FACHHOCHSCHULE BOCHUM
Masterstudiengang Architektur Media Management
Masterarbeit von: Göger, Florian
Thema: Townshipidentität durch Kommunikation und Partizipation
Aufgabenstellung: Entwicklung eines interkulturellen Kommunikationskonzepts als
Abgabedatum: 01.10.2004
Inhaltsverzeichnis
Relevanz des Themas 7
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis 9
A. Einleitung 10
B. Theoretisch-analytischer Teil
1.0 Südafrika im Kontext interkultureller Kommunikation 12
2.0 Globales Denken und Handeln als Beitrag zu identitätsstiftender
Stadtentwicklung 13
3.0 Die Townships von Kapstadt - Stadtentwicklung und Geschichte
3.1 Townships - ein Produkt der Apartheid 15
3.2 Beginn des Informal Settlement und der damit verbundenen
sozialen wie strukturellen Probleme 16
3.3 Stadtplanerische Lösungsansätze, ihre Schwachstellen und das
m ögliche Potential internationaler Kooperationen 18
4.0 Voraussetzungen für die Initiierung städtebaulicher Maßnahmen in
den Townships
4.1 Sprache 21
4.2 Zeichen und Bilder 22
4.3 Partizipation und Identifikation 23
4.4 Nachhaltigkeit 24
5.0 Medien- und Rezipientenstruktur in den Townships
5.1 Kommunikationskoordination in der Praxis
5.1.1 Stadtverwaltung 25
5.1.2 NGOs 29
5.2 resultierende Analyse der für ein Kommunikationskonzept
geeigneten Multiplikatoren
5.2.1 Akustische Medien 33
5.2.2 Visuelle Medien 37
5.2.3 „Alternative“ Medien 38
6.0 Chancen, Risiken und Planungsstrategien townshipinterner und
-externer Kommunikation
6.1 Grundvoraussetzungen und -bedingungen interkultureller
Kommunikation 40
6.2 Ergänzende kommunikationswissenschaftliche Strategien zum
Umgang mit Teilhabern fremder Kulturen
6.2.1 Steigerung der Motivation als kulturübergreifender Initiator 41
6.2.2 Kulturanthropologische Analyseverfahren
6.2.2.1 Kultur-Dimensionen 43
6.2.2.2 Empirische Einzelfallstudie in Khayelitsha 44
4
6.2.3 Critical Incident Technique und ihr praktischer Nutzen im
Culture Assimilator Programm 48
6.3 Gefahren und mögliche Fehlentwicklungen interkultureller
Kommunikation
6.3.1 „Machtasymmetrien“ 50
6.3.2 „Stereotypen“ 51
6.3.3 „Kultureller Schock“ 53
6.4 Konfliktstrategien 54
C. Exemplarisch-projektbezogener Teil
1.0 Vorstellung des Entwurfs Live on Square
1.1 Grundprinzipien und beabsichtigte Wirkung 57
1.2 Gründe für die Wahl des Entwurfs 61
1.3 Langfristige Perspektiven 62
2.0 Exkurs: Öffentlicher Raum und Gesellschaft
2.1 Deutschland 62
2.2 Townships von Kapstadt 65
3.0 Entwicklung eines idealtypischen Kommunikationskonzepts am
Beispiel des Entwurfs Live on Square in der Township Nyanga
3.1 Zusammenhang zwischen Kommunikationskonzept und Entwurf 68
3.2 Zielsetzung und beabsichtigte Wirkung des Manuals 69
3.3 Darstellung des Kommunikationsablaufs
3.3.1 Kommunikationsagitatoren 71
3.3.2 Kommunikationsbeziehungen 75
3.3.3 Medienexempel 76
3.4 Konzeption der resultierenden Maßnahmen 77
3.4.1 Planungsphase
3.4.1.1 Definition der Zielgruppe 79
3.4.1.2 Herstellung von Kontakten 81
3.4.1.3 Auswahl der Kommunikationsbausteine und
Planung ihrer zeitlichen Einsatzabfolge
3.4.1.3.1 Interaktive Radiosendungen 82
3.4.1.3.2 Local Newspapers 82
3.4.1.3.3 Graffiti-Workshop 83
3.4.1.3.4 Theater-Workshop 84
3.4.1.3.5 Fernsehmonitore an “Touch Points 84
3.4.1.3.6 Poster- und Flyer-Workshop 85
3.4.1.3.7 Lautsprecher 86
3.4.1.3.8 Live on Square-Anniversary 86
3.4.1.4 Finanzierungsmöglichkeiten 87
5
3.4.2 Aktionsphase
3.4.2.1 Teambildung und Verteilung von Kompetenzen
3.4.2.1.1 “Direction-Team 90
3.4.2.1.2 “Assistance-Team 90
3.4.2.1.3 “Workshop-Team 91
3.4.2.1.4 “Press-Team 91
3.4.2.2 Prozesskoordination
3.4.2.2.1 Regelmäßige „Jour-Fix-Termine“ 91
3.4.2.2.2 Delegation der Teams 91
3.4.2.2.3 Durchführung von Problemanalysen bei
Planabweichungen 92
3.4.3 Evaluationsphase
3.4.3.1 Angemessenheit der einzelnen Schritte 92
3.4.3.2 Akzeptanz / Identifikation in der Bevölkerung 93
3.4.3.3 Durchführbarkeit der Aktionen 93
3.4.3.4 Konsistenz der Kommunikationsbausteine 93
D. Schluss 94
E. Literaturverzeichnis 95
F. Anlage
1.0 Medienbeispiel der Stadtverwaltung 100
2.0 Graphische Auswertung der Fragebögen
2.1 Townshipbewohner 101
2.2 Radiosender 105
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Relevanz des Themas
Die Stadtplanung in Südafrika steht vor der schwierigen Herausforderung, die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen ohne angemessenen Wohnraum zu verbessern. In den Townships von Großstädten wie Kapstadt tritt dieses Problem besonders deutlich in Erscheinung. Gegensätzlichkeiten zwischen arm und reich und die nicht vollzogene Aufarbeitung der Apartheidszeit prägen das Stadt- und Gesellschaftsbild. Trotzdem hat sich das Land in den letzten zehn Jahren innen- wie außenpolitisch stark verändert: Seit Ende der Apartheid hat Südafrika eine moderne, nach deutschem Vorbild gestaltete Verfassung und erhält deutsche Unterstützung für Kommunalentwicklung und Berufsbildung sowie Beratung für gute Regierungsführung. Für die zukünftige Entwicklung des Landes und die Stärkung der eigenen Identität werden sicherlich auch die Vorbereitung und Austragung der Fußball WM 2010 von entscheidender Bedeutung sein. Kapstadt nimmt aus verschiedenen Gründen eine Sonderrolle innerhalb Südafrikas ein. Zum einen verfügt die Stadt aufgrund klimatisch und geografisch begünstigender Faktoren über einen hohen Grad an Lebensqualität, der sich auch in ihrem stetigen Wachstum widerspiegelt. Zum anderen treffen hier aber auch auf engstem Raum Gegensätze aufeinander, wie es sie kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt: Riesige Slummetropolen wie Khayelitsha mit gewaltigen sozialen Problemen liegen nur wenige Kilometer getrennt von nach amerikanischem Disneyland-Vorbild gestylten Shopping- und Vergnügungsvierteln, in denen sich vor allem weiße Touristen mit Souvenirs kaufen und Achterbahn fahren die Langeweile zu vertreiben suchen. Diese harten Gegensätze führen ihrerseits vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten, sind aber auch Teil des Stadtbildes und der Kultur des Landes. Der Hauptfokus dieser Arbeit beschränkt sich auf die Peripherie um Kapstadt, die so genannten „Townships“, weil sie in vielfacher Hinsicht als Meltingpoint dieser Spannungen bezeichnet werden können, der Aktionsbedarf also sehr groß ist. Kapstadts Administration reagiert unter anderem mit städtebaulichen Entwicklungsprogrammen wie dem „Dignified Places Program“ auf die vorherrschenden Probleme. Dieses versucht durch verschiedene bauliche Maßnahmen an ausgewählten Plätzen in den Townships öffentliche Plattformen für soziales und gewerbliches Leben zu initiieren. Dazu wurden in der Vergangenheit Backsteinkolonnaden und Versorgungsstationen für Strom und Wasser errichtet, hinter denen Townshipbewohner gegen ein geringes Entgelt Container aufstellen konnten, um formellen Handel zu betreiben. Langfristiges Ziel ist es, durch die Bündelung von gewerblichem Handel eine städtebauliche Aufwertung und soziale Stabilisierung zu erzielen. Viele dieser Programme zeigen jedoch nicht die beabsichtigte Wirkung, weil die Bewohner sich nicht mit den baulichen Anlagen identifizieren können. Sie äußern die Kritik, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht adäquat kommunizieren zu können. Plätze werden deshalb oft schon kurz nach ihrer Fertigstellung aus Frustration wieder verwüstet. Das Potenzial eigener Visionen und Ideen bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen entstehen Passivität und Gleichgültigkeit.
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Der Lehrstuhl „Habitat Unit“ an der TU Berlin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Stadtplanung in Südafrika und bot sich für eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet an. Im Wintersemester 03/04 wurde hier ein Studienprojekt initiiert, dessen Ziel es war, sich am Beispiel der Stadt Kapstadt mit der für Südafrika typischen Verstädterungsproblematik auseinandersetzen. Meine Masterarbeit soll exemplarisch an einem dieser Entwürfe zeigen, warum die kommunikative Vermittlung planerischer Konzepte gerade in Ländern wie Südafrika von existenziellem Nutzen für ihre Realisierung ist. Der Entwurf, auf den sich die Masterthesis bezieht, nennt sich „Live on Square“ und ist eine Art idealtypische Metastruktur für den Start einer partizipativen, bevölkerungsbezogenen Projektentwicklung, die exemplarisch an acht Plätzen in der Township Nyanga bei Kapstadt dargestellt und erläutert wird. Der Hauptfokus der
Projektentwicklungsstruktur liegt in seiner beabsichtigten, identitätsstiftenden Wirkung. Die Bewohner sollen Ideen und Visionen für den öffentlichen Raum entwickeln, diese prozessorientiert artikulieren und sie schließlich gemeinsam im Team realisieren. Langfristiges Ziel ist die persönliche Identifikation mit öffentlichem Raum und seine sich daraus ergebende städtebauliche Aufwertung. Diese kann jedoch nur dann entstehen, wenn die von diesem Entwurfs-Pilotprojekt betroffenen Anwohner von Beginn an in wesentliche Planung- und Entscheidungsprozesse miteingebunden werden, der Informations- und Kommunikationsfluss zwischen Planenden und direkt „Betroffenen“ zu keinem Zeitpunkt abreißt und die verwendeten Transfermedien auf das Thema und die Rezipienten abgestimmt sind. Für das Gelingen dieses Entwurfsprojekts sind folglich eine genaue Analyse und die daraus resultierende praktische Umsetzung von zielgruppenorientierten Kommunikationsmedien nötig. Die Entwicklung eines individuell auf diesen Entwurf abgestimmten Kommunikationskonzepts ist daher von sehr großem Nutzen und steigert die Chance einer nachhaltigen städtebaulichen Aufwertung öffentlichen Raums.
Der strukturelle Aufbau meiner Arbeit gliedert sich in einen theoretisch-analytischen und einen exemplarisch-projektbezogenen Teil. Im ersten möchte ich anhand verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Analysen Probleme und Lösungsansätze interkultureller Vermittlung von Architektur in den Townships von Kapstadt darstellen. Ausgehend davon möchte ich im praktischen Teil ein darauf aufbauendes Kommunikationskonzept entwickeln. Dieses soll Antworten auf die Fragen geben, wie sich Informationstransfer in den Townships konkret gestaltet und wie ein städtebaulicher Entwurf mit den direkt betroffenen Anwohnern vor Ort diskutiert, kommuniziert und evaluiert werden kann. Da dies auf andere Weise geschehen muss, als bei uns in Europa, ist es mein Ziel, unkonventionelle Medien ausfindig zu machen, die geeignet sind, die Townshipbewohner über den Planungsstand in Kenntnis zu setzen und sie im Idealfall dazu zu ermutigen, ihre eigene Meinung auf dafür geeigneten Plattformen kundzutun. Eine wichtige Voraussetzung und ein erster Schritt war in diesem Zusammenhang eine Studienreise nach Kapstadt. Die dort aufgenommenen Eindrücke und Gespräche mit Anwohnern, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen bildeten einen unverzichtbaren Baustein bei der Analyse dortiger Lebensumstände.
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Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abb.1 : Phasen des Kulturschocks 54
Ablaufschema der Projektentwicklungsstruktur Live on Square Abb.2 : 59
Abb.3 : Zusammenhang zwischen Kommunikationskonzept und Entwurf 68
Abb.4 : Netzplan der Kommunikationsbeziehungen 75
Abb.5 : Medienexempel 1 - Werbetafel 76
Abb.6 : Medienexempel 2 - Zeitungsbeitrag 76
Abb.7 : Balkendiagramm der unterschiedlichen Kommunikationsschritte 77
Abb.8 : Luftfoto 1 - Nyanga 79
Abb.9 : Luftfoto 2 - Nyanga 79
Tab.1 : Kommunikationsagitatoren 71
Tab.2 : Herstellung von Kontakten 81
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A. Einleitung
Die viel zitierte Strukturkrise in der Baubranche führte in den vergangenen Jahren mancherorts zu bizarren, streckenweise auch amüsant anmutenden Diskussionen über ihre faktischen Ursachen. So schimpfen die einen voller Inbrunst auf die Politik und betonen dabei eindringlich, dass es deren Aufgabe gewesen wäre, die hausgemachte wirtschaftliche Flaute frühzeitig abzuwenden. Andere beklagen dagegen die Architektenschwemme und sehen den universellen Heilsbringer in härteren Hochschulzulassungsbeschränkungen und gezielter Elitenförderung. Eine dritte Gruppe schließlich zieht sich nach der Manier antiker Klageweiber gänzlich aus der Debatte zurück und schwelgt in grenzenloser Passivität: bloß keinen Schritt weiter - es könnte ja vielleicht einer in die falsche Richtung sein. Interessanterweise sehen sich die meisten dieser drei „Klagetypen“ angesichts der nationalen Tristesse völlig außer Stande, ihren Fokus auf irgendetwas anderes als die viel zitierte „Ankurbelung der Wirtschaft im eigenen Land“ zu richten. Grund genug, den Blick ein wenig über den nationalen Tellerrand schweifen zu lassen und zu untersuchen, welche Probleme und Herausforderungen es neben den eigenen in anderen Kulturkreisen gibt, wie persönliche Kompetenzen und Interessen einen Beitrag zu dem Umgang mit ihnen darstellen können und unter welchen Bedingungen Teilhaber verschiedener Kulturen schließlich gleichermaßen davon profitieren.
Südafrikas Townships erschienen mir aus zwei Gründen für dieses Thema besonders plausibel: Zum einen handelt es sich um ein Gebiet, das geographisch nur wenige Kilometer von Kapstadt entfernt liegt, dessen innere Distanz zu der südafrikanischen Metropole aber etwa vergleichbar ist mit jener der Erde zum Mond. Zum anderen -und dies mag damit zusammenhängen - versucht die Kapstädter Stadtverwaltung bereits seit mehreren Jahren erfolglos in immer wieder neuen Stadtentwicklungsprogrammen der mannigfaltigen Probleme wie Armut, Kriminalität oder HIV Herr zu werden. Die Gründe für das Scheitern sind vielschichtiger Natur: Sie lassen sich weder vorschnell auf mangelnde Fachkompetenzen, noch auf ein zu niedrig angesetztes Finanzbudget zurückführen. Vielmehr scheinen die wahren Ursachen mit der Art der praktizierten Kommunikationsgestaltung sowie der kulturellen Diskrepanz zwischen Verwaltung und Townshipbewohnern verknüpft zu sein.
Das vorrangige Ziel meiner Arbeit soll darin bestehen, diese Schwachstellen und Konfliktpunkte zu lokalisieren, sie im interkulturellen Kontext zu verorten und dafür adäquate Lösungsvorschläge zu entwickeln. Ausschlaggebend für deren Nachhaltigkeit ist der Grad möglicher Identifikation mit ihnen. Obwohl diese Erkenntnis so neu nicht zu sein scheint, glauben viele Architekten nach wie vor, Architektur wie Identifikation bedingten einander zwangsläufig. So findet sich in der Ausstellung Organische Architektur in Berlin unter der Überschrift Kulturelle Identität folgendes Zitat: „Weil wir täglich von ihr (der Architektur, F.G.) umgeben sind, ist sie sogar eines der mächtigsten Mittel zum Weiterreichen kultureller Inhalte und Werte. Sie wirkt dadurch auch als Quelle individueller und kollektiver Identifikation“
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(van der Ree, 2001). Dies mag in Einzelfällen tatsächlich in dem von Architekten erwünschten und intendierten Maß eintreten, daraus ein allgemeingültiges
Generalpostulat zu formulieren, scheint mir jedoch ein äußerst kühnes Unterfangen zu sein. Vielmehr entwickelt sich Identifikation mit einem bestimmten Objekt oder Bauwerk durch den Grad der für seine Entstehung notwendigen Partizipation. Auch dieser Gedanke ist nicht neu: So „lehrt uns das griechische Denken, dass Gleichheit und Partizipation einerseits, Könnerschaft und Leistung andererseits in der Demokratie zu einer inneren Einheit kommen können“ (Nusser 2001). Um zu klären, welche Bausteine nötig sind, um partizipatorische Kommunikationsprozesse in den Townships zu initiieren und sie im Sinne eines nachhaltigen Städtebaus langfristig zu erhalten, war es unverzichtbar, in einem ersten theoretisch-analytischen Teil zunächst historische, mediale,
kommunikationswissenschaftliche sowie spezifisch kulturelle Aspekte der Townships näher zu beleuchten. Der Anspruch, ein interkulturelles Kommunikationskonzept zu entwickeln, wäre ohne diese ausführliche, wissenschaftliche Analyse und ohne eine selbst organisierte Studienreise nach Kapstadt und Khayelitsha 1 im Juli 2004 nicht zu halten gewesen. Die Reise bot mir die einzigartige Gelegenheit, wertvolle Gespräche zum einen mit den Initiatoren der Stadtentwicklungsprogramme und zum anderen mit von diesen direkt betroffenen Townshipbewohnern zu führen. Um die verschiedenen Aspekte einer Kontrolle hinsichtlich ihrer Transparenz und Vergleichbarkeit zu unterziehen habe ich darüber hinaus bei Bewohnern wie lokalen Medien verschiedene Multiple-Choice-Befragungen durchgeführt. Im exemplarischprojektbezogenen Teil werden diese Erkenntnisse in Form eines
Kommunikationskonzepts für den studentischen Township-Entwurf Live on Square eine konkrete Gestalt erhalten. Bei diesem handelt es sich um eine Projektentwicklungsstruktur, mittels derer acht Plätze der Township Nyanga unter Einbindung der Bewohner einen individuellen Charakter entwickeln sollen. Für diese Projektentwicklungsstruktur (das zentrale Element ist dabei ein Wettbewerb unter den Bewohnern) sollen in meiner Arbeit Mittel und Wege aufgezeigt werden, um sie in Nyanga zu kommunizieren. Es versteht sich von selbst, dass nicht alle der im theoretisch-analytischen Teil angesprochenen Punkte direkt mit in das Konzept integriert wurden. Weder war dies mein Ziel, noch wäre es unter den gegebenen Bedingungen als sinnvoll zu erachten gewesen.
1 Township bei Kapstadt
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B. Theoretisch-analytischer Teil
1.0 Südafrika im Kontext internationaler Kommunikation
Die Stadtplanung in Südafrika steht vor der schwierigen Herausforderung, die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen ohne angemessenen Wohnraum zu verbessern. In den Townships der Millionenmetropolen Kapstadt und Johannesburg tritt dieses Problem besonders deutlich in Erscheinung. Gegensätzlichkeiten zwischen Arm und Reich sowie die nicht vollzogene Aufarbeitung der Apartheidszeit prägen das Stadt- und Gesellschaftsbild. Trotzdem hat sich das Land in den letzten zehn Jahren innen- wie außenpolitisch stark verändert: Seit Ende der Apartheid hat Südafrika eine moderne, nach deutschem Vorbild gestaltete Verfassung und erhält deutsche Unterstützung für Kommunalentwicklung und Berufsbildung, sowie Beratung für gute Regierungsführung. Im Bereich Forschung und Entwicklung hält Südafrika innerhalb des afrikanischen Kontinents eine absolute Spitzenstellung, und auch international wurde die Forschungszusammenarbeit in den letzten Jahren deutlich verstärkt. In bestimmten Forschungsbereichen ist das Land mittlerweile weltweit führend 2 . Für Deutschland ist Südafrika der wichtigste Forschungs-Kooperationspartner in Afrika 3 . Es verwundert daher nicht, dass es hierzulande eine Vielzahl von Forschungsförderprogrammen mit dem Thema Südafrika gibt 4 .
Unter wirtschaftlichen Kriterien ist Südafrika in einer stabilen, wachstumsorientierten Verfassung. Die durchschnittlichen Zuwachsraten liegen bei 2,8%, Der Rand verzeichnete 2003 mit 19% eine kräftige Wechselkursaufwertung. Mit einem Handelsvolumen von über 7,6 Mrd. EUR pro Jahr ist Deutschland einer der bedeutendsten Handelspartner und gleichzeitig wichtigster Lieferant für Südafrika. 450 deutsche Unternehmen haben sich hier niedergelassen und beschäftigen mehr als 70.000 Arbeitnehmer. Unter diesen Unternehmen sind nicht nur die großen Namen der deutschen Wirtschaft, sondern gerade auch viele kleine und mittlere Betriebe (vgl. www.auswaertiges-amt.de). Für die zukünftige Entwicklung des Landes und die Stärkung der eigenen Identität werden sicherlich auch die Vorbereitung und Austragung der Fußball WM 2010 von entscheidender Bedeutung sein: „Auch wenn die Bedeutung von Fußball gerne überschätzt wird, die WM in Südafrika hat wirklich enorme Signalwirkung. Denn wenn es ein einigendes Element für die Menschen in Afrika gibt, dann ist es das Gefühl, vom Rest der Welt vernachlässigt zu werden. Keine andere Weltgegend steht vor solch gewaltigen Problemen, keine andere Weltgegend wird mit der Lösung so alleine gelassen. Nun aber rückt der Kontinent in den Fokus der Welt, Milliarden von Menschen werden nach Südafrika
2 Z.B. in der Entwicklung und Nutzung regenerativer Energien für Low Cost Houses.
3 Gemeinsame Forschung findet bereits in den Bereichen Astronomie, Biodiversität, Geo-, Antarktis-und Meereswissenschaft statt (vgl. www.auswaertiges-amt.de).
4 Z.B. das Volkswagenförderprogramm der Volkswagen-Stiftung oder Förderprogramm der Europäischen Kommission „Wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen EU und Südafrika“.
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blicken und dadurch den Kontinent ein bisschen besser kennen lernen“ (Bitala 2004: 4).
Gerade vor diesem Hintergrund werden interkulturelle Kommunikation und die entsprechenden Qualifikationen dafür in Südafrika an Bedeutung gewinnen. Der landläufigen Meinung, Internationalisierung und Globalisierung bedingten auch automatisch eine sukzessive Nivellierung kultureller Unterschiede - potentieller Konfliktstoff reduziere sich also langfristig von alleine - steht die Tatsache entgegen, dass Häufigkeit und Intensität internationaler Kontakte zunehmen. Die Anzahl potentieller Critical Incidents 5 nimmt damit zukünftig eher noch zu. Hinzu kommt die Tatsache, dass räumliche Distanz das Entstehen und Pflegen von sozialen Kontakten, die für ein international vernetztes Handeln dringend notwendig sind, wenn nicht blockiert, so doch erschwert: „Globalisierung bedeutet im Grunde genommen Handeln auf Distanz. Das Abwesende bestimmt das Anwesende, und zwar nicht als sedimentäre Zeit, sondern infolge einer Rekonstruierung des Raumes“ (Küpers 2000: 29).
Es stellt sich also nicht mehr die Frage nach der Bewertung von Globalisierung und Internationalisierung, vielmehr ergibt sich aus deren Existenz die Notwendigkeit, sinnvoll auf sie zu reagieren. Vielleicht ließe sich von dadurch erzeugten Synergien auch profitieren. Der Versuch, sich interkulturelle Qualifikationen anzueignen, kann dabei jedoch nur ein erster Schritt sein. Vielfach entstehen Konfliktsituationen nicht aufgrund mangelnder Kenntnis über die Kultur des jeweils anderen, sondern hängen mit der eigenen Psyche und dem individuellen Erfahrungsschatz zusammen: „Das Scheitern vieler kulturell komplexer Kooperationen kann (…) einmal an einer mangelnden Ausbildung der Akteure sowie andererseits oder gleichzeitig an einer fehlenden oder zumindest nicht gelebten ethischen Grundorientierung liegen“ (Küpers 2000: 32). Beides kann in der Praxis auch auf Südafrika übertragen werden: Extreme soziale wie kulturelle Differenzen sowie mangelnde Bereitschaft, diese konstruktiv auszugleichen, führen hier vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten. Gleichzeitig ist die Multikulturalität aber auch Teil des Stadtbildes, Teil der Kultur und Teil des Entwicklungspotenzials des Landes. Der Hauptfokus dieser Arbeit beschränkt sich auf die Peripherie um Kapstadt, die so genannten Townships, weil viele der angesprochenen Themen hier in konzentrierter Form in Erscheinung treten. Zugleich gelten die Townships gewissermaßen als Meltingpoint vieler nationaler Spannungen, der Aktionsbedarf ist also gerade hier sehr groß.
Worin besteht nun auf stadtplanerischer Ebene die Notwendigkeit globaler Interaktionen? Können sie überhaupt einen Beitrag zu sinnvoller, nachhaltiger Stadtentwicklung leisten, oder besteht ihr Nutzen, wie aus sozialwissenschaftlicher Sicht oftmals kritisiert wird, einzig in imperialistisch orientierter Profitsucht?
5 interkultureller Konfliktsituationen
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Wichtig für die Beantwortung dieser Frage ist die Überlegung, um welche Art von Interaktion es sich konkret handelt. Außerdem gilt es zu beachten, dass stadtplanerische Lösungsansätze nicht ohne weiteres von einem Land in ein anderes implantiert werden können. Beispiele aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass dies der falsche Weg ist. Dabei sei auf Le Corbusiers städtebaulichen Entwurf für das indische Candigarh verwiesen: Der Entwurf ist ein Beispiel dafür, dass sich die Frage interkultureller Vereinbarkeit oft erst nach Fertigstellung eines Projekts stellt. So wurden die Wohneinheiten in Chandigarh von Corbusier beispielsweise nach (aus europäischer Sicht) modernsten bauökonomischen Erkenntnissen entwickelt: kleine auf das absolut notwendigste reduzierte Küchen- und Schlafeinheiten, dafür relativ große Wohn-, Speise- und Aufenthaltsbereiche. Unglücklicherweise stellte sich jedoch nach der Fertigstellung heraus, dass indische Familien traditionell nicht nur in der Küche essen, sondern sich auch den überwiegenden Teil des Tages dort aufhalten. Ein elementarer Planungsfehler also, der durchaus von einer gewissen interkulturellen Ignoranz zeugt und bei genauerer Analyse dortiger Lebensgewohnheiten hätte vermieden werden können.
Natürlich stellen, wie von Kommunikationswissenschaftlern betont wird, auch soziale und kommunikative Asymmetrien zwischen Planenden, Ausführenden und direkt Betroffenen ein hohes Konfliktpotenzial dar. Die Schlussfolgerung allerdings, dass all diese Probleme den langfristigen Erfolg globaler Kooperationen prinzipiell in Frage stellen, erscheint vor dem Hintergrund vergleichbarer innernationaler Differenzen fragwürdig. Anstatt also Globalisierungs-Chancen und -Risiken fortwährend gegeneinander aufzuwiegen, wäre es intelligenter, Überlegungen darüber anzustellen, wie potentielle Kultur-Asymmetrien von vornherein so gering wie möglich gehalten werden können und wie sie sich, treten sie dennoch auf, konstruktiv bewältigen lassen. Dazu müssen die Kooperationspartner eines internationalen Projekts zunächst ein Bewusstsein und Gespür dafür entwickeln, welchen Input jeder einzelne für das gemeinsame Projekt zu leisten vermag, worin daraus resultierende Synergien bestehen könnten und wie sich diese schlussendlich effektiv nutzen lassen. Beispiele für diese Verfahrenweise liefern die bereits existierenden Partnerschaften zwischen deutschen Bundesländern und
südafrikanischen Provinzen 6 , die es sich zum programmatischen Ziel gemacht haben, interkulturellen Austausch zu initiieren und zu fördern. Auf nichtstadtplanerischer Ebene findet interkultureller Austausch also bereits statt, Synergien werden erfolgreich genutzt. Auf stadtplanerisches Denken übersetzt bedeutet dies in der Folge, sich Gedanken darüber zu machen, ob nicht ein gemeinsames Interagieren beispielsweise im Bereich des Urban Upgrading 7 von beiderseitigem Nutzen sein kann. Dabei spielt weniger der Austausch über bauliche Maßnahmen oder technische Innovationen eine Rolle, als vielmehr der über individuelle Erfahrungen auf dem Gebiet der Kommunikation, da diese, wie bereits erwähnt, das Fundament vieler stadtplanerischer Aktionen darstellen. Wie lassen
6 Bayern mit Gauteng und Western Cape, Baden-Württemberg mit Kwazulu Natal, Nordrhein-Westfalen mit Mpumalanga, Niedersachsen mit Eastern Cape.
7 Städtebauliche Maßnahme, deren Ziel es ist, die Infrastruktur einkommensschwacher Stadtteile zu rehabilitieren bzw. zu erweitern, Wohnraum zu schaffen bzw. instand zu setzen sowie die kommunale Verwaltung zu stärken.
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sich nun Wege und Ziele so früh wie möglich mit allen Betroffenen diskutieren? Welche Medien können unter welchen Bedingungen wie genutzt werden? Bei diesen Fragen können internationale Erfahrungen helfen, Stadtentwicklung im Sinne gegenseitiger Toleranz und Offenheit zum Initiator von Gesellschaftsentwicklung zu machen. Im günstigsten Fall können so Bedingungen geschaffen werden, unter denen sich die von Urban Upgrading-Maßnahmen betroffenen Bewohner mit ihrer neuen baulichen Umgebung identifizieren können und dazu motiviert werden, sie zu erhalten oder nach eigener Vorstellung weiterzuentwickeln.
3.1
Kapstadt nimmt aus verschiedenen Gründen eine Sonderrolle innerhalb Südafrikas ein. Zum einen verfügt die Stadt aufgrund klimatisch und geografisch begünstigender Faktoren über einen hohen Grad an Lebensqualität, der sich auch in ihrem stetigen Wachstum widerspiegelt. Zum anderen treffen hier aber auch auf engstem Raum Gegensätze aufeinander, wie es sie kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt: Riesige Slum-Metropolen wie Khaylidsha mit gewaltigen sozialen Problemen liegen nur wenige Kilometer getrennt von nach amerikanischem Disneyland-Vorbild gestylten Shopping- und Vergnügungsvierteln, in denen sich vor allem weiße Touristen mit Souvenirs kaufen und Achterbahn fahren die Langeweile zu vertreiben suchen. Diese harten Gegensätze führen ihrerseits vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten, sind aber auch Teil der multinationalen Stadtkultur.
Die Entstehung und Entwicklung der Townships ist auf das engste mit der Apartheid verbunden - sie sind ein Produkt der Apartheid. 1923 begann die Regierung erstmals mit dem Native Urban Areas Act die Apartheid in Südafrika gesetzlich zu verankern. Dieses Gesetz teilte städtische Gebiete in Wohngebiete für Schwarze, Farbige und Weiße 8 ein. Schwarzen und Farbigen war Wohnsitz und Landerwerb nur noch in den ihnen zugewiesenen Territorien, den so genannten Townships, möglich. Dazu wurden sie in zwei „Kategorien“ eingeteilt: Wanderarbeiter, die sich zeitweise, solange sie eine Arbeitsstelle nachweisen konnten, ohne Familie in Kapstadt aufhalten durften. Für sie wurden so genannte Hostels errichtet, provisorische, meist zweistöckige Notunterkünfte, in denen sie oft unter menschenunwürdigen Bedingungen hausten. Die zweite Kategorie waren Schwarze, die ein Dauerwohnrecht erhielten. Sie waren entweder in Kapstadt geboren oder lebten seit langem hier. Sie wohnten mit ihren Familien in von der Regierung errichteten Reihenhäusern. Nach dem 2. Weltkrieg setzte in Kapstadt eine stürmische industrielle Entwicklung ein. Der Bedarf an billigen Arbeitskräften war kaum noch zu decken und die Landflucht nahm ein Tempo an, dem die Behörden
8 Die Bezeichnungen „Schwarze“, „Farbige“ und „Weiße“ werden im weiteren Verlauf der Arbeit immer wieder verwendet. Es sei darauf verwiesen, dass es sich hierbei nicht um eine rassistische Kategorisierung, sondern um eine allgemeingültige, und vor allem im südafrikanischen Raum neutral zu wertende Unterscheidung handelt.
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bald nicht mehr gewachsen waren. Als die Zahl der zuziehenden Arbeiter schließlich die Zahl der neu errichteten Wohnungen überschritt, begann das so genannte Informal Settlement 9 . 1982 wurde auf Regierungsebene geschätzt, dass 42% der Schwarzen „illegal“ in so genannten Shacks 10 in Kapstadts Townships lebten. Die Apartheidsbehörden mussten diese Entwicklung tolerieren, da sie der Lage nicht mehr Herr wurden. Nach Beendigung der Apartheid und dem Wegfall der beschränkenden Gesetze verstärkte sich die Landflucht, da viele Wanderarbeiter nun auch ihre Familien in die Townships holten.
Mit dem Einsetzen des Informal Settlements begannen sich die sozialen Probleme der Townships zuzuspitzen - mit ihnen wuchs auch der Unmut in der Bevölkerung. 1985 wurde die Township Athlone zum Synonym für den Widerstand gegen die Apartheid. Bürgerkriegsähnliche Situationen, in denen die Polizei immer wieder scharfe Munition einsetzte, schockierten ganz Südafrika. Im Laufe der letzten 20 Jahre bildeten sich riesige Squatter Camps, Elendsviertel in denen sich ein Shack neben ein anderes reiht. Ein Squatter Camp lässt sich für unser Verständnis am ehesten mit Hausbesetzerlager übersetzen, allerdings werden keine Häuser besetzt, sondern Land. Dies stellt für Kapstadts Stadtverwaltung eines der größten Probleme dar. Schätzungen der lokalen Regierung in Kapstadt zu Folge leben in diesen informell bebauten Arealen ca. 1,5 Millionen Menschen (vgl.
www.capetown.gov.za) und täglich kommen mehr hinzu. Da die Entlohnung in den weiter abgelegenen ländlichen Gebieten immer noch weitaus schlechter ist als in Kapstadts näherer Umgebung, wird sich der Zustrom auch in naher Zukunft kaum stoppen lassen. Die damit verbundenen sozialen wie strukturellen Probleme sind vielschichtiger Natur: Größe, Form und Dichte der einzelnen Stadtteile unterliegen einem ständigen Wandel - für die Stadtverwaltung ist es daher außerordentlich schwer, eine dauerhaft funktionsfähige Infrastruktur für die Versorgung mit Strom und Wasser, sowie für die Entsorgung von Abwasser und Müll aufzubauen. Viele Bewohner können sich die anfallenden Gebühren zudem nicht leisten und beginnen daher, Strom illegal aus dem öffentlichen Netz abzuleiten. Dazu gibt es in jeder Community 11 Geschäfte, die den Anschluss zum öffentlichen Netz gegen ein geringes Entgelt illegal herstellen „(…) angeblich sollen 70 Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf das Konto solcher Township-Abzweigungen gehen“ (Gysling 1998). Immer wieder kommt es wegen dieser Provisorien jedoch zu Kurzschlüssen und verheerenden Schwelbränden. Schwierigkeiten macht außerdem die Gewährleistung hygienischer Mindeststandards: vielfach gibt es weder Wassernoch Abwasserleitungen, sondern lediglich offene Kanäle, wodurch die Entstehung von Krankheiten begünstigt wird. Für Frischwasser müssen Bewohner oft mehrere
9 informelle Landbesiedlung
10 Blechhütten
11 informell gegründete Townshipgemeinschaft
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Kilometer zu Fuß zurücklegen. Darüber hinaus verläuft die Kommunikation und der Informationstransfer mit der Stadtverwaltung nur sehr schleppend, weshalb viele Bewohner nicht ausreichend über das Gefahrenpotenzial bestimmter Baugrundstücke informiert sind: So werden beispielsweise Gebiete bebaut, die unter Hochspannungsstromleitungen liegen oder bei Sturmflut im Winter überschwemmt werden. Jedes Jahr kommen auf diese Weise zahlreiche Hausbewohner ums Leben.
Bei einer 1999 von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebenen Befragung unter Bewohnern der Township Khayelitsha wurden auf die Frage nach den Hauptproblemen folgende Wertigkeiten nach Punkten angegeben: Arbeitslosigkeit 70; Alkoholmissbrauch 30; Analphabetismus 29; Teenagerschwangerschaften 19; Tuberkulose 19; Drogenmissbrauch 18; Gewalt in der Familie 17; Kindesmissbrauch 15; Aids 14; Bandenkriminalität 13. Diese Einschätzung ist nach Ansicht der Stadtverwaltung allerdings sehr subjektiv: Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Aids seien angesichts der Statistiken insgesamt zu niedrig bewertet. Gleichzeitig werden Statistiken jedoch auch gerne dazu verwendet, diese Probleme zu relativieren. Beispielhaft sei hier auf das Wachstum der Wirtschaft und die Stagnation der Arbeitslosenzahlen in Südafrika verwiesen. Beides darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die Townships genau das Gegenteil zutrifft: Hier führt die rasante Verlagerung von Arbeitsplätzen aus dem primären 12 in den tertiären 13 Bereich dazu, dass vielen Townshipbewohnern die Existenzgrundlage entzogen wird, da vor allem die älteren von ihnen nicht mehr über die nötigen Qualifikationen verfügen. Man schätzt die Arbeitslosigkeit in den Squatter Camps heute auf 50% bis 70% (www.capetown.gov.za). Da es kaum ein staatlich organisiertes, soziales Netz gibt, erwachsen aus ihr andere soziale Probleme wie Armut und Kriminalität: „Statistisch gesehen wurde ein Viertel aller Südafrikanermehr als zehn Millionen Menschen - allein im vergangenen Jahr Opfer eines Verbrechens. Fast 22000 Menschen werden Jahr für Jahr umgebracht; jeder siebte Südafrikaner über 16 Jahre hat einen Mord miterlebt“ (Dieterich Johannes 2004). Zu diesen niederschmetternden Zahlen kommt die Tatsache, dass die Polizei chronisch unterbesetzt ist und viele Fälle nicht zur Anzeige kommen, da das Vertrauen in ihre Aufklärung nicht groß ist. Stattdessen sind es in den meisten Townships die Communities, die eine Art Schutz- oder Polizeifunktion übernehmen. Aids, eines der Hauptprobleme, rangierte in der Befragung zu den sozialen Problemen 1999 nur an neunter Stelle. Doch obwohl Aids in den Schulen thematisiert wird, in öffentlichen Gebäuden und Krankenhäusern Poster und Flyer ausliegen und Kondome an den unterschiedlichsten Stellen kostenlos verteilt werden, ist die niedrige Bewertung ein Hinweis darauf, dass die Informationspolitik von Stadtverwaltung und Hilfsorganisationen noch immer nicht ausreicht, um ein Bewusstsein für die existenzielle Bedrohung durch diese Krankheit zu schaffen. Stattdessen zweifeln wichtiger politische Identifikationspersonen, wie die
Gesundheitsministerin, immer noch daran, dass eine Aids-Erkrankung durch das HI-Virus ausgelöst wird und empfehlen stattdessen die Einnahme von Olivenöl und
12 Landwirtschaft und Fertigung
13 High Tech und Dienstleistungen
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Knoblauch (vgl. Kapp 2004). Welches Ausmaß die Epidemie bereits angenommen hat, zeigen Schätzungen, denen zu Folge ca. 25% aller Schwangeren in Südafrika HIV positiv sind (ebd. 2004). Die Ansteckungsrate zählt damit zu den weltweit höchsten.
Trotzdem unternimmt die Regierung große Anstrengungen, um dieser Probleme Herr zu werden, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Sie ist auf die Hilfe von NGOs 14 , wie Kirchen und Hilfsorganisationen angewiesen, da diese mit den regionalen Bedürfnissen besser vertraut sind und zudem eine gut funktionierende Kontaktschnittstelle zwischen Townshipbewohnern und Verwaltung bilden. Neben Aufklärungs- und Informationskampagnen 15 reagiert die Stadtverwaltung mit städtebaulichen Entwicklungsprogrammen wie dem Dignified Places Program. Dieses versucht durch verschiedene bauliche Maßnahmen an ausgewählten Plätzen in den Townships öffentliche Plattformen für soziales und gewerbliches Leben zu initiieren. Als erster Schritt wurden in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit Backsteinkolonnaden und Versorgungsstationen für Strom und Wasser errichtet, hinter denen Townshipbewohner gegen ein geringes Entgelt Container aufstellen konnten, um formellen Handel zu betreiben oder Dienstleistungen anzubieten. Mit diesen Maßnahmen versucht die lokale Regierung, die Bildung urbaner Zentren zu initiieren, wodurch sich, in einem zweiten Schritt, die Chance ergeben soll, Informationen gebündelt an die Bevölkerung weiterzuleiten. Der Grund für dieses Bestreben liegt in der strukturellen Schwachstelle aktueller
Kommunikationsmöglichkeiten mit und in den Townships. Es fehlen zentrale öffentliche Plattformen, um sich untereinander auszutauschen. Daher versucht man Orte zu schaffen, an denen den Bewohnern eine bestimmte Grundausstattung (elektrische Anschlüsse, Straßenbeleuchtung, Bodenversiegelung) zur Verfügung gestellt wird und an denen langfristig Bibliotheken, Schulen oder Informationszentren mit Internetzugang angesiedelt werden sollen. Dadurch sollen Anreize geschaffen werden, die wiederum Identifikation, städtebauliche Aufwertung und soziale Stabilisierung zur Folge haben.
Warum zeigen viele dieser Programme jedoch nicht die beabsichtigte Wirkung? Aus der Durchführung einer Multiple-Choice-Befragung in Khayelitsha und dem Interview mit Fikiswa Mahote, einer Verantwortlichen der Organisation DAG 16 ergaben sich folgende Gründe dafür: Viele Bewohner können sich nicht mit den baulichen Anlagen identifizieren, weil sie der Meinung sind, nicht in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden gewesen zu sein: „The main risk to the project to not succeed was the lack of involvement, participation by people who are the
14 Nichtregierungsorganisationen
15 Hierauf wird im Kapitel B.5.1.1 noch genauer eingegangen.
16 Development Action Group: NGO, die versucht, Townshipbewohner beim Bau von Häusern zu unterstützen.
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actual beneficiaries of the project. (…) They don’t feel responsible because they are not really involved. It will not address their needs.” (Göger 2004: 26). Viele von ihnen äußern die Kritik, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht adäquat kommunizieren zu können. Plätze werden deshalb oft schon kurz nach ihrer Fertigstellung aus Frustration wieder verwüstet. Das Potenzial eigener Visionen und Ideen bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen machen sich Passivität und Gleichgültigkeit breit. Hinzu kommen historisch bedingte, unterschwellige Vorbehalte und Verständigungsprobleme zwischen Schwarzen, Farbigen und Weißen.
Woher rührt diese beiderseitige Skepsis zwischen Schwarzen und Farbigen auf der einen und Weißen auf der anderen Seite?
Die Gründe finden sich zum einen in mangelnder oder nicht stattfindender Kommunikation beider Gruppen, der eigentliche Ursprung der Skepsis ist jedoch tief verwurzelt mit der nicht vollzogenen Aufarbeitung der Geschichte des Rassismus: Viele Townshipbewohner waren selber direkt von diskriminierenden Maßnahmen des Apartheidsregimes betroffen. Dazu gehörten:
- die gesetzlich verankerte Klassifizierung nach Haufarbe und Religion - die Ausweisung und Umsiedlung von Schwarzen und Farbigen durch die Homeland-Politik
- die ethnische Separierung und partielle Zerstörung ganzer Stadtteile durch den Urban Areas Act
- die Aufteilung des benutzbaren „öffentlichen“ Raums (Treppen, Parkbänke, Ein- und Ausgänge) nach Schwarzen und Weißen - und schließlich in jüngerer Zeit auch der „Zootiertourismus“ in den Townships, der die Armut der Bewohner zu vermarkten droht
Übertriebene Erwartungen und überschwängliche Euphorien nach Ende der Apartheid vor zehn Jahren tragen dazu bei, dass Frustration und Wut über nicht erlangte Ziele bei vielen Townshipbewohnern über Zuversicht und Motivation überwiegen. Viele weiße Afrikaner nehmen nach wie vor eine offen oder unterschwellig rassistische Position ein, indem sie Kontakte mit schwarzen und farbigen Townshipbewohnern auf das absolut Notwendige reduzieren. Die meisten weißen Kapstädter haben die umliegenden Townships noch nie besucht und kennen sie nur von der Durchfahrt auf der Autobahn: „Weiße Südafrikaner meiden die Townships. Da gebe es erstens nichts zu sehen, zweitens nichts zu verdienen, drittens nichts als tödliche Gefahren (…)“ (Gysling 1998). Welchen Beitrag kann nun eine internationale Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Südafrika zu der Lösung dieser größtenteils auf Verständigungsproblemen basierenden Konflikte leisten und wo findet vernetztes Denken bzw. das Streben danach bereits statt?
Die Tatsache, dass 25% aller Südafrikaner europäischer Abstammung sind, und Deutsch nach Xhosa, Afrikaans und Englisch die am häufigsten gesprochene Sprache des Landes ist, mag bereits einen ersten Hinweis dafür liefern, dass eszumindest auf administrativer Ebene - eine gewisse Verbundenheit sowie eine
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Bereitschaft zur internationalen Kooperation gibt. Natürlich kann diese Verbundenheit mit Europa argumentativ nicht für ein gesteigertes Interesse der Townshipbewohner ins Feld geführt werden, da die überwiegende Anzahl von ihnen afrikanischer Abstammung ist. Aus persönlichen Gesprächen mit
Townshipbewohnern in Kahyelisha 17 lässt sich allerdings zusammenfassend feststellen, dass der Grad an Offenheit und Neugier gegenüber Europäern durchaus tiefer geht, als man das zunächst erwarten könnte. Im Gegensatz zu vielen asiatischen Ländern, in denen es oft sehr schwer fällt, Gespräche über persönliche Wünsche, Ängste und Hoffnungen zu führen, haben viele Townshipbewohner ein ernstes Bedürfnis, sich gerade auch mit Ausländern offen über ihre Probleme auszutauschen. Dies manifestiert sich auch in dem regen Interesse an der in Zusammenhang mit dieser Thesis durchgeführten Multiple-Choice-Befragung.
Auf politischer Ebene finden Kooperationen, wie eingangs bereits beschrieben, in vielen Bereichen statt. Nach offiziellen Angaben erhofft sich die südafrikanische Regierung von dieser internationalen Zusammenarbeit vor allem Beratungshilfe bei der Beseitigung des "Erbes" der Apartheid sowie Unterstützung bei der Modernisierung des Staates und der Integration in den Weltmarkt (vgl. www.auswaertiges-amt.de). Dass in diesem Zusammenhang auch ein gesteigertes Interesse an der Vertiefung wissenschaftlicher Zusammenarbeit besteht, spiegelt sich in der Tatsache wieder, dass das Communication Department der Stadtverwaltung von Kapstadt bereits großes Interesse an den Ergebnissen dieser Arbeit geäußert hat.
Aus deutscher Sicht wird vor allem die Integration von Minderheiten für die eigene Stadtplanung an Bedeutung gewinnen. Z.B. im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung. Steuerung und Koordination von Prozessen der Identitätsstiftung werden daher zukünftig unverzichtbare Bestandteile vieler
Stadtentwicklungsprogramme werden. Erfahrungen wie die des Dignified Places Program können für Deutschland - wenn sie auch nicht direkt übertragbar sindsehr wertvoll, vielleicht sogar unverzichtbar werden. Doch auch in technischen Fragen kann Südafrika für Deutschland ein wichtiger Kooperationspartner werden: Südafrika ist weltweit führend in der Herstellung und Nutzung regenerativer Energiesysteme für Low Cost Houses. Vertreter der Stadtverwaltung von Kapstadt waren aus diesem Grund im Mai des Jahres 2004 zu der Konferenz für erneuerbare Energien in Bonn eingeladen. Da auch Deutschland international eine Spitzenposition auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien einnimmt, könnten hier die Synergien beider Länder genutzt werden.
17 Der Verfasser verbrachte hier im Juli 2004 einige Tage bei einer Familie.
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4.1
Um als Teilhaber einer fremden Kultur ein konkretes Projekt in den Townships zu initiieren, gilt es bereits bei der Vorbereitung diejenigen Aspekte interkultureller Kommunikation zu berücksichtigen, die für die Realisierung des Projekts von besonderer Relevanz sein könnten. Da Sprache in ihrer Hauptfunktion als Kommunikationsträger gerade bei der Herstellung von Kontakten wie auch bei deren Pflege eine besonders wichtige Rolle einnimmt, erscheint es sinnvoll, sie im Folgenden genauer zu beleuchten:
Obwohl Sprachprobleme selten der eigentliche Grund eines interkulturellen Konfliktes sind, da vor allem bei eher „technischen“ Aufgaben oft schon geringe Fremdsprachenkenntnisse genügen, um sich ausreichend verständigen zu können, und obwohl sich fehlende Sprachkompetenzen im Großteil der Fälle vermeintlich sogar durch Fachkompetenz oder Persönlichkeitskomponenten ersetzen lässt, können Sprachprobleme „(…) Interessensgegensätze zwischen den „Parteien“ (überdecken, F.G.). Wenn dies von den Betroffenen nicht erkannt wird, können Sprachprobleme die Konflikte auch verstärken (Beispiel Volmerg)“ (Küpers 2004: 249). Diese Feststellung unterstreicht die Bedeutung von Sprache im interkulturellen Kontext und verlangt zugleich eine genaue Analyse des lokalen Sprachgebrauchs im jeweiligen Gastland.
In Südafrika gibt es neun verschiedene Stämme, die jeweils andere Sprachen sprechen. Zusammen mit Englisch und Afrikaans existieren somit elf offizielle Sprachen. In Kapstadt und der Kap-Provinz leben hauptsächlich Schwarze vom Stamm der Xhosa. Die zweite große Bevölkerungsgruppe in Kapstadt und Umgebung sind die Coloureds, Afrikaans sprechende Nachkommen der ersten weißen Seefahrer und schwarzer Sklaven. Die Weißen teilen sich in jene englischen und jene burischen Ursprungs auf, wobei die Buren ebenfalls Afrikaans sprechen. Heute sind Xhosa, Afrikaans und Englisch in Kapstadt die drei offiziellen Amtssprachen. Informationsbroschüren der Stadtverwaltung, Wahlunterlagen oder lokale Zeitungen werden demzufolge auch zumeist dreisprachig gedruckt. Lediglich in Kapstadts Finanz-Zentrum dominiert Englisch.
Welchen interkulturellen Stellenwert nimmt Sprache nun in den Townships ein und welche Funktion erfüllt sie in diesem Zusammenhang? Auch in den Townships ist Sprache „nicht nur ein Instrument für Kommunikation und für das Erregen von Emotionen“ (Maletzke 1996: 73), sie ist auch “ein Mittel, um die Erfahrungswelt zu kategorisieren“ (ebd.: 73). Das Erlernen einer Sprache wie Xhosa bietet die Chance, sich diese Erfahrungswelt durch gleichzeitige Auseinandersetzung und Identifikation mit der fremden Kultur zu erschließen. Xhosa muss, wie andere Sprachen auch, bis zu einem gewissen Grad als verschlüsselter Code gesehen werden, dessen Entschlüsselung Auskunft über die unglaubliche Fülle an Informationen der zugrunde liegenden Kultur gibt. Daneben strukturiert Sprache „die Erfahrung mit der Umwelt, und die Erfahrung mit der Umwelt strukturiert Sprache. (…) So unterscheidet der Flachländer gewöhnlich nur unter Schnee und
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Eis, der Skifahrer aber hat schon mehrere Begriffe für verschiedene Formen des Schnees, und der Eskimo hat über hundert Begriffe, mit denen er seine unterschiedlichen Erfahrungen hinsichtlich Schnee und Eis ausdrückt“ (ebd.: 74). Natürlich wäre es fern jeder möglichen praktischen Durchführbarkeit, für interkulturelle Zusammenarbeit generell ein vollständiges Beherrschen der Sprache des jeweils anderen zu verlangen. Trotzdem sollte man sich auch der Risiken bewusst sein, die Übersetzungen mit sich bringen, vor allem dann, wenn es um die Realisierung von Konzepten geht, die einen hohen Grad an Partizipation erfordern und vor allem dann, wenn die kulturellen Differenzen so gewaltig sind, wie zwischen Deutschland und den Townships in Kapstadt. Der Anforderung, einen bestimmten Gesprächsinhalt gleichsam sinnidentisch von einer in die andere Sprache zu transferieren, können Übersetzungen in keinem Fall gerecht werden. Wie sonst auch wäre es zu erklären, dass für viele Worte keine Übersetzungen existieren (z.B.: Management, Computer, Apartheid, Perestroika, Savoir-vivre, Sauna). Vielmehr wird die Relation zwischen der Zeit, die für das Erlernen einer fremden Sprache notwendig ist und dem „Nutzen“, der sich daraus für ein konkretes Projekt ergibt zumeist falsch eingeschätzt. Dies trifft vor allem dann zu, wenn Englisch die Muttersprache ist und wenn - wie bei sehr vielen Townshipbewohnern der Falldavon ausgegangen werden kann, dass der andere die eigene Sprache versteht. Im Großteil der Fälle ist jedoch Xhosa die Muttersprache. Die Kenntnis und Anwendung von Xhosa signalisiert daher in jedem Fall Interesse, Offenheit und Neugier an der fremden Kultur, wodurch Sympathien und gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden können, die oftmals die entscheidende Basis für den Beginn einer Projektkommunikation darstellen.
4.2 Zeichen und Bilder
Natürlich darf Sprache im Kontext der Initiierung städtebaulicher Maßnahmen in den Townships nie losgelöst von dem zweiten wichtigen Kommunikationskanal, den Zeichen und Bildern, im weitesten Sinne also der nonverbalen Kommunikation betrachtet werden. Ebenso wie Sprache folgt ihre „Entschlüsselung“ einem ganz spezifischen, kulturabhängigen Code, dessen vollständige Kenntnis für den Teilhaber einer fremden Kultur im Letzten unmöglich ist. Gerade deswegen scheint es jedoch relevant zu sein, die Funktion von Zeichen und Bildern im Kommunikationsprozess zu untersuchen.
Bei kommunikativen Handlungen verfügt man über eine sehr große Auswahl an Zeichenarten oder wählt zwischen unterschiedlichen Zeichenrepertoires. Man denke etwa an einen Werbespot, wo sie zwischen Bildern, Bildzeichen, musikalischen Tonzeichen oder gestischen Zeichen unterschieden werden. Und damit sind bei weitem noch nicht alle Zeichentypen erfasst. Hinsichtlich der Verständigung und Wirkung von Botschaften in den Townships ist es wichtig, sich als Kommunikator oder Absender einer Nachricht über die Angemessenheit des Zeichenrepertoires bewusst zu werden. Denn die Wahrnehmungsweise und Verarbeitung der gewählten Zeichen bei den Empfängern wirkt sich entscheidend auf deren bewusste und
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Florian Göger, 2004, Townshipidentität durch Kommunikation und Partizipation, München, GRIN Verlag GmbH
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