INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG. 4
1.1 Aufbau und Herangehensweise. 4
2 AIDS - DIE KRANKHEIT UND IHRE FOLGEN. 5
2.1 Aids - eine Statistik 5
2.2 Tabuthemen: Krankheit und (Homo-)Sexualität 6
2.3 Entstehung von Vorurteilen. 9
3 EXKURS: AIDS UND POLITIK 12
4 CULTURAL STUDIES (CS) 15
4.1 Stuart Hall 16
4.2 Der ausgehandelte Raum 19
5 ENCODING PHILADELPHIA 21
5.1 Was erzählt PHILADELPHIA? 22
5.2 Die Protagonisten. 23
5.2.1 Miller. 24
5.2.2 Beckett 26
6 DECODING PHILADELPHIA 27
6.1 Homophil, homophobe and not so homophobe 29
7 WAS BLEIBT? 31
LITERATURVERZEICHNIS 34
ANHANG. 36
Sequenzprotokoll 36
Aidsstatistik 38
1 Einleitung
Fast zehn Jahre war die Krankheit AIDS 1 und der sie verursachende HI-Virus einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit bekannt, ehe 1993 der erste Film aus Hollywood zu diesem Thema gedreht wurde. In den Jahren vor PHILADELPHIA gab es zahlreiche kleinere Independent-Produktionen 2 und einige Fernsehfilme, die sich erzählerisch 3 oder dokumentarisch 4 mit der Krankheit, ihrem immer tödlichen Verlauf, den betroffenen Menschen und den gesellschaftlichen Vorurteilen und Ängsten auseinander setzten. PHILADELPHIA von Jonathan Demme war nun die erste Studiogroßproduktion (Columbia TriStar), die sich an dieses brisante Thema mit all seinen Implikationen (Sexualität, Familie, Tod, gesellschaftliche Stigmatisierung, Vorurteile) heranwagte.
Es soll mir nicht um die Frage gehen, warum die großen Studios - sonst auf der Suche nach verfilmbaren Stoffen und gesellschaftlich relevanten Entwicklungen i mmer am Puls der Zeit - das Thema Aids erst so spät aufgegriffen haben, sondern vielmehr interessiere ich mich für die aufklärerischen Qualitäten von PHILADELPHIA und die im Film thematisierte >Schnittstelle< Aids/Homosexualität. Ob sich in einer Großproduktion zum Thema Aids überhaupt ein differenziertes, glaubwürdiges Bild der Krankheit und der von ihr Betroffenen realisieren lässt und ob ein aufklärerischer Ansatz nicht zwangsläufig an wirtschaftlichen Interessen und Zwängen des Mediums scheitern muss, stelle ich im weiteren Verlauf zur Diskussion.
1.1 Aufbau und Herangehensweise
Die Arbeit lässt sich grob in zwei inhaltliche Blöcke gliedern, wobei die im ersten Abschnitt angestellten Überlegungen als theoretischer Hintergrund für eine kritische Aus-einandersetzung mit PHILADELPHIA gedacht sind. In den ersten zwei Kapiteln werde ich einleitend die Krankheit AIDS und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen betrachten, um so den Ursprung der Angst vor AIDS verstehen und die gesellschaftliche Funktion von Krankheit, Sexualität und Vorurteilen besser beurteilen zu können. Ausgehend von eher allgemeinen Überlegungen zu Massenmedien und ihrer Funktionsweise möchte ich dann die Aneignung von Filmen/medialen Texten theoretisch betrachten, indem ich das encoding/decoding-Modell von STUART HALL als theoretische Folie in einem
1 1981 veröffentlichte das United States Center for Disease Control erstmals einen Bericht über AIDS. Dass diese
Krankheit durch das HI-Virus verursacht wird, ließ sich jedoch erst 1983/84 eindeutig belegen.
2 z.B. Gregg Araki's The Living End (1992).
3 z.B. An Early Frost(1985), Roger Spottiswoode´s And the Band Played On (1992).
4 z.B. Peter Adair's Absolutely Positive (1990, Kermit Cole's Living Proof: HIV and the Pursuit of Happiness (1993).
4
zweiten Block nutze, um es konkret auf den Film anzuwenden. Meine These ist, dass PHILADELPHIA eine ausgehandelte Lesweise (im Sinne HALLs) anbietet und sich mit dem homophoben, aber auch mit dem homophilen Publikum zu arrangieren versucht. In diesem Kontext müssen die Charaktere Beckett (Tom Hanks) und Miller (Denzel Washington) genauer untersucht werden. Vor allem der Figur Miller kommt hier eine besondere Bedeutung zu, da sie als Projektionsfläche für den >durchschnittlich homophoben< Zuschauer die meisten Identifikationsmöglichkeiten bietet. Da ich den Film als bekannt voraussetzen kann, verzichte ich auf eine Inhaltsangabe im Fließtext und verweise auf das Sequenzprotokoll im Anhang.
2 AIDS - die Krankheit und ihre Folgen
PHILADELPHIA ist weniger ein Film über die Krankheit AIDS und ihren Verlauf, sondern vielmehr ein Versuch, sich dem Thema sozialpsychologisch zu nähern. 5 Zwar spielen der kranke und von Krankheit gezeichnete Körper eine entscheidende Rolle, doch ist dieser im Film nur selten zum Selbstzweck ausgestellt. Die gesundheitlichen Folgen für den Patienten sind immer eingebunden in den Plot, der sich um die offene und subtile Diskriminierung (homosexueller) Aidskranker in der Gesellschaft rankt und zu großen Teilen vor Gericht spielt. Es soll also im folgenden Abschnitt nicht um eine Betrachtung der Krankheit aus medizinischer Sicht gehen, sondern um die sozialen Folgen für die Betroffenen und die Art und Weise, wie Gesellschaft und Politik auf die Krankheit reagiert haben. Ein Film zu diesem Thema muss sich an der Realität 6 messen lassen und darf, wenn er denn einen gewissen Anspruch verfolgt, nicht nur eine sent imentale und rührselige Geschichte mit kämpferischen Anstrich erzählen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir ein solcher Exkurs sinnvoll.
2.1 Aids - eine Statistik
Vorab möchte ich einige grundlegend Fakten einbringen: Die Verbreitung des HI-Virus muss weltweit sehr differenziert betrachtet werden. Vor allem in afrikanischen Ländern um und südlich des Äquators sind große Teile der Bevölkerung infiziert und/oder bereits erkrankt. Besonders gefährdet sind Frauen und ihre noch ungeborenen Kinder. Aus
5 Vgl. Donner, Wolf: Aids-Erforschung als Politthriller. In: F.A.Z. vom 3. 2. 1994, S.29.
6 Ich werde weitestgehend versuchen, nicht vom heutigen Stand der Aufklärung auszugehen, sondern den status quo
während der Produktion von Philadelphia 1993 zu berücksichtigen - sofern dies möglich ist.
5
einer Statistik (siehe Anhang) geht hervor, dass im Jahre 2000 fast 9% 7 der Zentral- und Südafrikanischen Erwachsenen-Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert oder bereits an Aids erkrankt waren 8 .
In Europa und Nordamerika hingegen sind 0,2% bzw. 0,6% der Erwachsenenbevölkerung infiziert; in Nord-Amerika sind 80%, in West-Europa 75%, in Australien gar 90% der infizierten Erwachsenen Männer, von denen ein großer Prozentsatz zum Kreis der homosexuellen Männer zu rechnen ist. Die Zahl der heterosexuellen Erkrankten und derer, die sich über den Blutweg (Transfusion, Spritzen, Infusion) infiziert haben, nimmt sich demgegenüber eher gering aus.
Diese Fakten müssen berücksichtigt werden, wenn man den Hass, die Angst und die sich daraus resultierenden Diskriminierungen, denen sich Homosexuelle und Aidskranke ausgesetzt sehen, annähernd nachvollziehen will. Das Bewusstsein einer allgege nwärtigen Gefahr für jeden sexuell aktiven Menschen an Aids zu erkranken setzte sich erst schleppend durch und wurde zudem durch solche Zahlen immer wieder konterkariert. Der Film Philadelphia verweist auf diese frühe Zeit in den 80ern, als Aids noch als „Schwulenseuche“ oder „Schwule nkrebs“ gebrandmarkt wurde.
2.2 Tabuthemen: Krankheit und (Homo-)Sexualität
Ansteckende Krankheiten mit tödlichem Verlauf lösen bei Betroffenen und deren Umfeld Angst aus, der nur mit Aufklärung und Information 9 entgegengetreten werden kann. Intuitiv reagieren Menschen auf die Gefahr einer ansteckenden Krankheit mit einer Abwehrhaltung, da die Angst vor einer Infektion stärker ist als das Mitgefühl für bereits Erkrankte. Die Bedrohung durch AIDS ist aber nicht vergleichbar mit der Bedrohung der Menschheit durch Seuchen vergangener Jahrhunderte, bei denen die Luft und andere Körpersekrete (z.B. Tröpfcheninfektion) den Erreger übertragen konnten. Doch AIDS ist eine Krankheit, „die wie keine andere zuvor eine permanente Präsenz in den Medien
7 Quelle: UNAIDS Joint United Nations Programme on HIV/AIDS, "AIDS Epidemic Update December 2000" und
"Report on the global HIV/AIDS epidemic June 2000". In: http://www.avert.org/worldstats.htm
8 Sowohl die absoluten als auch die statistischen Zahlen müssen jedoch sehr kritisch gesehen werden, da AIDS in
Afrika sehr schnell diagnostiziert wird, oft ohne einen HIV-Antikörpertest durchgeführt zu haben. Meist wird für eine
AIDS-Diagnose die sogenannte Bangui- Definition angewandt: Es reicht aus, z.B. 10% Körpergewicht verloren zu
haben, 1 Monate unter Durchfall (z.B. durch verseuchtes Trinkwasser) zu leiden, und zu husten ( z.B. wegen TBC,
einer in Afrika häufigen Krankheit), um als HIV-Infizierter in die Statistik einzugehen (je mehr AIDS- Fälle diagnos-tiziert werden, um so mehr Geld beziehen Forscher, Virologen und Gremien von der WHO und der UNO). - Siehe
dazu: Thomas C. Quinn: AIDS in Africa: An epidemiological paradigm. Science 21.11.1986, 955-63 In: Höner,
Guido: Die Bangui-Definition. http://www.rethinkingaids.de/afrika/bangui.htm - 1
9 PHILADELPHIA bietet in einigen Szenen sehr explizite Informationen mit Aufklärungscharakter an, auf die ich in
Kapitel 6 noch näher eingehen werde.
6
und in der sozial- und gesellschaftlichen Auseinandersetzung erreicht und zahlreiche kollektive Bedeutungszuschreibungen gehabt hat“. 10 Durch die technische und logistische Infrastruktur moderner Kommunikationsgesellschaften bestand eigentlich seit dem ersten Auftreten der Krankheit die Möglichkeit, flächendeckend (und zum ersten Mal in der Geschichte) Aufklärung und Information in die Haushalte zu bringen. Natürlich gab es in den USA und auch in der BRD umfangreiche Kampagnen, aber auch immer wieder Diskussionen und beredte Aussagen, die AIDS auf die gesellschaftlichen Randgruppen (Homosexuelle, Drogenszene) reduzierten. Die Betroffenen wurden zusätzlich marginalisiert und diskriminiert, als in konservativen Regierungskreisen laut über Maßnahmen nachgedacht wurde, wie dem >Problem< beizukommen sei. Da gehörten rechtliche Fragen, ob obligatorische Bluttests bestimmter Bevölkerungsgruppen (etwa um Lebensversicherungen abschließen zu können) zulässig sein sollten und ob man Infizierte verpflichten darf, ihre Sexualpartner behördlich registrieren zu lassen 11 , noch zu den harmlosen Überlegungen. So wurde AIDS von einigen orthodoxen Gläubigen als Strafe Gottes gedeutet, während die Apokalyptiker noch weiter gingen und das Auftreten von AIDS kurz vor Vollendung des zweiten Millenniums als das nahende Ende der Menschheit interpretierten. 12 Mit solchen Z uschreibungen wurde die Krankheit fast schon mystisch aufgeladen und die Bekämpfung und Eindämmung des Erregers zu einer Mission biblischen Ausmaßes hochstilisiert.
Trotz aller Aufklärung über die möglichen Ansteckungswege mit dem Virus gehen „bei einer Krankheit mit einer äußerst geringen Infektiösität und klar definierten Schutzmöglichkeiten die individuellen und gesellschaftlichen Reaktionen häufig weit über das präventivmedizinisch Angezeigte hinaus“. 13 Es scheine n also noch andere Themenkomplexe Ressentiment und Ausgrenzung zu schüren: Neben dem metaphorisch-semantischen Überschuss von AIDS, den SUSAN SONTAG in ihrem Essay thematisiert 14 , werden im Kontext der Krankheit so existentielle und tabuisierte Themen wie Sexualität, Liebe und
10 Hornung, Rainer/Helminger, Andree/Hättich, Achim: Aids im Bewußtsein der Bevölkerung. Stigmatisierungsten-
denzen gegenüber Menchen mit HIV und AIDS. Bern 1994, S.19
11 Vgl. Lexikonartikel AIDS. In: Microsoft Encarta 2000
12 Vgl. Sontag, Susan: AIDS und seine Metaphern. München 1989, 65f.
13 Hornung, Rainer, S.19
14 Sontag meint u.a., dass von offizieller Seite im sprachlichen Umfeld von AIDS in kriegsähnlichen Bildern aufge-
rüstet und gekämpft wird. So wird der HI-Virus häufig als „Eindringling“ und Makrophagen als „Späher“ bezeichnet,
„Truppenaufgebote“ werden nach der Infektion im Körper „mobilisiert“ usw. ( Sontag, S.19ff). Diese und andere
Kriegsmetaphern beschleunigen die Stigmatisierung der Krankheit und letztendlich der Erkrankten, so Sontag. Fast
schon zwangsläufig führt eine an Metap hern reiche Rhetorik in einer breiten >so sensibilisierten< Bevölkerung zu
einer „Dämonisierung der Krankheit“(S.13) und zu Schuldzuweisungen an die Erkrankten. Sontag sieht die Tendenz
in Gesellschaften, Krankheiten mit dem Bösen in Verbindung zu setzen und so den Betroffenen eine wie auch immer
geartete Schuld anzuhängen. In einer früheren Arbeit (Krankheit als Metapher) hat sie diese Neigung an Krebs ver-deutlicht. Aids sei mit seinem „Stigmatisierungvermögen“ nun in diese Position gerückt. (Vgl. Sontag S. 13f und
17f).
7
Tod transportiert und bewusst oder unbewusst mitgedacht. Die weitverbreitete Unfähigkeit zu einer differenzierten sprachlichen Auseinandersetzung erschweren einen maßvollen und die Rechte der Erkrankten schützenden Umgang mit AIDS unge mein und sind im höchsten Maße kontraproduktiv. 15
Vor allem die Sexualität wird - wenn überhaupt - in Familie und Öffentlichkeit nur in codierten umgangssprachlichen Chiffren diskutiert. Obwohl oder gerade weil Sexualität ein existentielles Thema ist, könne n viele Menschen ihre Scham nicht ablegen. Entweder wird Sex in die unterschiedlichsten sprachlichen Gewänder gehüllt und auf einer zotigen und anzüglichen Ebene verhandelt, oder er wird in einem Kontext von Reproduktion und Arterhaltung versachlicht und v on den Bigotten heilig gesprochen und >entweltlicht<. Selten wird Sex offen mit natürlichem Begehren, angeborenen Trieben oder einem lust- und zugleich schmerzvollen Verlangen in Verbindung gesetzt. Was der Einzelne wirklich empfinden mag, wird er nur selten seinem Gegenüber oder einer breiteren Öffentlichkeit 16 mitteilen.
Geschichtlich sieht MICHEL FOUCAULT den Einfluss des viktorianisch geprägten Bürgertums im 19. Jahrhundert 17 als Nährboden für unseren schamhaften Umgang mit Sexualität. Während noch im frühen 17. Jahrhundert über Sexualität in einer relativ deutlich-derben Sprache gesprochen wurde, so breitete sich den folgenden Jahren Schweigen, Lustfeindlichkeit und ein Diktat der Nützlichkeit und Fruchtbarkeit über den Sex aus. Aller Geschlechtsverkehr, der nicht der Fortpflanzung dienlich war, bekam in dieser Zeit „den Status des Anormalen und [unterlag] dessen Sanktionen.“ 18 So liest FOUCAULT die Geschichte des Sexualität seit dem 17. Jahrhundert bis in unsere Zeit als Geschichte der Unterdrückung und der Repressionen. 19 Ausgehend von einer klösterlichen 20 >Beichtstuhl-Tradition< entwickelten sich Diskurse 21 , in denen in entsprechend codierter Sprache über Sexualität gesprochen wurde und z.T. auch heute noch gesprochen wird. Ebenso hat sich das Schweigen in Bezug auf die Sexualität ausdifferenziert, haben sich Formen der Diskretion und der Unterdrückung herausgebildet, die
15 Vgl. Hornung, S.19.
16 Fake- und Talkshows mal ausgeschlossen.
17 In diese Zeit fällt die Herrschaft Königin Viktorias über das englische Reich, das in den 60 Jahren Ihres Regiments
eine enorme Ausdehnung erlebte und so auch geselleschaftlich-moralischen Einfluss auf Europa und dem Rest der
Welt ausüben konnte.
18 Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Frankfurt am Main 1983, S.12.
19 Vgl. ebd. S.13f.
20 Vgl. Foucault, S. 31.
21 Z.B. Sexualität und: ...Moral, ...Ökonomie, ...Psychoanalyse, ...Macht,...Perversion,..., etc.
8
es im frühen 17.Jahrhundert so noch nicht gab. 22 FOUCAULT spricht in diesem Zusammenhang von dem Druck des Unaussprechlichen: „Something that is close to us, yet unacceptable and which, therefore, needs to be kept at a safe distance“. 23
Diese Diskrepanz zwischen persönlichem, vorgesellschaftlichem Empfinden und den über Jahrhunderte gewachsenen „pressures of the unspeakable“ 24 versperrten den Zugang zum Thema. Da haben die seit den 1970ern einsetzende Aufklärungswelle (Kolle+Co.), die Erotisierung des Fernsehens seit den 80ern durch die privaten Sender und die endgültige >sexuelle Befreiung< durch das Internet in den 90ern meiner Meinung nach nicht wirklich Konstruktives geleistet. Zwar konnten durch die Medialisierung der Sexualität und die Aufhebung des >Bilderverbots< Muff und Prüderie abgebaut werden, aber die Verknüpfung von Sexualität und Medialität hat nur weitere Diskurse zum bereits bestehenden Diskurskanon hinzugefügt und gleichzeitig neue Probleme geschaffen. Vielmehr hat die öffentliche B ebilderung zu einer allgemeinen Verrohung der Sprache und des Umgangs 25 beigetragen und alles andere als sensibilisiert und Scham abgebaut. So war und ist die (Hetero-)Sexualität kein Thema, über das man im eigentlichen Sinne spricht. Wie muss es sich da erst mit der Homosexualität verhalten? Hat die Homosexualität - die oben angerissenen Probleme mitgedacht - überhaupt eine Chance, von einer breiten Öffentlichkeit als natürliches Bedürfnis gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt zu werden?
2.3 Entstehung von Vorurteilen
„Ein Vorurteil ist ein vorgefasstes Urteil über Gruppen von Menschen (...), das positiv oder negativ gefühlsmäßig unterbaut ist, das nicht unbedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss, und an dem, ungeachtet aller Möglichkeiten der Korrektur, festgehalten wird“. 26
Beginnend mit den Kreuzzügen, später dann während der Renaissance, konnten sich Intellektuelle verstärkt mit den Strukturen und Wirkungsweisen von Vorurteilen beschäftigen, weil sich durch den wachsenden interkulturellen Austausch zunehmend fest- 22 Vgl.Foucault, S. 40 - Foucault erzählt vom schallenden Gelächter, welches durch frühreife Sexualität von Kindern
bei den Erwachsenen aller sozialen Klassen ausgelöst wurde. Er nennt als Beispiel Erasmus von Rotterdam, der im
16.Jahrundert seine Schüler noch in der Wahl einer Prostituierten unterwies.
23 Grundmann/Sachs: Philadelphia Review. In: Cineaste Vol.20 summer 1993, S.52.
24 Ebd. S.52.
25 Als Beispiel für die angesprochene Verrohung können sowohl die alltäglichen Talkshows als auch die diversen
Flirtshows („Dissmissed“) herangezogen werden.
26 Karsten, Anitra: Vorurteil. Ergebnisse psychologischer und sozialpsychologischer Forschung. Darmstadt 1978, S.5.
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Alexander Thiele, 2004, Decoding PHILADELPHIA -Die Krankheit Aids und ihre Darstellung im Hollywood-Film, München, GRIN Verlag GmbH
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