Institut für Kunstgeschichte der RWTH Aachen
HS Stadt – Altstadt
WS 03/04
Die Gartenstadt Hellerau
von
Andreas Priesters
„Ich möchte nicht immer in der Stadt bleiben. Ja, noch ’ne Weile. Aber wenn wir dann müde sind, dann ziehen wir raus. Irgendwohin vor die Tore, ins Grüne. Da bekommst Du wieder Kraft, Wiederstandsfähigkeit, Lebenskraft – wir verjüngen uns. Und unsere Kinder gehen dann vielleicht noch weiter, und deren Kinder noch weiter, und so fort, bis die Städter wieder zu Bauern werden, aus denen sie vormals zu Städtern geworden sind!“
Clara Viebig, 1901
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. Die Utopie Gartenstadt
1.1. Die Situation um 1900 und Howards Utopie 4
1.2. Der Gartenstadtgedanke in Deutschland 7
1.3. Die Deutsche Gartenstadtgesellschaft und Ihre Ziele 9
2. Hellerau – Gartenstadt oder Gartenvorstadt?
2.1. Vorbilder und Vergleiche 9
2.2. Hellerau im geschichtlichen Überblick 11
2.3. Die Baugenossenschaft und andere Organisationsstrukturen 13
2.4. Bauvorschriften in Hellerau 16
2.5. Gesamtplan 16
2.6. Städtebauliche Schwerpunkte:
2.6.1. Der Wohnungsbau 18
2.6.2. Deutsche Werkstätten 24
2.6.3. Marktplatz 26
2.6.4. Bildungsanstalt für rhythmische Erziehung 27
3. Fazit 29
4. Literatur- und Quellenverzeichnis 31
5. Abbildungsnachweis 32
Vorwort
Im Zeitraum gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die durch starkes industrielles und kapitalistisches Wachstum geprägt ist, treten verschiedene Personen ins Rampenlicht der öffentlichen Diskussion, die vor allem die schon länger vorherrschenden Missstände in den überfüllten Städten als inakzeptabel betrachten. Aus ihrer Sicht ist diese Fehlentwicklung, die sozialer, gesundheitlicher, stadtplanerischer oder ähnlicher Art ist, zu reformieren. Aus der Überlegung, das für Körper, Geist und Seele ungesunde zeitgenössische Stadtbild durch ein neues Siedlungsgebilde abzulösen, entsteht die Idee der Gartenstadt. Wie bereits das einleitende Zitat Clara Viebigs verdeutlicht, war man der Meinung, die Nation, bzw. die Wirtschaft, die Leistungsfähigkeit der Arbeiter und Soldaten, die Lebensfreude und allgemeine Gesundheit aller Bürger, würde durch die Großstadt geschwächt und könnte nur auf dem Land, in der Natur o.ä. wieder gestärkt werden.
Der erste Teil meiner Ausführung befasst sich demnach mit der urbanen und sozialen Ausgangssituation um die Jahrhundertwende und die Reaktion der deutschen Reformer auf die englische Vorlage durch Ebenezer Howard mit der Gründung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft.
Der zweite Teil behandelt die erste in Deutschland verwirklichte Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Hierbei soll neben der Entstehung, Planung und Architektur auch ein Augenmerk auf die organisatorische Struktur und den reformerischen Geist in dieser Siedlung gelegt werden. Zudem ist es der Versuch die Frage, ob Hellerau eine Gartenstadt im ordentlichen Sinne ist, zumindest teilweise zu beantworten.
1) Die Utopie Gartenstadt
1.1) Die Situation um 1900 und Howards Utopie
Der Gartenstadtgedanke entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in England aufgrund von sozialen und urbanen Missständen. Es herrschte seit der verstärkten Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht vieler Menschen in die Stadt enorme Wohnungsnot. Probleme der städtischen Agglomerationszentren waren außerdem schlechte Verkehrsbedingungen, aufgrund von Luftverschmutzung und Massenbevölkerung auch katastrophale gesundheitliche Bedingungen, auf die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Forscher hinwiesen1. Größtes Problem stellten allerdings die Missstände der Bodenspekulation dar, durch die in der städtischen Bevölkerung ein hohes Maß sozialer Unzufriedenheit entstand. Bodenspekulanten kauften große Flächen in den Außenbezirken der Städte zu Ackerbodenpreisen, um diese dann über Jahre hinweg von der Bebauung auszuschließen und damit die Preise in die Höhe zu treiben.2 Der Großteil der Bevölkerung konnte sich nun kein eigenes Heim leisten, so dass man dazu überging, möglichst viele Menschen und Wohnungen auf möglichst geringer Fläche unterzubringen; die sogenannten Mietskasernen entstanden.
Die physische und psychische Gesundheit der Bewohner dieser Blöcke litt sehr unter den gegebenen Umständen. Ein Mediziner führte im Auftrag der AOK 1912 eine Umfrage unter Kindern durch: „Eine in Berliner Volksschulen unter solchen Kindern von sechs und mehr Jahren durchgeführte Statistik ergab: 70% hatten keine Vorstellung von einem Sonnenaufgang, 54% kannten keinen Sonnenuntergang, 76% keinen Tau, 82% hatten nie eine Lerche gehört, 49% nie einen Frosch, 53% hatten keine Schnecke, 87% keine Birke, 59% nie ein Aehrenfeld gesehen; 66% kannten kein Dorf, 67% keinen Berg, 89% keinen Fluß. Mehrere Schüler wollten einen See gesehen haben. Als man nachforschte, ergab es sich, dass sie einen Fischbehälter auf dem Marktplatz meinten.“3
Abb. 1: Mietskasernen in Berlin
[...]
Das städtische Wachstum war rasant: zwischen 1800 und 1900 wuchs beispielsweise die Bevölkerung Londons um etwa 5,5 Millionen Menschen an4, eine Menge, die nur durch schnelle, billige Bausweise und völlige Auslastung des Wohnraumes zu bewältigen war. 1851 gab es auf dem damaligen deutschen Territorium 5 Großstädte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 100.000. Etwa 60 Jahre später zählte man bereits 48, in denen insgesamt mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung lebte. Zwischen 1867 und 1900 betrug das Wachstum in den Großstädten 234 %. Als Beispiel der Bodenspekulation sei hier Charlottenburg aufgeführt. Der Schätzungswert dieses Berliner Stadtteils betrug 1865 etwa 6 Millionen, 1897 bereits 300 Millionen Mark. Diese Preisentwicklung und die damit verbundene Ausreizung aller Wohnungsraumreserven war unter anderem erst durch die Nichtbeteiligung der Kommunen an der Wohnungsbeschaffung und den Privatinitiativen der Spekulanten möglich.5
[....]
1 vgl. Bollerey. et al. (1990), S. 17
2 vgl. Hartmann (1976), S. 10
3 Hartmann (1976), S. 14
4 vgl. Bodemann (2002), http://e-collection.ethbib.ethz.ch
5 vgl. Hartmann (1976), S. 10
Arbeit zitieren:
Andreas Priesters, 2003, Die Gartenstadt Hellerau, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Gartenstadtbewegung (Ebenezer Howard)
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