Inhaltsverzeichnis
0. Die Perikope nach Lk 5,1-11 03
I. Assoziationen und Fragen an die Perikope. 04
II. Vergleich der Übersetzungen in Einheitsübersetzung (EÜ)
und Luther-Bibel (LB) und Begründung der Übersetzungswahl 05
III. Abgrenzung des Textes als Perikope 06
IV. 1. Syntaktisch-narrative Analyse des Textes 08
2. Semantische Analyse des Textes 12
V. Analyse der Funktion(en) der Peri kope im unmittelbaren Kontext 14
VI. Analyse der Funktion(en) der Perikope im Makrotext. 15
VII. Intertextualität 16
VIII. Der Text unter diachroner Betrachtung 17
IX. Textpragmatische Erwägungen 19
X. Schlussfolgerung 21
XI. Literaturverzeichnis 22
Lukas 5, 1-11 Seite 03
Die Berufung der ersten Jünger
1 Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören.
2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. 4 Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!
5 Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. 6 Das taten sie und fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten.
7 Deshalb winkten sie ihre Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so daß sie fast untergingen.
8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.
9 Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;
10 ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.
Lukas 5, 1-11 Seite 04
(1) Assoziationen zur Perikope
Zunächst löst der Text bei mir ein ähnlich großes Erstaunen aus wie bei den ersten Jüngern Jesu.
Beim bildlichen Vorstellen der Situation - die Jünger kommen erfolglos vom Fischen nach Hause, ihre Existenz hängt vielleicht vom Erfolg des Fischfangs ab; da kommt dieser Jesus und ermutigt sie zum erneuten Versuch, den sie auch gehorsam unternehmen - kommt mir eine Verblüfftheit über Jesus in den Sinn.
Über welche Macht verfügt er um ein solches Wunder zu verbringen? Besonders ist es der Gehorsam der Jünger, der mich erstaunt. Weiterhin überrascht mich, und dies vielleicht noch stärker, der Mu t der Berufenen, die haltlos diesem Jesus folgen und alles hinter sich lassen. Ein wunderbarer Text !
(2) Fragen an die Perikope
- Woher kommt das ungezwungene Folgen der Jünger?
- Was ist es, das ihre Begeisterung für Jesus auslöst?
- Wie sieht der genaue Stimmungswandel, vor allem bei Petrus aus (aus Frust und Verärgerung über die leeren Netze entsteht Erstaunen und Freude!)?
- Wie nimmt das Volk dieses Wunder auf? Was denkt es über Jesus?
Lukas 5, 1-11 Seite 05
Ein erster großer Unterschied ist bereits bei der Wahl der Überschrift zu erkennen. Während die Einheitsübersetzung den, wie ich meine, treffenderen Titel „Die Berufung der ersten Jünger“ wählt, ist in der Luther-Bibel vom „Fischzug des Petrus“ zu lesen.
Die Überschrift, die von der Einheitsübersetzung ausgesucht wurde, finde ich auch deshalb passender, weil in diesem Text nicht Petrus die Hauptrolle spielt, wie es bei Luther den Anschein zu haben mag.
Weiterhin sind große Unterschiede in der sprachlichen Ausschmückung zu verzeichnen: die Einheitsübersetzung wählt eine klar verständliche, für jeden zugängliche Schriftsprache, die durch durchsichtigen Ausdruck sowie einen weitgehend strukturierten Satzbau besticht. Die Luther-Bibel weist einen eher altdeutschen, schwerer verständlichen Sprachstil auf. Des Weiteren ist der Satzbau für heutige Verhältnisse etwas merkwürdig; daher wird das Verständnis des Textes erschwert und die bildliche Vorstellung der Situation, die für die Deutung unabdingbar ist, wird verschleiert. Eine weitere Differenz ist die Wortwahl für bestimmte Ausdrücke. Sicherlich ist dieses Phänomen von der entsprechenden Übe rsetzung abhängig, doch entstehen dadurch für den Leser völlig unterschiedliche Bilder. Ich möchte dies an zwei ausgewählten Beispielen belegen:
In Vers drei spricht die Einheitsübersetzung von einem „Boot“, in das Jesus einsteigt, während Luther hier das Wort „Schiff“ verwendet. Welcher Ausdru ck liegt dem Kontext wohl näher? Das „Boot“ wirkt für mich jedenfalls passender, da es kleiner und überschaubarer ist und die Geschichte am See Gennesaret spielt. Die Fischer, die dort zurzeit Jesu lebten, waren wohl kaum in der Lage sich ein Schiff leisten zu können.
Das zweite Beispiel, das ich ausgewählt habe, steht in Vers neun: die Luther-Bibel spricht hier von einem „Erschrecken“ der Fischer über ihren großen Fang; die Einheits - übersetzung dagegen wählt zunächst den Begriff „Erstaunen“ um die Emotion der Fischer darzustellen. Auch hier ist die Wortwahl der Einheitsübersetzung für mich plausibler. „Erschrecken“ (Luther-Bibel) verbinde ich eher mit Angst und Furcht - Gefühle, die für die Fischer wohl auch eine Rolle gespielt haben müssen, jedoch im Ganzen für mich etwas zu negativ behaftet sind. Lukas 5, 1-11 Seite 06
Meine Textwahl fällt auf die Einheitsübersetzung; ausschlaggebend dafür ist neben den oben genannten Gründen vor allem die Sprache, die mir bei Luther ein zusätzliches Erschwernis für das Deuten der Perikope darstellt.
Betrachte ich das Vorhergehende und das Nachfolgende meiner Perikope, so stelle ich fest, dass die „Berufung der ersten Jünger“ in mehrere Heilsgeschichten Jesu eingebettet ist.
Während in Lk 4, 38-39 die Heilung der Schwiegermutter des Petrus und in Lk 4, 40-41 die Heilung von Besessenen und Kranken der Perikope vorausgehen, folgen in Lk 5, 12-16 die Heilung eines Aussätzigen und di e Heilung eines Gelähmten (Lk 5, 17-26). Schon hier wird ein erstes
Charakteristikum des Evangelisten Lukas deutlich, nämlich der besondere Augenmerk auf Jesus als den Freund der Armen und Heiler der Kranken und Besessenen 1 , auf das ich in den folgenden Kapiteln noch näher eingehen werde.
1 Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 4 2002, 296-300
Obwohl in meiner Perikope kein inverser Parallelismus vorliegt, wird eine deutliche Mangelerfüllung erkennbar. Zuerst möchte ich diese
Mangelerfüllung an der Haupthandlung des Textes erklären, bevor ich im Weiteren noch auf die Mangelerfüllung einer Nebenhandlung eingehe. Am Beginn der Geschichte besteht der Mangel der Geschichte darin, dass die Menschen am See Gennesaret das Wort Gottes noch nicht gehört haben und Jesus keine Berufenen benannt hat. Ihre Berufung sollen Simon, Jakobus und die Übrigen erst an diesem Tag erfahren, bis dahin sind sie nur einfache Fischer gewesen - wie Tausende andere auch. Indem Jesus nach seiner Belehrung der zusammengekommenen Menschen auf Simon und die anderen Fischer eingeht, zu ihnen spricht, ihnen zu einem großen Fang verhilft und sie schließlich beruft (Handlung[en]), ist ihr Mangel behoben und sie sind zu Jüngern Jesu und damit zu Botschaftern des Reiches Gottes berufen. Sie folgen Jesus und lassen alles hinter sich.
Lukas 5, 1-11
Seite 07
Außerdem möchte ich jetzt noch auf die Mangelerfüllung der Nebenhandlung der Perikope eingehen. Der Mangel der Fischer besteht am Anfang einfach darin, dass die
Fischer von einer erfolglosen Fahrt auf dem See Gennesaret zurückkehren, ihre leeren Netze waschen und somit keinen Fang gemacht haben, von dem ihre materielle Existenz vielleicht abhängig ist. Die Handlung besteht jetzt darin, dass Jesus Simon und die übrigen Fischer auffordert, einen erneuten Fischfang zu versuchen und ihre Netze doch
noch mal auszuwerfen. Sie tun gehorsam, was Jesus ihnen auferlegt hat und fangen eine riesige Menge an Fischen. Damit ist ihr Mangel behoben und ihre materielle Existenz gesichert.
Arbeit zitieren:
Tobias Kollmann, 2003, Kritische Exegese der Perikope Lk 5,1-11, München, GRIN Verlag GmbH
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