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1. Einleitung
In der Geschichtsschreibung herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Pestpandemie der Mitte des 14. Jahrhunderts lediglich als verstärkender Faktor der sich bereits abzeichnenden Auflösungs- und Umbruchserscheinungen zu deuten ist, oder ob das Ausmaß der demographischen Katastrophe des Schwarzen Todes und vor allem ihre tiefgreifenden wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Folgen der geschichtlichen Entwicklung eine neue Richtung gegeben hat, die vorher nicht angelegt war. 1 Es spricht meiner Meinung nach mehr dafür, der Seuche nicht den Stellenwert eines eigenständigen, externen geschichtswirksamen Faktors zuzuschreiben, sondern sie als eine Art Katalysator zu verstehen, der latente Krisen intensiviert hat. So traf der Schwarze Tod Europa in einer Phase der sich auflösenden zentralen Autoritäten Papst- und Kaisertum. Während der Klerus Symptome einer schweren moralischen Krise zeigte und die Bevölkerung der Kirche zunehmend „mit einer zur Abneigung tendierenden Ambivalenz gegenüber[stand]“ 2 , begannen England, Frankreich, die iberische Halbinsel sowie die nördlichen und östlichen Randgebiete Europas ihre nationale Selbständigkeit zu entwickeln. Neben dem Beginn kirchlicher, politischer und sozialökonomischer Veränderungen erlebten die Menschen des 14. Jahrhunderts Naturkatastrophen, Missernten, Hungersnöte, und Heuschreckenplagen. 3 Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Analyse der Fragen, wie die Menschen mit der Krise des Großen Sterbens umgegangen sind, und welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen aus ihr resultierten. Zunächst wird jedoch nicht nur der Vollständigkeit halber auf die Ausbreitung und medizinische Aspekte der Pest eingegangen, sondern auch, um zu verdeutlichen, welche Ängste die besondere Unheimlichkeit, die die Seuche für die Zeitgenossen hatte, auslöste, und warum die Pest im Unterschied zu anderen, den Menschen bekannteren Krankheiten extreme psychische Reaktionen auslöste und wohl zu einem über Generationen fortwirkenden gesel lschaftlichen Trauma geführt hat.
1 Zinn, 1989, S. 151.
2 Zinn, 1989, S. 151.
3 Zinn, 1989, S. 151. Vgl.: Graus, 1955, S. 580. Vgl.: Eberhard, 1984, S. 304.
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2. Das Auftreten des Schwarzen Todes in Europa
Als im September 1347 genuesische Handelsschiffe aus dem Schwarzmeerhafen Kaffa mit toten und sterbenden Männern an den Rudern in den Hafen des sizilianischen Messina einliefen, war die Erinnerung an die Jahrhunderte zuvor schon einmal wütenden Pestepidemien in Vergessenheit geraten. Diese „erste gesicherte Pest der europäischen Geschichte“ 4 wurde 542 n. Chr. von Ägypten aus in die levantinischen Hafenstädte eingeschleppt und breitete sich entlang der Handelswege bis nach Mitteleuropa aus. Sie hatte bis ins 8. Jahrhundert in wiederkehrenden Wellen die demographische Situation im frühmittelalterlichen Europa bereits einmal grundlegend verändert. Am schwersten war von der „Pest Justinians“ das oströmische Reich betroffen. Mittel- und Nordeuropa verdankte wohl der noch relativ geringen Besiedlungsdichte, dass die Seuche dort vergleichsweise weniger Opfer forderte und rascher abebbte als im Spätmittelalter. 5
Gerüchte über eine schreckliche Seuche, die aus China stammen sollte, waren schon 1346 aufgetaucht. Obwohl die Gerüchte von einer verheerenden Zahl von Toten - ganz Indien sollte entvölkert worden, ganze Landstriche mit Leichen bedeckt seien - sprachen, war Europa nicht ernstlich beunruhigt, bevor die ersten verseuchten Schiffe die Pest nach Messina und aus der Levante nach Genua und Venedig brachten.
Der Ursprungsherd der Seuche „lag wohl in der Gegend des Balchaschsees in Zentralasien, wo Archäologen bei Ausgrabungen in christlichen Katakomben für die Dreißigerjahre des 14. Jahrhunderts eine auffallend hohe Sterblichkeit registrie rten“. 6 Von da aus gelangte sie über das Issykul-Gebiet im Westen nach Täbris und im Osten nach Nordindien und China. Wahrscheinlich folgte sie der Seidenstraße. Westlich des Aral-Sees verbreitete sie sich über die Urst-Ur-Platte um den Nord-rand des Kaspischen Meeres herum bis Astrachan, das 1346 heimgesucht wurde.
4 Bergdolt, 1994, S. 15.
5 Zinn, 1989, S. 150.
6 Bergdolt, 1994, S. 33.
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Südlich erreichte die Seuche über das Don-Gebiet das Asowsche Meer und schließlich das Nordufer des Schwarzen Meeres. 7
Messina war das Eingangstor der Pest nach Europa. Von September bis Dezember 1347 wurde ganz Sizilien verseucht. Hier zeigte sich das typische Muster der Ausbreitung der Seuche. Auf dem Seeweg wurde sie in eine Hafenstadt gebracht und von dort aus gelangte sie über die Handelswege ins Hinterland. In Italien wurde sie in einer „Art Zangenbewegung“ 8 von Süden her über Reggio de Calabria und vom Norden über Genua ins Landesinnere befördert. Von Oberitalien aus zog die Pest über die Alpenpässe nach Tirol, Österreich und Süddeutschland. Über den Seeweg gelangte sie im November 1347 nach Marseille. Über Marseille, Avignon und das Rhônetal breitete sie sich Richtung Mitteleuropa aus. Schiffe transportierten die Seuche im Laufe des Jahres 1348 in die Hafenstädte von Spanien, den Britischen Inseln, Westfrankreich und Dänemark. Bis Ende 1348 war ganz Frankreich von der Pest befallen. Im Frühjahr trat sie in Avignon und Arles auf . Bordeaux erreichte sie im Juli, Paris im August und Calais im Dezember. In Paris brach sie 1349 erneut aus, verbreitete sich in der Picardie, in Flandern und in den Niederlanden, von England nach Schottland und Irland g enauso wie nach Norwegen. Deutschland war vor allem in den Jahren 1349 und 1350 betroffen. Sie wandert von Süden nach Norden und Nordwesten. Im Verlauf des Jahres 1349 wurden die Gebiete bis zur Main-Rhein-Linie erfasst. Norddeutschland und die mitteldeutschen Gebiete Pommern, Mecklenburg und Böhmen erreicht die Pest im Verlauf des Jahres 1350. Die meisten Menschen fielen der Seuche in den Jahren 1348 bis 1350 zum Opfer. „Danach klang das große Sterben ab, aber die Pest setzte sich in Europa als Endemie fest, die ... erst im 18. Jahrhundert auslief.“ 9
7 Bergdolt, 1994, S. 34. Vgl.: Zinn, 1989, S. 156 f. Vgl.: Keil, 1995, S. 96 f.
8 Zinn, 1989, S. 158.
9 Zinn, 1989, S. 159.
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3. Ursache, Übertragungswege und Krankheitsbild der Pest
Der Pesterreger Yersinia pestis beziehungsweise Pasteurella pestis wurde erst 1894 während einer Epidemie in Hongkong von Alexandre Yersin entdeckt. Hauptwirte des Erregers sind kleine Nager, insbesondere Ratten, die über bereits infizierte Artgenossen durch den Biss des Rattenflohs infiziert werden. Befällt der Floh dabei die Wanderratte, bleibt die Pest „mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit“ 10 endemisch, tritt also nur vereinzelt in unregelmäßigen Abständen auf. Infiziert der Floh hingegen die Hausratte, gelangt der Erreger massenhaft in bewohnte Gebiete und geht auch auf den Menschen über. Darüber hinaus überträgt auch der Menschenfloh den Bazillus, so dass bei zunehmender Infizierung der Bevölkerung eine Übertragung von Mensch zu Mensch einsetzt und die Sterblichkeitsrate noch erhöht wird. 11 „Die Infektion mit dem Pestbazillus erfolgte aber nicht nur durch Flohbiß, Kratzen oder Hautläsionen, sondern ebenso über den Nasen-Rachen-Raum.“ 12 Die Beulen- und die Lungenpest sind zwei verschiedene Verlaufsformen derselben Krankheit. Die Hautinfektion führt in der Regel zur Beulenpest. Ein infizierter Mensch leidet nach einer Inkubationszeit von zwei bis sechs Tagen unter hohem Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen und Benommenheit. Außerdem entstehen meist in der Leistengegend und in den Achselhöhlen Lymphknotenschwellungen von der Größe eines Hühnereis. Im Verlauf der Krankheit kann es sekundär zu einem Befall der Lunge kommen. Die „hochgefährliche primäre Lungenpest hat eine Inkubationszeit von einem bis zwei Tagen ... und ist durch Herzrasen, Bluthusten, Atemnot und schließlich Ersticken auf Grund einer Nervenlähmung sowie der Lungengewebszerstörung gekennzeichnet.“ 13 Das Aufkommen beider Verlaufsformen der Krankheit erzeugte eine hohe Sterblichkeitsrate und erhöhte die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung. 14
10 Bergdolt, 1994, S. 17.
11 Bergdolt, 1994, S. 17. Vgl.: Bulst, 1979, S. 48.
12 Bergdolt, 1994, S. 18.
13 Bergdolt, 1994, S. 19.
14 Tuchman, 1984, S. 97.
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4. Opfer und Sterblichkeitsrate
Obwohl die Sterblichkeit in den einzelnen Gebieten unterschiedlich hoch war - in manchen Gegenden starben ein Fünftel, in anderen neun Zehntel der Bevölkerung -, haben sich die modernsten demographischen Schätzwerte um dieselbe Zahl eingependelt: Etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas fiel der Pest zum Opfer. Bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von etwa 73,5 Millionen in Europa starben während der Pestjahre 1347 bis 1350 etwa 20 Millionen Menschen. 15 Der absolute Tiefstand der Einwohnerzahl wurde allerdings erst um 1400 erreicht, nachdem weitere Pestendemien, vor allem 1357-62, 1370-76 und 1380-83 Europa heimgesucht hatten. 16
Schätzungen zufolge waren die Verluste der Bevölkerung während der Pestja hre 1347-50 in den einzelnen europäischen Länder ähnlich hoch. In England, Frankreich und Norwegen starben etwa jeweils ein Drittel der Einwohner. In Deutsch-land, Altdeutschland und im „weniger betroffenen Osten“ sind vermutlich ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen. In Schweden, Dänemark und Italien vermutet man einen Verlust von einem Drittel bis zur Hälfte der Bewohner.
Italien traf die Seuche wahrscheinlich am schwersten: Nach den florentinischen Bankkrächen, den Fehlernten und den Arbeiteraufständen von 1346/1347 hatte die Erhebung unter Cola die Rienzi Rom in Anarchie gestürzt. Die Seuche war der Gipfelpunkt einer Kette von Katastrophen. „Als ob die Welt sich wirklich in der Hand des Bösen befunden hätte, erschütterte ein fürchterlicher Erdstoß im Januar 1348, als die Pest auftauchte, das europäische Festland. Es hinterließ einen breiten Pfad der Vernichtung von Neapel bis Venedig. Häuser brachen in sich zusammen, Kirchtürme stürzten um, Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Ausläufer des Bebens reichten bis nach Deutschland und Griechenland.“ 17 Abel betont, dass sich die naheliegende Vermutung, auf dem Lande seien „die Verluste geringer geblieben als in den eng bebauten und dem Verkehr offenen Städ-
15 Tuchman,1984, S. 99. Vgl.: Bulst, 1979, S. 54. Vgl.: Zinn, 1989, S. 177 ff.
16 Zinn, 1989, S. 178.
17 Tuchman 1984, S. 100 f.
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2003, Die Krise des 14. Jahrhunderts: Der Schwarze Tod in Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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