Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung 3
2.1 Die Theorie von Herren und Sklaven 6
2.2 Nietzsches Definition und Wertung der Begriffe „gut“ und „böse“,
„gut“ und „schlecht“ 9
3.0 Auf welche Weise sind, nach Nietzsche, „Schuld“ und „schlechtes
Gewissen “ entstanden? 13
4.0 Reflexion 18
5.0 Bibliographie 21
2
1.0 Einleitung
Der Text „Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“, welcher unmittelbar auf „Also sprach Zarathustra“ (1983/85) folgte, ist der späten Schaffensphase Nietzsches zuzuordnen und wurde im Jahr 1886 vom Verfasser selbst publiziert. Die Schrift „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ gab Nietzsche 1887 heraus. 1 Diese beiden Texte bilden die Grundlage für die Betrachtung der Phänomene „Schuld“ und „schlechtes Gewissen“ in dieser Hausarbeit.
Bereits die Titel von Nietzsches oben genannten Schriften, verraten eine programmatische Ausrichtung. Ein Synonym für den Ausdruck „Streitschrift“ könnte Manifest lauten, was auf die gesellschaftskritische Intention der Schrift „Zur Genealogie der Moral“ hinweist. Die Selbsteinschätzung N ietzsches, eine „Philosophie der Zukunft“ zu beschreiben und in Gang zu setzen, spricht für sein Vorhaben an den Verhältnissen in der Praxis grundlegend etwas zu verändern und nicht nur eine philosophische Theorie entwickeln zu wollen. Gleichzeitig kündigt sich der utopische Charakter seiner Gedanken an, indem es heißt „Philosophie der Zukunft“. Diese Philosophie entspricht dem Wunschdenken Nietzsches, das besagt, wie die Philosophie und die Menschen, die sie betreiben, in Zukunft sein sollten. Die Notwendigkeit einer Philosophie der Zukunft ergibt sich für Nietzsche aus jenem gesellschaftlichen Kränkel- und Verfallszustand, welchen er, in den genannten und anderen Texten, vielschichtig darstellt. Die Hauptursache, (neben Demokratisierung und Zivilisierung), für die Schwächung des Menschen und seiner Tatkraft als Genie sei die christliche Religion als Schuldgefühl gegenüber Gott und das verinnerlichte schlechte Gewissen als sublimierte Form dieses Schuldbewusstseins:
„Es ist eine Krankheit, das schlechte Gewissen [...]. Suchen wir die Bedingungen auf, unter denen diese Krankheit auf ihren furchtbarsten und sublimsten Gipfel gelangt ist [...].“ 2
„Das Schuldgefühl gegen die Gottheit hat mehrere Jahrtausende nicht aufgehört zu wachsen, und zwar immer fort im gleichen Verhältnisse, wie der Gottesbegriff und das Gottesgefühl auf Erden gewachsen und in die Höhe getragen worden ist.“ 3
1 Vgl. das Nachwort von Giorgio Colli [Hrsg.] in: „Friedrich Nietzsche. Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral.“ Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Kritische Studienausgabe, Band 5, München 1988, S. 415-421.
2 Ders., [Schuld, schlechtes Gewissen...Kap. 19.] S. 327.
3 Ders., [Schuld, schlechtes Gewissen...Kap. 20] S. 329.
3
Der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft wird analysiert und
geschichtsphilosophisch hergeleitet, um davon ausgehend Veränderungen an Individuum und Gesellschaft vorzuschlagen. Dabei stellt Nietzsche fest, dass es eine „Umwertung der Werte“ gegeben haben muss. Dieser paradigmatische Wechsel im Wertebewusstsein des Menschen, habe sich, ab der Rückkehr des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft, bis zur allgemeinen Anerkennung des Christentums, vollzogen. Diese Wende zeige sich erstmals darin, dass es eine negative Veränderung im Gottesbild der Juden gegeben habe: „Der alte Gott konnte nichts mehr von dem, was er ehemals noch konnte. [...] Man veränderte seinen Begriff [...] man entnatürlichte seinen Begriff [...] Sein Begriff wird ein Werkzeug in den Händen priesterlicher Agitatoren, welche alles Glück nunmehr als Lohn, alles Unglück als Strafe für Ungehorsam gegen Gott, für „Sünde interpretieren [...]“ 4
Nietzsche sieht hier einen Kulturbruch, der die gesamte kulturelle Entwicklung der Menschheit bestimmen wird. Die Umwälzung der früheren Werte bestand darin, dass die „Sklaven-Moral“ 5 einer breiten Masse zur herrschenden Moral erhoben und durch die Inhalte der Bibel legitimiert wurde. Die jahrtausende alte „Herren-Moral“, die große Kulturen, wie die der griechischen und römischen Antike, und spätere aristokratische Gesellschaften hervorgebracht habe, sei, mittels kollektiver Übereinstimmung ab einem gewissen historisch verortbaren Punkt, als hassenswert und unmoralisch eingestuft worden. 6
Man kann sagen, dass an die Stelle bislang unangefochtener Werte, wie beispielsweise Reichtum, Macht und Eroberungswillen, jüdisch-christliche Werte, wie Armut, Bescheidenheit und Demut traten. Die Bibel wurde sozusagen zur Kampfschrift und Erbauungsliteratur der „Sklaven“ und nahm ebenso Einfluss auf die „Herren“. Die hierzu vollzogene „Umwertung aller Werte“, möchte Nietzsche rückgängig m achen, indem er die alte „Herren-Moral“ als die bessere Variante verteidigt. Über die historische Ebene gelangt der Autor zu einer programmatischen Ebene, die sich als zukunftweisend begreift.
Die Kränkung und Empörung Nietzsches über seine Zeit und seine Zeitgenossen, wird zum Motor einer gesellschaftskritischen Agitation und der Philosophie des
4 Nietzsche, Friedrich: „Der Antichrist“ Sämtl. Werke Bd. VIII, Stuttgart 1964, [25], S.217-218.
5 Siehe zu den Begriffen „Herren-Moral“ und „Sklaven-Moral“: Nietzsche (1988): „Jenseits von Gut und Böse“, [was ist vornehm?, Kap. 259f.]S. 208 ff.
6 Nietzsche (1988): Zur Genealogie der Moral“; [„Gut“ und „Böse“... Kap. 6-7], S.267.
4
„Übermenschen“ als eines Menschen, der ein schwüles Herz zusammen mit einem kalten Kopf“ besitzt und das „Menschlich-Allzumenschliche“ hinter sich lässt. 7 Jene, für Nietzsche, dekadenten 8 Zustände der Gesellschaft, spornen ihn an, ein ideales Gegenbild zu entwickeln. Er benötigt die unzulängliche und mittelmäßige Realität, um überhaupt ein übermenschliches Ideal in die Zukunft projizieren zu können. Nietzsche sehnt sich, (wie auch aus seinen poetisch inspirierten Texten wie „Also sprach Zarathustra“ und „Aus hohen Bergen. Nachgesang“ hervorgeht) nach einer über sich hinausdenkenden, starken und genialen Menschheit in allen Disziplinen, ganz nach dem Vorbild der griechischen und römischen Antike, des Renaissancemenschen oder der germanischen Stämme. Sein Vorbild ist der Charakter des „vornehmen“ Menschen und die alte, auf Schuld und Sühne beruhende Gesellschaftsordnung von Mächtigen und Schwachen, oder wie er es bevorzugt ausdrückt von „Herren und „Sklaven“ 9 . Hierbei gelangen moralphilosophische Gedanken in seine Ausführungen. Er etabliert die Philosophie und Psychologie einer „Herren-Moral“ des vornehmen
„wertheschaffenden“ Menschen und einer „Sklaven-Moral“, deren B esitzer von „Ressentiment“ gekennzeichnet ist. 10
Der historische Menschentypus könne, durch die „Umwertung aller Werte“, wiederbelebt werden. Die Menschen der Zukunft sollen frei von moralischen und religiösen Zwängen agieren und sich selbst als Individuen vervollkommnen, indem sie dem „Willen zur Macht“ folgen. Erst dann würde der Mensch autonom und gottgleich, Herr all seiner Handlungen sein und müsste sein Wesen und seine Triebe, durch das schlechte Gewissen, nicht länger verleugnen und unterdrücken. 11
Nach dieser Schilderung der Grundannahmen Nietzsches, soll der systematische Aufbau seiner Theorie über die Begriffe „gut“ und „schlecht“ bis zur Herleitung des schlechten Gewissens, die „Herren-Moral“ und „Sklaven-Moral“ und die Rolle der Religion in diesem Kontext nachvollzogen werden.
In einer abschließenden Reflexion werde ich versuchen zu klären, ob man in diese Theorie überhaupt als Moralphilosophie interpretieren kann.
7 Vgl. hierzu „ 5. Übermensch und ewige Wiederkehr.“ In: „Klassiker des philosophischen Denkens.“, Bd. 2, Hrsg. von Norbert Hoerster, 2001, S. 265.
8 Unter „dekadent“ versteht Nietzsche, eine von falschem Mitleidsempfinden geprägte Gesellschaft, die zudem unter extremer Verweichlichung leidet, welche zu Handlungsunfähigkeit und Charakterlosigkeit führt.
9 Siehe Nietzsche (1988): „Jenseits von Gut und Böse“, [was ist vornehm?, Kap. 259.], S. 208 ff.
10 Ebd.
11 Nietzsche (1988): „Zur Genealogie der Moral“ [Schuld, schlechtes Gewissen...Kap.14-16], S. 322.
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2.1 Die Theorie von „Herren“ und „Sklaven“
Der Reflexion über „gut“ und „schlecht“ in „Zur Genealogie der Moral“ geht die, in „Jenseits von Gut und Böse“ bereits erfolgte, Erläuterung der „Herren“ - und „Sklaven-Moral“ voran. Dieses dualistische Denken von „Herren“ und „Sklaven“ und einer entsprechenden „Herren- und Sklavenmoral“ 12 ist Voraussetzung für Nietzsches Differenzierung von „gut“ und „schlecht“, was sich an anderer Stelle noch zeigen wird. Es sei meine Vermutung erwähnt, dass sich innerhalb dieser Theorie von „Herren“ und Sklaven“ möglicherweise Anklänge an G. W. F. Hegels „Herrschaft und Knechtschaft“ finden, was aber im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter untersucht werden kann.
Unter den „Herren“ versteht Nietzsche, wie er im Kapitel „was ist vornehm?“ erläutert, den erhöhten „Typus Mensch“, wie ihn die „aristokratische Gesellschaft“ 13 hervorgebracht hat. Sein Ideal, der durch Raub und Unterdrückung gekennzeichneten „Herren“ findet sich in der Geschichte des internationalen Adels, der alten germanischen und gotischen Stämme und den Helden der antiken Literatur:
„Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen, [...] römischer, arabischer, germanischer, japanesischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger - in diesem Bedürfniss sind sie sich alle gleich.“ 14
Die „Selbst-Überwindung des Menschen“, seiner menschlichen Schwäche wird, nach Nietzsche, ausschließlich von den Mächtigen geleistet:
„[...] als einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in irgendeinem Sinne nöthig hat.“ 15
Jene herrschende Gruppe habe ihren Rang durch Unterwerfung der „Sklaven“ und Grausamkeit erworben, weshalb diese Mittel zur Erzwingung von Herrschaft für den „Herrn“ als „gut“ gewertet und dauerhaft praktiziert werden müssen:
„Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung,-[...]“ 16
12 Vgl. Nietzsche (1988): „Jenseits von Gut und Böse“, S. 208.
13 Vgl. Nietzsche (1988): „Jenseits von Gut und Böse“, S. 205.
14 Nietzsche (1988): „Zur Genealogie der Moral“, S. 275.
15 Nietzsche (1988): Jenseits von Gut und Böse“, S. 205.
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Arbeit zitieren:
Magistra artium Yvonne Rudolph, 2005, Friedrich Nietzsches Begriff der "Schuld" und des "schlechten Gewissens" in "Jenseits von Gut und Böse" und "Zur Genealogie der Moral", München, GRIN Verlag GmbH
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