E-Mail, Chat und SMS
von: Stefanie Held
6. Semester
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Betrachtung des Themas S.1
2. Textsorte E-Mail S.2
3. Chat S.8
4. SMS S.14
5. Abschließendes Fazit S.16
Literaturverzeichnis S.18
Anhang S. 19
1. Einleitende Betrachtung des Themas
„Der junge Mann begann seinen Brief höflich und zurückhaltend: ‚Dies ist meine erste Post an diese Gruppe’, schrieb der 25-jährige Daniel V. aus dem norwegischen Kongsberg in einem Internet- Forum; wenn seine Mitteilung deshalb womöglich ‚unpassend’ sei, bitte er um Entschuldigung. Seine Nachricht, komplett auf Englisch verfasst, sei nämlich ‚nur für Leute bestimmt, die sich umbringen wollen. Wenn das nicht deine Absicht ist, kannst du hier aufhören zu lesen.’ Wer sich davon nicht abschrecken ließ, erfuhr, dass der Norweger entschlossen war-[...]. ‚Alle ernst gemeinten Antworten’ seien willkommen: ‚Schick mir eine mail und wir arrangieren das.’[...] Zehn Tage später war alles arrangiert; [...] Seitdem wissen schockierte Zeitungsleser, dass man im World Wide Web nicht nur nach gebrauchten Autos suchen kann, nach Aktienkursen oder schnellem Sex, sondern auch nach einem Gefährten für den Tod. ‚Subject: Suicide partner’ hatte Daniel V. in maximaler Deutlichkeit über seinen Aufruf getippt;“1
Dieser Fall erregte im Jahr 2000 großes Aufsehen, erst recht, als die Geschehnisse auf der Theaterbühne dramaturgisch umgesetzt wurden. Igor Bauersimas „norway.today“ wurde im November desselben Jahres am Schauspielhaus in Düsseldorf uraufgeführt. Es ist eines der wenigen, wahrscheinlich sogar das einzige Theaterstück, das zum Teil in einem Chatraum spielt. Es wurde in 16 Sprachen übersetzt und an verschiedenen Schauspielhäusern, u.a. im Freiburger Wallgrabentheater, inszeniert. Beim Durcharbeiten der Pressespiegel ist mir aufgefallen, dass der Fokus der Berichterstattung immer wieder auf der realen Vorlage des Stückes lag. Insbesondere wurde Bezug darauf genommen, dass der Suizid per chat und E-Mail verabredet worden ist. Offensichtlich war das die Tatsache, die die Menschen an diesem Stoff so gefesselt hat. Scheinbar konnte man diese neuen Kommunikationsformen mit so einem ernsten Thema nur schwer in Einklang bringen. Der Verdacht liegt nahe, dass vor allem die Chat-Kommunikation stark in ihrem Einfluss unterschätzt wurde bzw. dass man sie als Spielerei angesehen hat.
Im Mai 2001 gab es in Deutschland 24,62 Millionen Online-Nutzer, das waren 28,1% aller Haushalte. Das Versenden von privaten E-Mails steht bei den Onlineaktivitäten mit 52% an erster Stelle (zum Vergleich: Berufliche E-Mails machen lediglich 27% aus.)2. Diese Zahlen verdeutlichen, dass man die neuen Formen der Kommunikation nicht mehr als Randphänome ansehen kann. Auch das Knüpfen von Liebesbeziehungen in Chaträumen war anfangs heftig diskutiert worden, während es sich heute, zumindest in den Medien, als Normalität etabliert hat. Man muss also davon ausgehen, dass die Kommunikation per E-Mail und Chat mittlerweile in die Lebensrealität der Menschen fest integriert ist. Auch das Versenden von SMS mit dem Handy (aber auch über das Internet) ist mittlerweile nicht mehr aus der Kommunikationspraxis der Menschen wegzudenken. Allerdings möchte ich die so genannten Kurzmitteilungen gesondert betrachten, da sie einerseits in der Literatur kaum Beachtung finden. Andererseits schaffen die technischen Voraussetzungen der Mobiltelefone ganz andere Grundlagen für Sprache und Kommunikation, als dies bei den E-Mails oder beim Chat der Fall ist.
Die beiden Letztgenannten werden in der Literatur vor allem gänzlich neue sprachliche Phänomene und eine große Kreativität zugeschrieben. Außerdem ordnet man diese Kommunikationsformen auf einer Achse zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ein, wobei vor allem der Chat stark zum Mündlichen zu tendieren scheint. Bei der E-Mail drängt sich vor allem der Vergleich zum tradit ionellen Brief immer wieder auf! Diese Parallelen werden auch in der Untersuchung „Sprache und Kommunikation im Internet“ von Jens Runkehl, Peter Schlobinski und Torsten Siever3 gezogen. In den ersten beiden Kapiteln meiner Arbeit möchte ich mich hauptsächlich auf dieses Werk stützen, da ihm eine umfangreiche Analyse von diversen Chats und mehr als hundert E-Mails zu Grunde liegt. Alle Zahlen, die im Folgenden genannt werden, beziehen sich auf die Ergebnisse dieser Untersuchungen, sofern nicht eine andere Quelle genannt wird.
2. Textsorte E-Mail
E-Mail ist die Abkürzung für „electronic mail“, zu Deutsch also elektronische Post. Diese Namensgebung impliziert bereits den Vergleich mit der traditionellen Briefpost. Allerdings gibt es in der Literatur auch andere Wege diese neue Textsorte zu beschreiben. Hale und Scanlon drückten es fast schon poetisch aus: „a cross between a conversation and a letter, email is as fast as a telegram and as cheap as a whisper”4. David Chrystal ließ in seinem Werk „Language and the Internet“5 auch die Comicfiguren der Simpsons zu Wort kommen:
Homer: What’s an e-mail?
Lenny: It’s a computer thing, like, er, an electric letter.
Carl: Or a quiet phone call. 6
In diesem Dialog drücken sich weitere Ansätze zur Beschreibung der Textsorte E-Mail aus. Zunächst natürlich die Anlehnung an Briefe auf Papier, darüber hinaus klingt an, dass E-Mails auch sprachliche Elemente aufweisen können wie beispielsweise ein Telefongespräch. Auch die Dialogizität der Kommunikation mittels des Fernsprechers wird in der Literatur oft als ein Charakteristikum der E-Mails genannt.
Trotz der Vergleiche mit herkömmlichen geschriebenen Briefen wird über E-Mails auch gesagt, dass in ihnen völlig neue sprachliche Phänomene aufträten und sich eine hohe Kreativität zeige: „Mit den E-Mail-Briefen entsteht eine neue Schreibkultur, die sich durch ihre Schriftlichkeit zwar von der Alltagskommunikation deutlich abhebt, aber sprechsprachliche Formen mitträgt.“7 Um die E-Mails auf diese Elemente zu überprüfen, werde ich mich hauptsächlich auf die Untersuchung „Sprache und Kommunikation im Internet“ von Runkehl, Schlobinski und Siever stützen. Das Werk ist eines der ausführlichsten zu diesem Thema und stützt sich im Bereich der E-Mail- Kommunikation auf eine Untersuchung von Mails aus verschiedenen Bereichen. Deren Vergleich zeigt einen differenzierten Umgang mit dieser Textsorte und es wird schnell deutlich, dass es nicht die E-Mail an sich gibt.
Der Korpus umfasste 100 E-Mails aus dem privaten Bereich (Kommunikationspartner standen in freundschaftlicher und/oder verwandtschaftlicher Beziehung.), ebenso viele institutionelle von einer Universität, jeweils noch einmal die gleiche Anzahl elektronischer Briefe aus einer Anwaltskanzlei und einem Computerkonzern. Zusätzlich wurden noch weitere E-Mails privater Natur untersucht, nämlich 30 Stück von zwei fünfzehnjährigen Mädchen, die begannen über dieses Medium zu kommunizieren. Das dauerte mehrere Wochen und wurde aber auch durch Telefongespräche ergänzt. Die letzte private Gruppe umfasst 50 E-Mails, die sich ein Ehepaar geschrieben hat, das fünf Wochen getrennt auf zwei verschiedenen Kontinenten verbringen musste. Dazu kommt noch eine ganz andere Art solcher elektronischer Botschaften, nämlich 50 Junk-Mails. Zum Vergleich wurden Briefe auf Papier herangezogen, davon 200 Stück aus dem universitären Bereich, wovon die Hälfte mit der Schreibmaschine getippt, der Rest mit einem Textverarbeitungsprogramm erstellt worden war. Außerdem standen Runkehl, Schlobinski und Siever zusätzlich hand-, aber auch computergeschriebene Briefe der Teenager und des Ehepaares zur Verfügung. 8 Bevor jedoch die sprachlichen Mittel im Einzelnen untersucht werden, soll hier der Aufbau von EMails dargestellt werden9. Dieser ist ihnen allen gemeinsam, ganz egal zu welchem Zweck sie erstellt wurden bzw. aus welchem Bereich sie kommen. Der Grund dafür liegt nicht in einer verabredeten Konvention, sondern darin, dass alle E-Mail-Programme das gleiche Formular verwenden, das eine Dreiteilung erzeugt. Am Anfang steht immer der Header, darin finden sich Informationen über die Kommunikationspartner wie z.B. ihre E-Mail-Adressen.
[...]
1 Wolf, Martin: Asche im Netz. In: Der Spiegel 9, 2000, S. 184.
2 Quelle: http://focus.msn.de/D/DD/DD36/dd36.htm
3 Runkehl, Jens, Schlobinski, Peter, Siever, Torsten: Sprache und Kommunikation im Internet. Opladen/ Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998.
4 Hale, Constance, Scanlon, Jessie: Wired style: principals of English usage in the digital age. New York: Broadway Books1999. zitiert nach: Chrystal, David: Language and the Internet. Cambridge: Cambridge University Press 2001, S. 125.
5 Chrystal, David: Language and the Internet. Cambridge: Cambridge University Press 2001.
6 „The computer war menace shoes“, Episode 12A6 of The Simpsons (Fox TV). Zitiert nach: Chrystal, David: Language and the Internet. Cambridge: Cambridge University Press 2001, S. 125.
7 Günther, Ulla, Wyss, Eva Lia: E- mail- Briefe - eine neue Textsorte zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. In: Hess- Lüttich, Ernest W.B., Holly, Werner, Püschel, Ulrich: Textstrukturen im Medienwandel. Frankfurt am Main: Forum angewandte Linguistik Band 29, Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften 1996, S. 82.
8 Vgl. Runkehl, Jens, Schlobinski, Peter, Siever, Torsten: Sprache und Kommunikation im Internet. Opladen/ Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998, S. 35 f.
9 Vgl. Anhang Abb. 1)
Arbeit zitieren:
Stefanie Held, 2004, E-Mail, Chat und SMS, München, GRIN Verlag GmbH
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