»Das Ich braucht das WIR«
Soziale Ordnung im Zeichen des Kommunitarismus
Hausarbeit
im Hauptseminar
„Kritik der Modernität
(Beiträge von D.Bell, H.Marcuse, G.Ritzer, P. Bourdieu u.a.)“
Universität Bremen
Fachbereich 8
Sommersemester 2003
von
Alexander-Kenneth Nagel
1 Inhaltsverzeichnis und Gliederung ... 2
2 Problemstellung ... 3
3 Integration und soziale Ordnung ... 4
3.1 Systemintegration und Sozialintegration ... 4
3.2 Sozialintegration durch Differenzierung ... 6
3.3 Substantielle und prozedurale Staatsbegründungen ... 7
4 Menschen und Gesellschaften: Soziologische Imaginationen ... 12
4.1 Menschenbilder in der Soziologie ... 12
4.2 Gesellschaftsbilder in der Soziologie ... 13
5 Kommunitarismus bei Amitai Etzioni ... 16
5.1 Kurzbiographie Etzionis ... 16
5.2 Kommunitarismus als Theorieströmung und Bewegung ...
6 Anthropologie und Soziologie des KTR ... 17
6.1 Anthropologie ... 17
6.2 Gesellschaftslehre ... 18
7 Kommunitarismus und soziale Ordnung ... 19
7.1 Sozialer Wandel ... 19
7.2 Gesellschaftsdiagnose und Therapie ... 20
7.2.1 Diagnose ... 20
7.2.2 Therapie ... 21
8 Fazit ... 23
9 Literaturverzeichnis ... 25
2 Problemstellung
DV sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was diser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen sein
Auf der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:
Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Ertz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß, was wir vor köstlich achten,
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum’, die man nicht wider find′t.
Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!
(Andreas Gryphius: Es ist alles Eitel, 17. Jh.)
Gryphius beschreibt den Niedergang einer Zivilisation, die an ihrer eigenen Üppigkeit irre wird, sich in falschen Ansprüchen verliert – und schließlich untergeht. Den irdischen Errungenschaften stellt er die Vergänglichkeit des einzelnen Menschen gegenüber, der in seinem Materialismus taub geworden ist gegen die eigentlichen Nöte seiner Existenz. Selbst zu Gryphius Zeit ist seine Klage keineswegs originell, bedient er sich doch einer biblischen Vorlage aus dem Alten Testament1. Diese Arbeit will eine moderne Prophetie vorstellen, die in ihrer Gesellschaftskritik sich durchaus in die dargestellte Linie einreiht: den Kommunitarismus (KTR2) von Amitai Etzioni. Dabei sollen die soziologischen Gehalte dieses KTR anhand zweier zentraler sozialwissenschaftlicher Problembereiche erarbeitet werden. Nach einer kurzen Einführung in die Natur des Kommunitarismus, wie Etzioni ihn vertritt, möchte ich zunächst dem Menschen- und Gesellschaftsbild des KTR nachgehen, um anschließend seine Haltung zu Fragen der Integration, der sozialen Ordnung und des sozialen Wandels zu erörtern. Für diese beiden großen Blöcke werde ich im folgenden einige Vorüberlegungen anstellen in dem Versuch, sie in die sozialwissenschaftliche Theorielandschaft einzubetten. Diese Vorreden verstehen sich durchaus als Propädeutika, allerdings weniger fachlicher Art als vielmehr, um meine eigene Lesart zweier gesellschaftswissenschaftlicher Kernprobleme plausibel zu machen.
Abschließend möchte ich mich den Fragen zuwenden: worin besteht die Kritik des KTR an der Modernität ?, inwiefern basiert der KTR vielleicht selbst auf modernisierungstheoretischen Annahmen ? und sind Kritiken von Modernität selbst Kinder der Moderne als zeitgeschichtlichem Abschnitt oder vielmehr, umfassender, eine Art literarischer Topos oder Genre ?
3 Integration und soziale Ordnung
3.1 Systemintegration und Sozialintegration
Noch bevor Emile Durkheim sich über das soziale Band in arbeitsteiligen Gesellschaften verwunderte, waren Integration und soziale Ordnung Themen einer sich entwickelnden Soziologie. Sie sind in dem organizistischen Gesellschaftsbild eines Spencer oder Comte ebenso bedeutsam wie in den Kooperationsmodellen von Adam Smith. Mit Lockwood lernte die Soziologie rund 100 Jahre später, zwischen Systemintegration (“The orderly or conflictful relationship between the parts of a social system”) und Sozialintegration (“The orderly or conflictful relationship between the actors of a social system”)3 zu unterscheiden. Schließlich unterteilt Esser die Sozialintegration in Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation.
Platzierung meint dabei die Inklusion des Akteurs in bestimmte rechtliche (Staatsbürgerschaft) oder sozio-ökonomische (Berufseinmündung) Systeme. Implizit scheint Esser hier auch eine Vorstellung von sozialem Kapital gleichsam als Produktionsmittel individueller Positionierung im Kopf zu haben4.
Kulturation meint die Aneignung jenes Wissens und jener Kompetenzen, die den Akteur zur Teilhabe an einem größtmöglichen Set sozialer Situationen befähigt. Kulturation als Kenntnis der „Programme des sozialen Handelns“ ist somit eine Voraussetzung für gelungene Interaktion. Sie ist aber als „eine Art von (Human-)Kapital“ auch Voraussetzung für gelungene Platzierung5. Die bourdieusche Vorstellung eines (ungleich verteilten) kulturellen Kapitals wird hier von Esser aus ihrem konflitktheoretischen Zusammenhang gleichsam „entbettet“ und in ein Integrationskonzept implementiert.
[....]
1 (2)„Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. (3) Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne ? (4) Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber währet ewiglich.“ – Prediger 1, 1-4.
2 Dieses Kürzel meint ausdrücklich den Kommunitarismus Etzionis.
3 Lockwood 1964, S. 245.
4 Esser 2000, S. 272f.
5 Ebenda.
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Alexander-Kenneth Nagel, 2003, »Das Ich braucht das WIR«. Soziale Ordnung im Zeichen des Kommunitarismus., Munich, GRIN Publishing GmbH
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