1 Einleitung 4
2 Hauptteil 6
2.1 Lukas, Apostelgeschichte 18, 2 12 6
2.1.1 Der Autor und sein Werk. 6
2.1.2 Die Quelle 9
2.1.2.1 Gliederung des Textes 9
2.1.2.2 Historischer Hintergrund 10
2.1.2.3 Die Darstellung des Lukas 11
2.1.2.4 Fazit. 12
2.2 Das Claudius Edikt 12
2.2.1 Einleitung 12
2.2.2 Sueton, Claudius 25,4 13
2.2.2.1 Der Autor und sein Werk. 13
2.2.2.2 Die Quelle. 13
2.2.2.3 Fazit. 14
2.2.3 Orosius, Adversus Paganos VII, 6,15-16. 15
2.2.3.1 Der Autor und sein Werk. 15
2.2.3.2 Die Quelle. 15
2.2.3.3 Fazit. 16
2.2.4 Cassius Dio, Historia 60,6 16
2.2.4.1 Der Autor und sein Werk. 16
2.2.4.2 Die Quelle. 17
2.2.4.3 Fazit. 19
2.2.5 Exkurs 1: Das Schweigen des Tacitus. 19
2.2.6 Zusammenfassung und Ausblick 20
2.2.7 Exkurs 2: Wurden alle Juden aus Rom ausgewiesen ? 21
2.3 Die Gallio - Inschrift. 23
2.3.1 Einleitung 23
2.3.1.1 Lucius lunius Gallio Annaeanus 24
2.3.2 Chronologische Fragen 25
2.3.2.1 Wann hat Gallio sein Amt angetreten ? 25
2.3.2.2 Hat Gallio sein Amt vorzeitig abgebrochen ? 26
2.3.2.3 Gab es ein zweites Prokonsulat Gallios? 27
2.4 Die Datierung des Prozesses vor Gallio 28
2.4.1.1 Fazit. 29
2.4.2 Ausblick auf die weitere paulinische Chronologie 29
3 Zusammenfassung. 29
4 Literaturverzeichnis 31
5 Abkürzungen 33
3
1 Einleitung
Die universalhistorische Relevanz
Der Aufenthalt des Paulus in Korinth bietet die einzige Möglichkeit für eine sichere chronologische Rekonstruktion der Geschichte des Urchristentums. In den Evangelien und Briefen des Neuen Testaments finden sich nur selten Angaben, die eine genauere Datierung der geschilderten Ereignisse zulassen. Das gilt auch für Lukas, den Geschichtsschreiber unter den Autoren des Neuen Testaments. Doch im 18. Kapitel seiner Apostelgeschichte werden zwei Ereignisse erwähnt, die sich durch außerbiblische Quellen verifizieren lassen. Damit kann der ebenfalls in ApG 18 beschriebene Aufenthalt des Paulus datiert werden und erlaubt somit eine Berechnung einer absoluten Chronologie nicht nur für die Paulus-Vita, sondern für die Geschichte des Urchristentums überhaupt.
Die Fragestellung
Lukas erwähnt ein Edikt des Kaisers Claudius, aufgrund dessen die Juden aus Rom vertrieben worden seien. Damit ergibt sich als terminus post quem zunächst das Jahr 41, in dem Claudius als Nachfolger seines ermordeten Neffen Caligula an die Regierung kam. Der Aufbau der Apostelgeschichte impliziert jedoch eine späteres Datum für dieses Edikt. Lukas berichtet weiter, dass Paulus sich vor dem Prokonsul der Provinz Achaia Gallio verantworten musste und kurze Zeit später Korinth verließ. Das Prokonsulat des Gallio liefert also den terminus ante quem für eine Datierung. Es gilt nun, die Quellen nacheinander auszuwerten und die Angaben aus Apostelgschichte 18 mit den Informationen aus den außerbiblischen Quellen zu vergleichen.
Die Quellen
Ein Edikt in Bezug auf die stadtrömische Judenschaft erwähnen Sueton (Anfang 2.Jh.) und Cassius Dio (Anfang 3.Jh), sowie der christliche Autor Orosius (Anfang 5.Jh.), der sich auf Flavius Josephus (Ende 1.Jh.) beruft. Ihre Angaben müssen also mit denen des Lukas verglichen und wie die des Lukas auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft werden.
Folgende Quellen ermöglichen Rückschlüsse auf eine Datierung: • Sueton, Claudius 25,4 • Cassius Dio, Historia 60,6 • Orosius, Adversus Paganos VII, 6,15-16
4
Die sogenannte Gallio - Inschrift (ein Schreiben des Kaisers Claudius an den Prokonsul von Achaia) enthält chronologische Angaben, mit deren Hilfe die Amtszeit Gallios näher bestimmt werden kann 1 . Der Name Gallios wird auf der Inschrift erwähnt; Angaben zu den Herrschaftsjahren des Claudius müssen aus den steinernen Fragmenten rekonstruiert werden 2 . Zu Gallio selbst finden sich bei Gallios Bruder Seneca und dem älteren Plinius Hinweise, die für unsere Fragestellung wichtig sein können.
Die Literatur
In dieser Arbeit habe ich besonders die Arbeiten von Murphy-O’Connor 3 , Wiseman 4 , Riesner 5 , Klauck 6 , Botermann sowie Pilhofer 7 und vom Brocke 8 herangezogen. 9 Murphy-O’Connors Buch über Korinth von 2002, das die aktuellste Untersuchung beinhaltet, soll besondere Berücksichtigung finden. Für das Claudius Edikt ist Helga Botermanns Arbeit die aktuellste Darstellung.
Riesner ist nach wie vor eine ausgezeichnete Quelle für die Chronologie des frühen Christentums. Unter den Kommentaren für die Apostelgeschichte 10 habe ich besonders die Arbeiten von Haenchen (immer noch ein historisch-kritischer Klassiker), Bruce und Barrett verwendet.
Die These
In dieser Arbeit wird die These vertreten, dass Lukas mit den Datenangaben in Apostelgeschichte 18 korrekt und glaubwürdig ist.
1 Murphy - O'Connor beschreibt die Bedeutung der Amtszeit des Prokonsuls Gallio treffend als „the one link between
the apostle’s career and general history that is accepted by all scholars.“ Murphy - O'Connor, Corinth, 161
2 Deissmann, Paulus203 f. Zum Themenkomplex und die neuere Forschung siehe Riesner, Frühzeit, 181-184.
3 Murphy O’Connor, J., St. Pauls Corinth, Texts and Archaeology, Third Revised and Expanded Edition, Collegeville,
2002; Jérome Murphy - O'Connor stellt eine Fülle von Material zur Verfügung. Es handelt sich dabei einerseits um
Textzitate aller antiker Autoren über die Stadt Korinth, derer er habhaft werden konnte, zum anderen um die Darstel-
lung archäologischer Funde, die für das Verständnis der Situation der Urgemeinde eine wichtige Rolle spielen können.
Er rekonstruiert eine Chronologie des ersten Aufenthalts des Apostels Paulus in Korinth und unternimmt den Versuch
einer Darstellung des Verhältnisses des Apostels Paulus zur korinthischen Gemeinde.
4 Wiseman, P., Corinth and Rome I 228 B.C. - A.D. 267, ANRW II,7.1Berlin 1979, S.439-545.
5 Riesner, R., Die Frühzeit des Apostels Paulus, WUNT 71,Tübingen 1994. Riesner wertet ebenfalls eine Fülle von
Material für die Darstellung der Frühzeit des Paulus aus und widmet sich ausführlich dem Claudiusedikt und der Statt-
halterschaft des Gallio.
6 Klauck, H. - J., J. MURPHY -O'CONNOR, St. Paul's Corinth. Texts and A rchaeology (GNS 6), Wilmington 1983, in: BZ
NF 28 (1984) 278-279; ders. Die antike Briefliteratur und das NT, Paderborn 1998; ders., Hausgemeinde und Hauskir-
che im frühen Christentum, SBS 103, Stuttgart, o. J..
7 Pilhofer, P.; Philippi Band I, die erste Christliche Gemeinde Europas, Tübingen, 1995.
8 von Brocke, Chr., Thessaloniki - Stadt des Kassander und Gemeinde des Paulus, Tübingen 2001.
9 Die zwei letztgenannten Bücher sind aus dem Mangel zusammenhängender aktueller Darstellungen zu Stätten des
frühen Christentums entstanden. Wie Murphy - O'Connor verarbeiten auch Pilhofer und vom Brocke eine Fülle von
Quellen und Inschriften. Während Pilhofer und vom Brocke jedoch nach ausführlichen Darstellungen der Entwicklung
der jeweiligen Städte mit Fokus auf dem 1. Jh. den Schriften von Paulus und Lukas je einen großen Paragraphen
widmen, verzichtet Murphy - O'Connor auf eigene Kapitel zu den lokalspezifischen Aussagen dieser beiden wichtigen
Zeugen, die zusätzlich zu den schriftlichen außerneutestamentlichen und archäologischen Zeugnissen das Gesamtbild
erhellen.
10 Barrett, C.K., The Acts of the Apostles I (ICC), Edinburgh 1994; Bruce, F.C., The Book of the Acts (NIC), Grand
Rapids 1994. Haenchen, E, Die Apostelgeschichte, (KEK 3) Göttingen 1959 12
5
2 Hauptteil
2.1 Lukas, Apostelgeschichte 18, 2+12
Lukas erwähnt ein Edikt des Kaisers Claudius, aufgrund dessen die korinthischen Gastgeber des Paulus Rom hatten verlassen müssen.
Der Bericht über das Wirken des Paulus in Korinth endet mit der Schilderung des Prozesses vor dem Prokonsul Gallio.
2.1.1 Der Autor und sei n Werk
Der Name Lukas (gr. Loukaj) kommt im Neuen Testament dreimal vor (Kol 4,14; 2
Tim 4,11; Phlm 24). Er ist nicht mit dem in Röm 16,21 und Apg 13,1 genannten Lukios identisch. Die neutestamentliche und altkirchliche Überlieferung kennt ihn als Arzt und Reisebegleiter des Paulus. Lukas begleitet Paulus bis Philippi, bleibt dort etwa sechs Jahre, Apg 16,10-17. Nach 20,5-15 und wieder 21,1-18 begleitet er Paulus nach Jerusalem und bis nach Rom und ist bei Paulus während dessen Gefangenschaft. Wenn die Lesart der Handschrift D von ApG 11,28 ursprünglich sein sollte („ als wir versammelt waren“), ist Lukas schon früh bei der Gemeinde in Antiochia in Syrien gewesen. Er stammt vielleicht sogar von dort. Die Überlieferung (nach Eusebius) und die gute Kenntnis der Gemeinde in Antiochia sind hierbei die Hauptgründe. Neue Forscher wie Pilhofer und vom Brocke „lokalisieren“ Lukas mit guten Gründen als anh. r makedwn in Philippi 11 : Lukas kennt sich offenbar besonders in Kleinasien und Griechenland und mit
11 Lukas hebt Philippi und Makedonien in ApG 16 besonders hervor. Ein weiterer Grund ist die „einzigartige Präzision
der Wegbeschreibungen“. Pilhofer, 203,vgl. auch ebenda156 ff vom Brocke 192 f.
6
den lokalpolitischen, geographischen und kulturellen Besonderheiten aus. Seine Amtsbezeichnungen sind stets korrekt. Iunius Gallio wird z.B. zutreffend als Prokonsul (av nqupa, ton ) bezeichnet. Nach Kol 4,14 ist Lukas Arzt. Allerdings nennt ihn der Canon Muratori (Ende 2. Jahrhundert) einen Juristen 12 , und in der Legende findet sich häufig die Darstellung als Maler 13 .
Lukas gehört zu den Ausnahmeautoren des Neuen Testaments. Er ist... 1. Heide, wahrscheinlich sogar der einzige der biblischen Autoren; 2. Schriftsteller, der sich durch gutes Griechisch und exzellenten Stil in gehobener Koine auszeichnet. Szenenwechsel und Übergänge werden schnell und flüssig beschrieben 14 ;
3. Historiker: Lukas recherchiert detailliert und formuliert in beiden Büchern in seiner Widmung an Theophilos seinen Anspruch der Sorgfalt; 4. Evangelist: Lukas betont, dass die Erlösung der ganzen Welt gilt.
Die Meinungen über den Autor der Apostelgeschichte gehen in der Forschung weit auseinander 15 . Es wird sowohl begründet vertreten, dass Lukas tatsächlich der zeitweilige Reisebegleiter des Paulus war und die Apostelgeschichte Mitte der 60er Jahre verfasst hat, als auch die These, Evangelium und Apostelgeschichte seien ein Werk eines Vertreters der zweiten oder gar dritten nachapostolischen Generation und gehörten ans Ende des ersten Jahrhunderts. Letztere These basiert unter anderem auf der Zwei-Quellen-Theorie, die Lukas von Markus abhängig macht. Demnach wären beide Werke frühestens in den achtziger Jahren entstanden. Die Gründe für die Spätabfassung sind mannigfaltig und können hier nicht alle erörtert werden. Sie sind alles in allem wenig stichhaltig 16 .
12 Pawson vertritt die bisher einsame, wenn auch reizvolle These (u.a. aufgrund der Information aus dem canon murato-
ri), Lukas habe aufgrund seiner juristischen Bildung zur anstehenden Verteidigung des Paulus eine Art historiographi-
sche Verteidigungsschrift verfasst. Der in beiden Widmungen bedachte Theophilos könnte demnach ein „frisch bekehr-ter“ stadtrömischer Jurist und Verteidiger des Paulus sein. Der Ton der Widmung macht dies allerdings nicht wahr-
scheinlich. Diese These hat eindeutig für sich, dass sie sehr plausibel und ohne theologische Spekulation den offenen
Schluss der Apostelgeschichte erklärt. Paulus ist um die Jahre 61/62 in Rom angekommen und wartet auf seinen Pr o-
zess. Pawson, 96
13 Zu Lukas gibt es vielerlei legendarische Überlieferungen: Er soll in Böotien vierundachtzigjährig und unverheiratet
verstorben sein, auch von Clemens Alexandrinus bei Eusebius (h. e. IV,4,6) vertretene Meinung, Lukas sei der Über-
setzer des von Paulus verfassten Hebräerbriefes gewesen, scheinen auf den ersten Blick fromme Tradition zu sein und
nur dem Zweck dienen, die Nähe des Lukas zu Paulus zu belegen. Ob die Nachrichten bei Eusebius tatsäc hlich immer
so unglaubwürdig sind, wie die Forschung gemeinhin annimmt, verdient zumindest eine aktuelle Überprüfung.
14 Seine Darstellung des Schiffbruchs des Paulus vor Malta gehört zu den Meisterstücken antiker Literatur.
15 Zur Forschungsdiskussion siehe Botermann a.a.O. und vor allem Rese, ANRW II, 25.3, 2259-2325
16 z.B. wird behauptet, ein Begleiter des Paulus hätte wohl kaum dem Denken des Apostels so fern gestanden wie
Lukas. Diese These ist nicht mehr haltbar, wenn man den Historiker Lukas in den Vordergrund stellt. In den Zeiten
während oder nach der neronischen Verfolgung bestünde durchaus ein legitimes Interesse, den Lesern und Gemein-
den mit Ereignisschilderungen Mut zu machen, in denen klar wird, dass nicht einerseits denunziatorische Gegner das
letzte Wort haben, es andererseits auch wohlgesonnenene Römer gibt und letztlich sogar ein Kaiser wie der große
Augustus ein Werkzeug im Plan Gottes ist, dessen Geschichte sich von Jerusalem nach Rom weiterentwickelt. Boter-mann hält eine Frühdatierung durchaus für möglich und begründet dies aus der Sicht einer Althistorikerin mit größerer
Objektivität der Quelle gegenüber als es manche Theologen tun. Botermann, 29ff.
7
Ebenso ist es schwierig, Lukas in den „Historiker“ und „Theologen“ spalten zu wollen. Ethos, Recht und Religion sind für den antiken Menschen eine Einheit. Niemand würde sich bei Herodot, Plutarch oder Seneca fragen, ob sie als Historiker oder Theologen schreiben. Für Lukas gilt, dass er offensichtlich in beiden Kulturkreisen, der römisch-hellenistischen Antike und im Judentum beheimatet war und sein Werk als ein Brückenschlag gelten kann. Die Reputation des Historikers wieder herzustellen, der wahrheitsgemäß aufschreiben wollte, was er wusste bzw. recherchiert hatte, haben neben Botermann schon seit längerem Bruce sowie Wikenhauser und Hemer unternommen. Der Graben zwischen englischen Forschern wie Lightfoot, Ramsey und Meyer sowie Harnack 17 und zwischen Conzelmann, Dibelius und Haenchen, die Lukas als Historiker nicht akzeptieren können, wird in der Forschung kaum zu überwinden sein.
Die kirchliche Tradition (z.B. der Canon Muratori, Irenäus) sieht durchgehend in Lukas den Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte. Die Differenzen in der Forschung in Bezug auf den Verfasser der Apostelgeschichte bleiben 18 .
Die Beurteilung des historischen Wertes der Apostelgeschichte geht in der Forschung ebenfalls auseinander. Zudem scheinen Theologen und Historiker unterschiedlich an die lukanische Überlieferung heranzugehen. Botermann beschreibt das Dilemma zwischen den Herangehensweisen eines Historikers und denen eines Theologen: „Die Idee, aus den Überresten das Bild einer Epoche rekonstruieren zu wollen, ist vermessen
angesichts der Lückenhaftigkeit der Überlieferung, die Arbeit des Althistorikers grundsätzlich
bestimmt.[...]Wenn eine erzählende Quelle zur Verfügung steht, greift man als erstes nach die- 19 ser. Viele Theologen verfahren umgekehrt.“
Die Apostelgeschichte wird in der Theologie nur dann herangezogen, wenn sie den Auslegern aufgrund der Paulusbriefe richtig erscheint. Das wird jedoch aus der Sicht des Historikers dem Stoff und seinem Autor nicht gerecht. Die Apostelgeschichte ist antike Geschichtsschreibung, sie ist das einzige christliche Geschichtswerk des ersten Jahrhunderts. Evangelium und Apostelgeschichte erzählen von der Entstehung und Ausbreitung des Christentums. Die Apostelgeschichte berichtet von zwei Hauptpha- 17 „DieErkenntnis der Glaubwürdigkeit des Buchs wird also durch eine genaue Untersuchung des chronographischen
Verfahrens des Verfassers, wo er redet und wo er schweigt erhöht.[...] Als Ganzes ist es nach den Absichten des Ver-
fassers und in Wirklichkeit ein Geschichtswerk.“ Harnack, Zeitangaben. 814,821
18 Das jahrzehntelang schlagende Argument, die Evangelien könnten alle erst nach 70 entstanden sein, da die Zerstö-
rung des Tempels in Jerusalem vorausgesetzt werden müsste, ist inzwischen sogar auch von der historisch-kritischen
Forschung aufgeweicht worden. Keiner der Evangelisten, die die Weissagung Jesu in Bezug auf die Zerstörung des
Tempels überliefern, erwähnt, dass sie sich tatsächlich auch erfüllt hat. Selbst Matthäus, der refrainartig wiederholt,
dass sich Weissagungen auch erfüllen, schweigt dazu. Damit ist die These von einem vaticinium ex eventu und mit ihr
die magische Datumsgrenze gefallen. Auch die Zwei-Quellen-Theorie ist inzwischen kein historisch-kritisches Dogma
mehr. Wenn tatsächlich Markus später wäre und somit Matthäus und Lukas gekürzt bzw. zusammengefasst hätte, ist
es durchaus nicht ausgeschlossen, das lukanische Doppelwerk in die sechziger Jahre zu datieren. Es ist einiges in
Bewegung, sogar Johannes w ird früher datiert. (Siehe hierzu Berger, K., Im Anfang war Johannes, Datierung und Theo-
logie des vierten Evangeliums.)
19 Botermann, 29
8
sen: im ersten Teil steht der sogenannte Zwölferkreis um Petrus und Jakobus im Mittelpunkt, im zweiten Teil Paulus.
Für Lukas gilt, was für alle bedeutenden Historiker der Antike auch zutrifft: Geschichte wird mit einer bestimmten Absicht geschrieben. Die Absicht und das Quellenmaterial des jeweiligen Autors prägen seine Darstellung.
„ ... Nur wenn man Lukas als Historiker ernst nimmt, kann die historische Kritik überhaupt an-
20 setzen. Dabei muss der Grundsatz gewahrt werden, dass der Kritiker die Beweislast trägt.“
Die Entstehung der Apostelgeschichte ist - unter Berücksichtigung aller Forschungsmeinungen - zwischen 64 und den achtziger Jahren anzusetzen. Ob sich unter den christlichen Gemeinden ein Bedürfnis entwickelt hat, über die Ursprünge der Jesus-Bewegung mehr zuwissen, nachdem die erste Generation auszusterben begann, oder ob Lukas aus eigenem Antrieb mit der Niederschrift begonnen hat, ist nicht zu klären, da es aus seinem Werk nicht eindeutig hervorgeht und darüber hinaus keine Quellen vorliegen. Die Widmung an Theophilos legt den Schluss nahe, dass es wichtig wurde, die Gemeinden und die nächste Generation von Jesus - Nachfolgern zu informieren. Dazu muss der Tod der Führungspersönlichkeiten nicht unbedingt vorausgesetzt werden. Deren nahes Ende wäre ausschlaggebend genug. In der Forschung wird der Märtyrertod der „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus für 64 oder 67 angenommen. Damit wäre der terminus post quem gegeben.
2.1.2 Die Quelle
2.1.2.1 Gliederung des Textes 18,1-4
Paulus trifft von Athen kommend in Korinth ein. Dort trifft er Priscilla und Aquila, die aufgrund des Claudius - Ediktes Rom verlassen mussten. Paulus arbeitet mit beiden im gleichen Beruf als Zeltmacher und missioniert an den Sabbathen unter Juden und Heiden. 18, 4-10
Als seine Begleiter Silas und Timotheus ankommen, widmet sich Paulus ganz der Verkündigung Jesu als dem Messias. Es kommt zu Auseinandersetzungen und Paulus wendet sich ganz der Verkündigung der Heiden zu. Er bezieht Quartier bei einem Gottesfürchtigen. Ein Synagogenvorsteher mit seiner Familie kommt zum „Glauben an den Herrn“. Erste Missionserfolge unter den Korinthern stellen sich ein. In einer nächtlichen Vision wird Paulus vom Aufer-standenen zur weiteren Verkündigung ermutigt. 18,11-18
Paulus bleibt ein Jahr und sechs Monate in Korinth. „Die Juden“ klagen Paulus vor Gallio an.
20 Botermann,34.
9
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Olaf Franke, 2004, Der Aufenthalt des Paulus in Korinth - ein Quellenvergleich zur Geschichte des Urchristentums, München, GRIN Verlag GmbH
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