Inhaltsverzeichnis
1 Amerikanischer Nationalstil 3
2 Komponist und Werk im epochalen Kontext 3
2.1 Biografie und Schaffensperioden 3
2.2 Postkoloniale Selbstzweifel der amerikanischen Kultur 5
2.3 Positionierung Coplands im werdenden k unstlerischen Selbstbewusstsein
Amerikas 6
3 Appalachian Spring in Komposition und Rezeption 7
3.1 Aspekte der Komposition 7
3.1.1 Hintergr unde der Entstehung 7
3.1.2 Inhalt und Verlaufsanalyse des Werks 8
3.1.3 Motiv- und Themenbildung in verschiedenen Topoi 12
3.2 Aspekte der Rezeption 16
3.2.1 Verwendung als Film- und TV-Musik 16
3.2.2 Besonderheiten der Diskografie 17
4 Was ist amerikanisch? - Mythen und Probleme im Gefolge dieser
Kategorisierung 18
5 Quellen- und Literaturverzeichnis i
5.1 Bibliografie i
5.2 Diskografie von Appalachian Spring ii
6 Anhang: Notentafeln iii
1 Amerikanischer Nationalstil
In wenigen anderen Bereichen der heutigen Alltagskultur ist der Einfluss der USamerikanischen ” Exportprodukte“ auf Europa - insbesondere freilich auf Deutschland
- so augenf¨ allig wie in der Musik: Ein Blick in beliebige Charts (ist nicht bereits dieser Anglizismus ein dezenter Hinweis auf die angloamerikanische Pr¨ agung des Ressorts?) macht schnell deutlich, dass diese von K¨ unstlerinnen und K¨ unstlern aus den USA dominiert werden. Ebenso auff¨ allig ist, dass die Einfl¨ usse praktisch ausschließlich auf alle Stile popul¨ arer Musik wie Rock, Pop, Hip Hop usw. (h¨ aufig unter den ungl¨ ucklichmissverst¨ andlichen Terminus ” U-Musik“ subsumiert) ausge¨ ubt werden, nicht jedoch auf das, was in der Umgangssprache landl¨ aufig als ” klassische Musik“ bezeichnet wird.
Mit anderen Worten: Der Einfluss der amerikanischen Musik auf Europa erstreckt sich nur bis vor die T¨ uren der Kammer- und Orchesterkonzerts¨ ale, nicht jedoch in sie hinein. Amerikanische Komponisten sind mit wenigen Ausnahmen Exoten im hiesigen Konzertleben. Gibt es denn ¨ uberhaupt so etwas wie einen amerikanischen ” Nationalstil“? Wenn
ja, wollen wir hier den Versuch einer Definition wagen.
Zur induktiven N¨ aherung betrachten wir exemplarisch ein Werk, das oft als amerikanische Musik schlechthin rezipiert wird: die Appalachian Spring Suite von Aaron Copland (1900-1990). Was waren die sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergr¨ unde ihrer Entstehung und wie wurde das vom Komponisten angestrebte Ideal eines origin¨ ar amerikanischen Stils umgesetzt? Schließlich werden wir der Rezeption des Werkes in seiner Auff¨ uhrungs- und Publikationsgeschichte nachgehen, mit besonderem Akzent auf medienrelevanten Aspekten, und dabei pr¨ ufen, inwieweit nicht nur die Musikrezensenten, sondern auch Film- und Fernsehregisseure, die Tontr¨ agerindustrie und deren Designer die Botschaft des musikalischen Amerikanismus erkannt und weitertransportiert haben.
2 Komponist und Werk im epochalen Kontext
2.1 Biografie und Schaffensperioden
Kaum ein Komponist ist bei einer Betrachtung der US-amerikanischen Musik so bedeutend wie Aaron Copland. Der am 14.11.1900 in Brooklyn (New York) als Sohn j¨ udischer Immigranten geborene Aaron begann bereits fr¨ uh, sich mit Musik auseinanderzusetzen. Die ¨ armlichen Verh¨ altnisse seines Elternhauses boten ihm nicht viel Unterst¨ utzung bei
3
der Ann¨ aherung an die Musik, sodass er zun¨ achst ein weniger handwerklich-fundiertes als vielmehr emotionales Verst¨ andnis f¨ ur die Materie entwickelte:
Die Musik war f¨ ur mich wie das Innere eines großen Geb¨ audes, das jeglichen Straßenl¨ arm fern h¨ alt. 1
An der Symboltr¨ achtigkeit dieser Aussage erkennen wir nicht nur deutlich das gef¨ uhlsm¨ aßige Erfassen von Musik, sondern auch die aus der emotionalen Rezeption erwachsene Polarit¨ at zwischen der bitteren Realit¨ at des sozial unterprivilegierten Immigrantenmilieus und der beinahe kultisch ¨ uberh¨ ohten Kompensationskraft der Musik. Dieser
Gegensatz ist f¨ ur das Verst¨ andnis der k¨ unstlerischen Entwicklung Coplands von zentraler Wichtigkeit, da aus ihm f¨ ur den Komponisten die Notwendigkeit erwuchs, in seinem Schaffen eine Synthese dieser beiden Wahrnehmungswelten herzustellen. 2 Dass die Musik f¨ ur Copland zwar die zentrale Form des Ausdrucks darstellte, er sie jedoch in Ermangelung bzw. in Unkenntnis bedeutender amerikanischer Komponisten nur als ausl¨ andisches ” Importprodukt“ kennen gelernt hatte, determinierte sein musikalisches Schaffen fr¨ uh und nachhaltig:
[Mein] Wunsch, eine Musik zu schreiben, die auf mein eigenes Leben in Amerika bezogen war, wurde in den zwanziger Jahren denn auch zu meinem zentralen musikalischen Anliegen. 3
Der Einfluss der franz¨ osischen Avantgarde, der in Coplands Fr¨ uhwerk erkennbar ist, kann deshalb auf zwei Faktoren zur¨ uckgef¨ uhrt werden: Zum einen hatte die historische Entwicklung der amerikanischen Musik bereits seit 1908 in die Richtung des franz¨ osischen Impressionismus’ gewiesen - man denke an Kompositionen von Charles T. Griffes oder Charles T. Loeffler -; zum anderen hatte Copland w¨ ahrend seines Studienaufenthaltes bei Nadja Boulanger in Paris (1921-1924) 4 einen engen Bezug der franz¨ osischen Musik zur Alltagskultur des Landes entdeckt, was ihn zur ¨ Ubertragung auf Amerika und die amerikanische Musik anregte.
Die nationale Kultur als Quelle der Inspiration f¨ ur musikalische Kompositionen, wie in Frankreich pers¨ onlich erfahren, wurde immer mehr zur Grundlage von Coplands Arbeit. Im Laufe der zwanziger Jahre erweiterte er die Definition seiner musikalischen Ziele: Im Zentrum seines Schaffens sollte nun nicht mehr nur die Imitation franz¨ osischer
1 Copland 1997. In: Danuser et. al. 1987, 238.
2 Ich wurde immer ¨ uberzeugter davon, dass die beiden Dinge, die mir in Amerika immer so ver-”
schieden erschienen waren - die Musik und das t¨ agliche Leben um mich herum -, zusammengebracht
werden mussten; ...“, Copland 1977. In: Danuser et. al. 1987, 238.
3 Ebenda.
4 Vgl. Kurth 1979, 205.
4
Entwicklung einer genuin amerikanischen Musik“ 5 Verh¨ altnisse, sondern die eigene ”
stehen, woraus eine intensive Besch¨ aftigung mit der Jazzmusik zwingend folgte. Die bekanntesten Beispiele f¨ ur Arbeiten, in denen Copland Jazzelemente verwendete, sind die Organ Symphonie, seine Music for Theater (beide 1925) und das Piano Concerto (1927). 6 Die Idee des ” American Sound“ dominierte Coplands Werk auch nach 1930
weiter, obwohl er sich bereits wieder vom Jazz abgewandt hatte und forthin versuchte, ein breites Publikum mit popul¨ aren, immer h¨ aufiger auf Volksliedthemen beruhenden elit¨ aren ¨ St¨ ucken zu erreichen. 7 Dem Vorwurf, zu einer ” Asthetik der Moderne“ 8 zu
geh¨ oren, versuchte er sich dadurch zu entziehen, dass er ab 1934 fast ausschließlich funktionale Musik schrieb. Seit 1938 (Of Mice and Men) bereicherten diverse bedeutende Filmmusiken sein Werk, in den 50er Jahren folgten gelegentlich auch Experimente mit der Dodekaphonie, bis er 1990 kurz nach seinem 90. Geburtstag in Tarrytown (New York) verstarb.
2.2 Postkoloniale Selbstzweifel der amerikanischen Kultur
Das Streben nach einem amerikanischen Nationalstil war freilich keine exklusive Idee Coplands, sondern st¨ andiger Bestandteil der Diskussion ¨ uber die Situation der amerikanischen Musik der Zeit. In der ” von postkolonialen Selbstzweifeln geplagten amerikanischen Gesellschaft“, 9 die die aufkl¨ arerischen Ideale von Locke und Rousseau im politischen Bereich als erste Nation umgesetzt hatte, zogen sich die Rufe nach Etablierung einer amerikanischen Nationalkultur durch das 19. und 20. Jahrhundert. Das amerikanische Selbstbild, das sich als definitorische Grundlage einer Nationalkultur entwickelt hatte, war von unterschiedlichen Mythen aus der Zeit der Nationengr¨ undung gepr¨ agt, so z. B. von der Idee der frontier, die 1893 f¨ ur den Historiker Frederick Jackson Turner den exemplarischen Ort der Amerikanisierung darstellte. 10 Bereits 1782 hatte sich der aus Frankreich in die USA emigrierte John Hector St. John de Cr` evecœur die Frage den Amerikaner“ ausmache. 11 Er argumentiert, die agrarische gestellt, was denn nun ”
Lebensform im grenzenlosen, großen Kontinent sei Garant f¨ ur eine freie, selbstbestimmte und unabh¨ angige Gesellschaft. Der neu entstandene Menschentypus sei zudem ein Produkt der diversen Immigrantenkulturen - die so geschaffene geistige Grundlage der
5 Ebenda, 206.
6 Vgl. http://www.coplandhouse.org/new page 2.htm, 2.11.2000.
7 I [Copland] felt it was worth the effort to see if I couldn’t say what I had to say in the simplest
”
possible terms.“ Zit. nach: http://www.honululusymphony.com/notes-copland.htm, 7.11.2000
8 Danuser 1987, 56.
9 Fluck 1998, 719.
10 Vgl. Turner 1945.
11 Vgl. Cr` evecœur 1981, 69ff.
5
sp¨ ateren Idee des melting pot l¨ asst sich durchaus ebenfalls unter die Gr¨ undungsmythen subsumieren.
In der Literatur war es Walt Whitman (1819-1892), der mit seiner radikal-provo-Leaves of Grass“, 1 1855), in deren heterogener Formenvielfalt er die kanten Lyrik ( ”
amerikanische Demokratie k¨ unstlerisch verarbeitete, bedeutende Schritte in Richtung einer origin¨ ar amerikanischen Literatur tat. Die politische Emanzipation der jungen Nation durch die bedingungslose Abkeht vom europ¨ aischen Feudalismus spielte dabei eine entscheidende Rolle und wird in Whitmans Literatur z. T. sehr plakativ thematisiert. Was Whitman mit Worten ausdr¨ uckte, sollte in der Musik zum amerikanischen Nationalstil werden. Wie aber l¨ asst sich ein solcher Nationalstil definitorisch fassen? Alfred Einstein kam zu dem vermutlich treffenden Ergebnis, dass musikalische Nationalstile nichts anderes als vom nationalen Kollektiv als allgemeing¨ ultig akzeptierte Individualstile seien. 12 Behalten wir trotzdem die Mythen Turners und Cr` evecœurs sowie die k¨ unstlerische Entfaltung Whitmans im Ged¨ achtnis, um die Parallelen im Werden der coplandschen American Music nachvollziehen zu k¨ onnen.
2.3 Positionierung Coplands im werdenden k¨ unstlerischen Selbstbewusstsein Amerikas
Zur N¨ aherung an die Leitfrage, inwiefern Appalachian Spring ein Meilenstein in der Entwicklung eines amerikanischen Nationalstils sei, ist es zun¨ achst unerl¨ asslich, die musikgeschichtliche Bedeutung Coplands zu ergr¨ unden. Ob zeitgen¨ ossische oder moderne Rezensenten, alle sind sich dar¨ uber einig, dass es sich bei Copland um einen der ausdr¨ ucklichsten, wenn nicht sogar den amerikanischen Komponisten schlechthin handelt. Zur Untermauerung werden weniger musikalische - Copland verwendet Folk-loreelemente in Appalachian Spring viel sp¨ arlicher als in seinen anderen, als American Music geltenden Kompositionen - als vielmehr psychologische, mentalit¨ atsgeschichtliche Argumente bem¨ uht; sogar der uramerikanische Mythos der frontier, Mut, Innovation und Glauben verk¨ orpernd, wird als Argumentationsbasis herangezogen. 13 Eine solch starke Bindung von Kunst an mentalit¨ atsgeschichtliche Mythen ist uns eher aus der Literatur bekannt, z. B. aus dem Gedicht Pioneers! O Pioneers! des bereits zitierten
12 Aber ich weiß, dass es eine amerikanische Musik geben wird, wenn ein paar große Musiker in Ame-”
rika einmal ganz große Musik geschaffen haben werden, ohne viel nach ihrem Gehalt an Amerikanismus
zu fragen.“ In: Einstein 1958. Zit. in: Danuser 1987, 51.
13 ... images of strength, courage, and religious faith from the American frontier“, zit. nach: J. Michael
”
Allsen, Program Notes to Copland’s Appalachian Spring Suite. Madison Symphony Orchestra, April
10-11, 1999. In: http://www.facstaff.uww.edu/allsenjm/MSO/NOTES/9899/Apr99.htm, 30.11.2000.
6
Arbeit zitieren:
Christof Belka, 2001, The Gift To Be Simple. Coplands "Appalachian Spring" und das Problem des amerikanischen Nationalstils in Komposition und Rezeption, München, GRIN Verlag GmbH
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