1 Einleitung 3
2 Der Einbezug von Experteninterviews 6
3 Ehrenamtliches Engagement 12
3.1 Begriffsdefinition und Abgrenzung 12
3.2 Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements 15
3.3 Gesellschaftliche Bedeutung von freiwilliger, unentgeltlicher Beteiligung 18
3.4 Zur aktuellen Situation des Ehrenamts 20
3.5 Meinungen der Experten 23
4 Ehrenamtliches Engagement in Wohlfahrtsverbänden 27
4.1 Die ersten gemeinsamen Jahre 27
4.2 Gesellschaftliche Verortung der Wohlfahrtsverbände heute 29
4.3 Weshalb Wohlfahrtsverbände Ehrenamtliche brauchen 34
4.4 Faktoren, die ehrenamtliches Engagement in Wohlfahrtsverbänden
bestimmen 36
4.5 Expertenaussagen 38
5 Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen am Beispiel der Sozialen
Arbeit 45
5.1 Grundlagen der Zusammenarbeit 45
5.2 Sensible Punkte der Zusammenarbeit 48
5.3 Abgrenzung von professioneller Sozialarbeit und ehrenamtlicher Laienhilfe
52
5.4 Expertenaussagen 56
6 Bedingungen eines gelingenden ehrenamtlichen Engagements 61
6.1 Ein Beispiel: Voluntary work bei Jewish Care, Sydney 62
6.2 Institutionelle und sozialarbeiterische Förderung durch Freiwilligen-
Management 67
6.3 Freiwilligenagenturen 73
6.4 Gesellschaftspolitische Voraussetzungen 77
6.5 Vorstellungen der Experten 80
7 Fazit 85
Quellenverzeichnis 90
Selbst ändigkeitserklärung 97
Anhang (nur den Exemplaren der Gutachter beigefügt)
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1 Einleitung
Ehrenamtliche Beteiligung ist ein Thema, dem momentan aus ganz verschiedenen Richtungen Beachtung geschenkt wird. Arbeitsmarktpolitisch wird diskutiert, ob freiwilliges Engagement eine Alternative zur Erwerbsarbeit sein kann. Die Geschlechter-forschung beschäftigt sich u. a. damit, welche ehrenamtlichen Aufgaben hauptsächlich von Männern bzw. von Frauen ausgeführt werden. Und wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen werden auch beim freiwilligen Engagement Unterschiede zwischen Ost und West erforscht.
Die vorliegende Arbeit hingegen widmet sich einem Bereich, dem in Deutschland das baldige „Aus“ bescheinigt wird: Dem ehrenamtlichen Engagement in Wohlfahrtsverbänden und deren Einrichtungen. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung sind folgende Hypothesen:
• Ehrenamtlich Engagierte haben heute andere Erwartungen an und Motive für ihre
Beteiligung. Darauf müssen Wohlfahrtsverbände reagieren, was sie bisher noch zu wenig getan haben.
• Wenn Wohlfahrtsverbände es schaffen, neue, attraktive Konzepte zu entwickeln,
bieten sie einen Rahmen, der durchaus Vorteile gegenüber selbstinitiierten Formen bürgerschaftlicher Beteiligung hat. Ehrenamtliches Engagement in Wohlfahrtsverbänden als Auslaufmodell zu bezeichnen, ist demnach falsch. • Gute Konzepte für den Einbezug ehrenamtlich Engagierter in die Arbeit wohl-fahrtsverbandlicher Einrichtungen binden finanzielle Mittel. Sie können daher nicht primär als Mittel zur Kostensenkung verstanden werden. • Die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen ist aufgrund fehlender Kon-
zepte problemanfällig.
3
• Die Förderung ehrenamtlichen Engagements kann dazu beitragen, dass ausgebildeten Sozialarbeitern 1 ein professionelleres Arbeiten ermöglicht wird.
Ziel dieser Arbeit ist die Beantwortung folgender Frage:
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich Bürger in Wohlfahrtsverbänden engagieren, dieses Engagement gewinnbringend für alle Beteiligten ist und nicht als Konkurrenz zur professionellen Sozialarbeit verstanden wird? Hinführend müssen nachstehende Fragen beantwortet werden: • Wie gestaltet sich ehrenamtliches Engagement aktuell? • Welche Bedeutung haben Wohlfahrtsverbände für das ehrenamtliche Engagement
und umgekehrt?
• Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen?
Zur Bearbeitung des Themas wurde eine Kombination aus verschiedenen Herangehensweisen gewählt. Die theoretische Bearbeitung in Form einer Literatur- und Internetrecherche war ein eigenständiger Komplex, diente aber darüber hinaus der Vorbereitung der Experteninterviews, auf welche im Kapitel 2 näher eingegangen wird. Sie sind in die Kapitel 3 bis 6 integriert. Im sechsten Kapitel werden außerdem eigene Praxis- und Fortbildungserfahrungen bzw. -unterlagen hinzugezogen. Im dritten Kapitel wird ehrenamtliches Engagement definiert und abgegrenzt, der his-torische Verlauf und Veränderungen aufgezeigt, die gesellschaftliche Bedeutung bewusst gemacht und aktuelle Trends anhand ausgewählter Daten aus verschiedenen Untersuchungen markiert. Wie auch die Kapitel 4, 5 und 6 endet der dritte Abschnitt mit Auszügen aus den Experteninterviews. Im vierten Kapitel richtet sich das Augenmerk auf die Wohlfahrtsverbände als Träger ehrenamtlichen Engagements. Auch hier dient als Einstieg ein historischer Abriss, um dann die Verortung der Wohlfahrtsverbände in unserer heutigen Gesellschaft zu skizzieren. Diese Ausführungen leiten zu der
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde die weibliche Form von Personenbezeichnungen wegge-
lassen. Es muss jedoch ausdrücklich betont werden, dass sich alle Personenbezeichnungen auf beide
Geschlechter beziehen.
4
Frage über, warum Wohlfahrtsverbände die Beteiligung Ehrenamtlicher brauchen. Anschließend soll geklärt werden, welche Faktoren das ehrenamtliche Engagement in Wohlfahrtsverbänden bestimmen.
Ein spezifisches Merkmal von wohlfahrtsverbandlichen Einrichtungen ist, dass häufig Haupt- und Ehrenamtliche zusammenarbeiten. Dieser Aspekt wird im Kapitel 5 herausgegriffen. Behandelt werden nicht nur die allgemeinen Aspekte der Zusammenarbeit, sondern auch Problempunkte und Möglichkeiten die beiden Arbeitsformen von-einander abzugrenzen. Nachdem ehrenamtliches Engagement im Allgemeinen und in Wohlfahrtsverbänden im Speziellen, sowie die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen ausführlich behandelt wurde, sollen im sechsten Kapitel, als Konsequenz der Kapitel 3, 4 und 5, Bedingungen für gelingendes Engagement erarbeitet werden. Einführend wird als Beispiel die Voluntary work 2 in der australischen, konfessionell eng gebundenen Einrichtung JewishCare beschrieben. Vergleichend dazu werden die deutschen Ansätze zu Freiwilligen-Management bzw. Freiwilligen-Koordination dargelegt. Zudem sind in den letzten Jahren in Deutschland vermehrt Freiwilligenagenturen entstanden, deren Grundkonzept ebenfalls kurz dargestellt werden soll. Abschließend werden gesellschaftspolitische Aspekte der Förderung ehrenamtlichen Engagements zusammengefasst. Auch hier werden die Fachkräfte der unterschiedlichen Institutionen ihre Vorstellungen äußern.
2 Freiwilligenarbeit (Übersetzung der Verfasserin)
5
2 Der Einbezug von Experteninterviews
Erste Nachforschungen zum Thema „Ehrenamtliches Engagement“ ergaben, dass es auf Bundes- und Länderebene verschiedene ausführliche Studien zu dem Thema erstellt wurden. Des Weiteren beschäftiget sich eine Vielzahl von Publikationen, Aufsätzen und Internetseiten mit ehrenamtlichem Engagement, dessen Einbindung in Verbände, der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen und mit der Engagementförderung. Eine Möglichkeit, sich dem Thema empirisch zu nähern, wäre sicherlich die eigene Befragung von Haupt- und Ehrenamtlichen gewesen. Es sei jedoch dahingestellt, ob dadurch Erkenntnisse gewonnen worden wären, die differenzierter zur Be-antwortung der Untersuchungsfrage beigetragen hätten, als die bereits vorliegenden Studien, z.B. von Rosenbladt (2001) oder Schmidt und Lembcke (2002). Interessant erschien vielmehr, wie Fachleute die aktuelle Situation einschätzen und Probleme bzw. Chancen bewerten. Es sollten Personen befragt werden, die sich als Experten auszeichnen. Dies tut nach Pfadenhauer (2002, S. 115f) bzw. Meuser und Nagel (2002, S. 73), wer über einen relativ exklusiven Wissensstand bzw. einen privilegierten Zugang zu Informationen verfügt und unmittelbar an der Förderung und/oder Koordination des freiwilligen Engagements beteiligt ist. Meuser und Nagel (2003, S. 57) merken an, dass sich die Auswahl der Experten trotzdem als schwierig erweist, weil es über diese Definition hinaus keine klaren Kriterien gibt. Ziel des Einbezugs von Experteninterviews war eine praxisbezogene Überprüfung und Ergänzung der Erkenntnisse, welche durch die Literatur- und Quellenrecherche erworben wurden. Wie Pfadenhauer (2002, S. 126) betont, verfügen Experten über Praxiserfahrung, welche Erkenntnisse ermöglicht, die über die theoretische Wissensaneignung hinausgehen. Daneben ging es um die Abfrage von Meinungsbildern, was nach Gläser und Laudel 3 (2004, S. 115) kein einfaches Anliegen ist, da es sich bei Meinungen um persönliche Konstruktionen handelt, für die Verantwortung übernommen werden muss. Dies zeigte sich in den Interviews. Einige Gesprächspartner waren trotz der Versicherung, dass die Gesprächsaufzeichnungen anonymisiert werden, nicht bereit, sich zu positionieren, was zum Beispiel mit den Dienstvorschriften ihrer Position begründet wurde.
3 Das Buch „Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse“ von Jochen Gläser und Grit Laudel ist
erst nach der Durchführung der Experteninterviews, im November 2004 erschienen. Es wurde nicht zur
Vorbereitung der Durchführung verwendet, erwies sich aber als hilfreiches Instrument der Auswertung
und Reflexion.
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Pfadenhauer (2002, S. 121) spricht sich dafür aus, Experteninterviews als Gespräche „auf gleicher Augenhöhe“ zu führen. Um dies zu ermöglichen muss der Interviewer vom Experten als kompetent erlebt werden, d.h. er muss sich auf das Interview vorbereiten, indem er sich relevantes Sonderwissen aneignet (ebd. S. 125). Nach einem ersten Überblick zum aktuellen Diskussionsstand durch Literatur- und Quellenrecherche wurde zu fünf Fachleuten, die auf unterschiedliche Weise an dem Thema interessiert sind bzw. daran arbeiten, telefonischer Kontakt aufgenommen, das Anliegen erläutert und um einen Gesprächstermin gebeten, was in allen Fällen zugebilligt wurde. Sie wurden als Experten von „innen“ (Meuser, Nagel 2002, S. 73), also direkt Beteiligte, als auch von „außen“ (ebd), als Beurteilende ausgewählt. Auf diese Weise entstand der Kontakt zu einem Mitarbeiter im legislativen Bereich (Gesprächspartner A), der Leitung einer Einrichtung zur Ehrenamtsförderung (Gesprächspartner B), der hauptberuflichen Leitung einer Freiwilligenagentur (Gesprächspartner D), einem Referent für ehrenamtliches Engagement in einem Wohlfahrtsverband (Gesprächspartner E) und der Leitung einer Einrichtung eines konfessionell gebundenen Wohlfahrtsverbandes (Gesprächspartner G). Da der Mitarbeiter im legislativen Bereich das Transkript des Gesprächs mehrmals zensierte, wurde kurz vor Beendigung der vorliegenden Arbeit beschlossen, das Interview nicht zu verwenden, da die verbliebenen Inhalte ohne Relevanz waren. Die Leitung der Einrichtung zur Ehrenamtsförderung brach das Interview nach etwa der Hälfte der Zeit aus Termingründen ab und verwies an einen Mitarbeiter. Er ist Gesprächspartner C. Die Auswahl der Experten sollte ermöglichen, Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln zu bekommen und zu vergleichen. Deshalb ist es interessant, die Aussagen im institutionellen Kontext des Befragten zu beleuchten. Gleichzeitig mindern diese Unterschiede die Vergleichbarkeit, da sich die Inhalte der Interviews den Positionen der Experten anpassten und dadurch z.T. stark variieren. Während B keinen direkten Zugang zur Organisation von ehrenamtlichen Engagement hat, sondern seine Kompetenzen im Bereich der politischen Rahmenbedingungen liegen, berichten D und G aus der Perspektive von Fachkräften, die direkt mit ehrenamtlich Engagierten arbeiten und von politischen Rahmenbedingungen zwar beeinflusst sind, diese aber nicht selbst beeinflussen. Die Hintergründe des direkten Kontakts zu Ehrenamtlichen von D und G unterscheiden sich dadurch, dass D im Kontext einer modernen Form der Organisation ehrenamtlichen Engagements tätig ist, während sich die Arbeit von G sehr traditionell gestaltet. Die Position von E liegt zwischen denen der anderen Experten, da er aufgrund seines Aufgabengebiets sowohl mit Einrichtungen in
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Kontakt kommt, die mit ehrenamtlich Engagierten arbeiten, als auch mit solchen, die politischen Einfluss nehmen. C schließlich beurteilt die Situation weniger aus der Perspektive eines Experten, sondern eher eines hauptamtlichen Mitarbeiters, der mit bestimmten Bereichen des ehrenamtlichen Engagements vertraut ist. Die Gespräche wurden im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2004 durchgeführt. Als Vorbereitung wurde auf Basis einer kurzen Literaturrecherche und nach Entwicklung der Fragestellung dieser Arbeit ein Leitfaden (Anlage 1) erstellt. Dieser wurde im Diplomantencolloquium besprochen, bevor er zum Einsatz kam. Experteninterviews werden, so Gläser und Laudel (2004, S. 107), meist mit einem Leitfaden durchgeführt, weil mehrere Themenkomplexe behandelt werden sollen und bestimmte Fragestellungen, nicht die Person des Befragten im Mittelpunkt stehen. Die Verwendung eines halbstrukturierten Leitfadens hat nach Meuser und Nagel (2002, S. 77) den Vorteil, dass das Gespräch vorstrukturiert wird und sich nicht in Themen verliert, die für die Beantwortung der Untersuchungsfrage irrelevant sind. Dies, so Bock (1992, S. 94) würde auch die Vergleichbarkeit der Interviews einschränken. Sie plädiert für die Verwendung eines halbstrukturierten Leitfadens, welcher nicht bis ins Detail ausgearbeitet ist, sondern mit Stichworten dem Gespräch eine grobe Richtung gibt. Inhalte und Verlauf sind maßgeblich von den Antworten des Experten bestimmt. Bock (ebd.) betont, dass starr ausformulierte Fragen das Interview eher zu einer Befragung werden lassen, wodurch der Informationsfluss möglicherweise gehemmt wird. Weitere Vorteile des Leitfadens sind, dass er dem Interviewer hilft, gut auf das Gespräch vorbereitet zu sein (Bock 1992, S. 95; Meuser, Nagel 2002, S. 78), was zu einer lockeren und freien Gesprächsführung beiträgt. Es wird geklärt, worum es eigentlich geht. „Nur wer weiß, was er herausbekommen möchte, kann auch dananch fragen“, bestätigen Gläser und Laudel (2004, S. 61). Die Stichworte helfen, dass Gespräch im Fluss zu halten und können hinterher Ausgangspunkt der Auswertung sein (Bock 1992, S. 95). Durch die Vorbereitung wird außerdem verhindert, dass Detailfragen kostbare Interviewzeit beanspruchen, die leicht durch eigene Recherche beantwortet werden können (Gläser, Laudel 2004, S. 146f).
Wie Bock (1992, S. 94) vorschlägt, wurde das Interview mit Fragen zur Person und Einrichtung begonnen, um einen unkomplizierten Einstieg zu finden. Die Fragen zur
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Person wurden sehr knapp gehalten, da im Experteninterview nicht die Gesamtperson mit ihrer individuellen Biographie von Interesse ist, sondern sie als „Funktionsträger“ im institutionellen oder organisatorischen Zusammenhang ausgewählt wurde (Meuser, Nagel 2002, S. 74 bzw. 2003, S. 57). Diese Ausführungen wurden aufgrund der Verpflichtung zur Anonymisierung nicht transkripiert. Der erste inhaltliche Fragenkomplex widmete sich den verschiedenen Begrifflichkeiten, welche synonym oder alternativ zu „Ehrenamtlicher Arbeit“ verwendet werden. Es sollte in Erfahrung gebracht werden, welche Begriffe tatsächlich Eingang in die Praxis finden bzw. welchem Kontext sie zuzuordnen sind. Außerdem war es ein Anliegen, zu erfahren, wie die Engagementbereitschaft jenseits der Studien in den unterschiedlichen Zusammenhängen wahrgenommen wird. Entsprechend der Fragestellungen dieser Arbeit sollten im Interview die Rolle der Wohlfahrtsverbände als Anbieter, Förderer und Nutznießer ehrenamtlichen Engagements und das Verhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen beleuchtet werden. Ein letzter Fragenkomplex, der nur am Rande Eingang in diese Arbeit findet, widmet sich politischen Aspekten des Ehrenamts.
Es zeigte sich, dass der Hinweis von Meuser und Nagel (2002, S. 79), die Reaktion des Interviewpartners beim Erstkontakt nicht überzubewerten, berechtigt ist. Waren die Gesprächspartner in zwei Fällen am Telefon sehr aufgeschlossen, zeigten sie sich im Gespräch wenig offen und brachen dies in einem Fall sogar ab. Im Gegensatz dazu zeigte sich ein anderer Experte zuerst sehr skeptisch, war im Gespräch jedoch sehr offen und dem Anliegen gegenüber aufgeschlossen. Der Leitfaden wurde, obwohl die Fragen zum Großteil ausformuliert waren, in keinem Gespräch in der vorgegebenen Art und Weise benutzt, sondern den Gesprächspartnern angepasst. Zwei Fragen des Leitfadens wurden während der Gespräche bewusst nicht gestellt. Die Frage zur Einschätzung des Verhältnisses von Einfluss- und Mitgliedschaftslogik in Wohlfahrtsverbänden war zu wenig operationalisiert, um verständlich zu sein; die Frage nach den Vergabegrundsätzen für ehrenamtliches Engagement war eine reine Informationsfrage und beantwortete sich im Vorfeld von selbst. Gläser und Laudel (2004, S. 146) befür-worten es, nicht an den Fragen des Leitfadens zu „kleben“, da es dem Prinzip der Offenheit entspricht. Eine Schwierigkeit seitens der Interviewerin war es, einerseits kompetent und fachlich informiert aufzutreten, wie es Pfadenhauer (2002, S. 121) anrät, sich andererseits aber als „Lernende“ (Bock 1992, S. 92) zu verstehen, um die Antworten nicht voreilig zu kategorisieren bzw. suggestive Fragen zu stellen, was nach Gläser
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und Laudel (2004, S. 139) passieren kann. Außerdem wurde an einigen Stellen zu wenig auf das Gesagte der Experten reagiert. So äußerte sich zum Beispiel der Leiter der Freiwilligenagentur ansatzweise zur Instrumentalisierung des ehrenamtlichen Engagements durch die Politik und es wäre sicherlich interessant gewesen, darauf näher einzugehen, anstatt auf die Interessen der Wohlfahrtsverbände überzuleiten. D: (…) Also es ist keine Berufstätigkeit und ich muss das auch immer wieder so sagen, es ist auch kein Ersatz für irgendwelche berufliche Tätigkeiten, es wäre dann verkehrt. Wenn das manchmal vielleicht in der Wirtschaft oder in der Regierung so ankommt, dass sie manche Dinge über Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement abfedern können und dann Leute sparen, so sehe ich das nicht, so kann es nicht sein.
B.L.: Da wären wir ja eigentlich schon bei den Wohlfahrtsverbänden. Es ist ja so ein Aspekt, der den Wohlfahrtsverbänden manchmal vorgeworfen wird, dass immer der Verdacht laut wird, mit dem Ehrenamt sollen irgendwelche Lücken gestopft werden… Erster Schritt der Auswertung war eine Transkription mit Übertragung in normales Schriftdeutsch. Sie dient als Grundlage für die intepretative Auswertung (Mayring 2002, S. 89). Auf Hervorhebungen von Dialekt und Sprache, Pausen und Stimmlage der Interviewten wurde verzichtet, da nur die inhaltlich-thematische Ebene von Bedeutung ist. Außerdem wurden die Aussagen grammatikalisch an einzelnen Stellen leicht geglättet. Entsprechend Meuser und Nagel (2002, S. 83) wurden die Interviews nicht vollständig transkripiert, sondern irrelevante und persönliche Informationen übergangen. Außerdem wurden Namens-, Orts- und Zeitangaben weggelassen, um die Inhalte zu anonymisieren (Bock 1992, S. 98). Aus diesem Grund wird auch von allen Gesprächspartnern in der männlichen Form gesprochen, obwohl fünf Interviews mit weiblichen Gesprächspartnerinnen geführt wurden und lediglich ein Experte männlich war. Entsprechend den Kommunikationsregeln war es den Interviewten schon während des Interviews möglich, Antworten zu verweigern (Gläser, Laudel 2004, S. 108). Darüber hinaus wurde den Gesprächspartnern auf Wunsch die Möglichkeit eingeräumt, die Transkripte einzusehen. Zwei Interviewpartner machten davon Gebrauch. In einem Fall wurden Passagen gestrichen. Alle Inhalte, die nach den genannten Kriterien freigegeben waren, wurden transkripiert und im Sinne einer Zusammenfassung paraphrasiert. Also Orientierung dienten die Vorgaben von Meuser und Nagel (2002, S. 83f), wonach die Paraphrase dem chronologischen Gesprächsverlauf folgen und die Wichtigkeit der Inhalte herausarbeiten soll. Sie betonen außerdem, dass die Paraphrase nicht selektieren darf, dass „nichts unterschlagen, nichts hinzugefügt und nichts verzerrt“
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(ebd. S.84) werden darf. Anschließend wurden sieben Kategorien erstellt, denen die Aussagen der Experten zugeordnet wurden: • Begriff und Definition • Motivationen zum ehrenamtlichen Engagement • Veränderungen im ehrenamtlichen Engagement • Ehrenamtliches Engagement und Wohlfahrtsverbände • Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter • Ehrenamtliches Engagement und Politik • Förderung ehrenamtlichen Engagements
Es wurden Tabellen zu den jeweiligen Kategorien erstellt, in welche die zugehörigen Interviewpassagen eingeordnet wurden. In die Kategorie „Ehrenamtliches Engagement und Politik“ fällt u. a. die Frage nach dem Einfluss der Hartz IV.-Gesetze auf das Engagement. Die Antworten darauf wurden zwar transkripiert, aber verwendet, da es sich nur um vage Einschätzungen handelte und sich herausstellte, dass das Thema nicht im Rahmen der Fragestellung behandelt werden kann. Um zu gewährleisten, dass Antworten nicht verzerrt oder falsch wiedergegeben werden, wurden zum Teil sehr lange Passagen ausgewählt. Der nächste Schritt war, die Aussagen der fünf Interviewpartner in Beziehung zu setzen und zu vergleichen. Nicht alle Experten äußerten sich zu jedem Aspekt. Teilweise wurden die Fragen nicht vergleichbar gestellt, in manchen Fällen wollten die Interviewpartner keine Meinung abgeben. Die Aussagen der Gesprächspartner bilden im Folgenden den Abschluss eines jeden Kapitels.
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3 Ehrenamtliches Engagement
Das Thema dieser Arbeit ist sehr spezifisch. Es handelt sich um eine ganz bestimmte Form der Beteiligung in den festgelegten Zusammenhängen von Wohlfahrtsverbänden und deren Einrichtungen. Daneben existieren noch eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich freiwillig zu beteiligen. Dieses Kapitel soll einen ersten Überblick geben, das Gebiet eingrenzen und die Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements bis heute beleuchten.
3.1 Begriffsdefinition und Abgrenzung
So wenig sich die verschiedenen Autoren auf einen Begriff einigen können, so laut sind ihre Klagen über die Begriffskonfusion, welche die Erforschung des Feldes erschwert und die Weiterentwicklung des ehrenamtlichen Engagements hemmt (Beher, Liebig, Rauschenbach 2002, S.103). Es herrscht weder ein Konsens darüber, welche Begriffe zeitgemäß sind, noch wie sie eingegrenzt werden müssen. Im Folgenden wird ein Einblick in die anhaltende Diskussion gegeben.
Vielfach wird der Versuch gemacht, „Ehrenamtliches Engagement“ oder „Ehrenamtliche Arbeit“ durch andere Schlagwörter zu ersetzen. Statt vom Ehrenamt wird von Freiwilligenarbeit bzw. -engagement, bürgerschaftlichem Engagement, Selbsthilfe, Volunteering oder zumindest vom „Neuen Ehrenamt“ gesprochen. Ehrenamtlichkeit scheint überholt, weil es, so z.B. Müller-Kohlenberg (1996, S. 43), den damit verbundenen Tätigkeiten an Ehre fehlt und sie selten als Amt bezeichnet werden können. Während Müller-Kohlenberg (ebd.) den Begriff „Ehrenamt“ aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds ablehnt, ihn als „mit historischer und normativer Grundmoräne“ beladen tituliert, hält Jakob (1993, S. 9) eine Änderung des Begriffs gerade wegen der historischen Dimensionen für unmöglich.
Ergebnisse einer 1999 bundesweit durchgeführten Umfrage zeigen, dass immerhin noch 32% aller befragten Engagierten ihre Aufgabe als „Ehrenamt“ bezeichnen (Rosenbladt 2001, S. 19). Trotzdem wirkt dieser Begriff zunehmend veraltet (Bartjes, Otto 2001, S. 204), was sich auch daran zeigt, dass wesentlich mehr, nämlich 48% der Be-
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fragten, von „Freiwilligenarbeit“ sprechen (Rosenbladt 2001, S. 19). Dieser Begriff wurde zumindest in den 90er Jahren noch angezweifelt, etwa weil er als zu unpräzise galt (z.B. Müller-Kohlenberg 1996, S.50; Notz 1999, S. 21). Eine gängige Variante scheint inzwischen zu sein, Ehrenamt, bürgerschaftlichem Engagement, Selbsthilfe und Freiwilligenarbeit eigene Qualitäten zuzuschreiben und unter einem Oberbegriff zusammenzufassen. Dieser Sammelbegriff ist bei Rosenbladt (2001, S.16) „Freiwilliges Engagement“ und bei Schmidt und Lembcke (2002, S.11) „Ehrenamtliches Engagment“. Die Enquete-Kommission (SPD-Fraktion 2004, S.2) nennt alle Formen der Beteiligung „Bürgerschaftliches Engagement“, fasst diesen Begriff jedoch wesentlich weiter als Rosenbladt, Schmidt und Lembcke. Beher, Liebig und Rauschenbach (2002, S.104) erarbeiteten zehn Dimensionen, in deren Spannungsfeld sich ehrenamtliches Engagement bewegt. Die Positionierung zwischen den Eckpunkten bestimmt ihrer Auffassung nach die Benennung der Tätigkeit. Ehrenamt, Selbsthilfe und bürgerschaftliches Engagement sind demnach angesiedelt zwischen: • Bezahlter und unbezahlter Arbeit • Geringem und erheblichem zeitlichen Engagement • Engagement für sich bzw. für andere • Engagement innerhalb und außerhalb des sozialen Nahraums • Arbeit mit oder ohne organisatorischer Anbindung • Selbstbestimmten und hoheitlich übertragenen Aufgaben • Arbeit mit und ohne Qualifikationen • Personen- bzw. sachbezogener Arbeit • Einfacher Mitgliedschaft und tätigem Engagement • Formal legitimierten und nicht formal legitimierten Funktionen
Selbsthilfe und Bürgerschaftliches Engagement gelten also nicht als Ersatzbegriffe für „Ehrenamt“ bzw. „ehrenamtliche Arbeit“, sondern werden als eigenständige Formen unentgeltlichen Engagements behandelt. Diese Begriffe präzise einzuordnen ist jedoch schwierig. Einen Hinweis gibt zum Beispiel Notz (1999, S.28), die annimmt, dass es bei ehrenamtlicher Arbeit weit weniger als in der Selbsthilfe um die Bearbeitung und
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Lösung eigener Probleme geht. Bürgerschaftliches Engagement kann nach Steinbacher (2004a, S. 80) dadurch abgegrenzt werden, dass es dabei um selbstinitiiertes und gemeinsames Handeln geht. Beher, Liebig und Rauschenbach (2000, S. 21) weisen darauf hin, dass die Wahl der Begrifflichkeit auch der Positionierung dient, von unterschiedlichen Weltbildern geprägt ist und Appellcharakter besitzt. Für sie bewegt sich ehrenamtliches Engagement zwischen den Polen von gesellschaftlich Nützlichem und der individuellen Bereitschaft, sich in die Gemeinschaft aktiv einzubringen. Dabei legen sie beim Bürgerschaftsengagement den Schwerpunkt auf das Gemeinwohl und bei freiwilligem Engagement auf die persönlichen Neigungen und Interessen (ebd. S. 25). Die Unterschiede zwischen den Formen des Engagments sind vielfältig, so Rosenbladt (2001, S. 33). Gemein ist ihnen, dass es immer um die Übernahme von Verantwortung außerhalb von Familie und Beruf geht. Schmitt und Lembcke (2002, S. 31) grenzen den Begriff des „Ehrenamtlichen Engagements“ im Rahmen ihrer Thüringen-weiten Studie noch deutlicher ab. Dabei orientieren sie sich an den Vorgaben der Enquete-Kommission „Bürgerschaftliches Engagement“ des deutschen Bundestages. So handelt es sich bei ehrenamtlichem Engagement nicht um den Einsatz von Geld, wie dies bei Spenden der Fall ist, sondern um eine Zeitaufwendung in sozialen Kontexten. Gefordert ist dabei nicht nur die reine Beteiligung an Aktivitäten, sondern die Übernahme von Aufgaben mit relativer Dauerhaftigkeit bzw. Festigkeit im Zeitverlauf. Ein weiteres Merkmal ehrenamtlichen Engagements ist der organisatorische Kontext, in dem es geschieht. Es geht folglich nicht um informelle Hilfe, wie z.B. Nachbarschaftshilfe, sondern um einen formellen Akt. Mit dem Kriterium der relativen Dauerhaftigkeit grenzen Schmidt und Lembcke (ebd.) ehrenamtliches Engagement u. a. von Ad-hoc-Hilfe, also der auf kurze Dauer begrenzten Soforthilfe, ab. Dieses Merkmal ehrenamtlicher Beteiligung ist nach Ansicht der Autorin jedoch streitbar, da die kurzfristige Beteiligung in zeitlich begrenzten Projekten, welches den Studien zufolge an Bedeutung gewinnt, dann nicht mehr als ehrenamtliches Engagement bezeichnet werden könnte.
Wie erwähnt, wird die Frage nach Begrifflichkeiten von der historischen Dimension des Ehrenamts beeinflusst. Die Geschichte des Ehrenamts mit den verschiedenen Wandlungsprozessen soll kurz dargestellt werden, um die aktuelle Diskussion verständlich zu machen. Im Folgenden werden die Begriffe ehrenamtliches Engagement,
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Selbsthilfe und bürgerschaftliches Engagement als eigenständige Formen freiwilligen, unentgeltlichen Engagements verstanden.
3.2 Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements
Ursprünglich war ein „Ehrenamt“ tatsächlich dem Namen entsprechend ein Amt der Ehre. Es wurde übertragen, nicht übernommen und beinhaltete hoheitliche Befugnisse. Es verstand sich von selbst, dass es unentgeltlich war, da die Amtsträger aus dem Bürgertum stammten und es schlichtweg nicht nötig hatten, für ihre Tätigkeiten bezahlt zu werden (Seibert 2000, S. 364). In der Preußischen Städteordnung von 1808 wurde über die kommunale Selbstverwaltung entschieden, welche die Bürger berechtigte und verpflichtete, lokale Angelegenheiten selbst zu regeln (Sachße 2000, S. 76). Auf der Grundlage dieser Verordnung wurde 1852/53 das „Elberfelder System“ zur Armen-fürsorge entwickelt. Es war die Aufgabe der ehrenamtlich Tätigen, als Armenpfleger bis zu vier Familien bzw. Alleinstehende zu betreuen. Diese Ehrenämter war mitnichten freiwillig, sondern die Pflicht eines jeden mündigen Bürgers und laut Wendt (1990, S. 125) war es den Städten und Kommunen auch damals schon nicht unlieb, dass das Elberfelder System auf Grund der Ehrenamtlichkeit kaum Kosten verursachte. Während die Ehrenämter in der kommunalen Selbstverwaltung noch rein administrativer Natur waren, legte das Elberfelder System den Grundstein für das soziale Ehrenamt (Sachße 2000, S. 77).
Etwa zur selben Zeit, ab 1848, entstanden die ersten Vereine, in denen sich Menschen aus christlicher Tradition, bürgerschaftlichem Verantwortungsgefühl oder sozialistischer Solidarität engagierten (Jakob 1993, S. 10). Seibert (2000, S. 364) sieht darin erste Ansätze der Emanzipation des Bürgertums und die Inanspruchnahme von Mitbestimmung. Jakob (1993, S. 12) betont, dass durch diese Entwicklung besonders Frauen verstärkt die Möglichkeit zur Partizipation erlangten. Es kristallisierten sich also schon damals zwei Herangehensweisen an das Ehrenamt heraus: Zum einen wird es als Pflicht des Bürgers gesehen, zum anderen handelt es sich um das Bürgerrecht auf Partizipation. Sachße (2000, S. 77) bezeichnet die Entstehung von Vereinen und Verbänden als den Ursprung von Bürgerschaftsengagement.
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Einen deutlichen Wandel erlebte das ehrenamtliche Engagement im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die kommunale Fürsorge wurde im Zuge der sozialpolitischen Reformen professionalisiert und lokale Selbstverwaltung war nicht länger Anlass für ehrenamtliches Engagement. „Der Bezug zum ‚Amt’ ging verloren, so dass das soziale Ehrenamt zur freiwilligen sozialen Hilfstätigkeit wurde“ (Steinbacher 2004a, S. 64). Im Bereich der öffentlichen Fürsorge fanden Menschen, die sich ehrenamtlich engagierten wollten, aufgrund von Verberuflichungstendenzen kaum noch Platz. Möglichkeiten zum Engagement boten stattdessen die neu entstandenen Wohlfahrtsverbände, welche sich als Wertegemeinschaften präsentierten und die ehrenamtliche Tätigkeit als Teil ihres Profils verstanden. Als sich dies in den 1960er und 1970er Jahren änderte, weil Wohlfahrtsverbände zunehmend professioneller, bürokratischer und verrechtlichter wurden (auf die Hintergründe wird im Kapitel 4.1. und 4.2 eingegangen), bildeten sich neue Formen ehrenamtlichen Engagements. Bis dahin war es überwiegend innerhalb von Institutionen formal organisiert. Die ehrenamtlich Engagierten besetzten Vorstandsposten und übernahmen administrative Tätigkeiten, hauptsächlich arbeiteten sie jedoch an der Basis, im direkten Kontakt zur Klientel. Anders als im 19. Jahrhundert wurde in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts die Freiwilligkeit des Engagements betont, doch der Aspekt der „selbstverständlichen Verpflichtung“ zum „Dienst am Nächsten“ spielte eine wichtige Rolle. Die Frage „Was bringt es mir?“ wurde noch nicht gestellt. Das ehrenamtliche Engagement ging einher mit einer hohen Identifikation mit der jeweiligen Institution und einer relativ dauerhaften und loyalen Bindung (Steinbacher 2004a, S. 65f).
In den 1970er Jahren begann sich die Situation erneut stark zu verändern. Als in der Politik das Interesse am ehrenamtlichen Engagement neu erwachte, wurde der Verdacht laut, dass dieses Interesse lediglich verbandspolitisches Kalkül sei, eine Reaktion auf Krisen in der Sozialpolitik und auf dem Arbeitsmarkt. Die traditionelle Bindung ehrenamtlichen Engagements an Vereine und Verbände lockerte sich, während sich neue, unabhängige Engagementsformen bildeten. Deren Verhältnis zu Wohlfahrtsverbänden wurde als problematisch beschrieben, weil dort die Vorstellungen und Wünsche der Engagierten hinsichtlich der Gestaltung ehrenamtlicher Mitarbeit zu wenig beachtet wurden. (Steinbacher 2004a, S. 1). Nach Wirth (2005, S. 6) wurde soziales und politisches Engagement in seinem neuen Erscheinungsbild Teil der damaligen
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Jugendkultur und verfolgte das Interesse, jenseits institutioneller Bindung neue Impulse zu geben (ebd).
Es zeigt sich, dass ehrenamtliches Engagement im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft passiert. Es wird von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und von der unbeständigen Bereitschaft der einzelnen Bürger beeinflusst. „Mittlerweile existieren eine Fülle von Hinweisen, daß 4 diese gesellschaftliche Ressource des freiwilligen, ge-meinwohlorientierten Engagements, (…), einerseits nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als voraussetzungsvolles und evtl. labiles Phänomen angesehen werden muß und andererseits strukturellen Veränderungen unterworfen ist“ (Beher, Liebig, Rauschenbach 2000, S. 42). Betrachtet man ehrenamtliches Engagement heute, müssen folglich die individuelle Lebenswelt und die Gesellschaft als Ganzes als Kontext des ehrenamtlichen Engagements Beachtung finden.
Klages (2000, S. 156) nennt als einen Bezugspunkt die Medien- und Informationsgesellschaft. Die Freizeit- und Arbeitswelt hat sich dahingehend verändert, dass es kaum noch jemanden gibt, der nicht täglich Zeit vor dem Computer oder Fernseher verbringt. Daneben sind die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung scheinbar endlos und in der Berufswelt stehen Menschen anderen Herausforderungen gegenüber als früher. In einem solchen Kontext findet Klages (ebd) es bemerkenswert, dass Menschen noch bereit sind, sich freiwillig und unentgeltlich zu engagieren. Thierse (2004, S. 2) betont den Einfluss der Arbeitsmarktsituation auf die Engagementbereitschaft. „Wenn Arbeitgeber zunehmend Mobilität und Flexibilität fordern, dann ist das mit den ‚alten’ Formen bürgerschaftlichen Engagements oft nicht mehr zu vereinbaren“. Als persönlichen Grund heben Zander und Notz (1997, S. 1/5) hervor, dass die Befriedigung eigener Bedürfnisse durch eine sinnerfüllte Tätigkeit stärker im Mittelpunkt steht als früher. „Die Caritas tritt zugunsten subjektiver Bedürfnisbefriedigung und objektiver Notwendigkeit mehr und mehr in den Hintergrund“ (ebd.). Diese Bedingungen sorgen dafür, dass sich das Engagement wandelt: Neben der langfristigen und verbindlichen Beteiligung in Vereinen und Verbänden etabliert sich das Engagement in Initiativen und Selbsthilfegruppen, welches mit anderen Rahmenbedingungen, Motiven und Erwartungen verbunden ist (Zander, Notz 1997, S. 2/1).
4 Im Interesse besserer Lesbarkeit wird in der gesamten Arbeit darauf verzichtet, die alte Rechtschrei-
bung in Zitaten als Fehler des Originals auszuweisen.
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Das bedeutet nicht, dass sich das traditionelle Ehrenamt in Verbänden und Vereinen völlig aufgelöst hat. Leonhardt (2003, S. 149) geht davon aus, dass diese Formen nach wie vor die Basis des Engagements sind. Dies bestätigen auch die Zahlen des Freiwiligensurvey von 1999, wonach sich immer noch 50% aller Engagierten in Vereinen und Verbänden beteiligen (Rosenbladt 2001, S. 72). Bevor Ergebnisse der aktuellen Studien ausführlicher dargestellt werden, soll darauf eingegangen werden, welche gesellschaftliche Bedeutung dem ehrenamtlichen Engagement in all seinen Formen gegenwärtig zugeschrieben wird, um einen Bezugsrahmen herzustellen.
3.3 Gesellschaftliche Bedeutung von freiwilliger, unentgeltlicher Beteiligung
Viele aktuelle Beispiele zeugen davon, dass freiwilligem, bürgerschaftlichem oder ehrenamtlichem Engagement eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zuerkannt wird. Das Jahr 2001 wurde zum „Jahr der Freiwilligen“ gekürt, jedes Jahr am 05. Dezember wird der „Internationale Tag des Ehrenamts“ begangen und 2004 fanden vom 25. September bis zum 02. Oktober erstmals zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen der „Woche für Bürgerschaftliches Engagement“ statt. Wohlfahrtsverbände, Parteien und andere gesellschaftliche Akteure kommen nicht umhin, auf die Wichtigkeit von freiwilligem, unentgeltlichem Engagement hinzuweisen. So betonte zum Beispiel der Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus in seiner Rede zum Landesparteitag im November 2003, dass das Ehrenamt die „Wurzel der Demokratie“ sei und Thüringen ein „Land des Ehrenamts“ (Althaus 2003). Der Paritätische Wohlfahrtsverband schreibt in seiner Freiwilligencharta (2004): „Freiwilliges Engagement ist ein wesentliches Gestaltungselement moderner gesellschaftlicher Solidarität und partizipativer Demokratie. (…) Es wirkt ausgleichend und regulativ gegen Tendenzen zur Überbürokratisierung und Überregulierung des Wohlfahrtsstaats“. Renate Schmidt, die die Kommission „Impulse für die Zivilgesellschaft“ ins Leben gerufen hat, welche sich u. a. mit Freiwilligendiensten beschäftigt, appelliert an die Verantwortung der Bürger für die eigene Lebensqualität. „Der Staat kann nicht alles leisten. Die Lebensqualität unserer Gesellschaft hängt auch davon ab, ob sich Leute ehrenamtlich engagieren (…). Es geht nicht darum, dass Ehrenamtliche Lückenbüßer für staatliche Aufgaben werden (…). Es geht darum, dass bestimmte Dinge auch jetzt nicht vom Staat erledigt werden, zum Beispiel, dass sich jemand hinsetzt und einem Pflegebedürftigen eine halbe Stunde vorliest (…)“ (Schmidt zitiert nach Schuler 2005, S. 3).
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Nach Klages (2000, S. 151) besteht kein Zweifel darüber, dass der Wohlfahrtsstaat finanziell überlastet wäre, wenn er alle Hilfen, die zum Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung notwendig sind, ohne das unentgeltliche Engagement seiner Bürger erbringen müsste. Darüber hinaus wird freiwilligem Engagement eine eigene Qualität zugeordnet, welche laut Klages (ebd. S. 152) nicht durch bürokratisch geplante Hilfen zu ersetzen wäre. Er sieht z.B. die Möglichkeit einer Sinngebung jenseits von Arbeits- und Leistungsgesellschaft, wenn auch mit der Einschränkung, dass freiwilliges, unentgeltliches Engagement keine adäquate Alternative zu Erwerbstätigkeit darstellen kann (ebd. S. 152f).
Um die Beteiligung der Bürger richtig einschätzen zu können, wurden in den letzten Jahren von Bund und Ländern verschiedene Studien zur Bestandsaufnahme des ehrenamtlichen Engagements durchgeführt, was die gesellschaftliche und (sozial-)politische Bedeutung ebenfalls verdeutlicht. Im folgenden wird auf eine Thüringer Studie aus dem Jahr 2002 Bezug genommen, welche von Schmitt und Lembcke von der Universität Jena im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit durchgeführt wurde, sowie auf eine bundesweite Repäsentativerhebung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 1999 (Rosenbladt 2001). Mittlerweile wurde eine bundesweite Folgestudie durchgeführt, deren Ergebnisse in einer Kurzfassung bereits im Internet veröffentlicht wurde (BMFSFJ 2004) 5 . Etwas älter, von 1997, ist eine thüringenweite Studie von Notz und Zander, auf welche sich in diesem Kapitel nur am Rande bezogen wird 6 .
5 Kurz vor Abschluss dieser Arbeit war es der Autorin möglich, Einblick in die unveröffentlichte Ge-
samtfassung der Trenderhebung von 2004 zu erhalten. Da die aktuelleren Daten keine überraschenden
Veränderungen aufzeigen, die für diese Arbeit relevant wären, wurde aus zeitlichen Gründen auf die
völlige Überarbeitung des Zahlenmaterials verzichtet und nur die Kurzfassung berücksichtigt. Ein einfa-
cher Austausch der Zahlen war aufgrund unterschiedlicher Forschungsdesigns nicht möglich. Die Erhe-
bung von 2004 wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
von Dr. Thomas Gensicke durchgeführt.
6 Die viel zitierte, europaweit durchgeführte Studie von Gaskin, Katharine u.a. (1996) bleibt in dieser
Arbeit unbeachtet, da aktuelle Studien die Situation in Deutschland treffender und zeitnaher beschreiben
und kein europaweiter Ländervergleich anstrebt wird.
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3.4 Zur aktuellen Situation des Ehrenamts
Nach Rosenbladt (2001, S. 18) waren zum Zeitpunkt der Erhebung 1999 34% der Deutschen in irgendeiner Form freiwillig engagiert. Etwa 22 Millionen Bürger in der Bundesrepublik übernahmen also aktiv, unentgeltlich und freiwillig Aufgaben in Vereinen, Projekten, Initiativen, Selbsthilfegruppen, Verbänden und anderen Organisati-onsformen. In der Folgeerhebung 2004, wurde eine Steigerung des freiwilligen Engagments um 2% wahrgenommen (BMFSFJ 2004). Schmitt und Lembcke (2002, S. 19) gaben eine etwas niedrigere Quote bundesweiten Engagements an. Ungeachtet dieser kleinen Differenzen kann man davon ausgehen, dass sich ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung - etwa jeder Dritte - freiwillig und unentgeltlich engagiert. Die Studien widersprechen der Annahme, die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement lasse nach, wie der Vergleich der Freiwilligensurveys 1999 und 2004 deutlich macht. Man kam im Rahmen der Studien außerdem zu der Einschätzung, dass es ein Potential von Engagementswilligen in der Gesellschaft gibt, welches noch erschlossen werden kann (Klages 2001, S. 200). Klages (ebd) errechnet ein Engagementspotential von insgesamt 37%. So wären 34% der bereits Engagierten bereit, mehr zu tun, 47% der ehemals Engagierten würden sich gegebenenfalls erneut einbringen und 37% der Bürger, die noch nie ehrenamtlich aktiv waren, wären grundsätzlich bereit dazu. Wie Rosenbladt (2001, S. 18) vermerkt, ist zu beachten, dass die Quote engagierter Bürger keine statische Größe ist. Dies kann zum einen leichte Differenzen in den Zahlen erklären und zum anderen macht es deutlich, dass ehrenamtliches Engagement bestimmte Voraussetzungen und Rahmenbedingungen braucht. Es stellt sich also die Frage, was Menschen dazu motiviert, sich ehrenamtlich zu engagieren. Während Bauer (1998b, S. 5) im Jahr 1998 noch bemängelte, dass es diesbezüglich kaum aufschlussreiches Material gibt, zeigen die Studien der letzten Jahre recht klar, was Menschen dazu bewegt, ehrenamtlich tätig zu werden.
Rosenbladt (2001, S. 112) kommt zu dem Schluss, dass es nach wie vor hauptsächlich altruistische Motive sind, die Menschen zum Engagement motivieren. Allerdings reicht es den gegenwärtig ehrenamtlich Tätigen nicht aus, anderen Menschen zu helfen und dem Gemeinwohl zu dienen. Vielmehr erwarten sie, dass die Tätigkeiten gleichzeitig Spaß machen und den Kontakt zu sympathischen Menschen ermöglichen. Einen
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Barbara Lochner, 2005, Ehrenamtliches Engagement in Wohlfahrtsverbänden - Kritische Bestandsaufnahme mit Blick auf die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen und die Strukuren der Förderung, München, GRIN Verlag GmbH
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