Stefan Grümbel
Schriftliche Hausarbeit als Leistungsnachweis im HS „Politische Religionen (unter besonderer Berücksichtigung des Nationalsozialismus)„ des SoSe 2000.
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1. Einleitung 3
2. Die psychologische Basis autoritärer Religionen -6
charakterliche Dispositionen und psychische Mechanismen 2.1. Der Begriff der Religion 6
2.2. Charakterliche Dispositionen 9
2.2.1. Die Prägung autoritärer Verhaltensmuster -9 Autoritätsfixierung
2.2.2. Die emotionale Basis autoritärer Orientierung - der 11 Begriff des Selbstwerts
2.3. Psychische Mechanismen. Die Konstruktion autoritär-13
religiöser Projektionssysteme - die Begriffe Projektion und Rationalisation
3. Der kollektive Charakter autoritärer Religionen 16
4. Analyse der autoritären Substanz von Religionen -17 Unterwerfung und Herrschaft
4.1. Unterscheidung zwischen autoritären und humanistischen 18 Religionen 4.2. Unterwerfung und Herrschaft 19
4.2.1. Die Unterwerfung als substantielle Basis autoritärer 19 Religionen
4.2.2. Die paradoxe Kehrseite der Unterwerfung: Die Herrschaft 21
4.3. Das Zusammenwirken von Unterwerfung und Herrschaft 25
- autoritäre Religionen als sado-masochistische Systeme
5. Psychotische Formen autoritärer Religionen - Paranoia und 30 Größenwahn
5.1. Paranoia und Größenwahn und ihr Zusammenhang mit 30 Apokalypsevorstellungen
5.2. Unterschiedliche Apokalypse-Vorstellungen in 33
politischen und theistischen autoritären Religionen und ihre theoretisch-praktischen Konsequenzen
6. Schlußbemerkungen 36
Literaturverzeichnis 39
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Das Grundinteresse dieser Arbeit ist eine psychologische Annäherung an autoritäre Religionen: Wie entstehen autoritäre Religionen, wie stellen sich ihre psychischen Mechanismen, die psychologischen Funktionsbedingungen autoritärer Konzepte dar? Hierbei sollen vordringlich die psychologischen bzw. charakterstrukturellen Charakteristika autoritärer Religionen herausgearbeitet werden. Darüberhinaus soll zumindest skizzenhaft die Frage behandelt werden: Wie werden autoritäre Konzepte massenkompatibel? Was sind die psychologischen Voraussetzungen für die Entstehung und den Bestand autoritärer Religionen, auch als Gesellschaftssysteme?
Einer skizzenhaften Annäherung an den Begriff der Religion folgt eine Erörterung der individuellen charakterlichen wie sozialpsychologischen Basis autoritärer Religionen: Welche für die Konstruktion autoritärer Religionen relevanten psychischen Verhaltensmuster sowie individuellen charalterlichen Grunddispositionen sind zu bennenen? Wie funktionieren diese?
Darüber hinaus sollen die psychischen Mechanismen zur Konstruktion autoritärer Konzepte analysiert werden: Wie kommt es von diesen psychischen Grundlagen aus individuell zu einer autoritären Religiosität? Hier wird weiterhin auf autoritäre Religiosität als kollektives Phänomen einzugehen sein, die Frage nach den Funktionsbedingungen und sozialpsychologischen Mechanismen autoritärer Konzepte im sozialen Kontext.
Im zweiten Teil geht es dann um eine analytische Annäherung an autoritäre Religionen im speziellen. Was macht den autoritären Charakter von Religionen aus? Welches sind die autoritären Spezifika? Wie funktionieren diese psychologisch? Und nicht zuletzt: Was macht die ungeheure Anziehungskraft solcherart autoritärer Konzepte aus? Im Zentrum dieser Betrachtungen steht die Charakterisierung autoritärer Religionen als individuelle wie gesellschaftliche Phänomene, deren Substanz in der Korrelation von Unterwerfung auf der einen und Herrschaft auf der anderen Seite besteht. Dabei wird herauszuarbeiten sein, inwiefern autoritäre Religionen sich als dynamische Systeme darstellen, in denen die antagonistischen Pole von Unterwürfigkeit, Demut, Verlußt der individuellen Autonomie (gegenüber der Autorität) und Herrschaft, Macht, Unterdrückung ineinandergreifen - und wie dieses
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individuell wie kollektiv psychologisch funktioniert. Wie stellen sich die psychischen Mechanismen dieser beiden substantiellen Aspekte autoritärer Religionen dar - und wie sind diese auf die eingangs erörterten psychologischen Grundlagen autoritärer Charaktere zu beziehen?
Abschließend soll noch skizzenhaft das pathologische Potential extremer Formen autoritärer Religionen betrachtet werden. Wie entsteht aus einer autoritären Religiosität eine psychotische Wirklichkeitswahrnehmung, und welche habituellen Konsequenzen kann diese haben?
Der größere Zusammenhang bzw. die grundsätzliche Motivation für die Auseinandersetzung mit autoritären Religionen besteht zwar im analytischen Interesse an der sozialpsychologischen Basis und den Funktionsbedingungen des Nationalsozialismus, diese Analyse ist jedoch im Rahmen einer solchen Arbeit nicht sinnvoll zu leisten.
Die Behandlung der psychologischen Zusammenhänge autoritärer Religionen kann jedoch als quasi Vorarbeit einer sozialpsychologischen Analyse des Nationalsozialismus verstanden werden.
Der Bezug auf den Nationalsozialismus sowie das Herausarbeiten seiner Spezifika wäre ein nächster Arbeitsschritt. - Hier soll jedoch zunächst versucht werden, die psychologischen Grundmuster: charakterliche Basis, psychische Mechanismen, psychologische Charakteristika und soziale Implikationen autoritärer Religionen zu analysieren.
Die wichtigste Grundlage der Arbeit stellen die theoretischen, analytischen Ansätze Erich Fromms dar, dessen Betrachtung zwar psychoanalytisch genannt werden kann, jedoch mit einem starken soziologischen Interesse. Die Kombination aus psychoanalytischer Betrachtung und soziologischer Interpretation erscheint für ein politologisches Interesse an einer psychologischen Analyse autoritärer Religionen und gesellschaftlicher Phänomene besonders geeignet.
Zwei wichtige Voraussetzungen sind hier noch zu benennen:
1. Es geht um die Betrachtung der Psychologie - individuell wie sozial - autoritärer Religionen. Das bedeutet auch, daß inhaltliche Aspekte, die theoretische, ideologische Ausgestaltung (Gottesbilder, Symbole, Rituale, normative Systeme) autoritärer
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Religionen und Gesellschaftsphänomene nur dann zur Sprache kommt, wenn sie für die psychischen Zusammenhänge von entscheidender Bedeutung sind, wie z. B. die Apokalypsevorstellungen.
Hierin liegt eine gewisse Pauschalisierung, die gleichsam impliziert, daß zwischen säkularen, politischen und theistischen Religionen keine prägnante Unterscheidung getroffen wird. Im Zentrum des Interesses liegt jedoch die Analyse der grundlegenden psychologischen Charakteristika autoritärer Religion, die Betrachtung der Entwicklung von autoritären Charakteren zu autoritären gesellschaftlichen Phänomenen. Dieser Betrachtungsweise liegt folgende Hypothese zugrunde: „Wenn der Psychoanalytiker sich in erster Linie für die menschlicher Realität hinter religiösen Doktrinen interessiert, wird er die gleiche Realität hinter verschiedenen Religionen entdecken und verschiedene menschliche Haltungen innerhalb der gleichen Religion.„ 1
2. Keine psychologische Betrachtung historischer, gesellschaftlicher bzw. politischer Phänomene kann den Anspruch eines umfassenden oder gar abschließenden Erklärungsansatzes erheben.
Sie stellen immer lediglich eine Perspektive, eine Interpretationsmöglichkeit dar. Daneben - jedoch auch damit verbunden - spielen selbstredend historische, politische und ökonomische Bedingungen jedes gesellschaftlichen Phänomens, so auch autoritärer Religionen und insbesondere des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle. Dieses alles soll hier keineswegs in Frage gestellt werden. Zugespitzt konkretisiert: Es soll hier nicht der Versuch unternommen werden, autoritäre Religionen oder gar den Nationalsozialismus als Ergebnisse von sozialisatorisch erklärbaren Neurosen zu interpretieren.
Es geht lediglich um die psychologischen Implikationen und Bedingungen autoritärer Konzepte, ohne den Anspruch einer omnipotenten Analyse. Politische Psychologie erscheint jedoch in der Politik- und Geschichtswissenschaft als gänzlich unterbelichtete Disziplin, somit soll in dieser Arbeit durchaus die Relevanz psychologischer Sichtweisen und Ansätze für die Betrachtung gesellschaftlicher, politischer und historischer Phänomene betont werden.
1 Fromm, E.: Psychoanalyse und Religion, München, 1990, S. 61.
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„Was die Menschen denken und fühlen (und tun, S.G.), hat seine Wurzeln in ihrer Charakterstruktur, und dieser Charakter wird geprägt durch die gesamte Struktur ihrer Lebenspraxis - genauer gesagt, durch die sozio-ökonomische und politische Struktur ihrer Gesellschaft.„ 2
Die politische, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft in ihrem historischen Kontext stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer sozialpsychologischen Grunddisposition bishin zum individuellen Charakter. Umgekehrt stehen jedoch auch die historische Entwicklung der Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Phänomene in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer sozialpsychologischen Konditionierung und Grundbefindlichkeit sowie mit der charakterlichen Struktur bestimmter Akteure.
Fromm formuliert: „Nur eine von den weltbewegenden Kräften erfüllte Psychologie (...) wird dem Menschen gerecht werden.„ 3
Umgekehrt wäre die These zu wagen: Nur eine die Psychologie des Individuums und die sozialpsychologischen Bedingungen einbeziehende Soziologie (respektive Politologie, Geschichtswissenschaft) wird gesellschaftlichen Phänomenen und der historischen Entwicklung gerecht werden.
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Was meint der Begriff der Religion? Für die psychologische Betrachtung autoritärer Religionen ist hier zuerst eine arbeitsdefinitorische Begriffsbestimmung, oderannäherung zu leisten.
Fromm definiert Religion zunächst sehr weitreichend:
Unter Religion ist zu verstehen: „...jedes System des Denkens und Tuns, das von einer Gruppe geteilt wird und dem Individuum einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet„. 4
2 Fromm, E.: Psychoanalyse und Religion, München, a.a.O. (Anm.1), S. 50.
3 Fromm, E.: Die Furcht vor der Freiheit, Zürich, 1951, S. 26
4 Fromm, E.: Psychoanalyse und Religion, München, a.a.O. (Anm.1), S. 27.
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Hier sind zunächst nur die drei grundsätzlichen substantiellen Bestandteile von Religionen benannt:
1. Eine Religion beinhaltet ein Wertesystem, ein ethisches Fundament, nachdem sich das menschliches Handeln und Denken ausrichtet: Relgionen bieten eine normativhabituelle Basis.
2. Religionen bieten ein ‚Objekt der Hingabe‘; dieses ist zumeist ein Gott, Führer, sprich eine omnipotente Autorität, ferner gehört zu dem normativen Aspekt von Religionen eine Symbolik (Götzenbilder, Fahnen, Rituale bzw.), an der sich Emotionalität bzw. Leidenschaft manifestiert.
Diese beiden Komponenten - die normativ-habituelle wie die emotionale Religiosität sind zwar auch individuell, persönlich relevant und maßgeblich. Das Charakteristische an Religionen ist jedoch, das ein solches Wertesystem sowie die dazugehörige Symbolik von anderen geteilt werden. Religionen sind immer ein kollektives Phänomen. Das individuelle Gefühl von Aufgehobensein in einer relevanten Gruppe, die die eigene Wertorientierung sowie die eigenen hierauf bezogenen Leidenschaften mitvollzieht ist hierbei ein äußerst relevanter Aspekt. Somit erscheinen Religionen zunächst als äußerst omnipotent - sie bieten einen rationalen, einen habituellen wie auch einen emotionalen Rahmen, und dies nicht nur individuell, sondern sozial.
Als weitere, psychologische Annäherung an Religion soll hier ein Zitat von Feuerbach angeführt werden:
„Was er (der Mensch) selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen... . Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er trotz Phantasie und Gefühl keine Religion, keine Götter.„ 5 Karl Marx schreibt: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. (...) Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ..., ihr allgemeiner Trost-und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastischste Verwirklichung des
5 Feuerbach, L.: Religion als Illusion, zit.n.: Grenze, F./ Vierzig, S.: Religionskritik. Eine Materialsammlung. Zürich/Köln, 1970, S. 5.
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Stefan Grümbel, 2000, Psychologie autoritärer Religionen - eine analytische Annäherung, München, GRIN Verlag GmbH
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