2
Textgrundlage
Johannes von Tepl: Der Ackermann
Gliederung
I. Vorwort 3 II. Stadtbürgerliche Ehediskurse: Ackermann und Margaretha
A. Die Ehe im Mittelalter und der Ehediskurs in der Literatur 1. Die biblische Eheauffassung
2. Einfluss von Patristik und Scholastik 3. Ehemoral und soziale Wirklichkeit 5 4. Der Wandel im Mittelalter
a) Entstehung von Adelshöfen und Städten b) Ehebegriff zu Beginn der mittelhochdeutschen Literatur
c) Entstehung der bürgerlichen Ethik im Mittelalter 5. Der Ehediskurs in der spätmittelalterlichen Literatur 7 B. Ehediskurs im „Ackermann“
C. Exkurs 1. Bedeutung des Akrostichons
2. Margaretha - nur eine Autorfiktion III. Nachwort 11
I. Vorwort
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist identisch mit dem Thema des ebenfalls vom Verfasser gehaltenen Referats in der Seminarsitzung am 12.07.2001. Naturgemäß ist die Hausarbeit umfangreicher ausgefallen; die Schwerpunkte sind aber anders gewichtet worden. So ist insbesondere auf die Darstellung der Ehe im Mittelalter als juristisches Phänomen wegen deren geringen thematischen Relevanz verzichtet worden.
Aufbau und Inhalt der Arbeit orientieren sich an der Einsicht, dass ohne ein Verständnis der geistigen - sprich theologischen und philosophischen - Grundlagen der Ehe sowie ohne ein ständiges Mitbewusstsein der Diskrepanz jeglicher Ehemodelle zur sozialen Wirklichkeit die Entwicklung des stadtbürgerlichen Ehediskurses unzugänglich bleiben muss. Ebenso erscheint die Skizzierung der sozioökonomischen Veränderungen im Mittelalter unverzichtbar, um mit der Entwicklung der bürgerliche n Ethik die cond itio sine qua non dieses literarischen Aspekts zu veranschaulichen. Die späte Untersuchung der Elemente von Liebes- und Ehediskurs im „Ackermann“ hat wiederum den Nebeneffekt, potentiellen Irritationen beim Leser vorzubeugen, die das uneinheitliche Meinungsspektrum hinsichtlich der Wertigkeit des Ehediskurses im Text hervorrufen könnte, falls selbiges bereits zu Beginn der Arbeit erörtert worden wäre.
Der Verfasser wünscht viel Vergnügen bei der Lektüre.
II. Hauptteil
A. Die Ehe im Mittelalter und der Ehediskurs in der Literatur
Die Institution der Ehe in der christlichen Kultur des Abendlandes beruht vor allem auf den Aussagen der Bibel und deren Kommentierung in Patristik und Scholastik.
1. Die biblische Eheauffassung
Grundlage der christlichen Ehebetrachtung sind auch im Mittelalter die einschlägigen Textstellen der Bibel. 1 In der Genesis 2 und den Evangelien 3 erscheint die Ehe als integraler Be-standteil des Schöpfungsvorgangs. Mit der dort verwendeten Formel der Vereinigung von Mann und Frau zu „einem Fleisch“ wird die Unauflöslichkeit der Ehe statuiert; 4 nach Paulus 5 dient die Ehe primär der Vermeidung von sexueller Freizügigkeit. 6 Dieser postuliert keinesfalls die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sondern stuft in der Tradition der Genesis 7 das männliche Geschlecht höher ein als das weibliche. 8 Sein Schweigegebot 9 und seine Forderung nach Unterordnung 10 an die Adresse der Frauen bereiten den Boden für misogyne
1 Vgl. Knoch, W., S. 1616, in: Lexikon des Mittelalters, 3. Band, S. 1616 - 1618 (Stichwort „Ehe“: Theologie und Liturgie), herausgegeben von Robert-Henri Bautier, München, Zürich 1986.
2 Vgl. 1. Buch Mose 1, 27 und 2, 18 - 24.
3 Vgl. Matthäus-Evangelium 19, 1 - 12; Markus-Evangelium 10, 1 - 11.
4 Vgl. hierzu auch Lukas-Evangelium 16, 18.
5 Vgl. 1. Korinther-Brief 7, 2.
6 Weitere Nachweise bei Angenendt, Arnold, S. 269 f., in:: Geschichte der Religiosität im Mittelalter, 2. Auflage, Darmstadt 2000.
7 Vgl. 1. Buch Mose 2, 22.
8 Vgl. 1. Korinther-Brief 11, 7 - 9.
9 Vgl. 1. Korinther-Brief 14, 33b - 36.
10 Vgl. 1. Timotheus-Brief 2, 12 -15.
4
Tendenzen, welche den Frauen die Möglichkeit der Predigt und die Ausübung eines Kir che namts verwehrt. 11
2. Einfluss von Patristik und Scholastik
Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe werden auch in Philosophie und Lehre der Kirchenväter, der sog. Patristik, betont. 12 In Anlehnung an Paulus entwickelte Augustinus (354 bis 430) mit bedeutenden Folgen für die Geschichte diese Ehelehre: Die Ehe ist zwar ein Gut, aber ein verdorbenes. 13 Dies ergebe sich aus dem Zwiespalt von gottgegebener Fruchtbarkeit und willlentlicher Begierde, der sog. Konkupiszenz, welche als Resultat des Sündenfalls Intellekt und Gebet ausschalte. 14 In der Ehe müsse die Lust zum Zweck der Fortpflanzung geduldet werden; 15 das an sich sündhafte Verha lten werde durch das Sakrament der Ehe als „remedium concupiscentiae“ gerechtfertigt 16 . Nichtsdestotrotz ist nach Augustinus jede Ehe durch die Sexualität mit Sünde belastet, was mit der Folgerichtigkeit der Erbsündele hre ebenfalls für die Nachkommen gelte. 17
Die Patristik allgemein und besonders Augustinus schaffen das Begriffsrepertoire der nachfolgenden philosophischen Epoche der Scho lastik. 18
In der Frühscholastik wird vor allem die Sakramentalität der Ehe, welche sich aus der prie sterlichen Einsegnung ergibt, herausgestellt. 19 Der eheliche Ursprung wird im Paradies lokalisiert, ihre Würde von dem Heilswerk jesu Christi abgeleitet. 20 In den drei Ehegütern Nachkommenschaft, Glaube und Sakrament (als Heilmittel) wird die Einheit von Schöpfungs- und Erlösungsordnung abgebildet. 21 Obwohl erst die geschlechtliche Vereinigung die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe herstelle, sei diese vorrangig Sakrament im Konsens der Ehepartner. 22 Nach der frühscholastischen Etablierung der Ehe als Sakrament fügen die Hochscholastiker der Ehetheologie das Element der Gnadenwirksamkeit hinzu. 23 Auf Initiative des Thomas von Aquin (1225 bis 1274) wird die Ehe als gadenvermittelndes Heilszeichen beim Konzil von Lyon 1274 lehramtlich bestätigt. 24
Der Einfluss des Augustinus macht sich in der Scholastik vor allem hinsichtlich der Bewertung der Sexualität innerhalb der Ehe bemerkbar: Dessen Stigmatisierung lediglich der willentlichen Begierde beim Geschlechtsve rkehr wird übertragen auf jede lustvoll empfundene Vereinigung. 25 Abaelard (1079 bis 1142) opponiert zumindest partiell gegen die Verdammung der Sexualität, weil dadurch der Schöpfer selbst getroffen werde, der mit dem Leib auch das Lustempfinden kreiert habe. 26 Dagegen unterstützt Albertus Magnus (1193 oder 1207 bis 1280) weitgehend die Position des Augustinus, wenn er die Unvermeidbarkeit von Lustgefühlen beim Zeugungsakt zwar einräumt, zugleich aber als Kompensation für die Ablenkung des Menschen vom Göttlichen durch die Sexualität selbige als widergeistige Macht
11 Vgl. Angenendt, S. 262.
12 Vgl. Knoch, S. 1617.
13 Vgl. Angenendt, S. 280.
14 Vgl. Angenendt, S. 281.
15 Vgl. Angenendt, S. 281.
16 Vgl. Knoch, S. 1617.
17 Vgl. Angenendt, S. 281.
18 Vgl. Störig, Hans Joachim, S. 233, in: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 17. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln 1999.
19 Vgl. Knoch, S. 1617.
20 Vgl. Knoch, S. 1617.
21 Vgl. Knoch, S. 1617.
22 Vgl. Knoch, S. 1617.
23 Vgl. Knoch, S. 1618.
24 Vgl. Knoch, S. 1618.
25 Vgl. Angenendt, S. 282.
26 Vgl. Angenendt, S. 282.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Ass. iur. M.A. Reiner Scheel, 2001, Stadtbürgerliche Ehediskurse: Ackermann und Margaretha, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Bildungsideen der Turmgesellschaft in Johann Wolfgang Goethes Roman Wi...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Bedeutung des sozialen Raumes für biografische Prozesse und die da...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 15 Seiten
Mode als soziales Phänomen - Unterschiede der männlichen und weibliche...
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit, 32 Seiten
Faust 2: Die klassische Walpurgisnacht - Der Weg des Mephistopheles
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Erziehung und Bildung in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre(n)...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Examensarbeit, 113 Seiten
Das Frauenbild der 20er Jahre - Literarische Positionen von Irmgard Ke...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Magisterarbeit, 94 Seiten
Das Phänomen Spiel unter besonderer Berücksichtigung als Medium für so...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Bachelorarbeit, 74 Seiten
Die Suche nach der Frau in den drei verschiedenen Ebenen der “Klassisc...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Goethes: Wilhelm Meisters Lehrjahre - Die Turmgesellschaft
Die Turmgesellschaft und ihre ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Shake it!- Frauenbild und Sexismus in der Jugendkultur des HipHop
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 81 Seiten
Lehrjahre einer Romanfigur - Die Entwicklung von Goethes "Wilhelm...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
'Narrenliteratur' - Ulenspiegel und seine Kritik durch den ...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Bedeutung der Walpurgisnacht in Goethes Faust I und II
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Bachelorarbeit, 41 Seiten
Reiner Scheel's Text Stadtbürgerliche Ehediskurse: Ackermann und Margaretha ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Reiner Scheel hat den Text Stadtbürgerliche Ehediskurse: Ackermann und Margaretha veröffentlicht
Reiner Scheel hat einen neuen Text hochgeladen
Franz Ackermann: Ausstellungskatalog
Stephan Berg, Stefan Gronert, Jens Ziehe, Franz Ackermann, Sam Drake, Jeanne Haunschild
Introduction to the Art of Singing by Johann Friedrich Agricola
Johann Friedrich Aricola, Pier Francesco Tosi, Johann Friedrich Agricola
Johannes de Hauvilla: Architrenius
Richard Wetherbee, Johannes de Hauvilla, Hauvilla Johannes De
Bondage and Travels of Johann Schiltberger: A Native of Bavaria, in Eu...
Johannes Schiltberger, Schiltberger Johannes, Philip Brunn
The Study of Counterpoint: From Johann Joseph Fux's Gradus Ad Parnassu...
Johann Joseph Fux, Alfred Mann
0 Kommentare