I. Einleitung
Welchen Belastungen sind Grundschullehrerinnen, die ihrem Beruf nachgehen und zudem eigene Kinder erziehen, ausgesetzt? Wie können sie Beruf und Familie vereinbaren, ohne dass einer der beiden Bereiche oder gar sie selbst dabei auf der Strecke bleiben? Inwiefern profitieren Lehrerinnen in ihrem Beruf von Erfahrungen, die sie während der Erziehung ihrer Kinder sammeln, verändert sich sogar ihr berufliches Selbst? Erwerben sie als Mütter Kompetenzen, die sich positiv auf ihre Arbeit in der Schule auswirken?
Diese Überlegungen stehen hinter dem Titel „Grundschullehrerin und Mutter: Doppelbelastung und Doppelqualifikation - Wie wirkt sich die Erziehung eigener Kinder auf die Professionalisierung von Lehrerinnen aus?“.
Die Komplexität, die dieses Thema in sich trägt, erlaubt es im Rahmen dieser Arbeit leider nicht, jeden der einzelnen Teilaspekte ausführlich zu behandeln.
Daher werde ich die „Doppelbelastung und Doppelqualifikation von Lehrerinnen“ zunächst einer kurzen historischen Betrachtung unterziehen, dann anhand von Erfahrungen einzelner Grundschullehrerinnen und von Forschungsbeiträgen aus der Lehrerinnenforschung skizzieren und abschließend grundlegende Prozesse für die Doppelqualifizierung darstellen.
Am Ende stelle ich eine Hypothese auf, die ich während der Bearbeitung des Themas entwickelt habe. Weder bei der Lektüre noch bei meinen Recherchen ist mir solch eine Vermutung nicht begegnet, was ihre bisherige Existenz aber natürlich nicht ausschließt.
Differenzierte Betrachtungen der Doppelbelastung und -qualifikation werde ich nicht vornehmen, sondern beides anhand prägnanter Beispiele, die jeweils positiver Natur sind, veranschaulichen.
Die Vermeidung von Konjunktiv und Einschränkungsfloskeln wie „häufig“ und „oft“ ist keineswegs als eine für alle Lehrerinnen zutreffende Behauptung zu begreifen, sie dient einzig der besseren Lesbarkeit.
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Begriffsklärung:
Die Formulierung „Grundschullehrerin und Mutter: Doppelbelastung und Doppelqualifikation - Wie wirkt sich die Erziehung eigener Kinder auf die Professionalisierung von Lehrerinnen aus?“ verlangt die Spezifizierung einiger Begrifflichkeiten.
„Doppelbelastung“ bedeutet hier eine mehrfache Belastung, die eine Lehrerin aufgrund von zwei Aufgabenbereichen, nämlich Beruf und Familie, erfährt. „Doppelqualifikation“ beschreibt eine Qualifizierung auf zwei Ebenen, zum einen die formelle Ausbildung (Lehramtsstudium, Referendariat, berufliche Weiterbildung) und zum andern die informelle Bildung, resultierend aus der Erziehung eigener Kinder. 1 Mit dem Begriff „Professionalisierung“ wird hier die Ausübung des Berufes der Lehrerin, die ständige individuelle Auseinandersetzung mit diesem Berufsfeld und vor allem das berufliche Selbstverständnis verbunden.
Die in der Arbeit zitierten Erfahrungsberichte von Grundschullehrerinnen entstammen der 2004 von Thomas Ammann veröffentlichten Studie „Zur Berufszufriedenheit von Lehrerinnen. Erfahrungsbilanzen in der mittleren Berufsphase“. Ammann führte von November 1999 bis Juli 2000 mit 66 Grundschullehrerinnen narrative Interviews durch. Seine Intention dabei war, erkennen zu können, wie sich die Berufszufriedenheit von Lehrerinnen während ihrer Berufsbiographie ändert und wie sich ihr Berufsalltag gestaltet. 2
1 Die Doppelqualifikation von kinderlosen Frauen durch ihre Sozialisation findet aufgrund der thematischen Spezialisierung keine Beachtung, vgl. aber hierzu beispielsweise Händle 1998.
2 Vgl. Ammann 2004.
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II. Hauptteil
a. Doppelbelastung und Doppelqualifikation - historische Entwicklung
Lehrerinnen an öffentlichen Schulen mussten bis zum Ende des ersten Weltkriegs auf Ehe und Kinder verzichten. Einer Heirat folgte zwangsläufig die Entlassung, meist verloren die Frauen auch ihren Beamtenstatus. Diese Bestimmung, das sogenannte „Lehrerinnenzölibat“, wurde mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 aus den Gesetzen gestrichen, jedoch war in der Gesellschaft weiterhin das Idealbild der Lehrerin das einer unverheirateten Frau. Die Meinung, Frauen könnten nicht gleichzeitig in Familie und Beruf funktionieren, herrschte weiter, auch in den christlichen Lehrerinnenvereinen. 3
So war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Doppelbelastung von Lehrerinnen in Deutschland nicht relevant, da sie staatlich verboten oder gesellschaftlich diskreditiert war.
Noch bis in die 1980er Jahre wurde die (Familien-)Frau im Lehrberuf durch die Schulforschung problematisiert. So zum Beispiel Lothar Krecker in seiner 1974 erschienenen empirischen Studie „Frauen im Lehrerberuf. Aspekte der Feminisierung und Fluktuation.“, in der er die Doppelbelastung durch Familie und Beruf als entscheidenden Grund für eine starke Berufsfluktuation von Lehrerinnen nennt. 4 Dies änderte sich erst Ende der 80er Jahre. Wurden bisher die Defizite der Lehrerin zum männlichen Orientierungspunkt beleuchtet, rückte die feministische Schulforschung nun die geschlechtsspezifischen Differenzen von Lehrerinnen und Lehrern in das Zentrum. 1987 veröffentlichte Ilse Brehmer ihre Studie „Der widersprüchliche Alltag. Probleme von Frauen im Lehrberuf“, in der sie anhand biographischer Interviews, die sie mit 31 Frauen führte, unter anderem die Korrelation von beruflicher und häuslicher Arbeit beschreibt und von „Doppelbelastung als Entlastung“ spricht. 5 Christa Händle argumentiert 1989:
„Die doppelte Zuständigkeit von Frauen für Erwerbs- und private Reproduktionsverfahren nicht
nur als doppelte Belastung, sonder auch als doppelte Qualifikation zu sehen, verlangt, sich von
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dominanten gesellschaftlichen Ideologien zu lösen und den Gesamtzusammenhang des weiblichen Arbeitsvermögens zu erfassen.“ 6
Bis heute stellen vor allem Wissenschaftlerinnen der Lehrerinnenforschung in
biographischen Interviews mit Lehrerinnen heraus, dass diese für den Beruf wichtige soziale Kompetenzen und Qualifikationen während ihrer weiblichen Sozialisation erwerben, entwickeln und bewerten Entlastungsstrategien und untersuchen die Auswirkung der Doppelqualifikation auf die Schulentwicklung. 7
b. Die Doppelbelastung von Lehrerinnen durch familiale Aufgaben
An deutschen Grundschulen waren im Schuljahr 2003/2004 85,8 % der hauptberuflich beschäftigten Lehrkräfte Frauen. 8 Der Großteil dieser Lehrerinnen hat Kinder, deren „Betreuung (...) immer noch grundsätzlich Aufgabe der Frauen ist.“ 9 Folglich addieren sich bei vielen weiblichen Lehrkräften im Primarbereich zu den beruflichen Belastungserfahrungen im Unterricht, im Kollegium, durch Schüler und Eltern und durch das Schulsystem 10 Anstrengungen auf privater Ebene. Die somit auftretenden Belastungen sind für Lehrerinnen sehr kräfteraubend. „Ja, es ist nicht so einfach, wie man sich das denkt, weil viele sagen `ja, dann komme ich mittags
heim und dann bin ich nachmittags für die Kinder da und am Abend mache ich dann mein Schulzeug.’ Ja, da bin ich dann müde. Man wird zerrieben.“ 11 Die Frauen erfahren die Kollision der Forderungen von Familie und Beruf als enormen zeitlichen und psychischen Druck. Sie geraten in Gewissenskonflikte, woraus berufliche und private Unzufriedenheit entsteht.
„ ... man hat zuwenig Zeit für die eigenen Kinder, zuwenig Zeit für den Partner, zuwenig
Vorbereitungszeit vielleicht für die Schulkinder investieren können. Das ist bestimmt da mit drin gewesen, dass man mit allem nicht so fertig wird und es nicht so macht, wie man es will.“ 12 Lehrerinnen, die gerade in diesem Beruf eine gute Möglichkeit sahen, Erziehung eigener Kinder und berufliche Tätigkeit zu vereinbaren, erleben zudem eine Enttäuschung ihrer Erwartungen.
Vgl. beispielsweise Flaake 1989; Buchen 1991; Händle 1998.
http://www.destatis.de/basis/d/biwiku/schultab20.php Stand: 21. März 2005. Terhart 1994 S. 156, vgl. auch beispielsweise Kaiser 1997.
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Arbeit zitieren:
Wolfgang Bay, 2005, Grunschullehrerin und Mutter - Doppelbelastung oder Doppelqualifikation?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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DOI
Das Mutterbild des Nationalsozialismus
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
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