1 Inhaltsverzeichnis und Gliederung
1 Inhaltsverzeichnis und Gliederung 3
2 Problemstellung 4
3 Paradigmatische Bildungsverständnisse 5
3.1 Bildung als Konsum- und Investitionsgut 5
3.2 Bildung als positionales Gut 5
3.3 Zwischenfazit 6
4 Die bildungspolitische Diskussion der 60er und 70er Jahre 7
4.1 „Schule als soziale Dirigierungsstelle“ - Schelsky 7
4.2 „Bildung als Bürgerrecht“ - Dahrendorf 8
4.3 Zwischenfazit 9
5 Modelle von Bildungsexpansion und Bildungsungleichheit 9
5.1 Boudon - Reproduktion von Bildungsungleichheit 9
5.2 Becker - Erweiterung um institutionelle Faktoren 12
5.2.1 WE-Modell I (Erikson und Jonsson) 13
5.2.2 WE-Modell II (Esser) 14
5.2.3 Mehrebenenmodell (Becker) 16
6 Fazit 18
7 Literaturverzeichnis 19
Abbildungsverzeichnis 19
3
Problemstellung
2 Problemstellung
Bildungsexpansion, Life-Long-Learning und Wissensgesellschaft. Diese Schlagwörter zwischen Feuilleton und bildungssoziologischer Fachdebatte haben in den letzten Jahren eine politische Dimension (zurück)gewonnen, welche sie erneut ins Rampenlicht einer akademischen Betrachtung rückt. Dabei gilt es, von einer stark programmatischen Diskussion über Bildungsexpansion als Allheilmittel für soziale Ungleichheit zu einer empirisch fundierten Kenntnis ihrer Mechanismen und Folgen zu gelangen und ihre Wechselwirkung mit anderen sozialen Bereichen, etwa dem Arbeitsmarkt oder Institutionen der politischen Teilhabe zu ergründen.
In dieser Arbeit will ich dem Problem der egalisierenden Potenz der Bildungsexpansion nachgehen. Führt die Ausweitung von Bildungsteilhabe zu einer Verringerung von Bildungsungleichheit ? - Welches sind die Mechanismen, über die sich Bildungsungleichheit trotz Bildungsexpansion reproduziert ?
Vor dem Hintergrund einer Erörterung zweier konträrer Bildungsverständnisse werde ich zunächst die bildungspolitische Diskussion der 60er und 70er Jahre abrissartig darstellen, welche zahlreiche Schlagwörter, die heute in einem Atemzug mit Bildungsexpansion genannt werden (etwa Bildungsbeteiligung und Lebenslanges Lernen), hervorgebracht hat. Im vierten Abschnitt sollen theoretische Modelle von Bildungsexpansion und Bildungsungleichheit vorgestellt werden. Während Boudon, Erikson/Jonsson und Esser hier als Vertreter des methodologischen Individualismus gelten können, vertritt Becker einen neoinstitu-tionstheoretischen Ansatz. Die Spezifika der jeweiligen Ansätze werden begleitend in einem fortlaufenden Beispiel illustriert und abschließend im Hinblick auf die Ausgangsfrage zusammengeführt.
3 Paradigmatische Bildungsverständnisse
3.1 Bildung als Konsum- und Investitionsgut
Auf einer mikroökonomischen Ebene werden Konsum- und Kosten-Ertragskonzepte von Bildung unterschieden 1 . Nach der Konsumtheorie ist Bildung ein Eigenwert, der um seiner selbst willen erstrebt wird. Ihr Genuss dient zur Befriedigung von Bildungsbedürfnissen. Insoweit führen steigende Realeinkommen nach Saturierung der materiellen Lebensbedürfnisse auch zu einer Ausweitung des Bildungskonsums. Kosten-Ertragskonzepte verstehen Bildung hingegen als Investitionsgut, dessen Erwerb durch Renditeerwartungen motiviert ist. Dahinter steht die Annahme, dass höhere Bildung zu höheren Statuspositionen im Erwerbssystem und damit zu höherem Einkommen und Prestige führt. Nach einer Modellierung der Wert-Erwartungs-Theorie wird solange in Bildung (als Humankapital) investiert, wie die erwarteten Ertragszuwächse die angenommenen zusätzlichen Bildungskosten überwiegen. Die Gemeinsamkeit von Konsum- und Kosten-Ertrags-Konzepten von Bildung besteht in der Annahme, dass nach Maßgabe der Grenznutze ntheorie mit steigender Bildung stets auch ein absoluter Anstieg der Bedürfnisbefriedigung (Konsumtheorie) bzw. der Bildungserträge (Kosten-Ertrags-Konzept) einhergehe.
3.2 Bildung als positionales Gut
Gegen die Vorstellung von Bildung als Konsum- und Investitionsgut wenden sich die Signaltheorie von Thurow und konflikttheoretische Ansätze der Soziologie (Bourdieu / Schelsky). Aus ihrer Sicht haben Bildungsinstitutionen nicht die Funktion der Produktion (von Bildung), sondern der Selektion (qua Bildung). Schelsky betrachtet polemisch die Schule als „[...] primäre, entscheidende und nahezu einzige soziale Dirigierungsstelle für den Rang, Stellung und Lebenschancen es einzelnen in der Gesellschaft“ 2 . Den in der Schule erworbenen Kenntnissen stehen im Arbeitszusammenhang keine konkreten Verwertungsmög- 1 Mülleru.a. 1997, S. 180f.
2 Schelsky 1956, S.17f. Hervorhebung A.K.N.
5
lichkeiten gegenüber, die erforderlichen Qualifikationen werden »on the job« vermittelt. Die schulischen Erfolge dienen lediglich als Signal für den Arbeitgeber für Gelehrigkeit und Leistungsbereitschaft der Kandidaten. Solche Signale helfen die Rekrutierungsrisiken zu reduzieren und die Kosten für Einarbeitung und betriebliche Ausbildung niedrig zu halten. Indem Bildung nunmehr keine Produktivkraft (i.S.v. capital scolaire 3 ), sondern lediglich Rekrutierungsmedium ist, unterliegt sie ähnlichen Entwertungsrisiken wie etwa das Medium Geld: „Wenn die Zahl der Personen mit hoher Bildung stärker wächst als der Bedarf am Arbeitsmarkt, werden die Löhne für die Personen fallen, die Bildungsrenditen sinken, und die Nachfrage nach Bildung lässt entsprechend nach“ 4 . Dies ist das sog. Paradoxon der Auf- und Abwertung von Bildungsqualifikationen: einerseits werden Bildungsqualifikationen als Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt und spätere Karrierewege immer wichtiger, andererseits verliert Bildung an Wert, wenn höhere Abschlüsse ihre Exklusivität einbüßen und nicht länger ausbildungsadäquate Beschäftigung garantieren 5 . Auch soziologische Konflikttheorien stellen sich gegen den immanenten Funktionalismus der Humankapita ltheorie, indem sie hervorheben, dass Bildung v.a. als allokativer Mechanismus wirke, über den sich eine herrschende Elite reproduziere 6 . Im Fahrwasser der Individualisierungsthese kommt man gar zu dem Schluss, dass Bildungsexpansion zu Bildungsinflation und mithin zu ihrer umfassenden Entwertung als Rekrutierungsmedium führe. Die Folge sei eine zune hmende Entkoppelung von Bildungs- und Erwerbssystem, welche Raum für hochgradig individualisierte Erwerbsverläufe biete 7 .
3.3 Zwischenfazit
Jede der referierten Auffassungen von Bildung hat eigene Implikationen für die Frage nach der egalisierenden Wirkung der Bildungsexpansion. Versteht man Bildung als Produktionsmittel oder Investitionsgut, so könnte erhöhte Bildungsteilhabe gleichwohl mit Bildungsungleichheit
3 Bourdieu 1982, S. 88.
4 Müller u.a. 1997, S. 182.
5 Steinmann 2000, S. 16.
6 Müller u.a. 1997, S. 183f.
7 Zit. nach einer schönen Paraphrase von Steinmann 2000, S. 251.
6
Arbeit zitieren:
Alexander-Kenneth Nagel, 2004, Bildungsexpansion und Bildungsungleichheit. Zwischen Fahrstuhleffekt und Nivellierung, München, GRIN Verlag GmbH
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