Inhaltsverzeichnis
1. Die Hintergründe der Untersuchungen in der Geschichte 1
2. Reflexion in der Linguistik 2
2.1. Warnung von einer Auseinanderentwicklung der Sprache in der BRD und
DDR2
2.2. Sonderung der DDR-Sprache 3
2.3. Einfluss der Politik auf die Sprache 4
2.4. Die Schwächung des politischen Druckes 7
3. Sprache in der DDR 7
3.1. Kernwortschatz des Marxismus 7
3.2. Neubenennungen 8
3.2.1. Typen der Benennungen nach dem benannten Objekt 8
3.2.2. Komplexe Benennungen, Kurzformen, Initialwörter 9
3.2.3. Hauptwege zur Schaffung von Neubenennungen: Neubedeutungen,
Entlehnungen 9
3.3. Korrespondenz 12
3.4. Alltagssprachliche Kritik als Ausdruck eines symbolischen Gegendruckes
gegen das System 14
3.5. Zwei Duden 15
4. Kommunikative Schwierigkeiten nach der Wiedervereinigung 16
5. Zwei Staaten - zwei Sprachen 18
6. Literaturverzeichnis 19
1. Die Hintergründe der Sprachuntersuchungen in der Geschichte
Jede natürlich- historische Sprache hat die Eigenschaft sich im zeitlichen Verlauf zu verändern. Das
ist durch ein großes sprachwissenschaftliche s Interesse gekennzeichnet. Viele Möglichkeiten zur
Untersuchung dieses Problems bietet die Geschichte selbst
Seit der Entstehung zweier souveräner Staaten nach dem zweiten Weltkrieg - der
kapitalistischen BRD und sozialistischen DDR - auf dem Territorium des ehemaligen Deutschen
Reiches wurde von der Sprachwissenschaft ins Zentrum der Untersuchungen die Frage gestellt,
welche Konsequenzen damit für die weitere Entwicklung der deutschen Sprache verbunden sind
Diese Frage wurde auf unterschiedlichste Weise beantwortet, was durch ihre politische Relevanz zu
erklären ist. Zwei Fragen, zwei Aspekte stehen im Mittelpunkt der Ausführungen: zum Einen, die
1
„Besonderheit der Sprache in einem der beiden Staaten, die durch die Konfrontation zur Sprache im jeweils anderen Staat gewonnen wurde, und zum Anderen, Man beschäftigte sich de facto, nämlich in bezug auf das zugrunde gelegte Corpus, mit der deutschen Sprache in einem der beiden Staaten.“ (Welke 1992, 1)
Zudem fällt auf, dass die Linguisten sich mehr mit der politischen Situation, als mit der Sprache selbst, bzw. mit den Unterschieden im Wortschatz, auseinandersetzen. Nach Jahrzehnten der Zweitstaatlichkeit in Deutschland fand nun der umgekehrte Prozess statt. Seit dem 3.10.1990 existiert wieder eine vereinigte BRD, die eigentliche „alte BRD“, der sich der andere Staat angeschlossen hat. Die frühere Deutsche Demokratische Republik ist als Staat aufgelöst. Damit erhebt sich nun die Frage nach den sprachlichen Konsequenzen dieses Prozesses. Insbesondere im Vergleich zweier verschiedener Staaten mit der mehr oder weniger gleichen Sprache, wird allerdings die Problematik der Benennung dieser Spracherscheinung offenbar. Waren „Ost- und Westdeutsch“ zwei Varietäten einer gemeinsamen Sprache? Oder waren die Unterschiede zwischen DDR- und BRD-Deutsch so groß, dass es eines anderen Begriffes bedarf, z. B. „Nationalsprache“?
In dieser Arbeit wird versucht, diese Fragen anhand einiger wissenschaftlicher Werke zu beantworten. Zuerst werden einige Arbeiten von DDR- und BRD - Linguisten betrachtet, die in verschiedenen Jahren ihre Meinungen zu diesem Problem geäußert haben. Allerdings lässt sich diese Frage ohne Untersuchung der Sprache selbst nicht beantworten. Als nächstes werden dementsprechend die wesentlichen Aspekte der Sprache vorgestellt, die diesen Entwicklungsabschnitt der deutschen Sprache charakterisieren.
2. Reflexion in der Linguistik
Die Entfremdung der Sprache in zwei deutschen Staaten in vier Jahrzehnten ist nicht zu bestreiten. In der BRD - Linguistik wurde die DDR - Sprache als Sprache der Politik, der Medien gekennzeichnet. Die DDR - Linguistik untersuchte eigene Sprache in Gegenüberstellung zur Sprache in der BRD, was mit der Nationalbewusstsein zu tun hat.
„In der DDR wurde Nationalbewusstsein z. T. systematisch verdrängt. Das war nicht nur
der offiziellen Politik geschuldet, sondern resultierte auch aus einem Gefühl notwendiger Selbstbehauptung in einer Konfrontation. Allen Stellungnahmen [zu diesem] Problem[...], die in der DDR veröffentlicht wurde, ist m. E. die Identifizierung mit dem eigenen Staat und die Abgrenzung gegenüber der BRD gemeinsam.“ (Welke 1992, 2)
2
Die politische Situation in DDR zu dieser Zeit versetzte die DDR - Linguistik in eine Zwangslage. Sprachkritik wurde als Kritik der öffentlichen Politik angesehen, es gaben sogar Strafmethoden gegen „alltägliche sprachliche Ironisierung“, worüber im Weiteren noch die Rede sein wird.
2.1. Warnung von einer Auseinanderentwicklung der Sprache in der BRD und DDR
Im zeitlichen Verlauf lassen sich Unterschiede in der Linguistik feststellen, was die Erforschung der Sprache in der DDR betrifft. Klaus Welke (ebda, 3) unterscheidet vier Etappen in der Geschichte der DDR - Linguistik. Den ersten bestimmt er zeitlich bis Mitte der 50er Jahre. In diesem Zeitrahmen bemerkt er „einige Stimmen, die vor einer Auseinanderentwicklung der beiden deutschen Staaten auch auf sprachlichem Gebiet warnen“.(ebda, 3) Interessant scheint die Bemerkung, es sei im nationalen Interesse getan worden. Einerseits unterstrichen die DDR - Linguisten mehrere Male, zwei unterschiedliche Staaten haben etwas Gemeinsames, u. z. gemeinsame Sprache und gemeinsame Geschichte. Andererseits wird die Politik der Ab grenzung gegenüber der BRD durchgeführt.
2.2. Sonderung der DDR-Sprache
Mitte der 50er bis Ende der 60er Jahre bestimmt Welke als zweite Etappe und nennt als charakteristisches Merkmal dieser Zeit das Ziel der Arbeiten der DDR - Linguisten, u. z. die Erwiderung auf Arbeiten aus BRD. Hier wird eine Sprachspaltung behauptet, wobei noch auf die grundlegende sprachliche Gemeinsamkeit verwiesen wird. In der BRD - Linguistik trifft man folgende Ausdrücke: sprachliche Teilung, Sonderung der DDR - Sprache. So ist nun auch die eigentliche Teilung in DDR und BRD als Gefahr der Sonderung der Sprache in eine unbestimmt nahe oder ferne Zukunft geschoben. Keiner bezweifelt, dass sich bei andauernder Teilung Deutschlands irgendwann einmal zwei Sprachen entwickeln könnten. Walther Dieckmann bestimmt die Resultate der linguistischen Arbeiten, über die allgemeine Übereinstimmung herrscht. Es wird folgendes Bild vorgestellt:
„(1)In beiden Teilen Deutschlands hat sich die Sprache verändert und ist in einem fortlaufenden Prozess des Wandels begriffen.
(2)Von einer Auseinanderentwicklung sind kaum oder gar nicht betroffen Lautung, Rechtschreibung, Grammatik und der größte Teil des Wortschatzes. (3)In Teilen des Wortschatzes fanden einschneidende Veränderungen statt.[...]
3
(4)Veränderungen dieser Art sind sowohl im Osten wie im Westen festzustellen. Die Neuerungen sind jedoch im Osten [...] zahlreicher [...].
(5)Die größte Rolle [...] spielt der direkte oder indirekte Einfluss des Russischen. [...] (7)Die Sprache im Osten ze igt deutliche Merkmale des Polizei- oder des totalitären Staates. (8)Die Sprache im Osten ist krank [...], leidet an Begriffsverwirrung, Entinhaltlichung und wird missbraucht.
(9)Als eine Folge dieser Entwicklung besteht schon heute die Gefahr, dass Ost- und Westdeutsche sich nicht mehr verstehen.
(10)Es besteht die große Gefahr, dass sich die zwei Teile Deutschlands sprachlich ganz auseinanderentwickeln.“ (Dieckmann 1967, 142)
Die Erläuterungen von Dieckmann zeigen deutlich, dass diesem Thema viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Als besonders aufschlussreich erweist sich die Beurteilung im Punkt 1 und 2. Es wurde auf die Gefahren hingewiesen, deren Folgen allerdings noch nicht eingetreten seien. Solche Ausdrücke, wie zwei verschiedene Variante bzw. Varietäten einer Sprache, sind jedoch nicht auffindbar.
2.3. Einfluss der Politik auf die Sprache
Nun zum nächsten Punkt, der dritten Etappe in der DDR - Linguistik, wie es von Klaus Welke unterschieden wurde. Dies sei eine wichtige Zäsur Anfang der siebziger Jahre.
„Politisch ist sie der Beginn der Honecker-Ära. Es wurde nach dem Mauerbau von 1961 ein zweiter Versuch unternommen, eine eigenständige gesellschaftliche, d. h. sozialistische Entwicklung gegenüber der BRD zu erreichen, vgl. die sog. Hauptaufgabe (Einheit von Wirtschafts - und Sozialpolitik).“ (Welke 1992, 4)
Seit 1955 lehnte die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), die herrschende Staatspartei in der DDR, zunehmend den Gedanken der Wiedervereinigung Deutschlands zugunsten einer Zweistaatentheorie ab. Dies brachte viel zu der Verstärkung des Bewußtseines der eigenen gesellschaftlichen Identität gegenüber der BRD in der Bevölkerung der DDR. „Ein Ausdruck dieser ansatzweise sich herausbildenden Identität[...] ist die sog. Politik der Abgrenzung gegenüber der BRD.“ (ebda, 5) Die Untersuchung der Sprachsituation in der DDR im Rahmen der allgemeinen Forschungsplanung nach der Richtlinie des Marxismus - Leninismus, die Haupttheorie der sozialistischen Gesellschaftsordnung, die alle Bereiche des Lebens beeinflusste, wurde als Erfüllung eines politischen Auftrages angesehen. Der VIII. Parteitag der SED im Jahre 1972 stellte den
4
Gesellschaftswissenschaften eine neue, der Marxismus - Leninismus - Theorie entsprechende, Aufgabe, im Rahmen derer die Linguistik in der DDR dazu gezwungen wurde, eine marxistischleninistische Sprachtheorie zu erforschen. „Im Zentrum der sprachtheoretischen Bemühungen [...] [stand] die theoretische Klärung des Verhältnisses von Sprache und Gesellschaft“ (Diekmann 1989, 166). In seinem Beitrag weist Dieckmann allerdings darauf hin, dass solche Schwerpunktsetzung deutliche Parallelen in der BRD habe. Der Sinn der Theorie besteht darin, dass die Sprache
„durch die historisch - konkrete Bestimmtheit gesellschaftlicher geistiger und sprachlich
- kommunikativer Tätigkeit ausgeprägt [ist.] [...] In der Gesellschaftlichkeit der Sprache verfestigen sich in sprachlicher Form bestimmte, für die sprachlich - kommunikative Tätigkeit einer historischen Gemeinschaft relevante gesellschaftliche Tatbestände.“ (Fleischer 1987, 17)
Durch diese Theorie wurden die Veränderungen im Wortschatz der DDR - Sprache erklärt. So entwickelt sich eine Zweisprachentheorie. Das bedeutet, dass die „Sonderentwicklung“ der deutschen Sprache in der DDR von der SED unterstützt wurde. Es gab Meinungen, die Partei versuche mit Hilfe der Sprache das „deutsche sozialistische Volk“ als eigene Nation zu schaffen. Es gab aber auch Widersprüche: „[die SED benutzte die Sprache ], um die Organisationsformen [...] [der] kollektivierten Landwirtschaft [...] zu bezeichnen“ (Dieckmann 1967,152). Im Akt der Benennung steckt kein Totalitarismus, es wurden nur neue Wörter geschaffen, um neue Dinge zu bezeichnen. Trotzdem spricht man in der BRD - Linguistik vo n „magischen Gewalt der Sprache“. Dies ist durch den Grundwortschatz der marxistischen Theorie, der in seinem Bedeutungssystem eng mit der Ideologie verknüpft ist, zu erklären. Dieckmann unterstreicht, „ [es seien auch] propagandistische Komponenten nachzuspüren. [...] Man kann [...] hier spezielle Wörter wie volkseigen auf ihren propagandistischen Gehalt hin untersuchen“(ebda, 152; Herv. v. V.). Der Autor bemerkt dazu, die Partei verbreite ihre Sprache, die Sprache der Theorie wie der Verwaltung, also Sprachbereiche, die im Westen zu den Fach- und Sondersprachen gehören, sehr zielstrebig und versuche, diese zum selbstverständlichen Besitz der gesamten Bevölkerung zu machen. Die Wortinhalte werden also ideologisch beeinflusst. Dieckmann hebt hervor, die Untersuchungen zur Entfremdung der Sprache werden als Entwicklung der langue beschrieben, „was vielleicht besser in die parole gehört, weil es sich um die Variationen einer Grundbedeutung [von jeweiligen Wörtern] handelt.“ (ebda, 154) Diesen Standpunkt vertritt er auch in seinen späteren Arbeiten. Dort spricht er über die Unterschiede in der Sprachverwendung und bemerkt dazu, dass diesem keiner widerspricht. (vgl. Dieckmann 1989) „Der [oben schon erwähnte] VIII. Parteitag der SED formulierte 1972 die These von der sich entwickelnden sozialistischen deutschen Nation.“ (Welke
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Quote paper:
Natalia Schlichter, 2001, Ostdeutsch-Westdeutsch. Ein linguistischer Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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