Sex und Hollywood scheinen schon von Beginn an zueinander zu gehören, jedenfalls wenn man den Begriff Sex mit Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik verbindet, also vom puren Geschlechtsakt ausgehend (Und was ist selbst daran pur und was Beiwerk?) die Konnotationen und Spielarten bedenkt. Und wie in jeder andauernden Beziehung gestaltet sich auch die Koexistenz dieser beiden schwierig. Das lässt sich an so unterschiedlichen Indizien wie der Zensur (dem "Hays-Code"), den Darstellungskonventionen oder der Nicht-Darstellung von Sex und Erotik ausfindig machen.
Aber Sex in Hollywood ist nicht nur das abgefilmte sinnliche, erotische Spiel zweier (oder mehrerer) Menschen, sondern auch die Attraktion, die das Kino selbst auf den Zuschauer ausübt. Die Faszination, die man und frau im Kinosaal empfinden, hat mindestens soviel Sex wie das Liebespaar auf der Leinwand. Auch diese Diskussion ist nicht neu. Die Anziehungskraft, die die auf Emotion gearbeiteten Werke Hollywoods auf ihre Zuschauer ausüben, lässt sich leicht mit einer Form von Verliebtheit vergleichen. Laura Mulvey hat ihr Konzept der "Visual Pleasures" auf genau diese erotische Beziehung zwischen Betrachter und Bild aufgebaut. Und ein Klischee hält sich auf jeden Fall unumstößlich und wird auch Jahr für Jahr mit genug Anschauungsmaterial unterfüttert, nämlich dass im Hollywood-Film, und sei es noch so marginal, immer auch eine Liebesgeschichte, also die Geschichte einer Beziehung im weitesten Sinne zu finden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. New Hollywood – was kann das sein?
3. Ehen
4. Sex
Exkurs: Bilder der Weiblichkeit
5. Beispiele
5.1 Das Ehepaar vor der Kamera: Liz Taylor und Richard Burton in Who’s afraid of Virginia Woolf? – Sex und Reproduktion, die Ehe als Arrangement
5.2 Das Ehepaar und die Kamera: Gena Rowlands und John Cassavetes (Faces)
5.3 Die verlorene Ehe: Alice doesn’t live here anymore
5.4 Der Gegenentwurf? – Klute
6. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Sexualität und Beziehungsmustern in ausgewählten US-Filmen des frühen "New Hollywood" (späte 1960er bis frühe 1970er Jahre). Dabei wird analysiert, wie diese Werke das traditionelle, oft patriarchale Ideal der monogamen Ehe reflektieren, dekonstruieren oder durch neue formale sowie erzählerische Ansätze hinterfragen.
- Analyse der Ehe als Institution und deren Transformation im New Hollywood-Kino.
- Untersuchung der filmischen Darstellung von Sexualität und deren gesellschaftlicher Codierung.
- Vergleich der Rollenbilder für Frauen und Männer in den untersuchten Filmen.
- Deutung formaler filmischer Mittel wie Kameraführung und Montage im Kontext der Intimität.
- Auseinandersetzung mit der Spannung zwischen traditioneller Hollywood-Ikonographie und zeitgenössischer gesellschaftlicher Veränderung.
Auszug aus dem Buch
Die verlorene Ehe: Alice doesn’t live here anymore
Die Ehe von Alice (Ellen Burstyn) und ihrem Mann Donald beginnt mit einer Leerstelle (oder zumindest ihre filmische Darstellung tut dies): Donald ist der Mann ohne Kopf, er liegt im Nebenzimmer und liest, während Alice in der Küche die Familienmahlzeit zubereitet. Man sieht Donald in dieser einleitenden Szene zunächst nur entweder vom Türrahmen verdeckt oder von hinten, der Mann ist zwar präsent aber gesichtslos. In Verbindung mit der Angst und der Vorsicht, die Alice‘ Körperhaltung ausdrückt, lässt das auf keine wirkliche Beziehung zwischen beiden schließen, schon gar nicht auf eine gute. Und ganz weit entfernt ist es von den Assoziationen, die die allererste Szene des Films geweckt hat: Ein blutroter, kulissenhafter Sonnenuntergang und ein Farmhaus lassen an Scarlett O’Hara denken, und die kleine singende Alice fragt sich nach ihrer Zukunft, bis eine keifende Frauenstimme sie aus solchen Träumereien reißt und ins Haus kommandiert. Das typische Märchensetting. Der Prinz winkt von Ferne – und liegt im nächsten Bild faul und mürrisch auf dem Sofa. Was die kleine Alice sich wünschte, hat die große Alice offenbar nicht erhalten. Aber das gesteht sie sich mitnichten ein. In der Enthüllung dieses Selbstbetrugs seiner Protagonistin ist der Film hier schonungslos ehrlich. Die Unbestimmtheit und Weite des Horizonts in der ersten Szene sind den Bergen gewichen, die Alice gegenwärtige Wohngegend abschließen. Der Ehealltag besteht aus gemeinsamen Mahlzeiten und der ängstlichen Nachfrage nach dem Wohlbefinden des gesichtslosen Mannes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige, schwierige Beziehung zwischen Hollywood und dem Thema Sexualität und grenzt das Untersuchungsfeld zeitlich sowie inhaltlich auf den New Hollywood-Film der späten sechziger und frühen siebziger Jahre ein.
2. New Hollywood – was kann das sein?: Dieses Kapitel diskutiert die Definitionsschwierigkeiten des Begriffs "New Hollywood" und betont die Bedeutung individueller Produktionen sowie den Einfluss europäischer Autorenfilme auf diese Ära.
3. Ehen: Hier wird die Ehe als traditionelles Institutionenmodell mit Anspruch auf Dauer und Legitimation von Sexualität analysiert, insbesondere im Kontrast zu den gesellschaftlichen Umbrüchen der sexuellen Revolution.
4. Sex: Das Kapitel befasst sich mit der spezifischen Codierung sexueller Handlungen im Film sowie dem Paradoxon der "Nicht-Darstellung", das durch moralische Traditionen und den Hays-Code geprägt wurde.
Exkurs: Bilder der Weiblichkeit: Ein Exkurs über archetypische Rollenvorbilder von Frauen in unserer Kultur, die zwischen den Polen "Heilige" und "Hure" schwanken.
5. Beispiele: Dieser Hauptteil widmet sich der konkreten Analyse von vier Filmen, die verschiedene Facetten von Ehe, Beziehung und Sexualität unter den Bedingungen des New Hollywood untersuchen.
5.1 Das Ehepaar vor der Kamera: Liz Taylor und Richard Burton in Who’s afraid of Virginia Woolf? – Sex und Reproduktion, die Ehe als Arrangement: Eine Untersuchung über die Verbindung von Gewalt und Sexualität als Machtinstrument innerhalb der zerrissenen Ehe des Paares.
5.2 Das Ehepaar und die Kamera: Gena Rowlands und John Cassavetes (Faces): Dieses Kapitel analysiert die voyeuristische Dynamik und den vermeintlichen Realismus des Films, der durch den familiären Arbeitsstil des Regisseurs und die Kameraführung erzeugt wird.
5.3 Die verlorene Ehe: Alice doesn’t live here anymore: Fokus auf Alice' Suche nach Identität nach dem Tod ihres Mannes und der Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen.
5.4 Der Gegenentwurf? – Klute: Untersuchung der Lebensform einer Sexarbeiterin als Versuch eines Gegenentwurfs zum traditionellen Ehemodell und die ambivalenten Machtverhältnisse zwischen Bree und Klute.
6. Schluss: Die Zusammenfassung resümiert, dass die untersuchten Filme eine Ratlosigkeit gegenüber traditionellen Beziehungsidealen widerspiegeln, wobei neue formale Darstellungsweisen ausprobiert werden, die jedoch oft an konventionellen Mustern scheitern.
Schlüsselwörter
New Hollywood, Ehe, Sexualität, Filmtheorie, Patriarchat, Beziehungsmuster, Rollenbilder, Voyeurismus, Reproduktion, Geschlechterrollen, visuelle Metaphorik, Realismus, Emanzipation, Machtstrukturen, 1970er Jahre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die filmische Darstellung von Ehe, Sexualität und den damit verbundenen Rollenmustern im US-amerikanischen Kino des frühen "New Hollywood".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Dekonstruktion der klassischen Ehe, der Wandel von Geschlechterrollen, die gesellschaftliche Verunsicherung der siebziger Jahre und die formale Veränderung der filmischen Erotik-Darstellung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, wie Filme dieser Ära mit der "Folie" des klassischen Hollywood-Kinos brechen und inwiefern sie gesellschaftliche Veränderungen reflektieren oder in alten Klischees verhaftet bleiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Filmwissenschaft und feministischen Filmtheorie, um anhand einer Auswahl repräsentativer Filme (u.a. von Nichols, Cassavetes, Scorsese) die Darstellung von Paardynamiken zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden vier spezifische Spielfilme analysiert, wobei jeder Film als Fallbeispiel für unterschiedliche Darstellungen von Ehe (oder deren Ablehnung) und den Umgang mit Sexualität dient.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie New Hollywood, Ehe, Sexualität, patriarchale Strukturen, Rollenklischees und filmischer Realismus definiert.
Welche Rolle spielt der Regisseur John Cassavetes in der Analyse?
Cassavetes wird als Vertreter einer neuen Autorenriege betrachtet, dessen besonderer "familiärer" Arbeitsstil und Kameraführung eine spezifische Intimität erzeugen, die das traditionelle voyeuristische Bild des Kinos herausfordert.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Bree in "Klute"?
Die Autorin hinterfragt kritisch, warum Bree oft als emanzipiert bezeichnet wird, und weist darauf hin, dass die Figur letztlich in einem klassischen Klischee gefangen bleibt, da sie zur Lösung ihrer Probleme auf die Hilfe eines Mannes angewiesen ist.
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- M.A. Sibylle Meder Kindler (Author), 2000, Married in New Hollywood - Zur Darstellung von Sex und Beziehungen in ausgewählten US-Filmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4157