1. Einleitung
Völkisches Denken im Internet kann nur repräsentativ für Völkisches Denken in der gesamten Gesellschaft begriffen werden. In nahezu allen Schichten und politischen Richtungen von rechts bis links existiert völkisches Denken - wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Am offensichtlichsten tritt der Bezug zu „Völkern“ jedoch bei der extremen Rechten, insbesondere bei den „Freien Kameradschaften“ zu Tage, deshalb sind diese Organisationsstrukturen in der militanten Neonaziszene Gegenstand meiner Untersuchung. Zunächst soll jedoch dargestellt werden, was diese Zusammenschlüsse überhaupt sind, wie sie entstanden sind, wie sie strukturiert sind und wie sie agitieren.
Völkisches Denken ist fast zwangsweise an antisemitische Argumentationsmuster gekoppelt. Jedoch ist der Antisemitismus nach Auschwitz weniger einfach zu fassen als in der NS-Zeit. Die grundlegenden Muster des Antisemitismus sind zwar geblieben, doch drückt sich dieser heute anders - eben moderner - aus. Deshalb werde ich exemplarisch einige Komponenten des modernen Antisemitismus erklären, der insbesondere in der extremen Rechten reproduziert bzw. propagiert wird. Dabei werde ich mich auf allgemeine Tendenzen beschränken und verzichte dabei auf Nachweise auf rechten Homepages. Diese Seiten werden oft aktualisiert bzw. umgestellt, so dass bestimmte Nachweise im nachhinein kaum einsehbar sind. Stattdessen werde ich bei der Literaturangabe auf diverse Neonazi-Homepages verweisen, anhand derer meine Aussagen prinzipiell überprüfbar sind.
2. Freie Kameradschaften
2. 1. Entstehungsgeschichte
Ab Mitte der 90er konnte man bei den organisierten Neonazis einen bis dahin neuen Trend feststellen: Rechtsextreme Parteien wurden für die eher aktionsorientierten und militanten Teile der Nazis - meist Jugendliche - zunehmend weniger interessant. Parteien wurden als verknöcherte, starre Apparate wahrgenommen, die im Parlamentarismus verankert waren. Innerhalb von den Parteien waren den Nazis die Hände gebunden: die staatlicher Kontrolle war einfacher, die Zugehörigkeit war leicht zu bestimmen und Partei können auch leichter verboten werden (Anfang der 90er wurden einige Nazi-Parteienverboten). Versuche von umstürzlerischen Aktivitäten innerhalb der Parteien sind jedoch meist aufgrund der Intervention der jeweiligen Vorstände - aus
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Angst vor Verboten - gescheitert. So gab es in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) eine, von dem Neonazikader Steffen Hupka geführte, „Revolutionäre Plattform in und bei der NPD“, die jedoch unter dem Druck des aktuellen Verbotsverfahren gegen die NPD , auf Drängen des Bundesvorstandes aus der Partei ausgeschlossen wurde.
Mittlerweile ist das Gros rechtsextremer Jugendlicher vornehmlich in den losen Zusammenschlüssen „Freier Kameradschaften“ aktiv, und nicht mehr wie vor wenigen Jahren in der NPD bzw. der ihr angegliederten Jugendorganisationen wie „Junge Nationaldemokraten“ (JN).
2. 2. Struktur
„Freie Kameradschaften“ sind regionale Zusammenschlüsse von meist 10-50 Mitgliedern. Innerhalb dieser Gruppen gibt es meist einen, der Kontakte mit anderen Kameradschaften pflegt. In fast jeder Region in Deutschland gibt es mindestens eine solche Kameradschaft. Aufgrund ihrer undurchsichtigen Struktur ohne Mitgliedsausweise oder Eintragungen als Verein sind sie für die Justizbehörden schwer zu kontrollieren. Verbote sind meist unmöglich und wenn - sind sie schwer durchsetzbar. Durch die überregionale Vernetzung sind diese Strukturen sehr flexibel. Wegen ihrer Aktionsorientiertheit strahlen Kameradschaften größere Attraktivität auf rechte Jugendliche aus, die sonst kaum in trockener Parteiarbeit aktiv sein würden. Die Kameradschaftsszene ist straff hierarchisch organisiert. Es gibt bundesweit einige verschiedene Führer, die jedoch auch untereinander zum Teil verstritten si nd. Sven Liebich zum Beispiel ist die Führungsfigur des „Nationalen Widerstand Halle-Merseburg“, einer sehr aktiven Kameradschaft.
Eine zentrale Bedeutung für die Organisierung haben Ladengeschäfte, in denen szenetypische Assesoirs verkauft werden, vor allem aber als Anlauf- und Treffpunkte dienen. Ein solcher Laden ist der „Last Ressort“ in Halle von Sven Liebich, der die gesamte Region mit Kleidung, Propaganda (Aufkleber, Zeitschriften, Plakate) und eben Ideologie versorgt.
Wesentliche Bestandteile dieser Strukturen sind darüberhinaus Homepages im Internet, auf denen aktuelle Demo-Termine, bzw. der aktuelle Stand von Demonstrationen (Verbotslage) schneller bekannt gemacht werden können. Über Homepages können auch leichter Kontakte zu anderen Kameradschaften hergestellt werden, da man dort anonyme Ansprechpartner findet, was zugleich auch ein Schutz vor Zugriffen von Verfolgungsbehörden ist.
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Arbeit zitieren:
Christian Uhrheimer, 2003, Völkisches Denken und rechte Jugendcliquen im Internet am Beispiel 'Freier Kameradschaften', München, GRIN Verlag GmbH
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