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Grundzüge einer Christologie nach Auschwitz
INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis 2
I Auschwitz als Ausgangspunkt eines fundamentalen Umdenkens 3
II Problemfelder 4
1. Exegetische Grundlagen 4
2. Verschiedene Denkweisen 5
3. Das Besondere des Christentums 7
III Horizonte der Christologie 8
1. Christologie ohne Israel 8
2. Israel als Kontext der Christologie 8
IV Grundzüge einer Christologie nach Auschwitz 9
1. Ein theo-logisches Christologie-Modell 9
2. Jesus Christus in einer theo-logischen Christologie 10
a) Inkarnation 10
b) Pneumatologie 12
c) Trinität 12
d) Nachfolge 13
3. Heil in einer theo-logischen Christologie 13
a) Eschatologie 13
b) Staurologie 13
c) Soteriologie 15
d) Universalität 16
V Von der Christologie zur Christopraxie 16
VI Literaturangaben 18
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I. Auschwitz als Ausgangspunkt eines fundamentalen Umdenkens
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen und ein schlechter Baum keine guten. Je- der Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen.
Matthäus 7,16-20
Ginge man mit diesem bestechend einfachen neutestamentlichen Bild als Maßstab an die Geschichte des Christentums mit seinen zahlreichen dunklen Kapiteln heran, so wäre das Ergebnis sicher „ein Korb mit reifem Obst“ (Amos 8,1f.) und unverkennbar vielen faulen Früchten. In welchem Maß und in welcher Art auch immer sich Christen von der Geschichte ihrer „Väter und Mütter“ berühren lassen, es führt kein verantwort- barer Weg daran vorbei, die schlechten Früchte nicht still und leise - vielleicht ver- schämt - hinter dem Rücken von Größe, Einfluß, Universalität und reichlich vorder- gründigem Trost verschwinden zu lassen.
Spätestens seit Ausschwitz ist ein fundamentales Umdenken unumgänglich. Gerade weil es kein Zurück mehr gibt, Auschwitz – und es steht für die Vernichtung von Milli- onen – ist unleugbar geschehen, muß auf dem Hintergrund eines definitiven „Nie wie- der“ der Blick auf die christlichen Wurzeln des Antijudaismus und des daraus gewach- senen Antisemitismus fallen.
„Wir Christen kommen niemals hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz. Das ist in meinen Augen der Preis für die Kontinuität des Christentums jenseits von Auschwitz. Man sage nicht: Schließlich gibt es für uns Christen andere Gotteserfahrungen als die von Auschwitz. Gewiß! Aber wenn es für uns keinen Gott in Auschwitz gibt, wie soll es ihn dann für uns anderswo geben? Man sage auch nicht, eine solche Auffassung verstoße gegen den Kern der kirchlichen Lehre, derzufolge den Christen die Nähe Gottes in Jesus Christus unwiderruflich verbürgt ist. Es bleibt ja immerhin die Frage, für welches Christentum diese Zusage gilt. Etwa für ein antijudaistisch sich identifizierendes Christentum, das zu den historischen Wurzeln von Auschwitz gehört, oder eben für eines, das seine eigene Identität nur wissen und verkünden kann im Angesicht dieser jüdi- schen Leidensgeschichte? Für mich ist die Anerkennung dieser quasi heils- geschichtlichen Abhängigkeit der Prüfstein dafür, ob wir als Christen bereit sind, die Katastrophe von Auschwitz wirklich als solche zu erfassen und sie als die Herausforderung, als die wir sie häufig moralisch beschwören, kirchlich und theologisch auch wirklich ernstnehmen.“ 1
Der jüdisch-christliche Dialog ist der Boden für die sich aus dem Blick auf die christli- chen Wurzeln des Antisemitismus ergebenden Korrekturen in theologischer und chris-
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tologischer Hinsicht, ohne die ein „über Auschwitz hinaus“ (s.o.) nicht wirklich mög- lich sein kann. Dieser Dialog beginnt mit dem Kennenlernen des Judentums als Wurzel des Christentums ausgehend von den biblischen Schriften und der Entdeckung des gemeinsamen Weges mit seiner Hoffnung auf die Erfüllung der biblischen Verheißun- gen und dem daraus folgenden gemeinsamen „Weltdienst“ von Juden und Christen. Zum einen ist theologische Arbeit angesagt, welche die jeweils identitätstiftenden Ge- meinsamkeiten und Unterschiede auf diesem Weg herausarbeitet, zum andern muß der Dialog so gestaltet werden, daß er „vom traditionellen Kirchen- und Synagogenvolk akzeptiert“ werden kann, so Clemens Thoma. 2 Diese Akzeptanz kann nur in einer ge- genseitig verstandenen und getragenen Glaubens- und Lebenspraxis münden, daher bezieht sich das Umdenken auf alle Fragen und Lehren christlicher Theologie 3 und muß in alle Bereiche christlichen Lebens Eingang finden.
Im folgenden soll nach systematischen Grundzügen einer Christologie gesucht wer- den, die nach Auschwitz bestehen kann und keiner Ausgrenzung der jüdischen Wur- zeln bedarf, um die christliche Identität zu begründen.
II. Problemfelder
1. Exegetische Grundlagen
Die Relevanz des Historischen in der Exegese und ihr Einfluß auf die Systematik ist eine Frage, die die Theologie noch weiter beschäftigen wird. Eines der spannendsten, jedoch auch unergiebigsten, Themen ist die Suche nach dem historischen Jesus. Bei diesem Unternehmen stößt man an eine Grenze, die entscheidend für die Entwicklung der Christologie sein wird: Jesus ist im Evangelium immer mit maximaler Sicherheit der Verkündete, verschwindend geringe Spuren führen auf den historischen Jesus zurück. Diese Spuren führen in seine Lehre und Ethik, niemals finden sich christologische Aussagen, die sozusagen Jesus über sich gesprochen hätte.
Prof. Martin Ebner stellte im Sommersemester 1999 in seiner Vorlesung „Christologie in Q“ die These auf, daß die Christologie der Spruchquelle einen Reflex der Q-Gruppe darstellt, die mit apokalyptischen Bildern, z.B. Jesus als Richter im Endgericht, auf die scheiternde bzw. gescheiterte Judenmission reagiert und die Enttäuschung über die
1 METZ, J.B., Kirche nach Auschwitz, in: Israel und Kirche heute, MARCUS, M./ STEGMANN, E.W./ ZENGER, E. (Hrsg.), Freiburg 1991, 112.
2 THOMA, C., Kritik an heutigen Gesprächstendenzen bei Christen und Juden, in: Judaica 38 (1982), 111.
3 Für die theologischen Disziplinen hat Franz Mußner diese Durchdringung einmal beispielhaft skizziert. Vgl. MUßNER, F., „Theologie nach Auschwitz“. Eine Programmskizze, in: Kirche und Israel, Neukirchener Theologische Zeitschrift (10), 1995, 8-23.
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Ablehnung kompensiert in einer christologischen Radikalisierung 4 . Das bedeutet, daß Christologie von der Wurzel an, und weiter zurück läßt sich nicht gehen, funktional gedacht wurde - zu Fragen wird also sein, in welcher Funktion sie stand, steht und stehen sollte.
Insgesamt läßt sich für das NT als Grundschrift des christlichen Glaubens konstatie- ren, daß es nicht „die“ Christologie enthält, sondern Christologien, die sich auseinan- der entwickeln oder teilweise widersprechen. Die Fortschreibung bzw. auch Zementie- rung neutestamentlicher Ansätze von Christologie in der Geschichte des Christentums wird neu zu beurteilen sein, jede Christologie muß sich bezüglich ihrer Definitivität anfragen lassen auf ihre Funktion hin.
Auch bezüglich des Stellenwerts der Christologie wird ein Umdenken nötig und mög- lich. So kann hinter den bestehenden Modellen die Botschaft Jesu wieder stark ge- macht werden, muß vielleicht die Person Jesu von der Sache Jesu her gesehen werden, um heute verantwortlich davon reden zu können, wie und warum Jesus für uns Chris- ten der Christus ist.
2. verschiedene Denkweisen
Schon die späten Schriften des Alten Testaments mit ihrer Weisheitslehre stellen eine Reaktion auf die Hellenisierung nach Alexander dem Großen und seinem Siegeszug im Orient und weit darüber hinaus dar. Das griechische Denken steht in der Form, wie es sich entwickelt hat konträr zum jüdischen Denken. Diese Unterschiede sind herauszu- arbeiten und vor allem ihre Wirkungsgeschichte im NT bis in die christlichen Traditio- nen.
Stellt man beide Denkweisen schematisch einander gegenüber, fragt das griechische Denken nach dem Wesen der Dinge und bezieht seine Wesensaussagen auf ein „Un- endliches“, d.h. das Wesen als „das Eine, Gleichbleibende hinter dem Wandelbaren und Mannigfaltigen der Dinge in der Zeit“ 5 :
Wesen
Es gibt im Grunde keinen Anfang oder ein Ende der Zeit, denn Zeit ist mit den Dingen kontingent, nicht „wesentlich“. Die Frage nach Gott stellt sich nach dieser Denkungs-
4 Leider gibt es dazu noch keine Publikation.
5 Zitate und Skizzen entnommen aus: DREWERMANN, E., Strukturen des Bösen, Bd.1, Paderborn
7 1988, XXIf.
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Jan Frerichs, 1999, Grundzüge einer Christologie nach Auschwitz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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