-2- Verhältniszu sich, als gewaltsame Selbstbeherrschung der eigenen Natur, und das zu seinen Mitmenschen in Form von Repression und Gewaltherrschaft. Was als Fortschritt gedacht wird, ist dann ein stetiger Rückschritt. Zunächst werde ich also eine Skizze dieses „dialektischen Umschlags” von „Aufklä-rung in Barbarei” versuchen, indem ich das Verhältnis Aufklärung und Mythos unter-suche. Der von Horkheimer und Adorno angeführte homersche Epos, die Odyssee, dem „Grundtext der europäischen Zivilisation”, soll einerseits zur Verdeutlichung herangezogen werden, schließlich aber auf die Kosten der instrumentellen Vernunft gegenüber dem einzelnen Individuum und der Gesellschaft hinführen. Abschließend möchte ich die DdA kritisch bewerten und verständlich machen, warum einzelne Standpunkt Horkeimer und Adornos widersprüchlich sind und in einer Aporie münden (müssen) - hier liegt die ganze Merkwürdigkeit des Buches! Nämlich einmal Aufklä-rung an-sich führt ins Unheil und ist ebenso unheilbar in blinde Herrschaft verstrickt. Dem nun -fast!- unvereinbar gegenüberstehend ist der von Horkeimer/Adorno formu-lierte Anspruch einen positiven Aufklärungsbegriff begründen zu wollen, im Sinne einer aus sich selbst selbstreflektierten Aufklärung. Angesichts des historischen Entstehungshorizontes wandelt die DdA stets am Abgrund: einerseits einer pessimisti-sch-resignativen Einsicht, anderseits dann dem Versuch progressiv-optimistischer Dialektik treubleiben zu wollen.
I. Das Moment des dialektischen Umschlags von Aufklärung in Barbarei: Mythos, Aufklärung und instrumentelle Vernunft
Horkheimer und Adorno beschreiben das Verhältnis von Mythos und Aufklärung als ein dialektisches. Was bedeutet nun dialektisch? Mit Hegel und seinem Schüler Marx vereinfacht gesprochen, eine These (also z.B. hier der Mythos) trägt ihren Widerspruch, die Antithese (hier: Aufklärung) schon in sich und schlägt in diese um. Also der Moment des dialektischen Umschlages. Für Hegel und Marx wichtig ist die „Aufhebung” sowohl der These, als auch der Antithese in einem „höheren” Ganzen,
-3- dieSynthese. Aufheben meint etwas beinahe Paradoxes, in jedem Fall sehr Seltsames: In der Synthese sind These und Antithese aufgehoben im Sinne von sie sind bewahrt und doch enthoben worden (wie dann und wann Gesetze ihrer Gültigkeit verlieren) -vielleicht sogar ein aufgehoben wie in „ich fühle mich aufgehoben”, d.h. sicher und geborgen, ich bin (wieder) zu Hause. Eine solche Aufhebung in der Synthese ist zwar auch bei Horkheimer und Adorno vernehmbar, wird aber zu ihrem eigentlichen Problem. Aber dazu später.
Konkret heißt das in den Hauptthesen der Dialektik der Aufklärung: Mythos ist schon Aufklärung, also „Mythos setzt die Aufklärung ins Spiel” und „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.” Das impliziert der Mythos trägt das Wesensmerkmal der Aufklärung in sich und Aufklärung gleicht eigenschaftlich doch immer auch dem Mythos, und zwar in allen geschichtlichem Ausprägungen.
Horkheimer und Adorno weisen nach, daß Mythos Aufklärung ist, insofern auch der Mythos ein Erkenntnisanspruch hat und Fragen nach dem Ursprung der Welt und des Menschen, nach dem Sein, oder auch bestimmten Naturphänomenen stellt und sinnhaft im Begriff des Animismus, man beachte diese (von der Ratio getragene) Abstraktionsleistung, d.h. der Annahme der Beseeltheit der gesamten äußerlichen Natur, zu beantworten versucht. Seinerseits schlägt Aufklärung, angetreten diesen „animistischen Zauber” Mythos als Anthropomorphismus, der Projektion von Subjektivem auf die Natur mittels Wissen zu entzaubern, in Mythologie zurück, z.B. in der historischen Ausprägung des Positivismus, der streng antimetaphysisch zu einer „naturgesetzlichen”Tatsachenerklärung gelangt (man beachte diese schreiende Metaphysik in „naturgesetzlich” - ja folgt die Natur einem Gesetz, wie es die menschliche Ratio aus der Not heraus „erkennt”, da der Natur es beliebt zu schweigen? ).freilich ganz ohne Zutat eines Subjektes, denn dieses, unter dem Verdacht metaphysisch zu sein stehend, ist zum Objekt degradiert. Ein solcher Positivismus, so die beiden Autoren, ist selbst ein anthropomorher animistischer Zauber geworden, weil er als etwas Gewordenes und Gemachtes den Urheber seiner selbst, das (selbstherrliche) Subjekt verdinglicht hat.
-4- DasMythos und Aufklärung immanent verbindende Element ist die Ratio. Genauer: eine instrumentelle Vernunft, die das dialektische Umschlagen verursacht, da sie kein Interesse, keinen Willen am Verstehen, im Sinne von „Einsicht” hat, sondern ausbeu-ten und beherrschen will und etwas anderes jenseits seiner selbst nicht zulassen kann -und doch immer zulassen muß. Diese instrumentelle Vernunft, so Horheimer/Adorno, ähnelt dem Betrug, der Täuschung, der List.
Ein Blick in die Odyssee mag den Sachverhalt des Betruges verdeutlichen, nämlich in mythischen Opferhandlungen: Der Opferende läßt sich im Opfer(tier!) stellvertreten. Gerade dieser „Stellvertretungsglaube” setzt eine List der Ratio voraus, denn eigentlich müßte sich diese Rationalität, die keine Magie zuläßt, ihren Betrug selbst als magisch erkennen, da sie „glaubt” sich stellvertreten zu lassen (zu können). Dies ist gleichermaßen konsequent wie clever: Das unmittelbare Menschenopfer wird für einen Glauben Opfer (ehemals: Mensch) und Opferding (Tier) seien Variablen für ein und das selbe aufgegeben. Hier läßt sich instrumentelle Vernunft nachweisen. Diese Rationalität weiß um das Wesen ihres geleisteten Betruges, das Fortbestehen der mythischen Magie in ihrem Namen: Der Wille zur Selbsterhaltung, also entweder Überleben oder Untergehen, Leben oder Tod. Denn der Betrug gilt den mythischen Naturgottheiten. Sie werden auf die Art und Weise entmachtet, wie der Mensch sie ehrt (- z.B.die Zuweisung eines abgetrennten „heiligen Bezirkes”-), zweifellos weniger der Ehre wegen, sondern um den Menschen an die Stelle der Gottheiten zu stellen als ihr Ebenbild. Ja, vielleicht formt sich das identische Selbstbewußtsein sogar erst durch Moment der List: Odysseus und die Sirenen, die Figuren des Zwanges. Eben dieser Odysseus behauptet sich durch die List der Stellvertretung: Als Gefesselter, die Gefährten arbeiten lassend, lauscht er dem gefährlich süßen Gesang der Sirenen. Und doch als dem Lied Verfallener, fällt er doch nicht. Er triumphiert über den Zwang, daß derjenige, der die Sirenen hört des Todes ist. Aber gerade durch diese List sichert er den Fortbestand der mythischen Mächte indem er sie in Besitz nimmt, zum Gegen-stand seines Triumphes macht und sie als Stoff seiner eigenen Identität gebraucht und eben doch unbedingt braucht. Daran geknüpft ist die Fähigkeit der Vereinheitlichung
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Nils Ramthun, 2001, Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung und ihr Problem der Aporie, München, GRIN Verlag GmbH
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Der Autor versteht, "fühlt" das Dialektische der Geschichte nicht. Er hat wahrscheinlich keinen Humor, nach Brecht (siehe "Flüchtlingsgespräche") Voraussetzung, Dialektik zu verstehen, so wie der Swing Voraussetzung für ein Jazzfeeling ist, man hat ihn oder hat ihn nicht. Die achtbaren Bemühungen des großen Pianisten Friedrich Gulda, Jazz zu spielen, waren, weil er den Swing nicht hatte, aufwendiges Tastengeläuf, wie das Sprücheklopfen der Mainstream-Popper gegen die DdA, denen angesichts der immer noch nicht heruntergeholten Bombengeschwader des Kapitals auf ihre konformistische Fragerei nichts mehr zu sagen ist (nach Brechts "Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus"). Das Denken der DdA-Kritiker und ähnlicher ist vor allem eins: Völlig ahistorisch! Und trotzdem versuchen sie sich an der DdA.
am Wednesday, January 27, 2010-