Inhalt
Einleitung 1
Das globale Umfeld 1 Kulturelle Vermittlung 4 Thema 5
5
A Spiritualität und Moderne 8
Begriff und Definition der Spiritualität 8
1. Kulturformen des Spirituellen 11
a Indigene Kulturen und natürliche Spiritualität 13
b Weltreligionen und Heilsreligionen 16
Hinduismus 18 Der Geist Chinas 20 Buddhismus 23
Judaismus 26 Christentum 28 Islam 31
c Die esoterischen Traditionen 33
2. Die Spiritualität der Moderne 37
a Neue Religiosität und New Age 39
b Struktur des Spirituellen 41
3. Spiritualität in politikwissenschaftlicher Perspektive 43
a Komplexität, Totalität, Realität 43
b Topologie der Metapher 45
c Operationalisierung 47
Handlung und Institution 48 Die internationale Dimension 50
Transkulturelle Institutionalisierung 52
52
B Die spirituelle Dimension der Politik
und die Vereinten Nationen 53
53
1. Der spirituelle Kern’ der Vereinten Nationen 56
a Der Geist der Gründungsdokumente 56
Die Charta der Vereinten Nationen 56 Die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte 57
b Der Faktor „Persönlichkeit“ 59
Dag Hammarskjöld 60 Robert Muller 62
2. Die Ebene der Nichtregierungsorganisationen 63
a NGOs und die internationale Zivilgesellschaft 64
b Rechtlicher Status und Formen der Mitwirkung 66
c Arbeitsbereiche religiöser, spiritueller oder
weltanschaulicher Nichtregierungsorganisationen 67
Politische Einflußnahme 67 Menschenrechte,
Humanitäres 68 Konferenzen 69
3. Aktivitäten ausgewählter NGOs im religiösen,
spirituellen und weltanschaulichen Bereich 71
a Christliche Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Organisationen 71
Katholische Kirche 71 Quaker UN Office 77
Interfaith Center of New York 79
b Theosophische Gruppen 80
Die Theosophie 80 Lucis Trust Association
und verwandte Organisationen 82
c Andere Gruppierungen 86
Soka Gakkai 86 Baha’i 90
C Schluß 97
Zusammenfassung 97 Befunde 98 Ausblick 100
100
Anmerkungen 103
Literatur 114
114
114
114
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Einleitung
ʺIm Vergleich zum Denken des 21. Jahrhunderts, das notwendig ist, damit die Mensch‐
Eine der Grundvorstellungen der politiktheoretischen Strömung des 20. Jahrhunderts, die sich „Politische Theologie“ 1 nennt, ist die, daß die Ordnung der Gesellschaft und der Politik aus dem geistigen Grunde der Zeit schöpfen. 2 Die institutionelle Verfassung des Politischen und die spirituelle Konstitution von Individuen und der Gesellschaft stehen so gesehen in einer engen Wechselbeziehung. Eric Voegelin betont die universale Bedingtheit des Politischen durch das ‚Bewußtsein’. 3 Dabei ist das Spirituelle, das Geistig‐Seelische, dasjenige Erfahrungsmoment menschlicher Existenz, das der Öffentlichkeit des gesellschaftlichen und politischen Alltagsbetriebes am meisten abgewandt scheint. Man verbindet damit Innenkehr, Meditation, Mystik, Schweigen. Das spirituelle Bewußtsein hat, wenn es sich auch zur Welt zurückwenden mag, doch die Transzendenz im Sinn und nicht die Immanenz. Von daher, in ihrer Haltung zur Welt, scheinen spirituelles und politisches Leben weitmöglichst voneinander entfernt. Aber zwischen den am weitest entfernten Polen herrscht oft die größte Spannung. Und so kann es sein, daß zum Beispiel im Ruf nach neuen Werten gerade das Bedürfnis nach einer erneuten Befruchtung der politischen durch die geistige Sphäre anklingt. Der Funke springt, wenn, dann meist auf dem Höhepunkt einer Krise über. Die Krise der Weltsituation heute schafft aber Bedingungen, die geschichtlich einzigartig dastehen, denn die Bedingungen der Möglichkeit einer geistigen Erneuerung sind am Anfang des neuen Jahrtausends auf globalen Maßstab angewachsen.
Das globale Umfeld
In der letzten Dekade des alten Jahrtausends ist (welt‐)politisch vieles in Bewegung geraten. Der politische Handlungsspielraum des Nationalstaates wird mit fortschreitender Globalisierung und den Dominanzansprüchen der Ökonomie kleiner und kleiner. Aus der bipolaren Welt des Kalten Krieges ist eine Welt geworden, die sich zwar auf eine multipolare Ordnung hinbewegt, ihre gegenwärtige Stabilität aber aus der wirtschaftlichen Dominanz der Vereinigten Staaten bezieht. Mit dem Ende des Kalten Krieges scheint auch das Zeitalter der politischen Ideologien vorbei zu sein, und das Bewußtsein dafür wächst, daß viele Probleme ‐ zum Beispiel im Umweltbereich ‐ grenzüberschreitenden Charakter haben und nur von allen
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Nationen gemeinsam gelöst werden können. Gleichzeitig tun sich neue Konfliktlinien auf, die zwischen Kulturen und Religionen zu verlaufen scheinen. Das Projekt Moderne krankt an seiner eigenen Dynamik und ist in die Krise geraten. Zu dieser Krise tragen die Aporien des Wachstums und der Machbarkeit bei, die das westliche Kulturmodell selbst heraufbeschworen hat. Die ökologische Dimension der Endlichkeit der Ressourcen bedingt geradezu ein Umdenken. Zu diesem Umdenken gehört auch, die geistigen Grundlagen des Kulturprojekts Moderne zu überdenken.
Was kann am Ende dieser globalen Entwicklung stehen? Vorstellbar ist der Fehlschlag der glo‐ balen Integrationstendenzen, einfach weil die politischen und wirtschaftlichen Systeme mit der Dynamik der globalen Prozesse nicht Schritt halten können. Zu einem derartigen Alptraumsze‐ nario gehört die Bevölkerungsexplosion mit entsprechenden grenzüberschreitenden Wander‐ ungsbewegungen, die Verknappung der Ressourcen, die Entfremdung des Menschen von der kulturellen Substanz seiner Menschlichkeit dadurch, daß die notwendigen Leistungen der Gemei nscha ft (Sicherheit, Freiheit, Bi ldu n g , Lebenschancen), di e zu seiner Entwicklung nötig sind, nicht oder nicht in ausreichendem Maße erbracht werden. Am Ende einer derart nega‐ tiven Entwicklung stünde der Zerfall des Weltsystems in kleinere Einheiten oder Parzellen, die sich in ihrer Entwicklung selbst überlassen bleiben. Dieses postnationale, quasi‐anarchistische Szenario würde das Ende der westlichen Zivilisation, das Ende zentraler Konzepte wie Nationalstaat und Bürgerrecht und damit auch das Ende der Internationalismen (bsp. der Men‐ schenrechte) bedeuten. Der Weltbevölkerung würde der Horizont ihrer Einheit wieder ganz verloren gegangen sein.
Ein mögliche Antwort auf die politischen Unwägbarkeiten einer solch negativen Entwicklung wäre die forcierte Dominanz eines einzelnen Gesellschafts‐ und Denkmodells, das die Bewe‐ gungsfreiheit seiner Mitglieder und den Zugang zu verfügbaren Ressourcen restriktiv reguliert, die Antworten auf zentrale Lebensfragen standardisiert und die Freiheit zur Wahl der Lebens‐ weise einschränkt. In gewissem Sinne war der Kalte Krieg (sofern man überhaupt von einer ‚geplanten’ Entwicklung sprechen kann) eine Strategie, die Konflikte einer zunehmend selbstbewußten Menschheit durch die Koppelung an einen Monopolkonflikt zu kontrollieren und über die wirtschaftlichen Belange zu steuern. Und heute - nach dem Zusammenbruch des Monopolkonfliktes und der Alternativideologien zum Kapitalismus - scheint der ökonomische Trilateralismus Japans, Deutschlands (bzw. der EU) und der USA die einzige ordnende Kraft in der Welt zu sein. 4 Aber die weltpolitische Situation ist seit 1989 sehr viel unberechenbarer geworden, wie beispielsweise John Mearsheimer in einem vielzitierten Artikel des Jahres 1990 beklagte. 5 Wenn Samuel Huntington davon spricht, daß die USA die Weltgeschicke am liebsten unilateral regeln würden und nach einem Zusammenrücken der atlantischen
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Wertegemeinschaft ruft, um das westliche System auch in das 21. Jahrhundert zu retten, dann schlägt er eine Lösung vor, die mit den vielen Unwägbarkeiten einer multipolaren Welt auch die vielen Chancen einer kulturell ‚offenen’ Weltgesellschaft unterdrücken würde.
Je globaler der Horizont der Wahrnehmung, der sich uns heute eröffnet, desto deutlicher wird, daß eine Vielzahl von Lebensweisen und Weltsichten nebeneinander existiert und existieren soll. Was für die pluralistischen Gesellschaften des Westens gilt, muß für die ‚Weltgesellschaft’ umso mehr gelten: das Gebot der Vielfalt gerät aber dort zum Problem, wo die Einzelperspektiven miteinander konkurrieren und die Toleranz oder die nötige Vermittlung fehlt. Die existierenden Vorstellungen vom ‚rechten Leben’ sind hinsichtlich der Ordnungsvorstellungen miteinander oft nicht kompatibel. Und sie werden von unterschiedlichen geistigen Grundverfassungen informiert. Man könnte typisierend diese weltweit auftretenden kulturellen Fronten auf das Gegensatzpaar Okzident - Orient reduzieren, wie dies einleitend Johan Galtung in seinem Buch über Menschenrechte tut. 6 In Bezug auf die Menschenrechte melden sich die selbstbewußtesten Stimmen aus Asien und dem Nahen Osten: aber Tatsache ist, daß sich alle Nationen, nicht nur die orientalischen, am westlichen Kulturmodell orientieren und seiner Mechanismen und Institutionen bedienen, Tatsache ist, daß das gesamte Weltsystem von der technischen Rationalität des Abendlandes geleitet wird: mit dem Verweis auf ihre Souveränität, mit dem manche Länder gegen den universalistischen Anspruch der Menschenrechte protestieren, bestätigen sie eines der zentralen Prinzipien im Politikverständnis des Westens.
Angesichts der selbsterzeugten Herausforderungen kann sich die technologische Rationalität des Okzidents ihrer Fähigkeit zur hegemonialen Integration des Weltsystems nicht mehr sicher sein. 7 Die Antworten der Moderne stoßen an die erwähnten Grenzen der Ökologie und der systemimmanenten Restriktionen. 8 Zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist die Errichtung von Dependenz‐ oder Interdependenzstrukturen nicht ausreichend: heute wird deutlich, daß eine neue Qualität der internationalen Kooperation gefordert ist, um den ‚Terror der Ökonomie’ 9 zu bremsen und den ‚Kampf der Kulturen’ 10 zu vermeiden. Eine der Annahmen der vorliegenden Arbeit ist, daß diese neue Qualität die kulturelle und geistige Dimension miteinbeziehen muß. Die neue Qualität besteht in einer Qualifizierung weltpolitischer Strukturen und Institutionen, vor allem auch deswegen, weil die ökonomischen und sozialen Transformationen 11 zu Ängsten vor dem Verlust der Identität und zu entsprechenden Protesten führen. Die jüngsten Unruhen in Seattle beim Vorbereitungstreffen für die nächste Liberalisierungsrunde der WTO und bei der Tagung des World Economic
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Forum in Davos lassen nur ahnen, wie sich entsprechende Konflikte zwischen der ökonomischen Weltelite und einer immer besser organisierten transnationalen Zivilgesellschaft in Zukunft entwickeln könnten.
Für die Ausbildung und Aufrechterhaltung der kulturellen Identität ist neben den Bindungen an Ethnie, Territorium und die (nationale) Schicksalsgemeinschaft vor allem die Religion wich‐ tig. In traditionellen Gesellschaften hat die jeweilige Religion für die soziale Identität eine zen‐ trale Bedeutung. Ihre Institutionen können an die Stelle politischer Einrichtungen treten und das Gemeinwesen strukturieren. In Theokratien (Tibet) oder Hierokratien sorgt die Pries‐ terschaft für die Herstellung von Identität, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Kohärenz. In den religiösen Institutionen traditioneller Gesellschaften konzentriert sich das ‚Symbolmanage‐ ment’ der Gesellschaft. Umgekehrt können auch politische Institutionen eine rituelle Funktion erhalten, die vorher religiöse Institutionen innehatten; so kann eine Art des Profanritus des Politischen entstehen, der für die ‚Gläubigen’ - leger gesagt: diejenigen, die ihre Hoffnungen in die politischen Institutionen setzen - die Funktion eines religiösen Ritus übernimmt. Religion ist von ihren kulturellen Konnotationen kaum zu trennen und die Kultur birgt in ihrem Kern meist die spirituellen Grundüberzeugungen ihrer Angehörigen.
Kulturelle Vermittlung
Die Vermittlung, die stattfinden muß, so eine der Thesen der vorliegenden Arbeit, hat neben der technischen eine gleichwertige kulturell‐geistige Komponente. Die Erwartung vieler Beobachter, daß die Religion als Aberglauben entlarvt und im Schwinden begriffen ist 12 , hat sich als ungerechtfertigt herausgestellt. Allenthalben ist in der Gesellschaft von heute eine Renaissance des Religiösen zu bemerken, das - angepaßt an den neuen Geist der Zeit - in alten und neuen Formen nach wie vor eine wichtige kulturelle Funktion erfüllt. Und dies gilt nicht nur für den Westen, sondern ist ein weltweites Phänomen. Mit seinen Symbolen, Werten und Normen informiert das religiöse Bewußtsein die Bildung kultureller Identitäten und stellt ein Reservoir ethischer Handlungsorientierungen bereit, die die Wahrnehmung der gesellschaftlichen und politischen Realität prägen.
Wenn man die Bedingungen dieser Vermittlung untersuchen will, kann man dies auf zwei Ebenen: einerseits auf der Ebene der Gesellschaft, wo sich religiöse Subsysteme ausformen und einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Hoffnungen, Erwartungen und Werte der Individuen und damit auch auf die institutionelle Struktur und den sozialen Charakter der Gesellschaft haben. Andererseits auf der Ebene der Institutionen und Organisationen selbst, in denen sich die normative Struktur der Gesellschaft manifestiert. Die Individuen, die als Akteure
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innerhalb und für die politischen Institutionen wirken, handeln zweifach: erstens als institutionelle Funktionsträger, die ihrer Satzung verpflichtet sind, zweitens als selbstverantwortliche Individuen, die ihrerseits über eine gewisse Kontextautonomie verfügen, was die Wahl von Symbolen, Erklärungsmustern und Zielsetzungen betrifft und sich in der Entwicklung von Präferenzen und Handlungsorientierungen niederschlägt.
Der Ort dieser Vermittlung zwischen religiösen Kulturen und geistigen Traditionen ist nicht der soziale Kontext einer gewachsenen, national umfaßten Gesellschaft, sondern die inter‐ nationale Politik, in der Konflikte, seien sie religiöser oder anderer Art, in der Regel zwischen Staaten - und nicht zwischen einzelnen Bürgern, Gruppen oder Glaubensgemeinschaften - aus‐ getragen werden. Die Übertragung der obigen Differenzierung gesellschaftlichen Handelns in den internationalen Bereich führt zu zwei Feststellungen. Zum einen zeigt die institutionelle Ebene hier mittlerweile eine große organisatorische Vielfalt: es gibt internationale Orga‐ nisationen wie die Vereinten Nationen, Regierungsorganisationen, Wirtschaftsregime und mul‐ tinationale Konzerne, interparlamentarische Foren und internationale Nichtregierungsorganisa‐ tionen. Zum anderen übersetzt sich aber auch die gesellschaftliche Ebene - was die internationale Politik betrifft - in eine institutionelle Form, denn Individuen treten hier in den seltensten Fällen als Privatpersonen miteinander in Kontakt: soziale Interaktion ereignet sich - wenn von politischer Bedeutung - dann immer in einem institutionellen Umfeld, das den Kontakt herstellt und die politischen Aktivitäten koordiniert.
Thema
Ein wichtiges, wenn nicht das entscheidende Ziel einer realistischen politikwissenschaftlichen Betrachtung ist es, zu erkennen, welche Kräfte im politischen Kraftfeld am Werk sind. 13 Eine bedeutende Komponente für individuelles wie institutionelles politisches Handeln sind die Motivation und die wahrnehmungsbedingte Perspektive des Handelnden. Das bewußte Interesse mag punktuell auf den Gegenstand des Handelns gerichtet sein, der Hand‐ lungsausgang oder die Entscheidung wird aber durch vielfältige Erfahrungen vom eigenen Ich, von der Natur menschlichen Daseins, vom Sinn des Lebens und der Beschaffenheit des Kosmos qualifiziert, wenn nicht determiniert. Und man spricht in Gelehrtenkreisen mittlerweile auch wieder von einer Rückkehr der Werte in die Theoriediskussion internationaler Beziehungen. 14
Es ist natürlich unmöglich, der Vielfalt an Theorien und Analysen aus unterschiedlichen Fachgebieten gerecht zu werden, die sich mit den Begriffen von Spiritualität, Handeln und Institution beschäftigen. Und es geht in vorliegender Arbeit auch nicht darum, etwaige kausale Zusammenhänge zwischen Spiritualität, Handeln und Institutionen theoretisch zu erklären.
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Daß Handeln immer darauf beruht, welchen Sinn der Mensch seinem Dasein zuschreibt, scheint selbstverständlich. Implizit schwingt dies ja in Webers Bestimmung des Handelns als gerichtetem Verhalten und des ‚sozialen Handelns’ als ʹsinnvollem Handeln’ mit. 15 Daß das Gerippe institutioneller Ordnung das Fleisch individueller Handlungen und Impulse braucht, um lebendig zu werden, scheint genauso selbstverständlich. Das Funktionieren von Institutionen und Organisation kann weder ganz aus den ihnen eigenen Reglements erklärt werden, noch kann man Institutionen ganz auf die Akteursebene reduzieren.
Das Ziel dieser Arbeit ist vielmehr, den Begriff der Spiritualität einzuführen, und die praktische Relevanz der spirituellen Thematik auf der internationalen Ebene aufzuzeigen. Folgende zusammenfassende Feststellungen geben den thematischen Kontext der Arbeit an.
a) Die Strukturmerkmale der Moderne verändern auch das religiöse Leben der Gesellschaft. Seit 1945 und ganz besonders seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre haben sich neue Formen religiöser Symbolik und Praxis herausgebildet. Während die Monopole der großen Kirchen erodieren, sucht sich der primäre spirituelle Impuls der Menschen neue Ausdrucksformen.
b) In Ergänzung zur Staatenwelt bildet sich nach und nach ein Netzwerk globaler Institutionen aus, in denen ein intensivierter Dialog zwischen den Kulturen implizit oder explizit stattfindet, um in lebenswichtigen Sachfragen eine Einigung zu erzielen. Diese Institutionen sind zum einen ein Forum für das klassische ‚Bargaining’ zwischen den Nationen. Aber sie sind auch der Ort, wo vor dem Hintergrund bürokratischer Satzung und Prozedur die symbolische Interaktion der Kulturen stattfindet.
c) Vielleicht nicht das Überleben der Menschheit als Gattung, aber zumindest der Fortbestand der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, braucht einen internationalen Konsens über globale Problemlösungen. Über die normativen Setzungen besteht ja größtenteils Einigkeit. 16 Wesentliche, konkrete Impulse zu ihrer Umsetzung müssen aber aus dem religiös‐spirituellen Sektor kommen, der die Menschen auch dort noch bewegt, wo die Mittel der Politik versagen.
d) Im Bereich internationaler politischer Organisationen wird die religiös‐kulturelle Thematik intensiv diskutiert und als durchaus relevant betrachtet. Die globalen Veränderung im ‚religiösen Klima’ finden auch hier - in der individuellen Orientierung und in der öffentlichen Diskussion - ihren Wiederhall. Die fundamentale Bedeutung des religiös‐weltanschaulichen Bereichs zeigt sich in der zunehmenden Zahl von Nichtregierungsorganisationen, die explizit in Bezug auf derartige Inhalte tätig sind.
Bei aller Vielfalt der Theorien, bei all dem Streit zwischen den Fakultäten und den ‚scientific
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communities’ muß das gemeinsame Ziel - apodiktisch formuliert ‐ sein, als Welt‐Kultur zu ‚überleben’, denn die Alternative heißt Zerfall und Untergang. Von daher hat die Arbeit das praktische Ziel, über die Bedingungen des Überlebens mit den Mitteln der Politikwissenschaft nachzudenken. In diesem Sinne ist die Arbeit eine Aufforderung, neue Sensibilitäten zu entwickeln, um auf die Fülle der Anforderungen als menschliche Wesen reagieren zu können. Und vielleicht ist dies: die Entwicklung neuer Sinne, neuer Sensibilitäten und Sinngehalte, tatsächlich ja ‐ wie Skolimowski meint ‐ die eigentliche Triebkraft der Evolution. 17
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A. Spiritualität und Moderne
Begriff und Definition der Spiritualität
Spiritualität ist heute zu einem Modebegriff geworden. Mit dem Verlust des religiösen Monopols der Kirchen, mit der bunten und unüberschaubaren Vielfalt neuer Formen der Religiösität und dem wachsenden Interesse für nichteuropäische Religionen ist nicht mehr so klar, was Spiritualität eigentlich bedeutet. 19 An diesen neuen Formen der Spiritualität in der Gesellschaft entzündet sich dann von mal zu mal das Unbehagen, das viele bei der Analyse der eigenen Kulturentwicklung ergreift. ‚Spiritualität’ ist also ein Krisen‐, ein Kritikbegriff. Jedes Reden über Spiritualität impliziert damit - zumindest vor dem aktuellen Hintergrund - auch eine Auseinandersetzung mit dem inneren Kern der Moderne.
Das Wort ‚Spiritualität’ verweist auf seine lateinische Wurzel ‚spiritus’ 20 mit der Doppelbedeutung als ‚Atem’ und ‚Geist’ als das belebende, beseelende Prinzip. Dieser Zusammenhang findet sich in vielen indoarischen Sprachen: griechisch pneuma, sanskrit atman - mit den Bedeutungen ‚Atem’, ‚Lebenshauch’, Geist, aber auch im semitischen Sprachraum: hebräisch: ru’ach = ‚Hauch’, ‚menschlicher Geist’, ‚Sitz des Bewußtseins’. 21 Im Kern meint ‚Spiritualität’ das Leben in und aus dem Geist, das seelisch‐geistige Streben nach Kontakt mit dem Göttlichen oder mit dem transzendenten Seinsgrund. Die spirituelle Erfahrung bereichert das psychische Leben um die Teilhabe an einer Dimension des Daseins, die die begrenzte und kontingente Personalität des Einzelnen tranzendiert. Die Psychologie, die sich vorwiegend auf die Pathologie des Psychischen konzentrierte, hat selten zu einer entsprechenden Würdigung dieser Kapazitäten des Seelischen gefunden. Manche Psychologen, zum Beispiel Roberto Assagioli oder Stanislav Grof, haben dies mit der Transpersonalen Psychologie versucht; Aurobindo, der große indische Denker des Yoga, hat aus den traditionellen Formen des Yoga eine Psychologie des ‚Supramentalen’ geformt. Unzählige Namen haben die religiösen, spirituellen und mystischen Traditionen dafür gefunden und die spirituelle Erfahrung in unzähligen Gedichten, Gebeten und Traktaten besungen, gefeiert und dargelegt.
Der Begriff der Spiritualität bezieht sich allgemein auf die geistig‐seelischen Wesensaspekte des
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Menschen, auf das, was am Menschen ʹnicht in der Weltʹ und ʹnicht von dieser Weltʹ ist; 22 unmittelbar religiöse Erfahrungen, Erweckung, Bekehrung, Erleuchtung, Offenbarung, aber auch nichtreligiöse Pendants wie die Erfahrungen von inklusiver Ganzheit, Lebendigkeit, Sinnhaftigkeit, evidenter Erkenntnis, Transformation und Neuorientierung kann man dem Bereich spiritueller Erfahrungen zuordnen. Der objektivierte Kern der spirituellen Erfahrung ‐ gleich ob man dies nun Selbst, Seele, Atman oder Buddhanatur nennt - wird als Quelle individueller Handlungsorientierungen erfahren. 23 Gleichzeitig konnotiert der Begriff aber auch die Ebene kollektiv wirksamer Ausdrucksformen des Geistig‐Seelischen, die als Weltansichten, als religiöse Gebräuche oder Riten, aber auch als quasi säkulare Wertesysteme und Institutionen politische Wirksamkeit erlangen.
Die Vermittlung der spirituellen Erfahrung lag seit jeher in der Zuständigkeit geistiger Lehrer, die in der Lage waren, den Schüler durch ihr lebendiges Beispiel selbst zur Realisierung dieser Erfahrung, zum Nachvollzug, anzuregen. Aber die Sprache der Mystiker, der Offenbarer, der Propheten, der Erwachten und der ‚Gurus’ ist zwangsläufig dunkel und kann die authentische Erfahrung nicht direkt bewirken. Weil die spirituelle Erfahrung ihrer Natur nach höchst privat und subjektiv ist, kann sich ihre politische Bedeutung auch nicht direkt über den subjektiven Inhalt dieser Erfahrungen erschließen. William James hat aber eindrucksvoll gezeigt, daß das Spirituelle eine eigene Kategorie persönlicher, subjektiver Erfahrung darstellt und daß von derartigen Erfahrungen eine enorme Wirkung auf die persönlichen Motivationen, Lebensziele und Handlungsorientierungen, sowie auf die Wahl der Handlungsmittel ausgehen kann. 24
Private Erfahrungen, gleich welcher Art, werden jedoch immer erst dann politisch relevant, wenn sie sich ‚objektivieren’ - durch spezifisches Verhalten, durch entsprechende Handlungen oder Mitteilungen - und dadurch in den Bestand der Allgemeinheit übergehen, eine soziale, gesellschaftliche oder auch politische Wirkung entfalten, sei es als Ideal, als Wertesystem, als spezifische Formel der Weltwahrnehmung oder auch als religiöse Lehre. Das Wirkungsspektrum des Religiösen in der Gesellschaft ist denkbar weit: man denke nur an die religiös motivierten Revolutionen im Nahen Osten, die vielen Konflikte zwischen Volks‐ und Gesellschaftsgruppen, die sich religiöser Symbolik zu ihrer Legitimation bedienen, oder an die Tatsache, daß eine religiöse Massenbewegung wie die Falun Gong in China zu fast hysterischen Reaktionen des sonst sehr gelassenen Regimes führt. Die Religion ist in der Lage, Menschen und Massen zu mobilisieren, im religiösen Leben der Menschheit liegt eine elementare Triebkraft und religiöse Führer erlangen oft den Zugang zum Herzen der Menschen, der einer rationalen Politik versagt bleiben muß. Und wie Eric Voegelin gezeigt hat, verschleiert die Politik, wenn sie diesen unmittelbaren Zugriff auf das Innerste der Menschen erlangen will, ihre wahre Absicht gerne hinter der Rhetorik des Religiösen oder will gar selbst zur Religion
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Auch wenn sich die Spiritualität des Menschen gegen die institutionalisierte Religion wenden kann, so macht es doch keinen Sinn, Spiritualität in Abgrenzung zum Phänomen der Religion zu definieren. Vielmehr ist das Spirituelle ein wesentlicher Aspekt jeder Religion. Spiritualität soll hier und im Folgenden die Dimension des Religösen benennen, die im Inneren die Anbindung an den geistigen Grund des Daseins entweder sucht und findet oder auch mit diesem plötzlich konfrontiert ist; Sinn, Vision und Erneuerung sind die Merkmale des Spirituellen; in ihrer Unmittelbarkeit und Verbindlichkeit kann die spirituelle Erfahrung auch beunruhigend wirken und dem gewohnten Lebenslauf eine abrupte Wendung geben. Die spirituelle Erfahrung ist der Motor, der belebende Impuls für die rituellen Formen religiöser Aktivitität. Das Ritual dagegen bringt die spirituelle Gabe im individuellen Dasein, in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft zur Wirkung. Rhythmus, Manifestation und Teilhabe sind die wesentlichen Attribute des rituellen Aspekts der Religion. 26
Diese Definition soll jedoch nicht über die ‚Reibung’ hinwegtäuschen, die im Alltagsverständnis zwischen den Begriffen der Spiritualität und der Religion besteht. ‚Spiritualität’ bleibt ein Kritikbegriff mit vielfältigen Konnotationen. Sie meint die ursprüngliche Daseinserfahrung als der kreativen, ideellen Quelle aller zeitlichen Schöpfungen und verwehrt sich von daher dem Versuch, sie wie Durkheim, James und andere 27 als ‚religiöse Erfahrung’ oder ‚Religiosität’ ganz in eine Gesellschaftstheorie oder eine Ökonomie spiritueller Bedürfnisse einzugliedern. Der kreative, unvorhersehbare, freiheitliche Aspekt soll hier wesentlich für das Begriffsverständnis sein. Thematisiert werden sollen die subtilen Wandlungen und politischen Manifestationen des allgemeinmenschlichen Bedürfnisses nach Transzendenz und Daseinserhellung. Mit der Einführung des Begriffes der Spiritualität in politikwissenschaftliche Fragestellungen verbindet sich aber auch der Versuch, das enge Verständnis von Religion, das sich allein auf das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz verläßt, zu erweitern, um so die globale Vielfalt religiöser Phänomene fassen zu können. Wem dies selbstverständlich klingt, sei daran erinnert, daß die Bezeichnung ‚Religion’ bis vor nicht allzulanger Zeit allein den Religionen der jüdisch‐christlichen Tradition vorbehalten war. 28 Allerdings verweist ‚Spiritualität’ immer auf das Übernatürliche: die Möglichkeit, das ens realissimum im Diesseitigen zu identifizieren, sei es als Führergestalt, als politische Struktur oder als Ideologie, ist nicht inbegriffen. 29 Nur solche Erfahrungen sind wahrhaft ‚spirituelle’ Erfahrungen, die mit dem Bewußtsein einhergehen, daß sie in ihrer wesenhaften Innerlichkeit niemals ganz ins Äußere, ins Sprachliche, Dingliche gebracht werden können; nur als solche entwickeln sie die Kraft zur Inspiration und Transformation, die ihnen hier - definitorisch ‐ zugeschrieben wird.
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1. Kulturformen des Spirituellen
Die spirituelle Erfahrung fließt ein in und artikuliert sich durch die vorhandenen Kulturformen. Die Religion als Teil des sozialen Umfeldes liefert den Symbolvorrat und die semantische Topologie für die Formulierung und Deutung spiritueller Erfahrungen. Der intime Zusammenhang zwischen dem symbolischen „Instinkt“ des Menschen und der religiösen Dimension drängt sich dem Beobachter geradezu auf und wird von den Gelehrten je nach Fachrichtungen unterschiedlich verarbeitet: sei es, daß der Konstruktivist von „Konstruktion“, der Semiotiker von Semiose, von der „Welt als Zeichen“ (Eco) oder vom Mythos spricht, in dem das Symbol selbst zur Wirklichkeit wird (Barthes), sei es, daß der Soziologe von der symbolischen Sinnwelt 30 spricht, oder auch wie Voegelin von den Symbolwelten, Sprachzeichen und Begriffen, die sich um die heilige Mitte ordnen - trotz dieser Emphase hat die moderne Wissenschaft die zentrale Bedeutung des Zeichens und des Symbols für die ‚Herstellung’ der Seinswirklichkeit nicht als erste entdeckt. Das magische Wort, das Schöpfungswort oder die Wurzelsilbe, sind ebenfalls Ausdruck dieser Erkenntnis. Die Dogon in Mali haben eine abstrakte Kosmogonie, an deren Anfang ein bewegungsloses Wort steht, dessen Vibration dann nach und nach zuerst Wesen und dann die Existenz der Dinge bestimmt. Jeder Grashalm, jede Mücke ist Träger eines ‚Wortes’. 31 Für die Tibeter ist das beschriebene Papier, vor allem das mit heiligen Schriften beschriebene Papier unantastbar - der Tibeter vermeidet es, auf Schriftstücke zu treten oder sie achtlos wegzuwerfen. 32 Die hermetischen Traditionen, die Kabbala und das indische Mantra‐Yoga haben eine lange Tradition des Nachdenkens über das Wort als dem göttlichen Laut, der eine unmittelbare schöpferische und transformierende Kraft besitzt. Arthur Avalon, der große Gelehrte des Tantra, hat dies umfassend in seinen Büchern dargelegt. 33 Das Wort hat dort überall eine wesentlich kosmologische und ontologische Dimension, die sich in unserer wissenschaftlichen Auffassung nicht mehr findet - hier wendet sich das Denken auf sich selbst und der Gedanke einer symbolischen Konstruktion der Wirklichkeit wird zu einem Argument von Erkenntniskritik und Epistemologie. Der Bruch zwischen dem Innen und dem Außen, typisch für den modernen Menschen, wird nun deutlich sichtbar. Die Kluft zwischen dem subjektiv Erfahrenden und der objektiven Realität wird nicht mehr überbrückt. Das naive Verständnis nimmt die Realität so wie sie erscheint. Das wissenschaftliche Denken aber muß sich der Unvollständigkeit jeder Beschreibung, jeder formulierten Wahrheit, jeder Perspektive bewußt sein. Das aufgeklärte kritische Denken muß sich mit dieser Unüberbrückbarkeit der Seinswirklichkeit von Subjekt und Welt, von Geist und Natur begnügen. Und die moderne
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Kultur hat diesen Bruch in Form von ‚Entfremdung’ und ‚Entsakralisierung’ in alle Lebensbereiche transportiert. 34
Das Symbol und die Zeichen schieben sich vor, verschleiern, überwuchern die Wirklichkeit, gleichzeitig sind sie das zentrale Medium der Wirklichkeitserfahrung. Wir leben und wirken in Zeichen. 35 In unseren kulturellen Mythen renaturalisiert sich das Symbol und verleiht letzlich auch der sozialen Realität den Status des ‐ über das Normative erhabenen - Faktischen. 36 Aber Erkenntnis ist eine Frage der Maßstäbe. Alles was wir wissen, wissen wir nur durch das Bewußtsein. Die wahre Natur des Seienden, das wahre Wesen der Realität entzieht sich unserer Kenntnis. Für das religiöse Denken ist diese Problematik von zentraler Bedeutung: der Hinduismus spricht vom ‚Schleier der Maya’, der großen Illusion, die die ‚wahre Natur des Seins’ vor unseren Augen verbirgt; und ‚avidya’ - Nichtwissen ‐ ist im Hinduismus und Buddhismus die Ursache für den Kreislauf der Geburten und alles abhängige Entstehen. Aber Religionen zeigen im Gegensatz zur Wissenschaft einen Weg zur Überbrückung dieser Kluft auf, einen Weg, der in Form einer Heilsbotschaft dem Subjekt aus seiner existenziellen Welt‐ Not hilft. Und sie geben der unmittelbaren geistigen Erfahrung, sei es als existenzielle Erfahrung der Daseinswirklichkeit und der Vereinzelung im Meer der Dinge, sei es als spirituelle Erfahrung von Transzendenz, einen ersten symbolischen und kognitiven Rahmen.
Authentizität und schöpferische Kraft ist ein Kennzeichen der spirituellen Erfahrung: die wesentlichen Innovationen im religiösen Leben der Menschheit sind weniger das Ergebnis bloßer Vermengung und Neukombination altbekannten Materials, als vielmehr das Werk von Kulturheroen und Offenbarern des Heiligen. So gesehen hat die Konstruktionsthese in Hinsicht auf ‚spirituelle Realität’ nur bedingte Gültigkeit: nur die Vermittlung der spirituellen Vision muß an das Bekannte und Vertraute anknüpfen; das Spirituelle selbst entzieht sich letzten Endes dem formativen Zugriff des Sozialen. Das ‚Neue’ und ‚Unmittelbare’ der religiösen Innovation hat weniger mit ihrer Formgebung und Rhetorik zu tun, sondern mehr mit der Begeisterung, die sie vermittelt: sie ist in der Lage, einzelne Individuen und ganze Kulturen zu beleben und die Vitalität und Spannkraft ihres Bewußtseins zu erhöhen. Damit sich diese belebende Kraft in der Bildung innovativer kultureller Vorlagen auswirken kann, ist ein sprachlicher Genius erforderlich, der dem spirituellen Erleben ebenbürtig ist. In den Erzählungen, Gleichnissen, Briefen, Aphorismen, Evangelien und inspirierter Literatur finden sich überall die Metaphern der geistigen Erfahrung. Hier offenbart und ‚materialisiert’ sich die spirituelle Erfahrung.
Im religiösen Kontext bedeutet die spirituelle Erfahrung eine Annäherung an den „heiligen Mittelpunkt des Religion“ (Voegelin), eine Berührung mit ihrer unmittelbaren Kraft, die als
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kulturelles System dann zur Manifestation drängt. Dieser heilige Mittelpunkt ist das Herz der spirituellen Erfahrung und ihre Qualität zeigt sich am unmittelbarsten in der Anwesenheit der Heiligen und in den Gesängen der Mystiker. In der aktiven Peripherie um dieses Zentrum geistiger Anziehungskraft sind in geringerer oder größerer Entfernung jene spirituellen Regungen angeordnet, die vielleicht anfangs nur in einem flüchtigen Gefühl seiner Existenz bestehen, sich aber nach und nach durch Lebenserfahrung und Übung, durch Krisen und deren Meisterung sowie durch die rituelle Bestätigung gewonnener Erfahrungen in feste Gewißheit verwandeln, bis schließlich der Mensch im Licht steht und durch das Licht verwandelt wird. Der Wandlungsmetaphorik und der spirituellen Krise begegnet man in vielen religiösen Traditionen und auch die Lichtmetapher ist bekanntes Allgemeingut. Es ist unschwer zu erkennen, daß diese Metaphern leicht in das Politische übertragen werden können und übertragen werden. Es ist der gleiche geistige Grund und das gleiche Bewußtsein, in dem und aus dem heraus sich das politische wie das spirituelle Leben des Menschen ereignet.
Der Versuch auch nur einen Überblick über die spirituellen Traditionen der Menschheit geben zu wollen, scheint vermessen und von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deswegen soll hier ein etwas unkonventioneller Plan verfolgt werden. Die Kulturgeschichte läßt meines Erachtens drei große Strömungen des geistigen Lebens erkennen, die sich auch deutlich unterscheiden, was ihre Einordnung und Funktion im gesellschaftlich‐politischen Kontext betrifft. Die erste große Strömung ist die der urtümlichen Religionen der eingeborenen Völker und Naturvölker. Die zweite ist die der Hochreligionen, der Heilsreligionen oder der großen religiösen Traditionen, die von ihrer Ausbreitung oder ihrer Wirkung her nicht auf einzelne Ethnien, Völker, Gebiete oder geschichtliche Abschnitte beschränkt sind, sondern Menschheitsideen und -ideale verkörpern. Schließlich der große Strom hermetischer, gnostischer und mystischer ‐ kurz: esoterischer ‐ Spiritualität, der wiederum seinen ganz eigenen geistigen Horizont besitzt. Alle drei Strömungen existieren nebeneinander. Alle drei Strömungen beeinflussen sich gegenseitig. Und alle drei Strömungen inspirieren und beeinflussen auf ihre spezifische Weise das politische Leben der Menschheit. Vor dem Hintergrund dieses spezifischen Beitrag heute soll im Folgenden das Spektrum des religiösen Lebens explorativ betrachtet werden.
a. Indigene Kulturen und natürliche Spiritualität
Spätestens seit dem Gipfel von Rio melden sich die Indigenen Völker zu Wort, und konfrontieren die Internationale Gemeinschaft mit ihren politischen Forderungen, ihrer Weltsicht und ihrer Form der Spiritualität. 37 Gerade die indigenen Völker - die Ureinwohner aller Länder ‐ präsentieren eine große Vielfalt an Einstellungen, Werthaltungen und religiösen
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Systemen. Umso interessanter ist die Tatsache, daß ein Prozeß der Selbstorganisation zu beobachten ist, der den Ureinwohnern erlaubt, international mit einer Stimme zu sprechen. 38 Eine „Vierte Welt“ beginnt in Erscheinung zu treten, die politische Mitsprache verlangt und sich gegen die massive Verletzung ihrer angestammten Rechte wehrt. Der Volksaufstand der indianischen Bevölkerung in Chiapas, Mexiko, oder das American Indian Movement der Sioux in den USA 39 sind ein Zeichen für das wachsende Selbstbewußtsein der Ureinwohner dieser Welt.
Die ‐ teils romantisierende - Begeisterung für die Lebensweisen und naturverbundene Religio‐ sität der ‚Wilden’ hat in Europa eine lange Tradition. Vor allem aber seit den 60er Jahren hat sich die Rezeption dieser Kulturen im Rahmen der New Age - Bewegung intensiviert und aus‐ gedehnt. Die populären, halbfiktionalen Bücher von Carlos Castaneda beschreiben die ge‐ heimen Lehren eines mexikanischen Schamanen; sie sind in großen Auflagen verbreitet und können fast als Schlüsselwerke des ‚New Age’ bezeichnet werden. Und in Deutschland hat sich eine regelrechte Subkultur um den indianischen Lebensstil gebildet, die ‐ der Karl May‐Roman‐ tik entwachsen - ein genuines, wenn auch nicht wissenschaftliches Interesse an der indiani‐ schen Kultur hat. Die Suche nach dem Ursprung und die Sehnsucht nach dem Paradies eines naturverbundenen Lebens hat in der europäischen Öffentlichkeit auch für ein großes Interesse an der ethnologischen Forschung geführt. 40 Diese Rezeptionsgeschichte spielt eine große Rolle dabei, welcher Status indigenen Kulturen hinsichtlich der Integration zugesprochen wird.
Den Kolonialmächten galten die Kulturen der Eingeborenen meist als minderwertig, sie waren dem Kolonialismus Ware, wenn nicht Beute. Die indigenen Kulturen sind das Opfer kolonialistischer Geringschätzung, Ausbeutung und Versklavung. Die Entstehung neuer Nationen auf dem Gebiet ehemaliger indigener Stammeskulturen führte oftmals zum Ethnozid, zur Zerstörung der ursprünglichen Lebenbedingungen durch Immigranten, oder zur Missionierung oder Überlagerung durch kulturfremde Elemente. Indigene Kulturen erscheinen auf den ersten Blick primitiv, unterlegen und fremdartig - und wenn ‚Entwicklung’ zunehmende Autarkie und Unabhängigkeit von den Unbilden der Natur bedeutet, dann sind sie tatsächlich auf einer primitiveren Stufe anzusiedeln. Diese aus dem technisch‐ instrumentalen Bewußtsein westlicher Kultur getroffene Beurteilung ist aber nicht angemessen bei der Betrachtung der symbolischen Ordnung der Kulturen, wie sie in der sozialen, spirituellen oder politischen Sphäre anzutreffen sind. Wie Eliade treffend anmerkt, kann man nicht davon sprechen, daß die Naturreligionen primitiver sind. 41 Sie sind inhaltlich und strukturell anders, aber deshalb nicht notwendigerweise weniger komplex und systematisch.
Indigene Religion ist also nicht unbedingt ‚primitiv’: Sie ist nicht beschränkt auf Tabu, Totem
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und Mana, sondern weist eine große Vielfalt von Modalitäten des Sakralen auf, die sich nicht in einem simplen Naturismus oder Animismus erschöpfen. 42 Sofern Generalisierungen angesichts der großen Heterogenität indigener Geistigkeit überhaupt statthaft sind, kann man sagen, daß sie dem unmittelbar naturbezogenen Erleben nahe steht und aus dem Staunen und der Ehrfurcht lebt, die die Unkontrollierbarkeit der natürlichen Umwelt hervorruft. Im Sinne der Tiefenökologie 43 ist von der indigenen Spiritualität viel zu lernen: sie steht für die Achtung vor der Natur, für eine nachhaltige Lebensgestaltung und für eine Erfahrung menschlicher Daseinswirklichkeit im Einklang mit der Natur.
Freilich haben indigene Ethnien im Kontakt mit der europäischen oder arabischen Zivilisation viele christliche oder islamische Elemente aufgenommen oder haben der übernommenen Religion eine eigene kulturelle Note gegeben. Allein die Fähigkeit, sich konstruktiv mit westlicher oder islamischer Kultur auseinanderzusetzen, setzt schon eine gewisse Inkulturation voraus. Auch wenn sich in Indonesien eine Megalith‐Kultur noch bis ins 20. Jahrhundert retten konnte - heute gibt es keine unversehrte indigene Kultur mehr. Ihre Heterogenität und die Vermengung mit Elementen der modernen Hochkultur macht es schwierig, überhaupt Aussagen über indigene Spiritualität zu treffen.
Trotzdem: ein wichtiger Aspekt naturnaher, indigener Spiritualität scheint der Schamanismus zu sein, der, wie Mircea Eliade gezeigt hat, ein weltweit verbreitetes Phänomen darstellt und gleichermaßen bei süd‐ und nordamerikanischen Indianern, bei Eskimos und bei sibirischen und zentralasiatischen Völkern anzutreffen ist. Eliade definiert den Schamanismus als Ekstasetechnik, die in dem Glauben an ein höchstes Himmelswesen gründet. Der Schamane ist in der Lage, in der Ekstase in den Himmel aufzusteigen und eine direkte Beziehung mit dem/den Himmelswesen zu unterhalten. Zentrale Motive des Schamanismus sind das Himmelfahrtsmotiv, 44 und das Motiv von Leiden, Tod und Auferstehung 45 im Rahmen der Initiationserfahrung des Schamanen, ein Motiv, das ‐ wenn auch nur von der Struktur her ‐ unschwer in der Leidensgeschichte Jesu wiedererkannt werden kann. Von zentraler Bedeutung ist der Initiationsvorgang, der im Yoga und in den hermetischen Traditionen des Abendlandes ebenfalls eine große Rolle spielt. Die Neuerschaffung seines Körpers im Rahmen der Initiationserfahrung verleiht dem Schamanen seine heilende oder mantische Kraft - die Ekstase des Schamanen ist kein pathologisches Phänomen, denn es kommt nicht unvermittelt, sondern ist eingebunden in ein umfassendes theoretisches Wissen. Der Schamane als Mittler des Heiligen ist ein Prototyp des Charismatikers, der in seinem Auftreten, seinen geistigen Gaben und seiner Berufung andere von seiner inneren Macht zu überzeugen vermag. Wenn seine Berufung mit irgendeiner Krankheit (z.B. Epilepsie) einherging, so ist der Schamane nicht einfach nur ein Kranker, sondern ein Kranker der sich selbst geheilt hat. 46 Weit verbreitet ist in
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schamanistisch geprägten religiösen Systemen auch die Rede vom Inneren Licht ‐ eine Erfahrung, die in allen religiösen Traditionen - ob archaisch oder modern ‐ bekannt ist. 47
Vor dem Hintergrund der Komplexität und der theologischen Reife vieler indigener Kulturen 48 ist der anthropologische Evolutionismus des 19. Jahrhunderts als überholt anzusehen. Die Kulturen der Welt sind ‐ vor allem in Bezug auf ihre Spiritualität ‐ nur von innen heraus, nach den durch sie selbst definierten Maßstäben zu verstehen. Als die europäischen Missionare die Eingeborenen Indonesiens zur Übernahme der christlichen Religion drängten, stießen sie auf völliges Unverständnis, denn für die Ureinwohner Indonesiens war Religion und Spiritualität untrennbar mit dem Stamm und Volk verbunden und eine Übernahme ‚fremder’ Götter undenkbar. Anders als in modernen Gesellschaften, wo die Religion einen abgegrenzten Raum innerhalb der Gesellschaft einnimmt, umfing die altindonesische Religion die Totalität aller Lebensäußerungen in der Einheit von Mensch, Kultur und Umwelt. Die ethnische Bindung und die Totalität des religiösen Lebens weist auf die eminente identitätsstiftende Funktion der Religion hin, die in diesem Maße in den Hochreligionen nicht mehr gegeben ist, wo das Religiöse nur einen Teil zur immer komplexeren gesellschaftlichen Identität beiträgt. 49
Die indigenen Kulturen sind leidgeprüfte Protagonisten im Drama der Modernisierung: ihre Sprache, ihre Symbolsysteme, ihre geistigen Kulturen sind vielfach vom Aussterben bedroht. In besonderer Weise muß sich an ihnen der Erfolg und Mißerfolg kultureller Integrationsbemühungen bemessen. Gerade die negativen Erfahrungen fehlender Repräsentation im System der Nationalstaaten, der Nicht‐Teilhabe und Marginalisierung in modernen Gesellschaften, der allseitigen Menschenrechtsverletzungen gegen indigene Populationen und des Verlusts der natürlichen Lebensgrundlagen, thematisieren traumatische Aspekte einer westlich dominierten Weltkultur, die wir allzugerne verdrängen, die aber großen therapeutischen Nutzen bei der Verwirklichung größerer kultureller Eintracht haben könnten. 50
b. Weltreligionen und Heilsreligionen
Die Entstehung der ersten Hochkulturen in Vorder‐ und Mittelasien brachte mit einer Vielzahl zivilisatorischer Innovationen auch einen neuen Typus von Religiosität, aus dem schließlich die Hoch‐ und Weltreligionen entstanden, die heute über den ganzen Globus verbreitet sind. Diese Religionen haben dem Menschen neue Freiheiten gebracht: sie lösen - zumindest potentiell - die naturreligiöse Bindung des Individuums an Stamm, Volk oder Land und verweisen den Menschen auf seinen individuellen geistigen Grund. Zum zweiten wird die Natur im Verhältnis zum Menschen zurückgedrängt. In der Geburtsstunde der sozialen Weltentstehungsmythen verliert die Natur mit den sie beseelenden Kräften ihre Schiedsmacht
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über Leben und Tod der Menschen. Stattdessen wird sie Teil einer Kosmogonie, die die natürlichen Tatsachen mit den sozialen Gegebenheiten in eine umfassende, kosmische Ordnung zu bringen versucht. Die ‚Hoch’‐religionen entstanden als geistige Errrungenschaft der ‚Hoch’‐ Kulturen: mit den Anfängen der Zivilisation, mit dem Beginn des Ackerbaus und der Metallbearbeitung, mit den Stadtgründungen, den ersten Schritten zu einer arbeitsteiligen Gesellschaft und der Ausbildung komplexerer sozialer Zusammenhänge emanzipierte sich der Mensch erstmals von der Willkür der Natur. Die ‚grandiose neolithische Spiritualität’ 51 Mesopotamiens und später Ägyptens stand ganz unter den Zeichen von Stadtkultur, Königtum und organisierter Priesterschaft. 52
Diese Schöpfungen des spirituellen Lebens der Menschheit waren nicht nur inhaltlich neu. Hier zeigte sich eine ganz neue Struktur des spirituellen Lebens: hier zeigte ich zum ersten Mal der Universalismus großer Kulturreligionen. Deren Götter ‐ Marduk, Assur, Schamasch oder Osiris ‐ wurden nach und nach zu Universalgottheiten. Der Schutz der ägyptischen Götter (z.B. des Horus) wurde in späterer Zeit auch auf Palästinenser, Nubier, Libyer ausgedehnt: 53 Das Ideal der Ökumene, der Weltkirche, die alle Menschen eint, erschien am Horizont des Denkmöglichen. Dies gilt natürlich noch nicht für die kultischen Religionen Sumers, Akkads, Babylons, auch nicht für die Religion der Ägypter oder der Hellenen. Aber zumindest war dies dort bereits angelegt, weiter gediehen als in den naturnahen Stammesreligionen.
Der Keim des Universalismus geht einher mit einer zunehmenden Emanzipation des Individuums. Die Religion ordnete ihre Strukturen neu - um den Menschen als Mittelpunkt. Die akkadische Religion Mesopotamiens hatte eine geradezu pessimistische Anthropologie, die in einer tragischen Sicht des Menschen die Fragwürdigkeit seiner Existenz betont. Der Mensch hatte dort Teil am Geiste und war dem Universum in einem umfassenden System kosmischer Wechselbeziehungen und symbolischer Entsprechungen (z.B. der Stadt als imago mundi) verbunden. Gleichzeitig aber sprach die Kosmologie von der Erschaffung des Menschen durch die Götter aus dem Blute des Erzdämons Kingu. 54 Bereits die großartige akkadische Spiritualität also betonte die Doppelnatur des Menschen 55 und läßt ein Motiv anklingen, das in der weiteren Geistesgeschichte nun immer gegenwärtig sein wird. Hier klingt schon etwas an, was erst später begann, sich zu konkretisieren: die Erkenntnis des Solitärseins, das den Menschen überhaupt erst zu authentischer spiritueller Erfahrung befähigt. 56
Helmuth von Glasenapp hat die großen Religionen der Welt grob eingeteilt in die Religionen der ewigen Weltgesetzes (Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus) und die Religionen der geschichtlichen Gottesoffenbarung (Judaismus, Christentum, Islam). 57 Diese
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Unterscheidung kann aber nur eine grobe Strukturdifferenz der Spiritualität von West und Ost aufzeigen, denn selbstverständlich gibt es zwar große Unterschiede aber auch viele Übereinstimmungen zwischen den Religionen, die dem chinesischen, dem indoarischen oder dem semitischen Kulturraum entstammen. Das Differenzkriterium, das Glasenapp anwendet, ist hier die Frage nach der personalen Natur des Göttlichen. Eine andere Differenzierung wählt Whitehead mit der Dreiteilung in den ostasiatischen Weg der Immanenz, den semitischen Weg der Transzendenz und den pantheistischen Weg des Monismus, der die manifestierte Wirklichkeit lediglich als eine unter vielen Modalitäten des Göttlichen auffaßt. 58 Dieser pantheistische Weg ist wohl der ur‐indoarische, der auf der Achse Europa - Persien - Indien eine Vielzahl religiöser Systeme hervorgebracht hat, die mit der Dualität von Geist und Wirklichkeit ringen und deren Leitbild und Ideal aber wohl die ungeteilte Einheit und das Geborgensein in der göttlichen Wirklichkeit ist. Wie immer man die Weltreligionen einteilen will, sie sind nicht einfach nur aus kulturellen Gegebenheiten oder aus einem religiösen Grundbedürfnis abzuleiten, sondern meist die Schöpfungen der großen Stifter oder des religiösen ‚Genies’ eines Volkes. Die folgenden Abschnitte versuchen nun eine Annäherung an Essenz und Identität des spirituellen Lebens in seinem historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext.
Hinduismus
Der Hinduismus ist eine Religion von großer Kontinuität mit einer immer wieder erstaunlichen Fähigkeit zur Innovation und zur Absorption fremder Einflüsse. Die Funde in den beiden Städten der frühgeschichtlichen Induskultur, Harappa und Mohenjo‐Daro, weisen auf vier ver‐ schiedene Ethnien 59 hin, die vor dem Eindringen der Indoarier in vermutlich theokratisch orga‐ nisierten, merkantilen Stadtkulturen zusammenlebten. Man glaubt, die religiöse Gestalt Indiens sei aus einer geistigen Synthese von Urbevölkerung und Indoariern entstanden. Die kulturelle Kontinuität der Urkultur mit dem modernen Hinduismus zeigt sich in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel in dem Kult um die große Göttin, 60 oder in dem - Shiva ähnlichen - Zeugungsgott. Ganz im Sinne dieser großen Kontinuität unterscheidet sich der Hinduismus durch den Gedanken des ‚sanatâna‐dharma’ (ewige Religion) von anderen Religionen. Der Veda wird als zeitlos geoffenbartes und immer in der gleichen Form von Weltzeitalter zu Weltzeitalter wiederentdecktes heiliges Wissen von allen Hindus anerkannt, und seine Weisheit wird von Lehrverkündern und göttlichen Gesandten immer wieder erneuert und für die jeweilige Zeit reformuliert; aber aus dem gleichen Grund kann der Hinduismus keiner einzelnen Persönlichkeit einen vergleichbar exklusiven Status zuerkennen, wie ihn z.B. Jesus Christus für
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die Christen als Religionsstifter, alleiniger Erlöser und Mittler der göttlichen Gnade innehat.
Am deutlichsten zeigt sich die Kontinuität indischer Spiritualität aber wohl im System des Yoga, 61 von dem Eliade sagt:
„Der Yoga bildet eine spezifische Dimension des indischen Geistes. ... [er] hat alle Arten spiritueller und mystischer Techniken von den elementarsten bis zu den komplexesten in sich aufgenommen und integriert ... Von Anfang an bezeichnete der Yoga die Reaktion gegen die metaphysischen Spekulationen [des Brahmanismus] und die Auswüchse eines versteinerten Ritualismus; er vertrat nämlich die Neigung zum Konkreten, zum persönlichen Erlebnis ... man trifft immer auf eine Form des Yoga, wenn es gilt mit dem Heiligen zu experimentieren oder zu der vollkommenen Meisterschaft über sich selbst zu gelangen.“ 62
Yoga ist ein Komplex archaischer Spiritualität, der die indische Geistigkeit über Jahrtausende hinweg belebt hat. Das erste Śloka (Vers) des berühmten Yoga‐Sutra des Patanjali (500 v.Chr.) lautet: „Yogaś citta vritti nirodha“ (d.h. Yoga ist die Unterdrückung der Bewegungen der Denksub‐ stanz). Das königliche Yoga (Raja‐Yoga) richtet seine Konzentration auf das Bewußtsein selbst, um die unwillkürliche Eigenaktivität des Denkens zu kontrollieren. Im Versuch, auf jeder Ebene (des Körpers, des Gefühls, des Denkens) die normalen Lebensfunktionen zum Stillstand zu bringen, zeigt sich der archaische Status der yogischen Spiritualität. Denn das Ziel ist - wie im Schamanismus ‐ selbstverständlich die initiatische Wiedergeburt und der Eintritt in eine neue Modalität des Seins, die nur durch den symbolischen Tod und die Verwandlung des Körpers erlangt werden kann. 63 „Das Ideal des Yoga, der Zustand des jîvanmukta, ist ein Leben in «ewiger Gegenwart», außerhalb der Zeit.“ 64 Zur Erlangung dieses Zieles hat der Yoga eine komplizierte «mystische» oder «subtile» Physiologie entwickelt, die sich erst in der yogischen Meditation offenbart. 65 Die spirituelle Energetik des menschlichen Körpers steht im Kontext einer komplizierten Metaphysik der Seelenzustände. Die meditative Manipulation der Seelenzustände wirkt direkt auf die subtile Konstitution des menschlichen Körpers ein und führt schließlich zu dessen Transformation. Wenn man die Ausführungen Patanjalis betrachtet, oder die Verfeinerung und Abstraktion, zu der sich diese Metaphysik der Psyche im buddhistischen Abhidhamma 66 aufschwingt, dann muß man C. G. Jung Recht geben, der gesagt hat, der Geist des Ostens sei introvertiert, seine Erkenntnis orientiere sich allein an der Realität der Psyche. Aber, so Jung weiter, die psychische Kategorie des Seins sei die einzige Kategorie des Seins, von der wir unmittelbare Kenntnis haben, weil uns alle Erscheinung immer nur im psychischen Erleben erscheinen kann. 67 Die metaphysische Spekulation Indiens ist in ihrem spezifischen Gestus der Erkenntnis (fast) immer auf diese Grundbedingung psychischer Existenz zurückgebunden.
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Im Denken des Yoga, aber auch in den anderen Systemen des indischen Denkens, hat der Kosmos selbst eine spirituelle Struktur, in der sich Ebene über Ebene in immer feinerer, ‚geistigerer’ Substanz übereinanderschichtet, die in Analogien des Oben‐Unten miteinander verbunden sind. Die physischen Phänomene sind von dieser (esoterischen) Perspektive aus „mâyâ“, sie sind bloß Folge energetischer Wechselwirkungen aber nicht selber Ursache. Die Lehre von mâyâ, der großen Illusion, dem Schleier der Unwissenheit, ist eine der Grundsäulen des Vedanta und gehört zu den zentralen Aussagen der Bhagavadgîta, findet sich aber auch im Buddhismus wieder. Sie bestreitet nicht die Existenz der Phänomene, sondern belehrt über ihren Status und ihr Verhältnis zur letzten Wirklichkeit. Alle Erscheinungen sind nur bewirkt und entstehen und vergehen nach dem Gesetz des karma. Selbst die überirdischen Manifestationen der Götter und Devas gehorchen diesem Gesetz göttlicher Gerechtigkeit und kehren eines Tages in den Kreislauf der Wiedergeburt zurück. Alle Erscheinungen und Wesen haben ihren Platz auf der großen Stufenleiter des Weltenplans. Auch die Tiere und Pflanzen und selbst die unbelebte Natur sind Teil dieses Plans, in dem alle Wesen zur Erlösung streben. Die Erlösung aber kann nur in der menschlichen Verkörperung erlangt werden. Aus diesem Gedankenkomplex erklärt sich auch die indische Vorstellung der Seelenwanderung, nach der ein Mensch durchaus als Tier oder Dämon, als Engel oder sogar als Gott, entweder belohnt oder bestraft, wiedergeboren werden kann. „Natur“ ist im Sinne indischer Spiritualität niemals einfach nur ‚wertfreie Natur’, sondern in ihrer Vielgestaltigkeit immer eingebunden in eine durch und durch sittliche Ordnung des Seins. Jedes Wesen verfügt danach über ein eigenes ‚dharma’, über einen in seiner Natur verankerten Maßstab der Sittlichkeit. Gemäß diesem - individuellen ‐ Dharma kann das Heil auch auf vielen unterschiedlichen Wegen verfolgt werden: der Yoga spaltet sich auf in den Yoga des Körpers (Hatha‐Yoga), den Yoga des Wissens um das Wirkliche (Jnana‐Yoga), den Yoga der Hingabe (Bhakti‐Yoga) oder den königlichen Yoga (Raja‐Yoga). Die indische Glaubenstoleranz speist sich maßgeblich aus dieser Anerkennung individueller Heilswege.
Der Geist Chinas
Auch die andere große Strömung östlicher Spiritualität, die chinesische Religion, ist eine Schöpfung von außergewöhnlicher Kontinuität und großer Originalität. Der Taoismus ist eine reiche Mischung aus Volksreligion, Ahnenverehrung, Aberglauben, Magie, Mystik, echter Weltweisheit und tatsächlicher hoher Geistigkeit und wird in Legenden auf den sagenhaften Gelben Kaiser (ca. 2700 v. Chr.) zurückgeführt, entstammt aber wahrscheinlich ähnlich dem Yoga einem ursprünglichen Komplex volkstümlicher Glaubensvorstellungen, die ihre große
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kulturprägende Kraft über die Jahrtausende erhalten haben.
Den chinesischen Religionen als Gesamtheit ist das Motiv der Weltablehnung und Weltüberwindung, das in der indischen Spiritualität so verbreitet ist, weitgehend fremd. Leitmotiv chinesischer Geistigkeit ist der Weltweise, 68 der fähig ist, die Kräfte des Himmels und der Erde durch alle Wandlungen hindurch im Gleichgewicht zu halten. Diese Weisheit findet ihren Ausdruck im Begriff des TAO, aber auch im System des I Ging, dem Buch der Wandlungen, das alle Erscheinungen, persönliche und kollektive, natürliche und soziale, irdische und himmlische, in ein symbolisches System zusammenfaßt. 69 Die Vorstellungen von der höchsten Gottheit dagegen sind inkonsistent und höchst widersprüchlich. 70 Shang‐Ti, der oberste Herrscher, Urheber der Welt, kommt der monotheistischen Vorstellung am nächsten, ist aber doch eher eine Personifizierung der Ordnung und weniger ein Gott, zu dem ein persönliches Verhältnis aufkommen kann. T’ien, der Himmel, ist das oberste Weltprinzip, das zusammen mit der Erde alles Existierende hervorgebracht hat. Konfuzius spricht statt von Shang‐Ti immer von T’ien, andere Denker aber sehen in T’ien eine selbst von Gesetzen regierte Kraft. 71 Das chinesische Denken bezieht eben Kohärenz und Identität nicht wie andere Kulturkreise von der Hinorientierung auf einen transzendenten Gott.
Auch der Begriff des TAO bezieht sich auf ein höchstes Weltprinzip, bezeichnet aber mehr einen höchsten Seinszustand als ein höchstes Wesen. 72 Das TAO ist das Namenlose, das Ursein, die Leere, die Stille, das alle Dinge und das Nichts, das ihnen vorhergeht, umfaßt. „Der SINN, der sich aussprechen läßt, ist nicht der ewige SINN. Der Name, der sich nennen läßt, ist nicht der ewige Name.“ (Tao te king, Vers 1) Alle Erklärungsversuche versagen vor dem TAO, das einer grundlegenden Intution entspricht, die sich der begrifflichen Fixierung letztlich entziehen muß. 73 Das TAO ist gewissermaßen die Chiffre für das Absolute, die als konkretes Symbol für das Unbeschreibliche steht, ohne dieses Unbeschreibliche zu abstrahieren. Der chinesische Stil des Denkens ordnet sein Denken über metaphorischen Sprachgebrauch - konkret und bildhaft, dabei aber von großer exemplarischer Ausdruckskraft, in einer Vielfalt möglicher Assoziationen über sich hinaus und auf das Andere, Ähnliche hinweisend, und mit einem ausgesprochenen Sinn für Angemessenheit und die Harmonie der Bedeutungen und sinngemäßen Entsprechungen. 74 Dieses Sich‐Betätigen des Denkens in makro‐mikrokosmischen Entsprechungen, dieses In‐Eins‐Setzen der Ordnungen, ist, wie Weber anmerkt, der letzte Grund für den chinesischen ‚Universismus’. 75 Das TAO ist die Chiffre für das Gesetz des Himmels, dem eine harmonische Ordnung der Welt entspricht. In ihrem höchsten Ausdruck löst die chinesische Spiritualität die quälenden Gegensätze von Transzendenz und Immanenz, von Subjekt und Welt, von Natur und Kunst, von Ästhetik und Ratio, und umgreift alles in einer großartigen Ordnung des ‚Sein‐Nichtseins’. Diese Vision klingt an in dem (vom
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Buddhismus geprägten) Buch von Bewußtsein und Leben (Hui Ming Ging), dessen letzte Stanze folgendermaßen lautet:
Mit Konfuzius spitzt sich die kosmische Harmonik des TAO auf einen Rationalismus der inner‐ weltlichen Ordnung 77 zu, der mit den traditionellen religiösen Kategorien anderer Kulturen kaum zu begreifen ist. Der Konfuzianismus postuliert keine Seele als Wesensnatur des Men‐ schen, kein transzendentes Heilsziel, kein Jenseits; die Götter und der Himmel (T’ien) werden zu bloßen Prinzipien reduziert; auch gibt es im Konfuzianismus keine Priesterschaft, die eine irgendwie geartete außerweltliche Heilshoffnung vermitteln könnte. 78 An ihre Stelle tritt die Bürokratie. Statt einer unveränderlich eingeborenen Wesensnatur oder transzendenten Heils‐ bestimmung oder auch biologischen Determiniertheit, aus der dann entsprechende Gesetz‐ mäßigkeiten abzuleiten wären, sieht der Konfuzianismus im Kosmos ein System von Verhal‐ tensweisen, 79 in dem sich der Mensch anhand von Sitte und Brauch der Verwirklichung der grundlegenden Harmonie widmet. Der Mensch wird niemals aus seinem gesellschaftlichen Zu‐ sammenhang gelöst, er wird nicht kraft einer unveränderlichen Wesensnatur von ebenso un‐ veränderlichen Gesetzen bestimmt, sondern er wird durch Vorbilder und Regeln geleitet. Der Konfuzianismus ist also gewissermaßen eine kosmische Tugendlehre.
Das Ideal, das der Konfuzianismus dem Menschen zuweist, ist die Vollendung seiner Menschlichkeit durch Erfüllung seiner Pflicht, nach den Maßstäben der Angemessenheit und Korrektheit. 80 Der Konfuzianismus ist Ausdruck einer umfassenden handlungsethischen Einstellung. Der Erkenntnisansatz ist - der Begriff sei hier gestattet ‐ pragmatisch‐ behavioristisch. Die menschliche Gesellschaft wird geordnet durch das Gesetz der Liebe, das sich in väterlicher Liebe und kindlicher Ehrerbietung erfüllt. Dahinter verbirgt sich aber keine konfuzianische Liebesbotschaft, die den Wert des einzelnen Individuums bestätigt, sondern das grundlegende Gebot der Ordnung der Gesellschaft, die gleichbedeutend mit der Ordnung des
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Manfred Kipfelsberger, 2000, Spirituelle Grundlagen politischen Handelns im Umfeld der Vereinten Nationen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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