Gliederung
1. Einleitung
2. Massens uizid
2.1 Massada
2.2 Guayana
3. Doppelsuizid
3.1 Bilanzselbstmord- Waldemar Velte und Kurt Sandweg
3.2 Suizid in der Partnerschaft
3.2.1 Heinrich von Kleist
3.2.2 Stefan Zweig
4. Der erweiterte Selbstmord
5. Suizid in der Therapie
6. Schluss
7. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Selbstmord wird oft mit einer einzig vom Suizidanden persönlichen Entscheidung und einsamen Tat verbunden. Mehrere Fälle von Selbstmord schließen das aus, deren Aufführung in Statistiken jedoch verschwindend klein und deren Untersuchung noch sehr rar ist: Massensuizide oder kollektive Suizide, Doppelsuizide und erweiterte Suizide. Bei diesen Formen des Suizids sind mindestens zwei Persone n betroffen. Diese Suizide ereignen sich weniger häufig als der einzelne Selbstmord, doch gibt es einige anschauliche Beispiele anhand derer man sich ein genaues Bild von diesen „Sonderformen des Suizids“ machen kann. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt vorwiegend auf dem Doppelsuizid. Hierzu führe ich einige allgemeine Merkmale an, wie Kriterien für einen Doppelsuizid und häufige Motive. Konkrete Fallbeispiele sollen schließlich zu einem genaueren Verständnis des Doppelselbstmordes verhelfen. Als nächs tes komme ich auf den erweiterten Suizid zu sprechen, der unbedingt vom Doppelsuizid unterschieden werden muss. Auch hier führe ich zum näheren Verständnis einige Kriterien und Motive sowie ein konkretes Beispiel aus der Realität an. Doch bevor ich auf den Doppelsuizid zu sprechen komme, behandle ich das Thema Massensuizide. Diese Form des Freitodes, bei der nicht zwei Menschen wie beim Doppelsuizid sondern unzählige Menschen, darunter meist auch Kinder zu Tode kommen, findet man wohl am seltensten. Doch a uch hier gibt es bekannte Fallbeispiele aus der Vergangenheit, die den Hergang und Verlauf einer solchen Tat zeigen sollen und verdeutlichen sollen, wie es überhaup t zu einem solch grausamen Ereignis kommen kann.
2. Massensuizid
Jeder einzelne Selbstmord, also die Entscheidung aus freien Stücken, aus dem Leben zu scheiden, hinterlässt viele Fragen, Schmerz, Trauer und sicher auch ein Gefühl der Ohnmacht. Doch der Massensuizid scheint doch besonders tragisch in Anbetracht der hohen Zahl der Opfer, welche der Massensuizid fordert. Der Massensuizid wird immer durch einen Führer induziert. Diese meist rhetorisch sehr gewandte und charismatische Person wiegelt die Masse durch
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temperamentvolle, mitreißende Reden auf und versucht sie vom Selbstmord als der einzig wahren Lösung zu überzeugen. Die aufgebrachte, „induzierte“ Masse folgt dem Anführer schließlich in den Tod. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es im letzten Moment immer Leute gibt, die Zweifel hegen oder sich doch noch für das Leben entscheiden. Doch vie le Überlieferungen zeugen davon, das der sogenannte Führer zur Not mit Gewalt alle `Untergebenen´ in den Tod führt. Hin und wieder gelang Einzelnen die Flucht, welchen man schließlich die Augenzeugenberichte zu verdanken hat.
Es gibt verschiedene Gründe für den Massenselbstmord. Udo Singer nennt einige anschauliche Beispiele aus der Vergangenheit. So hat sich Ende des 18. Jahrhunderts beim Ausbruch einer Blattern-Epidemie ein ganzer Indianerstamm durch Erhängen das Leben genommen. Einerseits hat sie die Angst vor der unbekannten Krankheit dazu getrieben, andererseits konnten die Angehörigen des Stammes die starke narzisstische Kränkung durch die mit den Blattern einhergehenden Entstellung nicht verkraften.
Die versklavten Afrikaner dagegen, begingen häufig Massenselbstmord, um der Sklaverei zu entgehen, im Glauben, als freier Mensch wiedergeboren zu werden. Auch hier spielt neben der Angst vor der Versklavung und der Phantasie von Wiedergeburt die narzisstische Kränkung eine Rolle. Die Vorstellung von Unterjochung stört das Bild von reiner Selbstliebe.
Ein weiteres Beispiel ist der psychogene Massenselbstmord. Laut Singer soll dieser insbesondere in Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern berichtet worden sein. Der psychogene Selbstmord geht einher mit dem Ersterben des Lebenswillen. Entwurzelung und Aussichtslosigkeit lösen den unbedingten Wunsch zu sterben aus. Nicht nur der Körper muss `grundversorgt´ sein, auch die Seele bedarf einer gewissen Grundversorgung und Fürsorge. Ist diese nicht gewährleistet, so erlischt jede Hoffnung und mit ihr jeglicher Lebenswille. Udo Singer führt als Beispiel einen Bericht aus einem deutschen Konzentrationslager von dem Psychologen Viktor E. Frankl an: „(…) worauf mich der Oberarzt unseres Konzentrationslagers gelegentlich aufmerksam machte, dass nämlich in der Woche zwischen Weihnachten 1944 und Neujahr 1945 ein bis dahin noch nie gesehenes Massensterben in unserem Lager einsetzte. Auch seiner Ansicht nach war es weder durch erschwerte Arbeitsbedingungen noch durch verschlechterte Ernährungslage oder geänderte Wetterlage oder neu hinzukommende Epidemien zu erklären“ (Singer 1980, 29).
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In allen Fällen von Massensuizid dürfte die Gefolgschaftstreue eine große Rolle spielen. Immerhin vertraut die Masse ihr Leben dem Führer an und folgt ihm in den Tod, eine kaum zu überbietende Form des Gehorsams und der Treue dem Herrscher gegenüber. Ferner können, wie bereits an den oben genannten Beispielen deutlich wurde, Angst vor Krankheit, Leid und Folter, Wiedergeburtsphantasien oder die Sinn- und Hoffnungslosigkeit des Lebens Gründe zum kollektiven Selbstmord sein. (vgl. Singer 1980) Wie stark die Gründe auch sein mögen ist es dennoch zweifelhaft, ob für den Einzelnen die Antwort auf all diese Sorgen auch wirklich im Wunsch nach dem T od liegen würde. Man darf nicht vergessen, dass diese Massensuizide aus einer massenhysterieähnlichen Situation heraus begangen werden. Diese Situation, der Druck, der meist dahinter steht, geschürt durch die Reden des Führers und das Gruppengefühl, die Zusammengehörigkeit beeinflussen das Individuum und `erleichtern´ ihm diese unwiederrufbare Entscheidung. Von einer individuell rational getroffenen Entscheidung des Einzelnen kann man in diesen Fällen wohl selten sprechen, zumal die Entscheidung vom Führer getroffen wurde. Die Masse gehorcht und folgt ihm nur.
Einige Fälle von Massensuizid haben für besonders viel Aufsehen gesorgt und somit einen zweifelhaften Eingang in die Geschichte gefunden. Als Beispiele möchte ich in den folgenden beiden Kapiteln einen Fall aus längst vergangener Zeit - Masada -und einen Fall aus jüngerer Vergangenheit - Guayana - ausführlicher beschreiben und diese miteinander vergleichen. (vgl. Singer 1980, Räder / Eilers 1992)
2.1 Mas sada
Der Massenselbstmord von Massada is t gekennzeichnet von großer Brutalität, Blutigkeit und unzählig vielen Opfern. Joseph Flavius hat in seiner „Geschichte des Jüdischen Krieges“ von Massada berichtet. Seine Darstellung des Geschehens geht auf die Aussagen von Überlebenden des Unglücks zurück. Zwei Frauen und fünf Kinder überlebten den Massenselbstmord, indem sie sich in einer Zisterne versteckten. Hier wird bereits deutlich, dass durchaus nicht alle dem „Befehl“ des Führers folgen wollten, sich aber nicht einfach dem Massenwillen entziehen durften, sondern nur noch durch Flucht ihr Leben retten konnten. Joseph Flavius, eigentlich
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Joseph Ben Matitjahu, war damals selbst ein jüdischer Befehlshaber, ist später aber zu den Römern übergelaufen.
Im Jahre 63 vor unserer Zeitrechnung eroberten die Römer Jerusalem und Palästina. Von da an herrschten bürgerkriegsähnliche Unruhen in den Städten. Bis zum Jahre 67 unserer Zeitrechnung spitzte sich die Lage zu und endete in einem Krieg. Die einzige Stadt, die von den Römern zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingenommen war und noch in jüdischer Hand lag, war Massada.
Massada war eine Felsenfestung am Westufer des Toten Meeres. Durch die günstige Lage und die gute Versorgung galt sie als uneinnehmbar. Doch nach einiger Zeit der Belagerung stand auch Massada kurz vor der Einnahme durch die Römer. Befehlsmacht auf der Festung hatte zu dem Zeitpunkt der Feldherr Eleazar Ben Jair. Im April 73 nach Christus gelang es den Römern schließlich die Festung einzunehmen. Nachdem die Judäer sich ihnen bis zum Letzten widersetzt hatten, stand ihnen nun unmittelbar die Sklaverei bevor. Eleazar wollte sich auf keinen Fall geschlagen geben und rief die Bewohner der Festung vor der feindlichen Einnahme zum Selbstmord auf. Hab und Gut und die Burg selbst sollten in Flammen gelegt werden. Nur die Nahrungsmittel sollten übrig bleiben und bezeugen, dass nicht eine Hungersnot für ihren Tod verantwortlich war, sondern ihr eigener Wille. Wie eingehends bereits die charismatische Figur des Führers beschrieben wurde, war auch Eleazar eine beredte Person. Mit emotionsgeladenen Worten versuchte er, die Begeisterung seiner Leute für die Idee des gemeinsamen Freitods zu entflammen. In seiner mitreißenden Rede führte Eleazar zahlreiche Gründe an, die einen Selbstmord unumgänglich erscheinen lassen sollten. Der Suizid sei der einzige ehrenvolle Ausweg aus der Niederlage in die Freiheit: „(…) wollen wir (…) uns die Freiheit als Leichentuch bewahren!“ (Quelle: … ) Eleazar wird nicht müde zu betonen, welchen Verlust der Ehre und welche Schmach es bedeuten würde, den Krieg nicht nur verloren zu haben, sondern sich auch dem Feind zu ergeben. Im Suizid liege dagegen ein letztes Zeichen ihrer Rebellion, welche die Judäer bis zur kurz bevorstehenden Besatzung nicht aufgegeben haben und selbst bis in den Tod hinein nicht aufgeben wollten. Eleazar hebt auch hervor, welche Genugtuung es bedeute, durch den Selbstmord den Feinden die Freude am Sieg und den Triumph über Gefangene zu nehmen: „Eilen wir daher, ihnen statt der erhofften Freude über unsere Gefangennahme das Erschrecken über den Tod und das Staunen über unsere Kühnheit zu hinterlassen!“ (Quelle:…)
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Die Furcht vor den Folgen einer Besatzung tut ihr Übriges. Eleazar warnt seine Leute vor der Sklaverei: „Ungeschändet sollen unsere Frauen sterben, und unsere Kinder, ohne die Sklaverei zu kennen. (…) Unversklavt von den Feinden wollen wir sterben, als freie Männer mit Kindern und Frauen aus dem Leben scheiden!“ (Quelle…)
Zehn auserwählte Soldaten hatten die Aufgabe, alle zu töten. Ein Auserwählter musste die übrigen neun `Scharfrichter´ und schließlich sich selbst töten. Insofern handelt es sich hier, wie in den meisten Fällen von Massenselbstmord, nicht um einen Suizid im strengen Sinne, sondern um eine Tötung. Nur der Letzte, der tatsächlich Hand an sich l egt, begeht Suizid. Die „Auserwählten“ bestanden aus
Sikariern, eine für ihre Grausamkeit bekannte Gruppe jüdischer Fanatiker, Zeloten, einer militanten Gruppe galiläischer Juden, die sich vehement gegen die Römer auflehnten - laut Josephus Worten „raub- und mordlustige Terroristen“ (Flavius nach Singer 1980, 38) - und Essenern, die sich durch eine große Märtyrerbereitschaft auszeichneten: eine Gefolgschaft, bei der Eleazar also nicht Gefahr lief, dass sie im letzten Moment von Gefühlen wie Mitleid übermannt wird und sich seinem Befehl widersetzt, sondern die verbissen für ihre Sache kämpfte und dafür bis zum Letzten gehen würde. Auch Eleazar selbst soll ein brutaler, gesetzloser Machtinhaber gewesen sein, der sich durch seine Skrupellosigkeit und blutige Schandtaten sowohl bei den eigenen Landsleuten als auch bei den Römern einen fragwürdigen Namen machte. Laut Flavius, wurden Frauen und Kinder mit Schwertern nieder geschlachtet. Die Brutalität des Vorgehens zeugt von einem hohen Aggressionspotential unter den von den Feinden und Eleazars Worten in die Enge Getriebenen und in der Festung Eingeschlossenen. Ein solches war vielleicht auch nötig, um eine solche Tat durchzuführen. Wie Eleazar seinen Leuten prophezeit hatte, löste die Einnahme der Stadt am folgenden Tag, bei welcher die Römer die Leichen entdeckten keinerlei Triumph- oder Siegesgefühl aus. Die Gegner waren angesichts des Anblicks schockiert und bewunderten den Mut der Judäer. (vgl. Singer 1980, vgl. Räder / Eilers 1992)
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Arbeit zitieren:
Nina Fischer, 2004, Suizid, München, GRIN Verlag GmbH
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