Gliederung
1. Einleitung 3
2. Soziodemographische Einordnung der Hamburger Juden 5
3. Institutionen 7
3.1. Synagogen und Tempel 7
3.1.1. Die Neue Dammtor-Synagoge 7
3.1.2. Die Synagoge am Bornplatz 8
3.1.3. Der Tempel in der Poolstraße und der Tempel in der Oberstraße 9
3.1.4. Synagoge Heinrich-Barth-Straße 11
3.1.5. Alte und Neue Klaus 11
3.2. Schulen 12
3.2.1. Die Talmud-Tora-Realschule 12
3.2.2. Die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße 14
3.2.3. Die Israelitische höhere Mädchenschule 15
3.3. Jüdische Einrichtungen zur Förderung und Vorbereitung der
Auswanderung : „Hechaluz“ und „Hachscharah“ 16
4. Schlusswort 17
5. Literaturliste 19
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1. Einleitung
Heute leben laut Angabe des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden etwa 1500 Juden in Hamburg; 1933 waren es 24 000 1 . Von dem einst so vielfältigen jüdischen Leben sind nur noch wenige Spuren in Form von Denkmalen, Gedenktafeln oder Gebäuden erhalten, die mittlerweile längst einem anderen als ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Diese Hausarbeit möchte in ausgewählten Bereichen einen Überblick geben, wie jüdisches Leben zwischen 1919 und 1939 in Hamburg gestaltet wurde. Wandsbek und Altona, wo sich schon seit dem 17. Jahrhundert Juden angesiedelt hatten, gehörten erst nach der Eingemeindung 1937 zu Hamburg. 2 Nachdem in der Hamburger Verfassung von 1860 die rechtliche Basis für die Gleichstellung der Juden geschaffen wurde und mit dem Recht auf freie Wohnortwahl der jüdischen Bevölkerung innerstädtische Mobilität zugebilligt wurde, bildete sich die Neustadt und nach deren Übervölkerung der „Grindel“ als bevorzugte Wohngegend der Hamburger Juden heraus.
Mit Blick sowohl auf die absoluten Zahlen jüdischer Bewohner als auch auf die prozentual an der Gesamtbevölkerung gemessenen Anteile konzentriert sich diese Darstellung im wesentlichen auf den Stadtteil, in dem im zu betrachtenden Zeitraum die meisten Juden lebten: ein etwa einen Quadratkilometer messendes Areal zwischen den Straßen Grindelhof, Grindelallee und Hallerstraße: den Grindel. Verwaltungsrechtlich gab es nie einen Stadtteil „Grindel“; das Gebiet zählt zu den benachbarten Stadtteilen Rotherbaum, Harvestehude und Eimsbüttel. Der Begriff ist jedoch jedem Hamburger geläufig und wird nach wie vor zur Bezeichnung des heutigen Universitätsviertels verwendet. Wo es der Stellenwert der Gegenstände erfordert, werden andere Stadtbereiche miteinbezogen.
Neben der deutsch-israelitischen Gemeinde bestand in Hamburg bereits seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine portugiesisch-jüdische Gemeinde. Wegen ihrer geringen Mitgliederzahl im Betrachtungszeitraum dieser Arbeit (1935: 170 Mitglieder) wird auf eine Darstellung ihres Gemeindelebens,
1 Erich Lüth gibt für Mitte bis Ende der Zwanziger Jahre die Zahl 30 000 an unter Berücksichtigung der Anzahl nicht als Mitglieder der Kultusgemeinde registrierter Juden. Vgl. Erich Lüth: Aus der Geschichte der Hamburger Juden, in: Freimark / Kopitzsch (Hrsg.): Spuren der Vergangenheit sichtbar machen. Beiträge zur Geschichte der Juden in Hamburg, Veröffentlichung der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg, in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg 1991, S. 58.
2 zur Besonderheit der Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek, A-H-W, vgl. Lüth, a.a.O. S.52f.
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dessen Mittelpunkt mit der Synagoge in der Innocentiastraße in Harvestehude lag, hier verzichtet. 3
Auch unter deutsch-israelitischen Juden Hamburgs herrschten je nach Abstufungsgrad der Orthodoxie bzw. der Assimilation unterschiedliche Weltanschauungen und Lebensstile. Dem entspricht eine Vielfalt an institutionellen Einrichtungen: Die Institutionen „Synagoge“ und „Schule“ erlebten im Zeitraum zwischen 1919 und 1939 zunächst eine hohe Blütezeit. Ab 1933 ist die Entwicklung zunehmend durch Niedergang, durch Verbot und durch Zerstörung gekennzeichnet. Geradezu gegenläufig korrespondierend verlief die Entwicklung der jüdischen Einrichtungen, die in einem weiteren Abschnitt dargestellt werden: Jüdische Einrichtungen zur Förderung und Vorbereitung der Aus-wanderung. Diese Aktivitäten, begonnen in zionistischer Tradition, gewannen nach 1933 durch den Nationalsozialismus zunehmend an Bedeutung. Nicht in die Betrachtung einbezogen sind der Jüdische Kulturbund, der jüdische Sportverein Bar Kochba und Einrichtungen wie Kranken- und Waisenhäuser etc. Maßgebliche Erschließungen des Themas liefern Freimark und Kopitzsch in mehreren Veröffentlichungen sowie der von Wamser und Weinke herausgegebene Sammelband mit zahlreichen Quellen „Ehemals in Hamburg zu Hause: Jüdisches Leben am Grindel". 4 Zitate aus Miriam Gillis-Carlebachs Familienchronik „Jedes Kind ist mein Einziges. Lotte Carlebach-Preuss. Antlitz einer Mutter und Rabbiner-Frau“ 5 , einem literarischen Dokument, werden zur Veranschaulichung die Darstellung der historischen Entwicklung ausgewählter Institutionen begleiten. In der Familienchronik überschneiden sich die Schilderungen aus unterschiedlichen Lebenskreisen: das private Leben der Familie, das eingebunden ist in die jüdische Tradition, und, durch die berufliche Stellung des Vaters als Rabbi und Schulleiter, das Leben in den auf Öffentlichkeit gerichteten Institutionen Schule und Synagoge. Aus Gillis-Carlebachs sehr persönlichen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Hamburg spricht
3 Über die Portugiesisch-Jüdische Synagoge in der Innocentiastraße 37 und ihre Gemeinde geben die Seiten 31-33 von Christiane Pritzlaffs Aufsatz Auskunft, dem die Zahlenangabe entnommen ist. Pritzlaff, Christiane: Synagogen im Grindelviertel und ihre Zerstörung. Spuren vielfältigen religiösen jüdischen Lebens, in: Wamser / Weinke: Ehemals in Hamburg zu Hause: Jüdisches Leben am Grindel, Hamburg 1991, S. 23-35.
4 Interessant und kennzeichnend für den öffentlichen Umgang mit dem Thema sind die Bemerkungen der Herausgeber in ihrem Vorwort des 1991 in Hamburg erschienen Bandes: Für einen Katalog zur 1986 eröffneten Ausstellung fehlten dem Museum für Hamburgische Geschichte seinerzeit die finanziellen Mittel. Ein Ersuchen um Unterstützung durch die für den Grindel zuständige Bezirksversammlung Eimsbüttel wurde abgelehnt. Zustande kommen konnte die umfangreiche Dokumentation letztendlich vor allem dank ideeller und finanzieller Unterstützung der Kulturbehörde Hamburg und ihrem Präses, Prof. Dr. Ingo von Münch, der das Gel eitwort schrieb.
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die große Verehrung für ihre Mutter Lotte, die ihre Rolle als stets gastfreundliche und über den Familienkreis hinaus fürsorgende Rabbinerfrau gemeistert hat. Der Vater, Dr. Joseph Carlebach prägte das jüdische Leben in Altona, von dessen Hochdeutscher Israelitischer Gemeinde er 1925 zum Oberrabbiner berufen wurde, und in Hamburg. In den Jahren 1921 bis 1926 reformierte Dr. Joseph Carlebach als Direktor der Talmud-Tora-Realschule den dortigen Unterricht, und seine wissenschaftlich-fachlichen, religiösen wie pädagogischen Kompetenzen steigerten, gepaart mit Carlebachs gewinnendmenschlicher Art, das Ansehen und die Beliebtheit der jüdischen Schule am Grindel. In den 1930er Jahren und zu Beginn der 40er Jahre, als die jüdische Bevölkerung mit immer stärkerer Diskriminierung und Freiheitsberaubung zu kämpfen hatte, spendete Carlebach unverzagt Mut und Trost. Seinem unermüdlichen seelsorgerischen Einsatz voller Nächstenliebe zollen Miriam Gillis-Carlebachs Arbeiten ehrendes Gedenken wie auch die Zeitzeugen in der filmischen Dokumentation von Renate Zilligen „Ein Ort, den ich verlassen mußte - jüdisches Leben am Grindel“ (1987). Die biographischen Erinnerungen von Gillis-Carlebach bilden darüber hinaus exemplarisch das Schicksal jüdischer Menschen in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland ab, auch hinsichtlich der Auswanderung einzelner Mitglieder der Familie nach England und Palästina und der Deportation und Vernichtung anderer.
2. Die Hamburger Juden: Soziodemographische Aspekte
Die Charakteristika der Freien und Hansestadt Hamburg prägten auch das Leben der Juden in Hamburg: Zum einen ist Hamburg nicht nur Kommune, sondern auch Stadtstaat und unterscheidet sich dadurch in seiner Regie-rungsform von anderen Großstädten. Zum anderen haben aber auch Weltoffenheit und Toleranz Tradition, die auch das Gemeinschaftsdenken der Juden in dieser Stadt prägte. Diese Thesen stellt Baruch Z. Ophir an den Beginn seiner Ausführungen 6 . Ferner weist Ophir in seiner Untersuchung darauf hin, dass die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg (DIGH) ihre Organisations-form nach dem Vorbild der Stadtrepublik Hamburg strukturierte. Die unter-
5 MiriamGillis-Carlebach: Jedes Kind ist mein Einziges. Lotte Carlebach-Preuss. Antlitz einer Mutter und Rabbiner-Frau, Hamburg 1992, im Folgenden als Kurztitel Jedes Kind genannt.
6 Vgl. Baruch Z. Ophir: Zur Geschichte der Hamburger Juden 1919-1939. In: Freimark (Hrsg.): Juden in Preußen - Juden in Hamburg, Hamburg 1983, S.81-97. Ophir ist Judaistik-Wissenschaftler und Vorsitzender des Vereins ehemaliger Hamburger Bürger in Israel.
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schiedlichen Abstufungen der Gläubigkeit (orthodox, liberal, reformiert, zionistisch) - oder, um ein Karl-Kraus-Wort zu benutzen: „Juden aller Konfessionen“ - existierten hier nebeneinander. Als eine Besonderheit der Hamburger Juden und auch des jüdischen Gemeinwesens in der jüdischen Geschichte ist das sogenannte „Hamburger System“; damit ist die Aufgabenteilung zwischen ü-bergeordneter Gesamtgemeinde (etwa im Sinne eines Dachverbands) und den einzelnen Kultusgemeinschaften gemeint: Die Gesamtgemeinde war für soziale, ökonomische und kulturelle Aufgaben zuständig wie Wohlfahrtswesen, Jugendfürsorge, Krankenhaus, Schulen etc., während alle rituellen Angelegenheiten mit Ausnahme des Begräbniswesens den einzelnen Kultus- und Synagogenverbänden oblagen. Dieses System ermöglichte den Juden unterschiedlich ausgeprägten Glaubens das Zusammenleben innerhalb einer Gesamtgemeinde. 7
Die Tatsache, dass es für strenggläubige Juden zwischen der religiösen und der profanen Lebenssphäre keine Trennung gibt, hat sich über Jahrhunderte hinsichtlich der Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen ausgewirkt, die vielfach durch repressive Diskriminierung verstärkt wurde: So kam es zu einer beruflichen Konzentration in Handel und Kreditwesen. In der Weimarer Republik war die Einhaltung der Sabbatruhe in Arbeiter- und Angestelltenverhältnissen nicht gewährleistet, da sowohl in nicht-jüdischen Firmen als auch in der öffentlichen Verwaltung sechs (Werk-)Tage pro Woche gearbeitet wurde. Als Angestellter zu arbeiten, war einem orthodoxen Juden im Grunde nur in einem jüdischen Betrieb möglich. Jüdische Stadtbewohner übten deswegen auch in Hamburg überproportional oft unabhängige Berufe aus, sei es auf kleinbürgerlichem Niveau als Besitzer kleiner Geschäfte oder aber auch als Bankiers (Geld- und Kredithandel), Inhaber von Import- oder Exportunternehmen oder Großfabrikanten oder in freien akademischen Berufen (z.B. Ärzte, Anwälte). 8 1925 waren in Hamburg 42% der jüdischen Bevölkerung selbständig gegenüber 12% der nichtjüdischen Erwerbstätigen. 9 Insgesamt waren 60% der Juden im Handel tätig, gegenüber einem Anteil von 40% der restlichen Beschäftigten. Die Konzentration in diesem Bereich ist wiederum durch die Hamburger Gesamtwirtschaft mitbedingt, da Hamburg als traditionelle Handelsstadt einen
7 Vgl. Ophir a.a.O., S. 82.
8 Angaben hierzu können im Rahmen dieser Hausarbeit nur verkürzt wiedergegeben werden. Eine differenzierte Darstellung der beruflichen und wirtschaftlichen Entwicklung der Hamburger Juden unter Auswertung von Berufsstatistiken liefert Ina Lorenz: Identität und Assimilation. Hamburgs Juden in der Weimarer Republik, Hamburg 1989.
9 Zahlenangaben aus Wamser/Weimke S.15
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Arbeit zitieren:
Angelika Janssen, 1999, Jüdisches Leben in Hamburg während der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag GmbH
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