Inhaltverzeichnis
Inhaltverzeichnis 2
Einleitung 3
1 Die Absurdität. Begriff, Funktion und Verwendung 5
1.1 Begriff 5
1.2 Die Absurdität in der sophistischen Rhetorik 6
1.3 Funktionen der Absurdität in der Rhetorik 8
2 Die Absurditäten in den Reden Jesu 10
2.1 Die Absurdität in logischen Ausführungen 10
2.1.1 Das Fasten während der Hochzeit: Mk 2,18ff Mt 9,14ff Lk 5,33ff 10
2.1.1.1 Ausgangssituation 10
2.1.1.2 Mögliche Varianten einer Verhaltensweise Jesu 11
2.1.1.3 Die Antwort Jesu 12
2.1.1.4 Der Bewegungsraum der Opponenten 13
2.1.1.5 Was erreicht Jesus durch die absurden Bilder 14
2.1.2 Die Funktion der Absurdität in den logischen Ausführungen 15
2.2 Verwendung der Absurdität außerhalb logischer Ausführungen 16
2.2.1 Die Absurdität im Dienste einer emotionalen Verstärkung 16
2.2.1.1 Eine Lampe unter dem Bett: Mk 4,21-22 Lk 8,16 11,33f Mt 5,13-16 16
2.2.1.2 Vom aufrichtigen Beten: Mt 7,7ff Lk 11,11ff 19
2.2.2 Die Absurdität als Unterhaltungsmittel. Kinder und Hunde: Mk 7,24f Mt 15,25f 20
2.2.3 Fazit 22
3 Schlussfolgerungen 23
Literaturverzeichnis 24
Appendix 1. Die Verwendungsbereiche der Absurdität 27
Appendix 2. Das Schema der Antwort Jesu auf die Fastensfrage 29
Appendix 3. Die Auswirkungen der Ausführungen Jesu 30
Appendix 4. Die Absurdität in den logischen Ausführungen 31
Die Trauben von den Dornen: Mt 7,15ff Lk 6,43ff 31
Der selbstverständliche Dienst: Lk 17,7ff 32
Kamel und Nadelöhr: Mk 10,23ff Mt 19,23ff Lk 18,23ff 33
2
Einleitung
Tief, tief, tiefer fallen wir in jene furchterregende, wild irrationale und doch vollkommen logische Welt, in der die Zeit rast, dann stillsteht; wo der Raum sich dehnt und sich dann wieder zusammenzieht.
So irrational oder mit anderen Worten absurd sieht die Welt eines modernen Künstlers aus. Das letzte Jahrhundert brachte die (Wieder-)Geburt einer absurden Weltanschauung. William Gibson entdeckt einen Cyberspace. Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“ beschreibt eine alternative Welt, in der unsere Gesetzte und Vorstellungen nicht mehr funktionieren. Der Kleine Prinz sieht unsere Welt durch das Prisma seines Reiches und empfindet sie als vollkommen absurd.
Ist die Absurdität eine neue Mode? Beruft man sich zu den absurden Aussagen und Bildern, wenn die logische Sprache zu scheitern droht?
Versteckt sich hinter der Absurdität, hinter diesem Unsinn etwas Vernünftiges? Ist die Verwendung solch komischer Mittel überhaupt bei solch ernsten Angelegenheiten angebracht?
Gehört die Absurdität zu den Lehraussagen, zu einer Predigt? Ist es angemessen durch das Irrationale und Unlogische das Reich Gottes zu beschreiben? Diese Arbeit zielt darauf ab, auf manche dieser Fragen eine Antwort anzubieten. Das Hauptanliegen der Arbeit ist herauszufinden, wie/ob der größte Lehrer aller Zeiten auf die Absurdität zurückgreift. In welchen Situationen und für welche Ziele benutz Jesus die absurden Aussagen?
Ganz sicher können wir von Jesus auch in dieser Hinsicht etwas Gutes und Nutzbares lernen. Das ist besonders heute der Fall, wenn die Absurdität solch eine Beliebtheit gefunden hat.
Die vorgelegte Arbeit ist auf folgender Weise aufgebaut: • Der erste Teil der Arbeit ist dem Begriff der Absurdität im Allgemeinen gewidmet. Hier wird ein Versuch unternommen die Absurdität zu definieren und ihre Verwendungsbereiche herauszustellen.
• Im zweiten Teil werden die Bildworte Jesu analysiert, in denen die Spuren des Absurden zu finden sind. Nicht alles Irrationale oder Banale kann man als absurd bezeichnen. M.E. haben die in der Arbeit erwähnten Ausführungen Jesu
3
unmittelbare Merkmale des Absurden. Es wird versucht, Vorkommen der Absurdität einzuordnen und ihre Funktionen herauszufinden. • Der dritte Teil versucht Antworten auf die oben gestellten Fragen zu geben.
4
1 Die Absurdität. Begriff, Funktion und Verwendung
1.1 Begriff
Der Begriff „Absurdität“ stammt vom lat. absurdus - das Unsinnige, das nicht Verstehende, völlig Ferne dem gesunden Menschenverstand. Buchstäblich bedeutet das Wort „ungereimt Klingendes“ und ist aus absonus (misstönend) und surdus (taub) zusammengesetzt. Die Absurdität ist eine Grenze, eine Rückseite des Sinnes und seine verkehrte Form. Ein Versuch die Absurdität kategorial zu definieren, ist eigentlich unmöglich und an sich absurd. Die Absurdität kann man weder in die Netze der gesunden Vernunft fangen, noch durch die intellektuellen Begriffe oder Ideen fassen. Sie ist auch durch die Sprache der formalen Logik unbeschreibbar. 1 Die Absurdität stellt einen Paradox dar: die Vernunft stößt in ihrer diskursiven Bewegung an den Contrasinn an und empfängt ihn erst als absurd. Dann breiten sich die Grenzen des Vernünftigen durch das logische Grübeln aus. So bekommt die Absurdität einen Sinn.
Die Absurdität und der Sinn bilden ein dialektisches Paar der Gegensätze. Absurd nennt man entweder Contrasinn (eine Alternative zum normalen Sinn, z.B.: ein rundes Viereck) oder das, was gar keinen Sinn hat, Widersinn (z.B.: hundert Gramm Käse ist grüner als vier Wettervorhersagen). 2 Die Absurdität beschreibt also:
• die gegenstandlosen Bezeichnungen, also die Worte, die mit der realen Welt in Widerspruch geraten;
• den Verstoß gegen die logischen Gesetzten. Die Aufgabe des Absurden besteht in dem Hinweis auf die Kluft zwischen Vermutung und Realität; 3 • die logischen Fehler, mit der ungerechtfertigten Ver- oder Unterschiebung der Kategorien;
• und sogar die logisch richtigen Überlegungen, wenn sie auf abwegigen oder beschränken Prämissen gebaut sind.
Die Absurdität hat sich in verschiedenen Bereichen des menschlichen Denkens eingefunden. Die Verwendungsbereiche der Absurdität sind in Appendix 1 dargestellt. In
1 „Метаэтос-этика-мораль-нравственность-совесть“ (Metaetos-Ethik-Moral-Sittlichkeit-
Gewissen).
2 Огурцов. Eine alternative Definition: „Die Absurdität ist eine Substanz, die auf sich selbst
verschlossen ist und keinen anderen Sinn außer seinen eigenen hat“ (Делез).
3 Померанц.
5
dieser Arbeit wird eine besondere Aufmerksamkeit der Verwendung der Absurdität in der Rhetorik gewidmet.
1.2 Die Absurdität in der sophistischen Rhetorik
In der Antike benutzte man oft die Absurdität als Contrasinn in der Beweismethode „reductio ad absurdum“. 4 Diese Methode entstand erst bei Plato, obwohl eigentlich Gorgias 5 als ihr Erfinder gilt. Im Dialog von Sokrates mit Gorgias findet man zahlreiche Anspiele. 6
Die reductio ad absurdum wurde sehr breit in der Gerichtspraxis 7 und in der Rhetorik von Sophisten und Skeptikern verwendet. Wegen der Involvierung der Absurdität in der Überlegung, wurde die reductio ad absurdum immer geringer als direkte Methoden geschätzt. Aristoteles bevorzugt einen direkten Beweis. 8 Euklid führt dagegen oft in seinen Beweisen ad absurdum. Die Skeptiker benutzen reductio ad absurdum als Beweis
4 Reductio ad absurdum (lat. Zurückführung zum Sinnlosen - eigentlich: eine Zurückführung auf
Sinnloses) ist eine Beweismethode der formalen Logik. Sie bezeichnet eine Widerlegung einer
Behauptung durch den Nachweis, dass in ihr eine Unsinnigkeit, ein logischer Widerspruch
enthalten ist, dass die Annahme ihrer Gültigkeit zu einem Widerspruch mit gesicherten Thesen
führt.
Diese Methode versucht den Satz (A->B) zu beweisen, indem sie den gegenseitigen Satz (A->~B)
durch den daraus abgeleiteten absurden Schluss widerlegt. Wenn man aufgrund (A->~B) an die
Absurdität anstößt, dient es als ein Beweis der Wahrhaftigkeit des Satzes (A->B).
Die Boolesche Algebra definiert diese Beweismethode folgendermaßen: (A->B) ->((A->~B)->~A)
(Гетьманова).
Euklid schlägt drei Arten der Absurdität vor, zu welchen man am Ende des Beweises des Satzes
(A->B) kommen kann: (1) ein Widerspruch mit einem anerkannten Axiom oder mit einem schon
bewiesenen Satz - (A->~B) ->~C, wo C ein anerkanntes Axiom ist, ~C ist absurd; (2) ein
Widerspruch mit Bedingungen eines Theorems - (A->~B) ->(~A->~B), wo (~A->~B) ein absurdes
Theorem ist; und (3) ein Widerspruch mit einer Annahme - (A->~B) ->B oder (A->~B)->E und
(A->~B)->~E, wo die Gleichzeitigkeit von ~B und B, bzw. ~E und E eine Absurdität darstellt.
Euklid erwähnt auch eine Beweismethode des zweiten Ranges: (A->B) wenn (B->A)->(D->C) ist
absurd, und (D->~C) ist absurd. Er versucht von der vorgegebenen Aussage eine andere
abzuleiten, welche er dann ad absurdum führt (Мордухай-Болтовский).
Die einfachste Form reductio besteht in folgender Vorgehensweise: Prämisse - A ist wahr, A->B.
Wenn A->~B beweisbar ist, ist A falsch.
5 Gorgias ist der Autor eines absurden Buches „Über Nichtvorhandene oder über die Natur“. In
diesem Buch listet er eine Reihe der Beweise anhand der reductio ad absurdum. Am Ende seiner
Beweisen kommt er schließlich zu der Absurdität, was als Beweis des allgemeinen Absurdseins
gelten soll („Софистика“ (Sophistik)).
6 Platon 550ff.
7 Vgl.: Цицерон (Cicero): „Речь об ответах гаруспиков“, „Речь в защиту Секста Росция из
Америй“, „Инвектива против Гая Саллюстия Криспа“. Ein Beispiel der Absurdität in der
Gerichtsrede Cicero: „Was ist der Unterschied, wenn einer vom Alter vertriebener Mensch über
die Riten spricht, oder ein Mann, der aus dem Schlaffzimmer seiner Schwester ausgegangen ist,
die Keuschheit und die Scham predigt!“
8 Aristoteles kritisiert reductio ad absurdum und beschäftigt sich sogar mit der Widerlegung
solcher Beweise (Sophistische Widerlegungen). Allgemein hat Aristoteles eine negative Stellung
zum Absurden. Vgl.: „Rhetoric“, Book III, Part 3. Trotzdem findet man auch bei ihm die Beispiele
der Absurdität. Z.B. die berühmte absurde Frage „Kann man schweigend reden?“ stammt von
Aristoteles.
6
der Unmöglichkeit von Existenz und Begründung des wissenschaftlichen Wissens. 9 Eleaten behaupteten, dass jeder Gegenstand nur eine Definition zulässt. Die widersprüchlichen Aussagen waren für sie undenkbar und daher absurd. Die Sophisten beschäftigten sich am meistens mit der rhetorischen Praxis und versuchten dabei die Widersprüche in den Ausführungen zu entdecken. Sie ließen die Gleichheit sowohl wahrer als auch falscher Aussprüche zu und lehnten das Prinzip der Unwidersprüchlichkeit ab. Obwohl die Sophisten eher mit einem rhetorischen Diskurs zu tun hatten, profitierte von ihren Ausführungen auch der logische Diskurs, indem er von den Sophisten entwickeltes „reductio ad absurdum“ übernommen hat. Die Sophisten benutzten reductio als ein Mittel zum Beweis von allen Dingen. Gerade diese Methode gab den Sophisten ein einfachstes Mittel den Gesprächpartner „zu verdummen“. Sie führten den Opponenten zu einem widersinnigen Satz, was den Zuhörern ein Lächeln abgewann. 10
Ein klassisches Beispiel solchen Beweisvorgehens:
Sophist: Sag mal, kann ein Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft besitzen und zugleich nicht besitzen? Opponent: Offensichtlich nicht! Sophist: Ist Honig süß? Opponent: Ja. Sophist: Ist es auch gelb? Opponent: Ja. Der Honig ist süß und gelb.
Sophist: Also, der Honig ist süß und gelb zugleich. Ist das Gelb süß oder nichtsüß? Opponent: Nein. Das Gelb ist gelb und nichtsüß. Sophist: Dann ist das Gelb nicht süß? Opponent: Einverstanden.
Sophist: Du hast über den Honig gesagt, dass er süß und gelb ist. Dann gabst du zu, dass das Gelb nichtsüß ist. Also ist der Honig süß und nichtsüß zugleich! 11
9 Siehe: Лисий 34-35. Vgl.: Огурцов.
10 Die Sophisten benutzen die folgende Vorgehensweise: die ersten Prämisse (A->B, oder A->C,
oder A->D) wurde nicht vollkommen genannt, indem ein unauffallender Satz (oder A->E)
ausgelassen wurde. Die zweiten Prämisse (D ist weder ~B noch ~C) wurde abgeleitet, indem aus
den Sätzen (A->B) und (A->C) unsinnige Behauptungen herausgekommen sind. Zum Schluss war
der Satz (A->D) absurd, was den Unsinn der ersten Prämisse offensichtlich machte (Мордухай- Болтовский).
11 Ивин 2000, 372f.
7
Arbeit zitieren:
Dimitry Husarov, 2005, Die Absurditäten in den Bildworten Jesu, München, GRIN Verlag GmbH
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