an, doch beschreibt er ihm seine Umgebung (“La rue ... hurlait“, Z.1), die Frau (“Une femme“, Z.3) als “Agile et noble“ (Z.5), und seine Gefühle ihr gegenüber (“La douceur ... qui tue“, Z.8). In den beiden Terzetten richtet er sich nicht mehr an den Leser, sondern an den textinternen Adressaten. In Strophe drei beschreibt er seinen Seelenzustand. Als er die Frau sieht, lebt er auf, geht es ihm gut (“Dont le regard ... renaître“, Z.10). Erst in der darauffolgenden rhetorischen Frage, in der er sie zum ersten Mal direkt anspricht, will er wissen, ob er sie erst nach dem Tod wieder sehen wird, in der Ewigkeit (vgl. Z.11). In der letzten Strophe klagt er, dass ihm die Ewigkeit zu weit entfernt ist (“bien loin d’ici“, Z.12), dass keiner von beiden weiß, wo der andere hingeht (“j’ignore où tu fuis“, Z.13) und dass er sie geliebt hätte (“j’eusse aimeé“, Z.14). Außerdem ist sie, obwohl sie gewusst hat, dass er sich in sie verliebt hat (“qui le savais“, Z. 14), einfach verschwunden (“tu fuis“, Z.13), was er ihr auch am Ende vorwirft.
Das Verhältnis zwischen Sprecher und textinternem Adressaten ist eindeutig. Der Sprecher sieht auf einer belebten, lauten Straße (“La rue ... hurlait“, Z.1) eine schöne Frau in Trauerkleidung (“en grand deuil“, Z.2), in die er sich sofort verliebt. Von ihrem Anblick ist er ganz erstarrt (“crispé comme un extravagant“, Z.6). Sie nimmt zwar seine Blicke wahr (“qui le savais“, Z.14), reagiert aber nicht, sondern geht einfach weiter (“tu fuis“, Z.13). Der Sprecher ist deshalb verzweifelt (“jamais“, Z.12).
Der ganze Text ist ein Monolog. Die ersten beiden Strophen sind eine Beschreibung vom Sprecher für den Leser, in der dritten Strophe wird der Adressat zum ersten Mal mit einer rhetorischen Frage direkt angesprochen. Dies ist deshalb eine rhetorische Frage, da es zu keinem Gespräch mit der Frau kommt, obwohl sich das der Sprecher wünscht. Er stellt sich also die Frage selbst. Die letzte Strophe ist ein Dialog zwischen den beiden, aber nur in den Vorstellungen des Sprechers. Dieser richtet sich wieder direkt an die Frau, trotzdem führt er ein Selbstgespräch. Der Ausruf “Ô toi ... savais“ (Z.14) ist ein Vorwurf an die Frau, der Sprecher ist verzweifelt.
Der Großteil des Gedichts ist in der Vergangenheit geschrieben, z.B. “hurlait“ (Z.1) und “passa“ (Z.2). Dies lässt daraus schließen, dass die Begegnung mit der Frau schon vorbei ist und sich der Sprecher daran erinnert. Auffällig sind deshalb
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die vereinzelten Sätze im Präsens bzw. Futur. So hört sich “La douceur ... qui tue“ (Z.8) nach einem allgemeingüligen Aussagesatz an. Eventuell will der Sprecher somit den Prozess des unglücklich Verliebtseins beschreiben. Er verliebt sich sofort in die Frau, doch geht er auch daran zu Grunde, da seine Liebe nicht erwidert wird. Die rhetorische Frage in Zeile elf ist im Futur geschrieben, was darauf hinweist, dass sich der Sprecher diese Frage immer noch stellt. Er macht sich auch noch lange Zeit nach der Begegnung Gedanken darüber, wann er sie wieder sehen wird. Mit Zeile 13, auch im Präsens, drückt er eine Tatsache aus, die er sich immer wieder ins Gedächtnis ruft, an der auch nichts zu ändern ist, da beide nichts vom jeweils anderen wissen.
Der Sprecher ist Teil der besprochenen Welt, er ist einer von vielen in der Menschenmenge auf der Strasse, auf der er plötzlich die Frau erblickt. Einerseits ist die Straße der Ort, der die Wege der beiden kurzzeitig zusammenführt, andererseits ist das Gewimmel auf der Straße auch schuld daran, dass er sie aus den Augen verliert und nicht weiß, wo sie hingeht. Sie ist Hintergrund des Treffens, steht für den Lärm der Stadt, die Frau im Gegensatz dazu für die Stille und Ruhe.
Die Thematik des Gedichts kann anhand der zwei dominanten Isotopien “Schönheit“ und “Traurigkeit“ rekonstruiert werden. Die Isotopie “Schönheit“ kann im mehrere Wortfelder eingeteilt werden. Das erste Wortfeld ist das der “Körperteile“. Dazu gehören “main“ (Z.3), “jambe“ (Z.5) und “oeil“ (Z.7). Zweitens gibt es das Wortfeld “schöne Eigenschaften der Frau“, zu dem man die Adjektive “longue“ (Z.2), “mince“ (Z.2), “majestueuse“ (Z.2), “fastueuse“ (Z.3), “Agile“ (Z.5) und “noble“ (Z.5) zählt. Zu den „beeindruckenden Tätigkeiten“ gehören “fascine“ (Z.8),“renaître“ (Z.10) und “aimeé“ (Z.14). Dann gibt es noch weitere “schöne Umschreibungen bzw. Bezeichnungen für die Frau“, wie z.B. “douceur“ (Z.8), “plaisir“ (Z.8), “éclair“ (Z.9), “beauté“ (Z.9) und “feston“ (Z.4). Diese Wörter liegen alle auf einer Bedeutungsebene, d.h., sie beschreiben die Schönheit der Frau. Die Isotopie “Traurigkeit“ kann man als erstes in das Wortfeld “Tod“ unterteilen. Dazu gehören Wörter bzw. Ausdrücke wie “en grand deuil“ (Z.2), “douleur“ (Z.2), “tue“ (Z.8) und “éternité“ (Z.11). Des weiteren gibt
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es das Wortfeld “Bedrohung“. Die Wörter “ouragan“ (Z.7), “nuit“ (Z.9), “ciel livide“ (Z.7), “germe“ (Z.7), “fuis“ (Z.13), “rue“ (Z.1) und “hurlait“ (Z.1) sind Teil davon. Als letztes gibt es noch einige “schmerzhafte Adjektive, Adverbien und Tätigkeiten“. Beispiele für Adjektive sind “assourdissante“ (Z.1), “crispé“ (Z.6), “fugitive“ (Z.9) und “extravagant“ (Z.6). Adverbien dafür sind “loin“ (Z.12), “trop tard“ (Z.12), “ailleurs“ (Z.12) und “jamais“ (Z.12). Viele Wörter dieser Isotopie beziehen sich auf den Sprecher oder werden von ihm verwendet, um seine aussichtslose Situation zu beschreiben. Man nimmt zuerst an, dass sich Begriffe wie “Schönheit“ und “Traurigkeit“ ausschließen, dass sie auf bestimmte Art und Weise zueinander in Opposition stehen. Im Text kommen zahlreiche Oppositionen vor, die für Baudelaire typisch sind, da für ihn Schönheit und Traurigkeit zusammengehören. Beispiele dafür sind “crispé“ (Z.6) und “Agile“ (Z.5). Der Sprecher stellt die Frau als das Gegenteil von ihm dar, sie ist flink, er erstarrt. “Tue“ (Z.8) und “renaître“ (Z.10) stehen auch zueinander in Opposition. Einerseits erweckt ihn die Frau wieder zum Leben, andererseits geht er an ihr zu Grunde. Sie ist für ihn wie ein “éclair“ (Z.9), dann folgt die “nuit“ (Z.9). Das heißt, dass die Frau genauso schnell und unberechenbar auftaucht wie sie verschwindet. Danach ist alles wieder dunkel und trist wie vorher.
Die Aussagen des Textes werden größtenteils mit Hilfe von vielen ausdrucksstarken Adjektiven realisiert. Da hauptsächlich die Schönheit der Frau und der Gefühlszustand des Sprechers beschrieben werden, kann sich der textexterne Adressat so ein sehr genaues Bild darüber machen. Es kommen ziemlich wenige Verben vor, d.h., dass es kaum eine Handlung gibt. Dies wiederum spiegelt das Verhältnis zwischen Sprecher und textinternem Adressaten wider, nämlich, dass auch zwischen ihnen nichts passiert. Er sieht die Frau, verliebt sich in sie, sie geht aber weiter, mehr geschieht nicht. Auffällig ist noch bei den Adjektiven, dass sie schnell hintereinander aufgezählt werden (Asyndeton), wie z.B. “Longue, mince etc.“ (Z.2). Dies kann mit den Eindrücken verglichen werden, die der Sprecher nacheinander von der Frau hat. Er muss sich beim Aufzählen beeilen, da die Frau auch schnell wieder verschwindet. In dem Gedicht kommen zahlreiche Tropen vor. Im ersten Vers gibt es bei “rue“ eine Metonymie. Der Raum, in dem Fall die Strasse, steht für den
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Sylvia Hadjetian, 2001, Das Gedicht "A une passante' von Charles Baudelaire, Munich, GRIN Publishing GmbH
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