Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? 3
Einleitung
Ulrich Beck beschreibt in seinem Aufsatz „Jenseits von Klasse und Stand?“ den zunehmenden Individualisierungsprozess, der sich innerhalb unserer Gesellschaft seit den fünfziger Jahren ereignet. Laut Beck kommt es nämlich genau seit der Nachkriegszeit zu einem entscheidenden Kontinuitätsbruch sozialer Ungleichheitsverhältnisse. Die folgende Zusammenfassung dieses Aufsatzes gliedert sich in zwei Teile und in vier Thesen, welche Ulrich Beck 1984 verfasst hat.
Im Teil I dieses Aufsatzes beschreibt Beck anhand einer kurzen Auseinandersetzung mit den zwei Klassikern der Ungleichheitstheorie, Marx und Weber, die einsetzenden Individualisierungstendenzen zur damaligen Zeit.
Für Beck lassen sich die Ansätze von Marx und Weber nicht mehr in die Nachkriegszeit übertragen, da mit der Schaffung sozialstaatlicher Sicherungs- und Steuerungssysteme im Rahmen des Wohlfahrtstaates soziale Ansprüche ausgelöst wurden, die zu einem zunehmenden Verlust von Klassensolidaritäten geführt haben.
Teil II
Beck bezeichnet in seiner ersten These den Arbeitsmarkt als „Motor der Individualisierung“. Er stützt diese These durch drei Elemente, die er auf den Arbeitsmarkt bezieht: Bildung, Mobilität und Konkurrenz.
Die zweite These schildert die Konsequenzen des unaufhaltsamen
Individualisierungsschubes, der sich in der BRD seit den fünfziger Jahren ereignet hat. Dieser führt zu einer Auflösung von ständisch geprägten Klassenkulturen. Beck vertritt die These, dass wir heute bereits in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft leben.
In der dritten These geht es um weiträumige Veränderungen, die durch immer neue Technologien und Innovationen entstehen. Diese Veränderungen nehmen auch einen entscheidenden Einfluss auf das Privatleben der Menschen. Auch hier stellt sich auf kultureller, politischer und sozialer Ebene ein Wandlungsprozess von noch ungeahnter Reichweite und Dynamik ein. Es kommt zu einer fließenden Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatismus.
Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? 4
Becks letzte These beschreibt den fortschreitenden Individualisierungsprozess als ein Übergangsstadium zu einer Art „Nachklassengesellschaft“, die allerdings nicht verwechselt werden sollte mit der „klassenlosen“ Gesellschaft wie Marx sie beschrieben hatte. In diesem Zusammenhang führt er diesbezüglich einige Grundzüge auf.
Im Abschluss an Teil I und II erfolgt eine Reflexion und einige Fragen bzgl. des Beckschen Argumentationsmusters in seinem Aufsatz.
Teil I
Die Ansätze von Karl Marx und Max Weber zum Wandel sozialer
Ungleichheitsverhältnisse und Tendenzen der Individualisierung.
In diesem Abschnitt beschreibt Ulrich Beck, welche Ansichten die Klassiker der Ungleichheitstheorie, KARL MARX und MAX WEBER in Bezug auf die
Individualisierungstendenzen vertreten haben und stellt anschließend seinen Standpunkt dazu vor.
Ulrich Beck beschreibt MARX als den wohl bedeutendsten Individualisierungstheoretiker, der allerdings seine Arbeiten, welche die gesellschaftliche Individualisierung betreffen, jedoch frühzeitig abgebrochen habe. Er habe an vielen Stellen seines Werkes wiederkehrend betont, dass durch die Ausbreitung des modernen Frühkapitalismus ein bisher unerkannter Prozess eingetreten sei, der die Menschen nicht nur innerhalb diverser Feudalbindungen, sondern auch im Kapitalismus ständig neuen Schüben der Freisetzung unterworfen habe. Es gab also bereits zu Zeiten von MARX Veränderungsprozesse innerhalb familialer, beruflicher und kultureller Bindungen. 1
Der Grund, warum MARX dem Phänomen einer sich individualisierenden Gesellschaft nicht weiter nachgegangen ist, liegt darin, dass für ihn der Prozess von Vereinzelung und Freisetzung im kapitalistischen System immer schon aufgefangen wurde durch die „Kollektiverfahrung der Verelendung“ 2 , denn gerade durch die Verelendung, von der große Bevölkerungskreise betroffen waren, entstand die Klassenkampfdynamik. Alle, die von einer zunehmenden Armut betroffen waren, verbündeten sich zu einem Kampf gegen das
1 Beck, U.: Jenseits von Stand und Klasse? In: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Soziale Welt.
Sonderband. Göttingen. 1983. S.47
2 Beck. S.47f.
Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? 5
wohlhabende Bürgertum. Einen wichtigen Punkt stellt hier die Tatsache dar, dass dieser Freisetzungsprozess nicht verbunden war mit einer Zersplitterung, sondern es kam zu einer Solidarisierung zwischen den einzelnen, denn die Erfahrung der Verelendung, b zw. die Verschlechterung der Lebenslagen der Arbeiter, führte zu einem Zusammenschluss und schließlich zum Klassenkampf. Daher stellte sich für MARX die Frage nach Individualisierungsprozessen nicht, da er sie immer mit Prozessen der „Klassenformierung“ 3 in Verbindung brachte.
Zusätzlich zu MARX beschreibt Beck nun die Sichtweise MAX WEBERS, der viel ausdrücklicher die „Differenziertheit und Pluralität von Lebenslagen“ 4 in der modernen Gesellschaft in den Vordergrund gestellt hat. WEBER bestreitet das Aufkommen latent vorhandener Individualisierungstendenzen, da diese gar nicht zu einem Durchbruch kommen könnten. Er begründete seine Annahme dadurch, dass solche Tendenzen von Individualisierung durch das Bestehen von Bedeutung und Kontinuität „ständischer Traditionen und Subkulturen“ 5 aufgefangen würde. In diesem Sinne können Werte, Normen und Lebensweisen nicht als Produkt der Klassenbildung (so wie bei Marx) gesehen werden, sondern als eine Art Überbleibsel „ vorindustrieller, vorkapitalistischer, vorindustrieller Traditionen“ 6 . Es handelt sich also nicht um eine neue, eigenständige Schöpfung, sondern um eine „ spätstandische Kultur“ 7 , die innerhalb des Industriekapitalismus eine Erneuerung erfahren hat.
Beck merkt an, dass es für WEBER zwar auch Tendenzen und Bereiche gibt, die eine „Entzauberung“ 8 traditionaler Lebensweisen durchlaufen, jedoch wird dort die soziale Dynamik von Individualisierungsprozessen durch die ständische Tradition aufgefangen.
Laut Beck belegen sozialhistorische Studien solch eine Entwicklung, wie sie WEBER beschrieben hat, jedoch gilt dieses nur bis zu den fünfziger Jahren. Für Beck schlagen die Individualisierungstendenzen zu Beginn der Nachkriegszeit einen bekanntlich anderen Weg ein. Ab den fünfziger Jahren beginnt für Beck ein Wandlungsprozess, der die „labile Einheit“ einer durch den Stand geprägten Klasse zerbrechen lässt. An dieser Stelle möchte ich einige Faktoren aufführen, die Beck für diesen Prozess als äußerst entscheidend ansieht:
3 Beck. S.48.
4 Beck. S.48
5 Beck. S.48
6 Beck. S.49
7 Beck. S.49
8 Beck. S.49
Ulrich Beck: Jenseits von Stand und Klasse? 6
o Die Schaffung sozialstaatlicher Sicherungs- und Steuerungssysteme hat im Rahmen des Wohlfahrtstaates eine Art Individualisierungsschub „sozialer Ansprüche“ ausgelöst. Denn durch die Einführung des Arbeitsrechtes, das die individuellen Rechte des Arbeitnehmers regelt, fallen „Klassensolidaritäten“ weg, da der einzelne sich nun auf die sozialstaatlichen Sicherungs- und Steuerungssysteme berufen kann. 9
o Von der Arbeitsmarktdynamik werden immer weitere Bevölkerungskreise erfasst, d.h. die Gruppe der Lohnabhängigen wächst und die der Nichtlohnabhängigen wird immer kleiner. Beck bezieht die Sparte der Nichtlohnabhängigen auf die Selbständigen, deren Zahl von 1950 bis 1976 von 14,5% auf 9,1% gesunken ist, während im gleichen Zeitraum der Anteil der abhängigen Beschäftigten von 71,6% auf 86,3% gestiegen ist. 10
Des weiteren nennt Beck noch drei andere Faktoren, die zu veränderten Lebensbedingungen geführt haben:
o „künstliche Binnendifferenzierung“ in Gestalt von Bildungsabschlüssen und betrieblichen Hierarchien.
o „Konkurrenzbeziehungen“ insbesondere am Arbeitsplatz.
o Alte Wohngebiete wurden durch neue urbane Großstadtsiedlungen ersetzt. 11
Teil II
These 1
Beck bezeichnet den Arbeitsmarkt als Antrieb der Individualisierung. Er unterteilt zunächst einmal die Entwicklung des „bürgerlichen Individuums“ im 18.Jahrhundert von der „Arbeitsmarkt-Individualisierung“. 12 Die Abgrenzung liegt hier darin, dass die „frühbürgerliche Individualisierung“ im wesentlich auf Kapitalbesitz und -vermehrung beruhte. In der Bundesrepublik Deutschland tritt das Lohnverhältnis für die Arbeit zu Tage, die staatlich reguliert wird.
9 Vgl. Beck, S.39
10 Vgl. Beck, S.39
11 Vgl. Beck, S.39
12 Beck, S.45
Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz.-Wiss. Nicole König, 2005, Jenseits von Stand und Klasse? Thesen von Ulrich Beck zur Individualisierung der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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