-1-
Inhaltsverzeichnis:
Prolog -2-
I. Grundlegung: Und wenn Wahrheit eine Lüge ist?
1.1. Das Problem von Erkenntnis und Wahrheit: -3-
Das Ding an sich
1.2. Nietzsches Erkenntniskritik: Warum Wahrheit? -5-
Die Relation von Wahrheit und Leben
1.3. Wie Wahrheit zur Fabel wurde - -7-
Die Genese eines Illusion namens Wahrheit
II. Entfaltung: Wahrheit und Moral
2.1. Das Problem von Erkenntnis und Moral -9-
2.2. Außermoralische Ursachen und Motive der Moral -11-
2.3. Der Widerspruch zwischen Leben und Moral -13-
Epilog : Nietzsches individualistischer Moralentwurf -14-
Literaturverzeichnis -17-
-2- Prolog
„Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt,
aber nicht vom Wahrheit sagen.” 1 (Lichtenberg)
Gerade vor Kurzem noch zelebrierte die „Nietzsche-Industrie” den 100. Todestag des Denkers und Philosophen für den Philosophieren immer den Abgrund denken bedeutete. Paßt dazu das aktuelle, kommerzialisierte und populäre Nietzschebild des Philosophen für alle Lebenslagen? Oder täuscht man sich hier allzu leichtfertig darüberhinweg, daß es mit Nietzsche keine Bequemlichkeiten mehr gibt und den Abgrund denken eben auch heißt mit dem zerstörenden Hammer um sich zu schlagen. Abseits der Lobeshymnen für den „Elvis der Philosophie” 2 , darf man vermuten, liegt Nietzsches Attraktivität in einem „Zauber der Ambivalenz, einem Denken zwischen Zynismus und Kritik.” 3 Unsere hedonistische Spaßgesellschaft scheint es allein auf diesen Zynismus abgesehen zu haben, und leicht vergißt man dann, daß Nietzsches Kritik seinem späteren Zynismus vorangeht und nicht ziellos einfach eine Lebenshaltung ist. Denn Nietzsches Werk verweist immer auf seinen Autor zurück, einen zeitlebens physisch und psychisch labilen Menschen, der an sich selbst und seinen Mitmenschen, der Gesellschaft im allgemeinen mit ihren moralischen Normen und Werten verzweifelt ist und von denen er sich zu befreien versuchte. 4 Sein Mittel zur Befreiung, wenigstens des Geistes, ist die Kritik an diesen Normen und Werten gewesen.
Ich möchte in dieser Hausarbeit Nietzsche den scharfsinnigen Aufklärer betrachten, der mit seinem Denken kritische Impulse für die Philosophie im Allgemeinen, und die Ethik im Speziellen geliefert hat. Zweifellos gibt es auch den ungeheuren Nietzsche, den „Anti-Demokraten”, den „Vordenker des räuberischen Kapitalismus,” oder den „Biopolitiker und Eugeniker.” 5 Dies zu unterschlagen oder gar zu
1 G. Ch. Lichtenberg: Aus den „Südelbüchern”. In: Schriften und Briefe. München 1967-72, S. 763.
2 R. Maresch: „Lernt mich gut lesen.” In: Die Tageszeitung, 6./7. Januar 2001, S. 13.
3 K. Mishima: Die falschen Töne der Vernunft. In: Die Zeit 35/2000.
4 vgl. J. Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Freiburg 1991, Bd. 2 S. 505. Hirschberger weist daraufhin, daß Nietzsches Werk selbst eine Spiegelung von Nietzsches zerrissener Psyche ist. Diesen Zugang zum Verständnis von Nietzsche verfolgt ausführlicher auch G. Schulte: Ecce Nietzsche - Eine Werkinterpretation. Frankfurt/New York. 1995. Nietzsches Problem ist demnach: Wie man als Dionysos, die zentrale Projektionsfigur seiner Wünsche, leben kann. Besondere Beachtung für die Lösung des Rätsels Nietzsche mißt Schulte Nietzsches Homosexualität und seinem Hang zum Masochismus bei - beides ist in der Figur Dyonisos belegbar -, die ihn in eine Konfliktsituation mit den gängigen Moralvorstellungen bringen mußten.
5 R. Maresch: „Lernt mich gut lesen.” (Fußn. 2)
-3- vergessen,würde heißen, Nietzsche nicht verstanden zu haben. Entgegen seiner eigenen Prophetie vom hochgezüchteten Herrenmenschen, die im Nationalsozia-lismus und der menschlichen Katastrophe von Auschwitz nicht zufällig, wenn auch in umgekehrter Weise Wirklichkeit geworden ist, wie Günter Schulte vermutet, 6 glaube ich, in Nietzsche ebenso den Rebellen der Befreiung, den Freigeist und den Individualisten erkannt zu haben.
Die Hausarbeit ist folgender Maßen konzipiert: Ihr Hauptaugenmerk gilt der Entlarvung, Demaskierung oder auch Aufklärung der Ambivalenz menschlicher Werturteile, die im Laufe von Jahrtausenden zu festen Normen, ja sogar Wahrheiten an sich geworden sind. Der erste Teil, eine Art Grundlegung, soll anhand von Nietzsches Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne” von 1872/73 an seine genetische Methode heranführen. Es soll die, für die folgenden Erörterungen wichtige Frage beantwortet werden, was Nietzsche unter Wahrheit versteht und welche Bedeutung sie für das menschliche Leben hat. Der zweite Teil kann als Entfaltung der Grundlage verstanden werden: Nietzsches Kritik an moralischen Werturteilen und ihrer scheinbar unabänderlichen Wahrheiten. Hier macht Nietzsche auf die Kehrseiten von verfestigten und institutionalisierten Normen und Wahrheiten aufmerksam, etwa die Unterwerfung und Entindividualisierung des Menschen und die Entsagung und Verachtung des sinnlichen Lebens. Ein Fazit soll schließlich die politische Bedeutung seiner Wahrheitskritik herausstellen: Die unumgängliche Beachtung des Individuums bei moralischen Wertsetzungen.
I. Grundlegung: Und wenn die Wahrheit eine Lüge ist?
1.1. Das Problem von Erkenntnis und Wahrheit: Das Ding an sich
Wahrheit ist seit der Antike zunächst gar kein ethischer, sondern ein erkennt-nistheoretischer Begriff und bedeutet, laut philosophischem Wörterbuch, daß als wahr gelten könne, wenn ein „Gemeintes mit einem dinglichen oder undinglichem Sachverhalt übereinstimmt.” 7 Es geht hierbei weniger um einen formalen Wahrheitsbegriff, wie etwa in der Logik, als vielmehr um den Inhalt menschlicher Erkenntnis. Erkenntnis ist eine Leistung des vernünftigen Verstandes, des Intellekts, von dem Nietzsche aber behauptet, „hier ist die Täuschung, das
6 vgl. G. Schulte: Ecce Nietzsche. (Fußn.4) S. 123f.. Demnach wollte Nietzsche weder die Vernichtung der Juden und schon gar nicht der Homosexuellen.
7 G. Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart 1991, S. 765.
-4- Schmeicheln,Lügen und Trügen … die Regel (...).” 8 Nietzsches Wahrheitskritik impliziert daher immer auch eine Kritik der menschlichen Vernunft. Nun wird man jedoch schnell zu einigen Fragen gelangen, z.B. was kann der Mensch überhaupt erkennen? - Die Realität!? Also z.B. die ihn umgebenden Gegenstände wie Baum, Tisch, Computer o.ä.?! Was aber charakterisiert die benannten Dinge, von denen es offensichtlich ganz vielfältige Ausprägungen gibt? Vielleicht ist es ein idealtypisches Urbild, ein sogenanntes Wesen eines Dinges, das unabhängig von den Täuschungen (wie Platon sagen würde) unserer dynamischen Alltagswelt, unabänderlich und ewig existiert? Wie aber kann der Mensch, so läßt sich weiterfragen, dieses Wesen dann wahrnehmen, wenn sein Auge doch so oft „irritiert” wird? - Das sind große Fragen für Philosophen. Um Nietzsches Überle-gungen zu Wahrheit und Lüge verstehen zu können, insofern sie zuallererst erkenntnis- und erst dann moralkritisch sind, bedarf es der Klärung eines Hinter-grundes: Kants Erörterung des Dinges an sich. Denn auch Kant dachte daran die Frage, was der Mensch denn wissen, d.h. hier erkennen könne, zu beantworten.
Kant nahm an, daß es für alle Objekte menschlicher Anschauung, die nur (subjektive) Erscheinungen, Phänomene seien, einen übersinnlichen Grund gibt, das Ding an sich, das uns rätselhaft bleibt, weil laut Zitat Kant: „Uns die Gegenstände an sich gar nicht bekannt [sind], und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts anders als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit [sind], deren Form der Raum ist, deren wahres Correlatum aber, d.i. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung niemals gefragt wird.” 9
Kants Verdienst ist daher für Nietzsche, die Grenze der menschlichen Erkenntnis ausfindig gemacht zu haben, jenes Ding an sich, das „wahre Sein” der Dinge, das eben nicht erkennbar ist. Braucht man überhaupt, wie Schopenhauer fragte, dieses „erträumte Unding, dessen Annahme ein Irrlicht in der Philosophie [ist]?” 10 Nun, Kant brauchte das Ding an sich für die Begründung und Rechtfertigung seines metaphysischen Sittengesetzes, dazu aber im zweiten Teil.
Im Folgenden geht es darum zu verstehen, welche Bedeutung die Wahrheit, die nun nicht mehr mit einem Ding an sich zu rechtfertigen ist, für den Menschen hat.
8 F. Nietzsche: Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Frankfurt a.M./Leipzig 2000, S.10.
9 I. Kant: Kritik der reinen Vernunft. In: Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M. 1977, Bd. 3, S. 78.
10 A. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Werke in zehn Bänden (=Züricher Ausgabe). Zürich 1977, Bd. 1, S. 31.
Arbeit zitieren:
Nils Ramthun, 2001, Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralischen Sinn, München, GRIN Verlag GmbH
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