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Thema : Die systemtheoretischen Theorien Maturanas und Luhmanns
mit Ausblick auf die Literaturwissenschaft
0 Einleitung. 2
1 Die Theorie der Autopoiese von Maturana 3
1.1 Die Selbstreferentialität. 5
1.2 Der Beobachter. 5
1.3 Der Wirklichkeitsbegriff 6
2 Die soziologische Systemtheorie nach Luhmann 7
2.1 Systemdifferenzierung 8
2.2 Das Konzept der Autopoiese 9
2.3 Der Code. 11
2.4 Wirklichkeit 12
3 Systemtheorie und Literatur 13
3.1 Der Roman Don Quijote als autopoietisches Textsystem 17
3.2 Die Selbstreferentialität im Don Quijote 18
4 Schlussüberlegungen 20
Bibliographie 21
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0 Einleitung
In den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelten die chilenischen Neurobiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela eine biologisch-konstruktivistische Theorie des Erkennens. Sie vertraten dabei die These, dass die Realität in einem objektiven Sinne nicht existent ist, sondern allein ein Produkt unserer Art der Sinneswahrnehmung darstellt. Ausgangspunkt dieser Überlegungen war ihre Beschr eibung von Lebensformen als komplexe Systeme, welche die Eigenschaft der Autopoiese aufweisen. Der terminus tecnicus der „Autopoiese“ wurde von Maturana 1972 eingeführt; er setzt sich aus den beiden griechischen Begriffen ,,autos" (dt. selbst) und ,,poiein" (dt. produzieren/erschaffen) zusammen und benennt die Hauptwesenmerkmale lebender Systeme: ihre Selbstgestaltung bzw. Selbstherstellung. Das Autopoiese-Konzept ist heute zu einem weit verbreiteten Schlagwort in unterschiedlichen Disziplinen geworden, so wurde es u.a. von Zeleny in die Geisteswissenschaften und von Probst in die Psychologie eingeführt. Vor allem jedoch durch die euphorische Aufnahme im (vor allem radikalen) Konstruktivismus erfuhr es eine weite Verbreitung. Der Radikale Konstruktivismus v ersucht dabei seine erkenntnistheoretischen Thesen mit der Theorie der Autopoiese zu begründen; die These der informationellen Geschlossenscheit lebender Systeme bildet dabei nach Dettmann die Schnittstelle zwischen der biologischen Theorie der Autopoiese und der erkenntnistheoretischen Theorie des Radikalen Konstruktivismus (Dettmann 1999: 5). Der radikale Konstruktivismus untersucht vor allem die Frage, wie unsere Vorstellung von Realität zustande kommt (Dettmann 1999: 1f). Seine Grundannahme ist, dass jedes Subjekt ständig seine eigene Realität individuell neu konstruiert und Realität so überhaupt fiktiv ist. Das Subjekt wird dabei als in seiner eigenen, abgeschlossenen Welt verortet angesehen, Erkenntnis über die objektive Welt kann in dieser Sichtweise aus objektiven Gründen nur subjektiven Charakter haben. Der radikale Konstruktivismus versucht so, die Relativität allen Erkennens mit den Möglichkeiten moderner Naturwissenschaft zu begründen. Diese Grundlagen einer biologischen, konstruktivistischen Systemtheorie nahm auch der deutsche Soziologe Niklas Luhmann zur Kenntnis, die ihm als Anregung und Ideengeber für seine soziologische Systemtheorie dienten. Er gilt als Begründer einer universalistischen Systemtheorie und leistete nicht nur für die Soziologie, sondern auch für die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, die Theologie, die Geschichtswissenschaft und
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die Kommunikations- und Literaturwissenschaft zahlreiche Beiträge. Grund hierfür ist sein Anspruch, alle gesellschaftlichen Funktionssysteme (Wirtschaft, Recht, Politik, Wissenschaft, Kunst, Medien) mit denselben Kategorien beschreiben zu können, da diese unabhängig von den anderen Systemen je nach ihrer eigenen Logik operieren bzw. kommunizieren und eine ähnliche Struktur aufweisen. Nach Luhmann ist ihnen zum einen gemeinsam, dass sie eine Funktion in der Gesellschaft exklusiv erfüllen müssen. Zum anderen erzeugen sie alle die Regeln, nach denen sie operieren ebenso wie ihre Elemente, aus denen sie bestehen, selbst. Diesen Vorgang nennt Luhmann Autopoiesis; er führt damit das Autopoiese-Konzept in die Sozialwissenschaften ein.
Die vorliegende Arbeit soll zunächst die Theorie der Autopoiese von Maturana anhand grundlegender Begriffe erläutern um danach näher auf die Systemtheorie Luhmanns einzugehen. Dabei sollen aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit keine Gemeinsamkeiten oder Unterschiede der Theorien herausgearbeitet werden. Es soll lediglich ein Überblick der wichtigsten Annahmen gegeben werden. Der letzte Teil der Arbeit besteht aus Überlegungen zur soziologischen Systemtheorie und deren Verbindung zur Literatur. Welche Konsequenzen hat die Systemtheorie für das Literatursystem? Inwiefern ist das systemtheoretische Begriffsinventar für eine literaturwissenschaftliche Textanalyse brauchbar? Ist es möglich, Luhmanns Theorie der autopoietischen Systeme auch auf einen Text anzuwenden und diesen als System zu betrachten? Dabei ist sich der Verfasser dieser Arbeit bewusst, dass lediglich Ansätze einer literarischen Anwendung der Systemtheorie aufgezeigt werden können ohne Anspruch auf eine vollständige Analyse.
1 Die Theorie der Autopoiese von Maturana
Die von den Neurobiologen Maturana und Varela entwickelte Theorie der Autopoiese hatte in erster Linie die Beantwortung der Frage zum Ziel, was Lebewesen von anderen Dingen der Welt unterscheidet bzw. wie die Organisation von Lebewesen gestaltet ist (Dettmann 1999: 10f). Dabei sollte Maturanas Beschreibung der charakteristischen Eigenschaften lebender Systeme von innen her erfolgen (im Gegensatz zu früheren Forschungen, die alle mit Betrachtungen von außen her arbeiteten). Im Laufe seiner zahlreichen Forschungen erkannte Maturana, dass Lebewesen als molekulare Systeme Netzwerke der Molekülproduktion bilden, „worin die aus Wechselwirkungen hervorgehenden Moleküle sowohl das sie erzeugende Netzwerk
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konstituieren als auch seine Ausmaße und Grenzen bestimmen“ (Maturana 1994: 35). Mit dem Begriff der Autopoiese oder Selbstgestaltung wollte Maturana später genau dies ausdrücken: Systeme realisieren sich als Produkte ihrer eigenen Operationen; ein molekulares Netzwerk erzeugt also nur sich selbst- als molekulares Netzwerk 1 (Maturana 1994: 36).
Das Hauptwesensmerkmal lebender Systeme ist für Maturana somit seine autopoietische Organisation und die damit einhergehende Fähigkeit zur Selbstherstellung und Selbsterhaltung (Dettmann 1999: 56f). An anderer Stelle definiert Maturana ein autopoietisches System als ein Netzwerk der Produktionen von Bestandteilen, die (1) durch ihre Interaktionen rekursiv das Netzwerk der P roduktionen bilden, das sie selbst als Bestandteile produziert, die (2) die Grenzen des Netzwerks als Bestandteile konstituieren, die an seiner Konstitution teilnehmen und die (3) das Netzwerk der Produktionen als eine zusammengesetzte Einheit in dem Raum verwirklichen, in dem die Bestandteile existieren (Maturana 1996, S. 94).
Autopoietische Systeme sind also imstande sich selbst herzustellen und zu erhalten und können dadurch ihre Autonomie gegenüber ihrer Umwelt und damit ihre Existenz sichern. Diese Autonomie vergrößert jedoch auch die Distanz lebender Systeme zu ihrer Umwelt derart, dass die Umwelt für sie unter erkenntnistheoretischer Perspektive unzugänglich bleibt. Elementar ist in diesem Zusammenhang, dass sich selbsterhaltende Systeme gezwungen sind, sich von ihrer Umwelt abzugrenzen und eine autonome Grenze zu produzieren, die unabhängig vom System existiert (Dettmann 1999: 58f). Folge dieser Auffassung von Lebewesen als molekulare autopoietische Systeme ist die Einsicht, dass alles, was in Systemen vorgeht, streng strukturdeterminiert ist und auch äußere Einwirkungen nur bereits zuvor determinierte strukturelle Veränderungen auslösen können. Wir reagieren also immer nur im Sinne unserer eigenen Struktur, egal ob es sich um Handlungen, Wahrnehmungen oder Interpretationen handelt. Für die Erkenntnistheorie bedeutet dies, dass wir uns nicht auf eine eigenständige Außenwelt beziehen können, die
1 Die experimentellen Grundlagen für das Autopoiese-Konzept gewann Maturana bei dem Versuch, Korrelationen zwischen den Aktivitäten retinaler Ganglienzellen und Farben (physikalisch definiert über Wellenlänge) zu berechnen. Dabei konnte keine Korrelation zwischen den Wellenlängen und einer bestimmten Art von Ganglienzellen berechnet werden, d.h. Wellenlängen korrelieren nicht mit den Aktivitäten retinaler Ganglienzellen. Die Aktivitäten der Ganglienzellen lassen sich aber mit den Farbnamen, der Sprache, eindeutig korrelieren. Es besteht folglich eine eindeutige Korrelation zwischen einem Zustand von Aktivität innerhalb eines Nervensystems mit einem anderen Zustand innerhalb eines Nervensystems, nämlich zwischen interner retinaler Aktivität und sprachlicher Kodierung. Wir sehen keine Farben in der Welt, sondern wir erleben unseren eigenen chromatischen Raum. Das Nervensystem ist folglich operational abgeschlossen (Maturana, 1996, S. 94).
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sich wie im Alltag oft gemeint, von selbst zu erkennen gibt und unsere Aussagen unterstützt. Als strukturdeterminierte Systeme ist dies nicht möglich (Maturana 1994: 36f).
1.1 Die Selbstreferentialität
Ein entscheidendes Merkmal autopoietischer Systeme ist ihre Selbstreferentialität. Dies bedeutet, dass sich diese Systeme zur Aufrechterhaltung ihrer Organisation ausschließlich auf sich selbst beziehen und dementsprechend gegenüber ihrer Umwelt autonom bleiben (organisationelle Geschlossenheit). Alle Informationen, die das System zur Aufrechterhaltung seiner Organisation benötigt, liegen in seiner Organisation s elbst. Maturana nennt dies die basale Selbstreferenz. Die Zirkularität der Organisation macht das System zu ein in sich selbst geschlossenes System und so beziehen sich die Operationen des Systems einzig auf die Operationen des Systems (operationale Geschlossenheit). Maturana bezeichnet dies als Autonomie des Systems (Fischer 1993). Die operationale Geschlossenheit bezieht sich nun weiter auch auf informationelle (kognitive) Geschlossenheit. Dies bedeutet, dass ein lebendes System informationsdicht ist und weder In- noch Output hat. Das System erzeugt die Information, die es benötigt, innerhalb seiner eigenen kognitiven Prozesse und nimmt keine Information von außen auf. Informationen sind so immer interne Konstrukte und Einflüsse von außen stellen lediglich Perturbationen (Störungen) dar, die nur innerhalb des Systems zu Information konstruiert werden können. Das System interagiert also nur nach systemimmanenten Gesetzen. Es kann nicht gezielt auf ein anderes autopoietisches System Einfluss nehmen (im Sinne von Informationsübertragung), sodass dieses in einer gewünschten Art und Weise reagiert (Fischer 1993, S. 24).
Die Struktur des autopoietischen Systems legt also den möglichen Interaktionsbereich bzw. Kognitionsbereich des Systems fest. Erkennen und Wahrne hmen kann das System folglich nur im Bereich seiner ihm möglichen Interaktionen.
1.2 Der Beobachter
Eine zentrale Rolle in der Theorie Maturanas spielt auch der Begriff des Beobachters. „Beobachter“ steht dabei für jedes lebende System, da Leben und Beobachten für Maturana gleichbedeutend sind. Unabhängig von dem jeweiligen Tun, sind wir nach Maturana im Lebensvollzug selbst Beobachter. Wäre dies nicht der Fall, könnten wir zum
Arbeit zitieren:
Fabienne Schwarz, 2005, Die systemtheoretischen Theorien Maturanas und Luhmanns mit Ausblick auf die Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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