Gliederung
Einleitung
1. Undine 04
04
1.1 Charakter- und Erscheinungskonstrukt
06
1.2 Natur als Mittel zur Konstruktion des Weiblichen
09
1.3 Die Beseelung Undines
2. Bertalda 11
3. Diskursfiguren 13
Schluss
2
Einleitung
„Fast dreitausend Jahre lang haben Dichter ihre Phantasie an Meereswesen entzündet; alle finden sie ihren Platz in Gedichten, Dramen und Balladen: die Töchter des Nereus und des Oceanus, die schaumgeborene Aphrodite, Sirenen und später auch Seejungfrauen.“ 1 So umreißen die Autoren Benwell und Waugh die Faszination, welche von diesen Wesen des Wassers und dem mit ihnen verbundenen Mythos ausgeht. Die Wiederbelebung des Mythos und des mythischen Denkens in der Romantik führte auch zu einer Wiederbelebung des Bildes von der Wasserfrau. „Seinen populären und folgenreichsten Ausdruck hat dieser Mythos in der „Undine“-Erzählung von Fouqué gefunden. Stärker als die [...] Undinen-Texte von Arnim, Tieck und anderen romantischen Autoren [...] hat der Text von Fouqué ein Bild von der Frau als Natur- und Elementarwesen geschaffen, das seinerseits Ausgangspunkt für eine eigene Traditionslinie werden sollte.“ 2
In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie der preußische Autor Friedrich de la Motte-Fouqué Weiblichkeit in seinem Text „Undine“, ab 1809 verfasst und 1811 erstmalig erschienen, konstruiert. Von besonderem Interesse ist hierbei die bewusste Kontrastierung der Undine- mit der Bertalda-Figur. Hierbei erfährt die Undine eine differenziertere Betrachtung, da sie die Hauptfigur in Fouqués gleichnamigem Werk ist. Neben einer Beschreibung der von Fouqué gewählten Merkmale zur Charakterisierung von Undine und Bertalda soll darüber hinaus der Versuch unternommen werden, eine Verbindung zwischen der Weiblichkeits- und der Landschaftskonstruktion aufzuzeigen. Dazu soll exemplarisch die Szene, in welcher sich Undine und Huldbrand erstmals küssen, als eine der Schlüsselszenen des Textes mit dem landschaftlichen Eingangsbild parallelisiert werden.
Innerhalb der Charakterentwicklung und Veränderung der Undine gilt ein besonderes Augenmerk der Hochzeitsnacht, welche einer Zäsur ihres Charakters gleichkommt. Diese Wandlung soll unter Berücksichtigung der (männlichen) Vorstellung von Weiblichkeit während der Epoche erklärt werden. Hierbei ist eine kurze Darstellung des Erziehungsgedankens zu der Zeit unerlässlich, da hierdurch ein durch die Figuren Undine und Bertalda transportierter Diskurs über Erziehung und Weiblichkeit transparent wird. Kurz hervorzuheben wird dabei ebenso sein, wie insbesondere die Vorstellung der Mädchenerziehung um 1800 war.
1 Gwen Benwell & Arthur Waugh: Töchter des Himmels - von Nixen, Nereiden, Sirenen und Tritonen,
Hamburg (Marion von Schröder Verlag GmbH) erste Aufl. 1962, S. 224 (7-276).
2 Inge Stephan: Weiblichkeit, Wasser und Tod. Undinen, Melusinen und Wasserfrauen bei Eichendorf und
Fouqué; in: Renate Berger & Inge Stephan (Hrsg.): Weiblichkeit und Tod in der Literatur, Köln / Wien (Böhlau
Verlag GmbH) 1987, S. 130 (2-297).
3
1. Undine
1.1 Charakter- und Erscheinungskonstrukt
Undine wird porträtiert als 18 Jahre alte Pflegetochter eines einfachen Fischerpaares, zu dessen Hütte sie als drei- bis vierjähriges Mädchen gelangt ist. Eine erste Nennung im Text erfährt die Figur, als sie durch ein Plätschern und schließlich durch einen ganzen Guss Wasser, welchen sie von außen gegen das Hüttenfenster spritzt, auf sich aufmerksam zu machen versucht, was den Zorn des Fischers verursacht. Dieser beschreibt dergleichen Taten als „Kindereien“ 3 vor seinem Gast, dem Ritter Huldbrand von Ringstetten. Undine reagiert auf die Zurechtweisung mit einem leisen, von außerhalb der Hütte kommenden Gekicher.
Schon in dieser ersten Passage des Textes hebt Fouqué einen kindischen und kindlichen Charakter seiner Protagonistin in den Vordergrund, indem er den Pflegevater dieser ein „kindisches Wesen“ 4 attestieren lässt. In den Ausführungen der Pflegemutter wird deutlich, dass Undine voller Torheit sei, im Haushalt wenig hilfreich, aber „ganz böse könne man ihr eben nicht werden.“ 5 Äußerlich wird sie beschrieben als „wunderschönes Blondchen“, von „holder Gestalt“, mit „lieblichen Zügen“, „zierlichen Füßchen“ und „schönen Armen“ versehen, „drollig anmutig“ in ihrer Erscheinung. Sie spricht: „Ei du schöner, du freundlicher Gast, wie bist du denn endlich in unsere arme Hütte gekommen? Musstest du denn jahrelang in der Welt herumstreifen, bevor du dich auch einmal zu uns fandest? Kommst du aus dem wüsten Walde, du schöner Freund?“ 6 Bar jeder gesellschaftlichen Konvention umschmeichelt sie sogleich den Neuankömmling und zieht durch diese direkte Unsitte den Unmut der Pflegemutter auf sich. In ihrer Schmeichelei wird deutlich, dass sie dem Ritter auffallend zutraulich, ja sogar anhänglich gegenübertritt, als ob sie auf ihn oder seinesgleichen wie auf einen lange Vermissten ewig habe warten müssen. Als Huldbrand von seiner Reise zu berichten beabsichtigt und davon jedoch vom Fischer abgehalten wird, reagiert Undine zornig und kindgleich trotzig: „Er soll nicht erzählen Vater? er soll nicht? Ich aber will’s; er soll, er soll doch!“ 7
Es ist für den Leser auffällig, dass sich ein 18jähriges Mädchen nach rund 15jähriger Erziehung durch einen als gut, fromm und aufrichtig beschriebenen Fischer so verhält wie Undine sich gegenüber dem Ritter und ihren Pflegeeltern. Ihre äußerlichen und attraktiv-
3 Friedrichde la Motte-Fouqué: Undine - eine Erzählung, erstmalig erschienen 1811; in: Maria Dessauer
(Hrsg.): Märchen der Romantik - mit zeitgenössischen Illustrationen: Frankfurt am Main (Insel Verlag ) erste
Aufl. 1977, S. 218 (9-788).
4 Ebd.
5 Ebd. S. 219.
6 Ebd.
7 Ebd. S. 220.
4
weiblichen Attribute werden hier mit ihrem kindischen Wesen und ihrem trotzigen, ungestümen und ungesitteten Verhalten kontrastiert. Ihre Aktionen und Reaktionen, welche eine immense Anziehung auf Huldbrand ausüben, werden als etwas Natürliches und Ursprüngliches konstruiert. Nach ihrer trotzigen Reaktion auf den Widerspruch des Vaters entzieht sie sich der elterlichen Repression und flieht hinaus in die dunkle Nacht, was Huldbrands Interesse an ihr noch erhöht. Er bettelt und fleht in die Nacht hinaus, dass Undine zurückkommen möge.
Eine ebengleiche Wirkung hat Undine auf den Priester, der sie auf Bitten ihres Pflegevaters zu taufen beabsichtigt. Die Fischerleute befürchten den Namen „Undine“ als heidnisch, doch Undine möchte nicht anders genannt werden. Auch hier konstruiert Fouqué seine Figur als überaus trotzig. Sogar den aus der Stadt herbeigeführten Gottesmann weiß sie zu umgarnen, sodass jener sämtliche Einwände gegen diesen Namen in Undines Gegenwart zu vergessen scheint. „Die Kleine stand so hübsch geschmückt und holdselig vor uns, dass dem Priester alsbald sein ganzes Herz vor ihr aufging, und sie wusste ihm so artig zu schmeicheln und mitunter so drollig zu trotzen, dass er sich endlich auf keinen der Gründe, die er gegen den Namen Undine vorrätig gehabt hatte, mehr besinnen konnte.“ 8
Es ist für den Wasserfrauen-Mythos bezeichnend, dass dieser in erster Linie der männlichen Phantasie entspringt und entspricht. Auch Fouqué entwickelt seine Adaption des Mythos mit einer gewissen Macht über das Männliche, denn die Ehefrau des Fischers scheint eindeutig weniger besorgt über Undines Flucht in die Nacht. Lediglich der Fischer und Huldbrand suchen nach der Geflohenen. Fouqué erschafft ein Bild der Macht - die Dominanz des Weiblichen über das Männliche. Doch was begründet diese Macht der Figur? Ist es die Ambivalenz weiblicher Attribute und kindlichen Charakters, oder begründet sich diese Dominanz mit der Herkunft Undines aus der Welt der Elementargeister? Mathias Vogel analysiert dazu: „Die Wasserfrau entfacht im Mann Gefühle, obgleich sie keine sichtbaren Verführungskünste anwendet. Sie zieht den Mann an, auch wenn sie ihn nicht lockt. Sie löst irrationales Verhalten aus, dies macht sie unheimlich, sogar bedrohlich.“ 9 Vogel meint hier Fouqués Einreihung in das Motiv der dämonischen Verführerin zu erkennen, jedoch müsse man den Charakter Undines gegenüber dem anderer lockender Frauen abgrenzen. Er hebt Undines vorehelichen Zu-stand hervor, welcher gänzlich der Natur entspricht und angehört. Diese Analyse deckt sich
8 Ebd. S. 225.
9 Matthias Vogel: „Melusine...das lässt aber tief blicken.“ - Studien zur Gestalt der Wasserfrau in dichterischen
und künstlerischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts, Bern (Verlag Peter Lang AG) 1989, S. 156 (2-235).
5
mit dem kindlich-trotzigen Verhalten Undines. Sie begeht keine Handlungen, welche ihrer Natur und ihren Empfindungen widersprechen. Ihr Zustand lässt sich als vorzivilisatorisch beschreiben. Erziehung und Sozialisation durch rechtschaffene, ehrbare und auch christliche Fischerleute scheinen in dem Maße unwirksam, als Undine als Teil der Natur und in ihrer Ursprünglichkeit fern menschlicher Konventionen entsprechend handelt. Sie entzieht sich gar diesen Konventionen hinaus in die wilde Nacht und flieht somit vor der gesellschaftlichen Erwartungshaltung in die ihr verbundene Natur. Das kindlich-trotzige Verhalten dieses „Blondinchens“ löst nicht nur Beschützerinstinkte aus, bei Huldbrand erzeugt es gar eine erotische Anziehung. Seinen dramaturgischen Gipfel erreicht dieses Beschützer-Motiv in dem Wiederfinden der Wasserfrau durch Huldbrand auf der kleinen, durch Sturm und Überschwemmung entstandenen Insel, auf welcher durch einen Kuss die Gemeinschaft besiegelt wird. „Undine hatte sich etwas emporgerichtet und schlang nun in dem grünen Laubgezelte ihre Arme um seinen Nacken, [...]. Es ist der Himmel! Sagte Huldbrand und umschlang inbrünstig küssend die schmeichelnde Schöne.“ 10 Diese Szene soll im Folgenden unter Berücksichtigung der Naturdarstellung Fouqués genauer betrachtet werden.
1.2 Natur als Mittel zur Konstruktion des Weiblichen
Betrachtet man Fouqués „Undine“ unter topografischen Gesichtspunkten, wird schnell deutlich, dass der Autor ein exaktes Landschaftsbild zeichnet. Das Eingangsbild wird hier zunächst für die Konstruktion des Weiblichen aufgegriffen. Es wird eine dreigeteilte Topografie sichtbar: Der Wald trennt mittig gelegen die Stadt sowohl von dem See als auch von dem dort auf einer Erdzunge befindlichen Haus des Fischerpaares. Diese Landzunge, welche die Heimat der Familie ist, wird von Wasser umgeben. „[...], und es schien ebensowohl, die Erdzunge habe sich aus Liebe zu der bläulich-klaren, wunderhellen Flut in diese hineingedrängt, als auch, das Wasser habe mit verliebten Armen nach der schönen Aue gegriffen, [...].“ 11 Die Beschreibung dieser Erdzunge und des Sees lassen in Verbindung mit dem Verb „hineindrängen“ durchaus eine erotische Interpretation des Themas zu. Das fließende Element als weibliche Konstruktion greift „mit verliebten Armen“, wobei sich das Land als Mannessymbol mit der Zunge in diese Weiblichkeit „hineindrängt“. Das Eros dieser Metapher scheint unverkennbar, die Wiederaufnahme des Themas kann in dem Kuss zwischen Undine und Huldbrand auf der zur Insel gewordenen Anhöhe betrachtet werden. Undine „schlang ihre Arme“ und Huldbrand „küsste inbrünstig“.
10 Vgl. Fouqué S. 228.
11 Ebd. S. 215.
6
Arbeit zitieren:
Markus Scheliga, 2005, Die ambivalente Konstruktion der Weiblichkeit in Friedrich de la Motte-Fouqués "Undine", München, GRIN Verlag GmbH
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