Media. Frankfurt a. M. 1970. S. 94
14 Band I. S 459
15 Vgl. hierzu den Echtzeit-Begriff bei Jochen Hörisch: Gott, Geld, Medien. S. 169
16 Band I. S 462
17 ebd. S 462
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Arbeit zitieren:
Master of Arts Alexander Monagas, 2005, Das televisionäre Medienereignis der Gottesschau Josephs in Thomas Manns 'Joseph und seine Brüder', München, GRIN Verlag GmbH
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