I. Frauen, Feuer und andere gefährliche Dinge - Lakoffs Fragestellung 3
I. Lakoffs Fragestellung
Im Folgenden soll es um grammatische Klassifikatoren und deren metaphorische Extension gehen, wie sie von George Lakoff i n seinem Buch „Women, Fire and Dangerous Things“ (1987) anhand des Beispiels der Kategorisierung in der Sprache Dyirbal der Aborigines dargelegt werden. Dieses Exempel dient Lakoff dazu, seine theoretischen Überlegungen zur menschlichen Kognition in praktischer Hinsicht zu erweitern und somit anschaulicher zu gestalten, bzw. neue Überlegungen anzustellen. Dabei stellt er fest, dass unser mentales System durch die Sprache nicht nur geordnet und beschrieben wird, sondern Sprache das Denken vorstrukturiert. Es sind zu diesem Thema vor allem die ersten sechs Kapitel des genannten Buches relevant. Zudem möchte ich weitere Primärliteratur von George Lakoff heranziehen, nämlich das mit Mark Johnson gemeinsam verfasste Werk „Leben in Metaphern“ (2003), das ursprünglich in der ersten Auflage unter dem Titel „Metaphors We Live By“ im Jahr 1980 erschienen ist.
Zunächst werde ich die Fragestellung von Lakoff kurz erläutern und dann auf die besondere Rolle der Kategorisierung eingehen und die Auswirkungen der sprachlichen Kategorisierung auf unser Denken über die Inhalte derselben. Dabei ist das Verhältnis von kognitiven und sprachlichen Konzepten wichtig, weil nach Lakoff sich jene wechselseitig beeinflussen und dadurch unsere Wirklichkeit konzipieren. Zum Abschluss werden mögliche Einwände oder Probleme zu Lakoffs Überlegungen angedeutet.
Fraue n, Feuer und andere gefährliche Dinge bilden in einer der Sprachen der Aborigines (Dyirbal) eine gemeinsame Kategorie. Wie kommt es zu dieser Kategorienbildung und hat sie Einfluss auf die Bedeutung der einzelnen Begriffe innerhalb der Kategorie?
Ein Grund gedanke bei George Lakoff ist, dass Gedanken in die Sprache und in die sozial-kulturellen Erfahrungen eines Menschen eingebettet sind. Wollen wir also etwas über unser menschliches mentales System in Erfahrung bringen, so müssen wir nach Lakoff nicht nur die Kognition isoliert betrachten, sondern immer auch die erwähnten Einflussgrößen, Sprache und Kultur, mit einbeziehen. Ein zentraler Begriff in seinen Überlegungen ist „embodied“ (1987, xiv). 1 Sinnvoll ist eine Betrachtung nur im Zusammenspiel dieser Dreierkonstellation. Weder Kognition,
1 „Thought is embodied…“: xiv Preface
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Kultur noch Sprache kann herausgelöst aus ihrer Dreierkonstellation eine adäquate Untersuchung liefern, da sie in reflexiven Verhältnissen zueinander stehen. Lakoffs zentrale Fragestellung lautet: Wie ist das menschliche m entale System organisiert, mit dem wir uns auf die Welt beziehen und ihr Bedeutung verleihen? Er fragt nicht, wie die Welt organisiert ist, sondern als kognitiver Linguist ist es ihm ein Anliegen, das Verhältnis von Subjekt und Objekt zu interpretieren, insbesondere die Rolle der Sprache in diesem Verhältnis.
Die sprachliche Kategorienbildung ist eine der grundlegendsten Aktivitäten unserer Kognition. Vielleicht ist „Aktivität“ hier sogar ein unpassender Ausdruck, denn der Prozess der Kategorienbildung passiert meistens ganz selbstverständlich und damit auch teilweise unbewusst. Es ist ein alltäglicher Prozess, der sich hier vollzieht. Wir klassifizieren nicht nur physikalische Objekte, sondern auch abstrakte Dinge wie soziale Beziehungen, Gefühle, Regierungen, Krankheiten (vgl. 1987, S.6), Zahlen, sowie auch Raum und Zeit. Die Ursache dafür, dass wir in bestimmten Kategorien denken, liegt wohl in der Organisation unseres Geistes. Es sind pragmatische Gründe, die uns bestimmte Erfahrungen, die wir mit eine r gewissen Häufigkeit machen, zu Kategorien ausformen. Dabei bleiben Generalisierungen keine Seltenheit, schließlich können wir nur begrenzt Erfahrung sammeln, sind aber gezwungen auf dieser schmalen empirischen Basis unsere Sicht der Welt zu konstituieren und Entscheidungsgrundlagen für unser Handeln zu erstellen - das Problem der Induktion. Die wiederkehrenden Erfahrungen werden zudem, beim Einen mehr und beim Anderen weniger konsistent, zu Schlussfolgerungen verarbeitet und erleichtern die Orientierung in der Welt. Es bilden sich kognitive Konzepte. Nun hängen jene Konzepte aber nicht im luftleeren Raum, sondern sind mittels der Sprache formuliert. Wenn Sprache unweigerlich an der Konstitution von kognitiven Konzepten beteiligt ist, dann lenkt die Sprache mit ihrer Beschaffenheit, wie z.B. grammatische Klassifikatoren des Dyirbal (Bayi, Balan, Balam, Bala), das Denken in eine bestimmte Richtung, oder anders gesagt, das Denken ist durch das Denken in einer Sprache ein anderes Denken als das „reine Denken“ ohne Zuhilfenahme einer Sprache, insofern Denken ohne Sprache überhaupt möglich ist. Zumindest als Gedankenexperiment ist ein außersprachliches Denken teilweise möglich und das ist für diese Überlegung ausreichend.
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II. Was ist eine metaphorische Extension?
Der Begriff der metaphorischen Extension bezieht sich auf Prototypen einer sprachlichen Kategorie, die im Zentrum stehen und auf die anderen Elemente derselben Kategorie eine metaphorische Ausstrahlung ausüben. Somit können Bedeutungen der einzelnen Be griffe einer Kategorie überlagert werden und Elemente jene Bedeutungen erhalten, die sie ohne die Tatsache, dass sie in einer gemeinsamen sprachlichen Kategorie versammelt sind, gar nicht hätten. Dabei bezieht sich Lakoff auf Eleanor Rosch, auf welche die so genannte „Prototypentheorie“ zurückgeht (vgl. 1987, S. 39). Eine der Ideen von Rosch ist, entgegen der klassischen Theorie des Prozesses der Kategorisierung, dass es „beste Elemente“ einer Kategorie gibt, die im Zentrum derselben stehen. Dadurch entsteht eine Asymmetrie, da es bessere und schlechtere Vertreter einer Kategorie gibt. Erst durch diese Asymmetrie kann es eine metaphorische Extension geben, oder, umfassender formuliert in der Terminologie von Rosch, „prototype effects“ (1987, S. 41). Der Begriff der metaphorischen Extension (metaphorical extension) taucht bei Lakoff im Zusammenhang der Erläuterung von einer der Quellen der Prototypeneffekte auf, indem er auf das Konzept „Mutter und Tochter“ eingeht (vgl. 1987, S. 76). Besonders eine Quelle der Prototypen Effekte, die metaphorische Extension, ist ein Nebenprodukt unserer kognitiven Modelle. Wie ist unser mentales System organisiert, so dass es zu Phänomenen wie metaphorischen Extensionen kommen kann?
Wie bereits oben angedeutet, sind wir auf Grund unserer schmalen Basis der Erfahrung auf Generalisierungen angewiesen. Zusammen mit sprachlichen Konzepten, wie Kategorisierungen und Metaphern, vereinfachen wir die komplexe Realität, so dass wir uns in der Welt adäquat zurechtfinden können. Man könnte von einer Idealisierung der Realität sprechen, einer straffen Reduktion, die für unseren Geist eine leicht verdauliche Kost bietet. Nicht nur durch die begrenzten Erfahrungen mit der physikalischen und sozialen Umwelt bekommen wir nur einen Ausschnitt der Realität zu fassen, sondern auch durch Metaphern und Kategorisierungen werden einige Aspekte der Realität weggelassen, andere hingegen werden stärker beleuchtet. In Lakoffs viertem Kapitel findet diese Begebenheit ihren Ausdruck in der Terminologie „idealized cognitive models“ (1987, S.68). Ihm zufolge sind kognitive
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Modelle notwendig idealisierte Modelle der Realität, die unsere Gedanken strukturieren und direkt eingebunden sind in die Sprache und in sozial-kulturelle Erfahrungen 2 . Die Komponenten, die an der Entstehung solcher kognitive n Modelle ihren konstitutiven Beitrag leisten, sind durch vier Typen gekennzeichnet 3 :
1. Struktur von Sachverhalten und Eigenschaften von Dingen sowie ihren Verhältnissen zueinander. (Siehe folgendes Konzept der „Mutter“)
2. Struktur von bildlichen Schemata (Beispiel: Kenntnisse von einer Kerze beinhalten ein langes und dünnes Objektschema)
3. Metaphorische Modelle (z.B. ontologische Metaphern; Konzept: Der Geist ist eine Maschine 4 ; Beispiel: Die Köpfe rauchen)
4. Modelle der Metonymie - Ein Teil steht für das Ganze (Beispiel: „Tisch 10 möchte zahlen!“; Ein Teil, Tisch 10, steht für das Ganze, nämlich für die Leute, die an Tisch 10 sitzen)
Das Konzept „Mutter“, das Lakoff in Kapitel vier beschreibt, werde ich nun kurz vorstellen, um anhand dessen zu erklären, was eine metaphorische Extension ist. Anschließend gilt es jenen Begriff der metaphorischen Extension auf unser Beispiel des Dyirbal zu übertragen sowie in diesem Zusammenhang die Brücke zur grammatischen Klassifikation zu schlagen.
Der Begriff der Mutter ist durch folgende Eigenschaften oder Modelle gekennzeichnet (1987, S. 74):
- Das genetische Modell: Die Frau, die das genetische Material zur Entstehung eines Kindes beiträgt, ist die Mutter.
- Das Erziehungsmodell: Die Frau, die das Kind aufzieht, ist die Mutter.
- Das Verwandtschaftsmodell: Die Frau des Vaters eines Kindes ist die Mutter.
- Das Abstammungsmodell: Die Frau, die einem Kind am nächsten steht, ist die Mutter
2 directly embodied, 1987, S.13
3 Ausführungen beruhen auf zwei Textstellen: 1987, S.68, 1987, S. 113,114
4 Beispiel ist von Lakoff und Johnson: 2003, S.38
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Peter Faulstich, 2005, Frauen, Feuer und andere gefährliche Dinge..., Munich, GRIN Publishing GmbH
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