1. Einleitung
Seit den 1980er Jahren werden die Märkte der Entwicklungsländer sukzessive für Ausländische Direktinvestitionen (ADI) geöffnet, um externe Finanzierungsengpässe zu überwinden, die aus schwankenden Auslandskreditmärkten, sich verändernden Weltmarktpreisen für Rohstoffe und stagnierender Entwicklungshilfe entstanden sind. ADI werden außerdem seit Jahren als eines der Hauptinstrumente propagiert, damit Entwicklungsländer wirtschaftlich zu den „entwickelten Ländern“ aufschließen können. Ein wichtiger Beitrag dazu sind techno logische Lernprozesse aus ADI, die auftreten können und die heimischen Industrien potentiell wettbewerbsfähiger machen. In dieser Hausarbeit gehe ich der Frage nach, wie technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern durch ADI geschehen können und wie groß die Effekte für die Empfängerländer sind. Aus Gründen der Verfügbarkeit von Daten halte ich mich bei der Klassifikation der Entwicklungsländer, wenn nicht anders angegeben, an die Definition der Weltbank, nach der die Grenze zu den „entwickelten Ländern“ zwischen den Einkommensklassen „High Income“ und „Upper Middle Income“, 2003 bei einem jährlichen Bruttonationaleinkommen von 9385 US-$ / Kopf, gezogen wird, wohl wissend dass diese Gruppe sehr heterogen ist und ca.150 Länder enthält.
2. ADI und technologische Lernprozesse in der Theorie
2.1 Evolutionsökonomik und technologische Lernprozesse
Die Evolutionsökonomik, als Gegenentwurf zur Neoklassik entstanden und mit vielen Anleihen aus der Biologie versehen, baut auf verschiedenen Mechanismen auf. Ein zentraler Aspekt ist der Einfluss von Routinen, regelmäßige, mehr oder weniger vorhersehbare Muster des Verhaltens, die stark von der Vergangenheit beeinflusst sind und somit auch Entscheidungen in der Zukunft mitbestimmen, was zu einer Pfadabhängigkeit vo n wirtschaftlichen Akteuren führt. Diese wiederkehrenden Prozesse führen auch zu einer „bounded rationality“, suboptimalen Entscheidungen aufgrund nicht vollkommener Informationen und Abkehr vom rationalen Menschenbild des „homo oeconomicus“, da ADI nicht immer in denjenigen Ländern getätigt werden, die höchste Gewinne versprechen, sondern oft dort, wo Unternehmen ihren Routinen folgen können. (HAGEDORN, NARULA 2001) Die wachsende Komplexität der Wirtschaft mit zunehmender Vielfalt in der ökonomischen Struktur sorgt dafür, dass sich neue Arten von Technologien (Innovationen) entwickeln, die durch Auswahl/Selektionsprozesse am Markt bestehen müssen. Effektive Auswahlmechanismen hängen von Faktormärkten sowie Institutionen, aber auch von
2
Bräuchen, Zufall und Gelegenheiten ab, so dass die wirtschaftliche Entwicklung stark von lokalspezifischen Eigenschaften und Politiken determiniert wird. (BOSCHMA, LAMBOOY 2001) In Bezug auf Lernprozesse wird zwischen kodifiziertem, leicht übertragbarem Wissen sowie nicht kodifiziertem Wissen („tacit knowledge“) unterschieden. Dieses ist nur schwer auf andere Akteure zu übertragen, da es an Personen und Lokalitäten und somit räumliche Nähe gebunden ist. Interaktionen zwischen Wirtschaftssubjekten sind also notwendig, um an das Wissen zu gelangen. Lernen ist damit immer kontextspezifisch, da es auf einzelnen Arrangements innerhalb eines Netzwerkes basiert und gleichzeitig von den jeweiligen Umfeldbedingungen, die territorial eine Grundlage für gemeinsames Handeln bilden, abhängig ist. (BATHELT, GLÜCKLER 2003) Beim unternehmensübergreifendem Lernen kommt es zu Kommunikations- und Anpassungsprozessen zwischen Produzenten und Zulieferern/Abnehmern, so dass durch enge Kontakte und Abstimmung entweder neues Wissen für eine jeweilige Partei generiert oder aber bestehendes Wissen an eine Partei transferiert wird. Das produktionsbezogene Lernen handelt davon, dass durch alltägliche Produktionserfahrungen („learning by doing/using“) Verbesserungen entstehen, beispielsweise wenn eine gekaufte Maschine weiter modifiziert werden kann. Beim qualifikationsbezogenen Lernen werden für bestehende Technologien systematische Fortbildungsprozesse und gezielte Anwerbung von qualifizierten Arbeitskräften durchgeführt, die zu nachholendem technologische n Lernen führen können. Firmen mit einem Entwicklungsrückstand können Vorsprünge dadurch aufholen oder den Weg zur Imitation von Produkt- oder Prozesstechnologien beschreiten. (BATHELT, GLÜCKLER 2003) Bei Entscheidungen von wirtschaftlichen Akteuren wird in der Evolutionsökonomik davon ausgegangen, dass Lernprozesse aufeinander aufbauen und möglichst wenige Experimente eingegangen werden. Radikale Veränderungen sind deshalb selten, da Routinen verändert werden müssen, dafür aber exploratorisches Lernen stattfindet, das neue Alternativen erschafft, die zukünftige Lebensfähigkeit der Firma zu sichern. Exploitatives Lernen, also eher graduelle Veränderungen und festhalten an einem Großteil der Prozesse dagegen ist weiter verbreitet, trägt aber nur bis zu eine m gewissen Punkt dazu bei, die aktuelle Konkurrenz- und Lebensfähigkeit zu sichern. Firmen müssen die Balance zwischen den jeweiligen Lernprozessen finden, angepasst an die spezifischen Bedingungen und unter der Prämisse, dass sie wegen Informationsdefiziten nie optimal handeln können. (HAGEDORN,
NARULA 2001)
3
2.2 Potentielle Effekte von ADI in Entwicklungsländern
Wenn ADI von ausländischen Multinationalen Unternehmen (MNU) in Entwicklungsländern getätigt werden, so entstehen in der Regel Produktionskapazitäten, so dass in diesen inkorporiert auch zumeist überlegenes Wissen in technischen, organisatorischen, sowie anderen Bereichen in das Empfängerland transferiert wird. Für heimische Unternehmen hat diese Investition verschiedene Konsequenzen, ob allerdings in positiver oder negativer Sicht, hängt von Faktoren wie der wirtschaftspolitischen Lage, den Branchenspezifika, der Wahl der Technologien hinsichtlich der Kapitalintensität, den Unternehmensphilosophien und Produktionsgefällen ab. In fünf verschiedenen Gebieten können die ADI nach DUNNING auf den heimischen Markt und deren Unternehmen Einfluss nehmen. (vgl. im Folgenden: DUNNING, nach ALTENBURG 2001, S.11-12)
1. Für Vorprodukte, Rohstoffe, Dienstleistungen und ähnliches erzeugen MNU
Nachfrage nach Produkten lokaler Zulieferer im Gastland. Dabei entstehen häufig auch Zuliefernetzwerke, die von den MNU in einigen Bereichen mit Know-how unterstützt werden, um sich leistungsfähige Verflechtungen zu schaffen. Ob und wie weit lokal zugekauft und Wissen transferiert wird, hängt maßgeblich von der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Betriebe sowie von der Bereitschaft der MNU ab, Technologien weiterzugeben.
2. Die Bereitstellung von Produkten für lokale Kunden findet dadurch statt, dass
Kundendienst- oder Distributionsnetzwerke oft an heimische Unternehmen ausgelagert werden, weil sich die MNU dann nicht selbst finanziell engagieren, sondern nur die Standards kontrollieren und dabei auch Informationen teilen müssen. Wissenstransfer findet ebenfalls statt, wenn überlegene Produkte, vor allem Investitionsgüter, an heimische Kunden verkauft werden und diese dadurch neue Verfahren und Technologien kennen lernen.
3. Da MNU in den meisten Fällen technologisch überlegen und produktiver sind, ergibt
sich eine Veränderung der Wettbewerbsbedingungen für konkurrierende Unternehmen derselben Branche. Entweder wird auch deren Produktivität durch zusätzliche Investitionen und Lernprozesse gestärkt, oder sie werden verdrängt oder übernommen und damit die endogene technologische Entwicklung verhindert.
4. Technologische Allianzen sind in einigen Entwicklungsländern als Auflage
festgeschrieben. MNU müssen hier Kooperationen mit einheimischen Betrieben eingehen, wodurch sich allerdings neben der Wissenspreisgabe auch Vorteile wie beispielsweise Marktzugang und evtl. Einflussmöglichkeiten auf die Politik ergeben.
4
In einigen Ländern wie u.a. China nehmen die MNU Nachteile oft in Kauf, bzw. gehen auch freiwillig solche Allianzen als Risikoteilung ein.
5. Weitere spill-over-Effekte können auch andere h eimische Firmen betreffen, die
beispielsweise bisher unbekannte Marketingstrategien oder Produktionskonzepte einsetzen. Diese Demonstrationseffekte seitens der MNU werden durch Beobachten, Kopieren oder Adaptieren übernommen. Ausbildungseffekte ergeben sich daraus, dass Arbeitskräfte besser und zeitgemäßer ausgebildet werden durch die MNU und diese dann den heimischen Arbeitsmarkt bereichern oder sich selbständig machen mit dem technologischen Know- how aus der ausländischen Produktionsstätte. Negative Effekte sind jedoch zu befürchten, wenn MNU hochqualifizierte Arbeitskräfte von einheimischen Unternehmen abwerben und so das endogene Potential senken.
Der „catch-up“ mittels Diffusion von Technologien erfolgt also durch Imitation von neuen Technologien und Managementpraktiken seitens einheimischer Unternehmen, Interaktion zwischen den Firmen, Wettbewerb und Ausbildung auf den lokalen Märkten. (JOST 2003) Problematisch ist jedoch, wenn dadurch eigene FuE-Anstrengungen ersetzt werden und damit eine Abhängigkeit von den MNU, die sowieso einen Großteil der weltweiten FuE-Aktivitäten durchführen, entsteht und eine Diffusion von deren Technologien immer wichtiger würde für Empfängerländer. Entwicklungsländer mit einer höheren Absorptionsfähigkeit profitieren tendenziell stärker von der Adaption fortschrittlicher ausländischer Technologien, die durch
ADI vom Firmenhauptquartier zur Tochtergesellschaft transferiert wurde. Zudem gibt es
anscheinend eine Untergrenze der Absorptionskapazität, unterhalb derer keine positiven Effekte von ADI mehr geschehen. (BLYDE 2003) Nachdem Entwicklungsländer neue Technologien durch Lernprozesse übermittelt bekommen haben, müssen sie diese an die lokalen Bedingungen anpassen und mit der Zeit verbessern, um sie effektiv nutzen zu können. Hierfür müssen Kapazitäten erschaffen werden, da die Übermittlungs- und Implementierungskosten im Gegensatz zu Modellen der Neoklassik nicht vernachlässigbar sind. Beim externalisierten Technologietransfer an Firmen aus den Entwicklungsländern, also durch L izenz- und Patentvergabe, OEM-Praktiken oder der Vergabe von Unterverträgen, obliegen dem Rezipienten größere Risiken und Anstrengungen, da eigene Vertriebskanäle und Exportmarketingfähigkeiten aufgebaut werden müssen, um die Produkte absetzen zu können. Außerdem können ineffiziente Managementfähigkeiten und mangelhafte Rahmenbedingungen zu Fehlschlägen von erlernten oder anderen übertragenen Fähigkeiten führen. Trotzdem ist dies oft die einzige Möglichkeit um Wettbewerbsfähigkeit zu erschaffen, da MNU oft die Diffusion der anspruchsvollsten Technologien verhindern
5
wollen, aber in der internationalen Arbeitsteilung auf Unterstützung und Integration angewiesen sind. (LALL 2003)
2.3 Analyserahmen
Die These, als Hoffnung vieler Entwicklungsländer formuliert, d ass ADI zu Technologietransfer und technologischen Lernprozessen beiträgt, werde ich in Kapitel 3 untersuchen. Da technologische Lernprozesse schwer zu quantifizieren sind, stelle ich als ersten Indikator die Zahlungen für Lizenzen und Patente von Entwicklungsländern in Relation zu erhaltenen ADI-Zuflüssen, korreliert mit dem Wachstum des BIP vor. Dies soll die Fähigkeit von Entwicklungsländern darstellen, nach dem Empfang von ADI höherwertige Technologien in Form von Lizenzen und Patenten zu importieren u nd wettbewerbsfähig einzusetzen. Allerdings lassen solche Zahlungen jedoch erstens auch negative Deutungsmöglichkeiten zu, weil die Preise dafür gestiegen sind oder aber dass vorher heimische Imitationen aufgrund von Patentschutzbestimmungen durch teurere lizenzierte Importe ersetzt werden müssen. (Röhm 2003) Zweitens liegen die Daten nach Herkunftsländern nur für die USA vor, deshalb wird als zweiter Indikator der Anteil von Hi-Tech-Produkten am Gesamtexport korreliert mit den Zuwachsraten der ADI-Bestände vorgestellt. Die zugrunde liegende Theorie ist, dass aufgrund der ADI und eventueller Lernprozesse die Wettbewerbs- und Exportfähigkeit der heimischen Ökonomien gestärkt wird und Hi- Tech-Produkte als Maßstab dafür gelten. (MANI 2000) Meine zweite zu überprüfende These besagt, dass das wirtschaftliche Wachstum durch ADI von der Absorptionsfähigkeit für Lernprozesse des jeweiligen Empfängerlands abhängt. Als Indikator für die Absorptionsfähigkeit wird ein Faktorenmix aus Humankapital, Institutionen, sowie Offenheit und BIP/Kopf nach NUNNENKAMP in Relation zum durchschnittlichen Wirtschaftswachstum des betrachteten Zeitraumes 1991-2000 angewendet.
3. Ergebnisse für technologische Lernprozesse in den Entwicklungsländern
3.1 Überblick über ADI in Entwicklungsländern
Mit der weltwirtschaftlichen Erholung der letzten 2 Jahre um ca. plus 2,5 % im Jahre 2003 und erwarteten plus 3,8 % des Welt-BIP 2004 stieg auch die Summe der Ausländischen Direktinvestitionen 2004 weltweit nach dreijähriger Abnahme wieder an. (WELTBANK 2005) Der Zustrom in die Entwicklungsländer stieg um ca. 9 %, oder 14 Mrd. US-$ im Verhältnis zu 2003, wobei fast jede Region, außer Nordafrika und dem Mittleren Osten, hiervon profitierte. (siehe Abb. 1)
6
Quote paper:
Lars Schieber, 2005, Ausländische Direktinvestitionen und technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Alasdair MacIntyre: Der Verlust der Tugend - Die Tugenden, die Einheit...
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Wertsteigerung im Einkauf - Ansätze durch Risikomanagement in der Besc...
Business economics - Supply, Production, Logistics
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Raumplanung auf Ebene der EU - Europäische Raumentwicklung und Zusamme...
Geography / Earth Science - Demographics, Urban Management, Planning
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
European Integration and Spatial Planning
Geography / Earth Science - Demographics, Urban Management, Planning
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Ausländische Direktinvestitionen und ihr Empfängerland - Entwicklungen...
Geography / Earth Science - Economic Geography
Scholarly Essay, 15 Pages
Auslandsdirektinvestitionen in Tschechien und Polen
Geography / Earth Science - Economic Geography
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 55 Pages
Wissensbasierte Weiterentwicklung durch internationale Integration - C...
Geography / Earth Science - Economic Geography
Examination Thesis, 115 Pages
Ausländische Direktinvestitionen - illusionäre Wachstumshoffnungen für...
Eine Analyse der Auswirkungen ...
Bachelor Thesis, 82 Pages
Technologietransfer - Politik Nord-Süd
Economics - International Economic Relations
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Lars Schieber has published the text Ausländische Direktinvestitionen und technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern
Lars Schieber has uploaded a new text
Ausländische Direktinvestitionen und Regionale Industriecluster in Mit...
Harald Zschiedrich
Ausländische Direktinvestitionen und internationaler Wissenstransfer n...
Untersucht am Beispiel von Hig...
Ingo Liefner
0 comments