II
Kapitel Seite
1. Einleitung 1
2. These 1: Die lateinamerikanischen Länder sind
zweigeteilte Gesellschaften. 2
3. These 2: Fortschritt in Lateinamerika geht Hand
in Hand mit der Ausbreitung industrieller Produkte
in rückständige Gebiete. 3
4. These 3: Das Vorhandensein traditioneller und ländlicher
Regionen stellt ein Hindernis für die Ausbreitung eines
fortschrittlichen und nationalen Kapitalismus dar. 4
5. These 4: Das Bürgertum hat ein Interesse daran,
die Macht der Großgrundbesitzer zu brechen. 7
6. These 5: Die Entwicklung Lateinamerikas ist das Werk
einer modernen, unternehmerischen, fortschrittlichen
und dynamischen Mittelschicht, und die Politik
sollte darauf ausgerichtet sein, soziale Mobilität und
das Anwachsen dieser Mittelschicht zu fördern. 7
7. These 6: Nationale Integration ist das Ergebnis
ethnischer Vermischung. 9
8. These 7: Fortschritt in Lateinamerika wird durch
eine Allianz von Arbeitern und Bauern erreicht werden. 10
9. Stavenhagen und seine Zeit 11
10. Gezielte Maßnahmen statt großer Theorien 12
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1. Einleitung
Rodolfo Stavenhagen wurde 1932 als mexikanischer Staatsbürger geboren und studierte in Mexiko, den USA und Frankreich. Er promovierte in Anthropologie bei Balandier und hat unter anderem in México City, Paris und Rio gelehrt. Er war oder ist Mitglied in zahlreichen Organisationen (Menschenrechtsorganisationen, UNESCO). Schwerpunkte seiner Forschung sind die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen der Ureinwohner Lateinamerikas, ethnische Konflikte weltweit und die Rolle der Agrarökonomie in sich entwickelnden Gesellschaften. Diese Schwerpunkte spiegeln sich in den Titeln einiger seiner Werke wider: - The Ethnic Question - Between Underdevelopment and Revolution - Social Classes in Agrarian Societies - Derecho Idigena y Derechos Humanos en America Latina Sein jüngstes Werk ist Ethnic Conflicts and the Nation-State (1996). Der dem Referat zugrundeliegenden Text Siete Teses Erróneas Sobre America Latina erschien zum ersten Mal in der mexikanischen Zeitschrift El Día (1965). Er wurde 1966/67 ins Englische übersetzt (Seven Fallacies about Latin America) und für die Aufsatzsammlung Latin America: Reform or Revolution? 1 noch einmal überarbeitet. Dazu muss angemerkt werden, dass der Text der verschiedenen Versionen zum Teil voneinander abweicht; das gilt auch für die 1972 erschienene deutsche Fassung. Diese Zusammenfassung bezieht sich auf den englischen Text in Reform or Revolution?. Was die Struktur dieser Referatsausarbeitung anbelangt, so ist jedes der folgenden Kapitel einer These gewidmet und besteht aus drei Teilen: Vorstellung der These, Stavenhagens Kritik an dieser These, Kritik an Stavenhagens Kritik.
1 Stavenhagen, Rodolfo: Seven Fallacies About Latin America. In: Latin America: Reform or Revolution?
Hrsg. von James Petras und Maurice Zeitlin. New York 1968. S. 13-31.
2
2. These 1: Die lateinamerikanischen Länder sind zweigeteilte Gesellschaften
Diese These besagt, die lateinamerikanischen Länder befänden sich in einem Spannungsfeld zwischen a) einem ländlich geprägten, konservativen und von familiären Bindungen beherrschten und b) einem städtischen, progressiven und modernen T eil der Gesellschaft. Im Rahmen dieser These wird die traditionelle Gesellschaft als Hemmnis für eine Entwicklung betrachtet, da sie insgesamt sehr statisch und auch im Inneren nur wenig mobil sei. Diese Dichotomie wird auch als "feudalistisch/kapitalistisch" bezeichnet, wobei die feudalen Strukturen auf die Kolonialzeit zurückzuführen seien. Modernität, Fortschrittlichkeit und Urbanisierung werden als positiv bewertet.
Stavenhagen lehnt dieses Konzept aus zwei hauptsächlichen Gründen ab. Zunächst führt er an, dass die fortschreitende Entwicklung der modernen Zentren ohne Rohmaterialien und billige Arbeitskräfte aus dem unterentwickelten Hinterland nicht möglich wären, was seiner Auffassung nach eindeutig gegen die theoretische Trennung der beiden Gesellschaften spricht. Als noch wichtiger erachtet er den Umstand, dass beide Gesellschaftsformen das Ergebnis desselben historischen Prozesses seien, und zwar des Merkantilismus und (Früh-)Kapitalismus; daher sei es nicht gerechtfertigt, von einer "feudalen" Geschichte zu sprechen. Des weiteren betont er die dominante Rolle der Kolonialmächte, die ausschließlich für ihre eigene Wirtschaft und den europäischen Markt produzieren ließen und dazu Rohstoffe und billige Arbeitskräfte (Sklaven) ausbeuteten; er erwähnt jedoch auch den Themenkomplex "Selbstkolonialisierung":
Kritik: Es ist nicht ganz klar, was mit "Feudalismus" gemeint ist. Bezieht sich der Begriff auf das politische System, auf eine bestimmte Art der Ökonomie oder beides? Luis Vitale, ein argentinischer Marxist, verneint sogar die feudale Natur Spaniens im 15. Jahrhundert und beschreibt die Gesellschaft als frühkapitalistisch 3 . Er warnt davor, Latifundismus mit Feudalismus zu verwechseln. Seine These, die Entwicklung der Kolonialmächte sei nur aufgrund der Ausbeutung der Kolonien möglich gewesen, ist, obwohl häufig wiederholt, kaum haltbar. Gerade die klassischen Kolonialherren Lateinamerikas (Portugal und Spanien), zeitweise die reichsten Nationen der Welt, weisen bis heute Anzeichen von unzureichender Entwicklung auf,
2 Stavenhagen, S. 18.
3 Vgl. Vitale, Luis: Latin America: Feudal or Capitalist? In: Latin America, S. 32-43.
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während es zahlreiche Ökonomien gibt, die kolonial gar nicht oder nur wenig engagiert waren und dennoch heute zur "Ersten Welt" gerechnet werden müssen 4 . Die industrielle Revolution ist keine Folge der Kolonialisierung, sondern Grundvoraussetzung für diese gewesen; die wirtschaftliche Rolle der Kolonien für die Mutterländer war immer minimal (sowohl als Rohstofflieferant als auch als Absatzmarkt) 5 . An der Existenz eines wie immer gearteten "Feudalismus" in Lateinamerika konnte und kann kein Zweifel bestehen, wenn man unter "Feudalismus" die Organisationsstruktur einer überwiegend ländlichen Wirtschaft versteht, die von wenigen großgrundbesitzenden Familien (im Mittelalter die Adligen) dominiert wird, die sowohl über ihr Land als auch über die dort ansässigen Menschen (Hörigkeit, Leibeigenschaft) verfügen konnten. So beschreibt Frank Tannenbaum aus eigener Erfahrung Zeitungsanzeigen, in denen Haciendas mitsamt den auf ihr lebenden Bauern zum Verkauf angeboten werden; eine Anzeige stammt aus dem Jahre 1948. 6 Auch Elemente wie familiäre Verbundenheit, Patron-System und Autarkiebestreben der Haciendas finden ihre Entsprechung im Feudalismus.
3. These 2: Fortschritt in Lateinamerika geht Hand in Hand mit der Ausbreitung industrieller Produkte in rückständige Gebiete
Diese These (Fundament der sogenannten "Diffusionstheorie", der zufolge Fortschritt und Entwicklung in Teilen einer Gesellschaft in andere - rückständigere - Teile "diffundieren") geht davon aus, dass die ständig fortschreitende Ausbreitung der modernen (westlichen) Wirtschafts-und Lebensformen die noch bestehenden t raditionellen Gesellschaften nach und nach durchdringen und grundlegend verändern wird, und zwar gemäß dem westlichen Vorbild. Stavenhagen lehnt dieses Konzept aus sechs Gründen ab:
1) Entwicklung (im Sinne von Produktivität und Lebensstandard) folge nicht notwendigerweise der Ausbreitung von Wirtschaftsgütern.
2) Die Ausbreitung moderner Industrieprodukte zerstöre lokale Herstellungs- oder Handwerksbetriebe.
4 Vgl. Menzel, Ulrich: Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie. Frankfurt a.M.
1992. S. 51.
5 Vgl. Bairoch, Paul: Economics & World History. Myths and Paradoxes. Chicago 1993. S. 97.
6 Tannenbaum, Frank: Ten Keys to Latin America. New York 1960. S. 82.
Arbeit zitieren:
Tobias Budke, 1999, Rodolfo Stavenhagen: Sieben Irrtümer über Lateinamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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