- 1 - Schonin seiner Kindheit, (schreibt er in „Dichtung und Wahrheit“) hat Goethe die Biographie Tassos gelesen. Er begann 1780 mit der Arbeit an dem Stück. Die erste Fassung schrieb er zunächst in Prosa und unterbrach das Schreiben 1781 wieder. Den Antrieb, das Stück weiterzuschreiben, erhielt er zwischen 1786 und 1788 auf seiner ersten Italienreise, die ihm das unvollendete Werk wieder nahebrachte. Ende Juli 1789 stellte er schließlich die Endfassung in Blankversen (fünffüßige Jamben) fertig und 1790 erschien das Buch erstmals. “Torquato Tasso“ wird als eines seiner tiefgehenden Dramen bezeichnet, ist aber auch durch die Umarbeitungen eines seiner Zwiespältigen.
Zweifellos verarbeitete Goethe im Tasso seine eigenen Erfahrungen am Weimarer Hof. Und ebenfalls nach dem Bericht Eckermanns sagte Goethe auf die Frage, >>welche Idee<< er darin zur Anschauung zu bringen gesucht habe: „Idee?[...] dass ich nicht wüsste! Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte meine eigenes Leben, und indem zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammentraf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiteren Hof -, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara, und ich kann mit Recht von meiner Darstellung sagen: sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“; (Goethe zu Eckermann,6.Mai 1827) Sicher ist Tasso eines der Stücke Goethes, in denen äußerlich am wenigsten geschieht. So ist die Sprache weniger Mittel als eigentlicher Gegenstand des Dramas; das nahezu gänzliche Fehlen einer Handlung ist Absicht. Denn der Gegensatz von Handeln und Sprechen, von Tat und Kunst ist das eigentliche Thema des Stücks. Torquato Tasso selbst, eine historische Figur: Er war ein italienische Dichter, lebte zeitweise am Hof des Herzogs AlfonsΙΙ in Ferrara, wo er dem Herzog sein Hauptwerk „Gerusalemme liberata“ (Das befreite Jerusalem) als Dank für seine Unterstützung überreichte. Tasso war ein sensibler Melancholiker und Hypochonder. Er hatte mehrere Liebesbeziehungen, darunter auch mit zwei Leonoren, die von Goethe im „Tasso“ übernommen wurden. Schließlich wurde er als Geisteskranker 7 Jahre eingesperrt und verstarb in Rom, bevor er die Lorbeerkrone, das Zeichen für einen verehrten Dichter, erhielt. Auch in Goethes Drama sucht Tasso eher
- 2 - Einsamkeitals Gesellschaft, hat starke Stimmungsschwankungen, meidet aus Argwohn und Misstrauen die Menschen, leidet unter Verfolgungswahn und hat Schwierigkeiten Freunde zu finden.
Dafür, dass es Parallelen zwischen Goethe selbst und der Person des Tasso gibt, sprechen viele Tatsachen: Er schrieb den ersten Entwurf des „Torquato Tasso“ in einem Gefühl der Liebestragik zu Charlotte von Stein, einer verheirateten Hofdame. Im zweiten Entwurf nach Italienreise, Goethes freiwillige Entfernung von Weimar, brachte er die Künstlerproblematik neben der Liebesgeschichte mit der Prinzess in ein. Goethe verarbeitet seine eigenen Erfahrungen im Widerspruch zwischen dem Anspruch dichterischer Selbstverwirklichung und Zwängen der höfischen Gesellschaft.
Der Aufbau des Dramas ist klassisch: Es ist in 5 Aufzüge mit je mehreren Auftritten gegliedert. Handlung ist nicht das wichtigste im Stück, es sind eher die seelischen Vorgänge, welche die tragende Rolle spielen. Schauplatz des Dramas, das die Einheit von Ort, Zeit und Handlung mit klassischer Strenge wahrt, ist Belriguardo, ein Lustschloss in der nähe Ferraras. Hier überreicht Tasso seinem Gönner, dem Herzog Alfons, sein Epos Gerusalemme liberata. Die Schwester des Fürsten, die Prinzessin Leonore von Erste, die in Gesellschaft ihrer Freundin Leonore Sanvitale in Belriguardo weilt, bekränzt Tasso aus diesem Anlass mit einem Lorbeerkranz, den sie zuvor der Büste des Vergil zuerkannt hatte. Tasso misst dieser wohl eher konventionell höfischen Geste eine fast existentielle Bedeutung bei, wenn er in ihr die Antike Einheit von „Held“ und „Dichter“, von sozialer und poetischer Realität, erneuert sieht. Aber die tatsächliche Kluft zwischen der Sphäre des realen, gesellschaftlichen Lebens und dem ästhetischen Bereich wird gleich mit der Ankunft Antonios, des viel erfahrenen, weltgewandten Staatssekretärs, aufgedeckt. Die Prinzessin, Muse der Tassoschen Kunst, hat in einem intimen Dialog dem Dichter Zeichen ihrer Zuneigung gegeben; begeistert fasst Tasso den Entschluss, nicht nur ihrem Anspruch auf entsagungsvolle, verzichtbereite Liebe zu genügen, sonder n gleichzeitig den Wünschen seiner fürstlichen Beschützer zu willfahren, und das heißt: Antonios Freundschaft zu erwerben, um seine Lebensferne, die sich in Misstrauen, Verdächtigungen niederschlägt, zu überwinden. Offen vertraut er sich Antonio an, der ihn kalt in die Schranken seiner ästhetischen Existenz zurückweist.
- 3 - Tasso,der wider alle gesellschaftliche Regeln seinen Degen zieht, wird vorläufig auf sein Zimmer verbannt. Sein von neuem erwachtes Misstrauen nimmt Züge eines Verfolgungswahns an, der in Selbstzerstörung und Selbstverlust zu münden droht. Allenfalls durch die künstlerische Bewältigung des Leids kann Tasso dieser Gefahr noch Herr werden.
Erträumt sich Tasso ein Gleichgewicht zwischen Kunst und Realität, so verknüpft die Gesellschaft längst nicht mehr aktiv die Kunst mit dem Leben. Kunst stellt sich ihr nur noch als Lebensersatz oder als dekoratives Spiel dar. Man darf Goethes >Tasso<, der so viele Züge eines „romantischen“ Dichterbildes verrät, nicht zu nahe an die Romantik rücken. Was Goethe von ihr trennt, ist dies, dass er noch nicht die romantische Entwertung der Wirklichkeit vollzieht. Der Realität bewahrt Goethe ihr ganzes Recht, sie bleibt als Gesellschaft, als Welt der Tätigkeit vollwertiges Gegenüber für den Dichter. Inwiefern >Tasso< „eine Tragödie des Dichters“ ist, in anderer Weise als etwa >Iphigenie< ein „Drama der Priesterin“ genannt werden kann. Versucht man eine solche Interpretation, so muss ihre Einseitigkeit im Bewusstsein bleiben. Die Tragödie des Dichters fügt sich selbstverständlich in den Bereich der menschlichen Tragik ein. Man kann sagen: die Dichtergabe ist eine Auszeichnung, Heraushebung und damit eine Gefährdung, genau wie die Gabe des großen Staatsmannes oder des Feldherrn. Der Dichter Tasso ist nicht nur als Phantasiemensch und Gefühlsmensch ,durch Sensibilität und Beweglichkeit gekennzeichnet und von den „Wirklichkeitsmenschen“ abgehoben, sondern vornehmlich durch die Gabe der schöpferischen Kraft. Sein Wesen und Verhalten, sein Handeln und Leiden ist in jeder Regung, in jedem Augenblick mitbestimmt von diesem produktiven Vermögen. Der Generalbass wird an manchen Stellen prägnant vernehmbar: zunächst dort, wo Tasso selbst von der >>Gabe der Natur<< spricht, die ihm verliehen ist. Den ersten Hinweis auf sein angeborenes Talent gibt Tasso schon bei seinem ersten Auftreten(?,3):
Bei der Bekränzung mit dem Lorbeer, als sich Tasso dieser Auszeichnung unwürdig fühlt, erinnert ihn die Prinzessin an das göttliche Geschenk:
Arbeit zitieren:
Venera Reiser, 2001, Johann Wolfgang von Goethe "Torquato Tasso ", München, GRIN Verlag GmbH
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